15.04.2020 11:37

Corona im Fokus: HHU-Expertise zur Pandemie

Moral in Zeiten der Apokalypse - Stewart O’Nans Roman „Das Glück der anderen“

Von: Victoria Meinschäfer

Der amerikanische Autor Stewart O’Nan hat 2010 einen Roman veröffentlicht, der zwar im 19. Jahrhundert spielt, uns aber derzeit erschreckend gegenwärtig ist. In „Das Glück der anderen“ entwirft er eine bildgewaltige Apokalypse, die seine Leser ebenso fesselt wie verstört. Dr. Georg Schiller, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Anglistik und Amerikanistik, empfiehlt den Roman als Lektüre in Corona-Zeiten.

Dr. Georg Schiller empfiehlt Stewart O’Nans Roman "Das Glück der anderen", Foto: privat

In dem kleinen Kaff „Freundschaft“ irgendwo im Westen der USA bricht kurz nach dem amerikanischen Bürgerkrieg eine Diphterie-Epidemie aus, gegen die es damals keine Impfung gab. Aber schlimmer noch als bei der heutigen Corona-Pandemie ist die hochansteckende Krankheit für die allermeisten Menschen tödlich: ein Überleben nach Ansteckung eher die Ausnahme.

Gegen die Gefahr stemmt sich Jacob Hansen, der in dem kleinen Ort Sheriff, Prediger und Leichenbestatter ist. Als Bürgerkriegsveteran schwer traumatisiert ist er fest entschlossen, angesichts der todbringenden Seuche die Menschen zu schützen und alles richtig zu machen. „Hansen ist ein Held, der ein Gewissen hat und immer vor einem inneren Tribunal zu stehen scheint, vor dem er sich rechtfertigen muss“, so Schiller. So erklärt sich auch die ungewöhnliche Perspektive des Romans, der in der zweiten Person erzählt wird.

Jacob macht alles richtig und doch gelingt ihm nichts: seine Warnungen werden in den Wind geschlagen, die Quarantänemaßnahmen ständig unterlaufen. Am Ende bricht Panik aus. Ein Inferno setzt den Schlussakkord.

Georg Schiller erklärt: „Der Roman zeigt, dass es nicht allein darauf ankommt, welche Regeln und Gesetze man gegen die Ausbreitung der Epidemie erlässt: man muss die Menschen auch emotional erreichen, ihre Sprache sprechen. Ihnen vor Augen führen, warum Kontakt­verbot Leben rettet! All das ist Jacob nicht gegeben. Seine Kirche ist leer. Er spricht mehr mit sich selbst als mit den anderen.“ Die Regeln, die er erlässt, sind alle sinnvoll. Aber sie werden von der Gemeinschaft nicht getragen und sind deshalb das Papier nicht wert, auf dem sie stehen.

Der Protagonist in Stewart O’Nans Roman ist zugleich Sheriff, Prediger und Leichenbestatter des Ortes. Schiller erläutert: „Als Sheriff handelt er im Namen des Gesetzes, als Prediger im Namen der Moral und als Leichenbestatter im Namen der Tradition. Aber das Unheil, das heraufzieht, zeigt uns Lesern, was Jacob nicht erkennt: die drei Ämter orientieren sich an ganz unterschiedlichen Vorgaben und bilden keinen gemeinsamen Nenner. So verstrickt sich Jacob immer mehr in Widersprüchen und wird ein Täter wider Willen.“
Die Parallele zur heutigen Corona-Pandemie ist offensichtlich: medizinische, ökonomische und soziale Notwendigkeiten im Widerstreit. Wie lange gilt ein Kontaktverbot, das Menschen in den wirtschaftlichen Ruin treibt? Was verlieren wir, wenn wir schwer Erkrankte alleine sterben lassen? Wo sind die ökonomischen und humanitären Grenzen der Risikominimierung? Oder gibt es keine?

„Wer Stewart O’Nans Roman liest, taucht ein ins 19. Jahrhundert und ist doch mitten in der Gegenwart,“ so Schiller.

 

Die weltweite Ausbreitung des Coronavirus SARS-CoV-2 wirft zahlreiche Fragen nicht nur zu den gesundheitlichen, sondern auch zu wirtschaftlichen, rechtlichen und sozialen Folgen auf. Die Wissenschaft liefert hier entscheidende Fakten und Antworten. Viele Forscherinnen und Forscher der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf (HHU) aus unterschiedlichen Disziplinen sind durch ihre Arbeit aktuell gefragte Gesprächspartner der Medien oder auch direkt in das Pandemie-Krisenmanagement eingebunden. Die HHU möchte ihre wissenschaftliche Expertise in die öffentliche Diskussion einbringen, um so zur Einordnung und Bewältigung der Corona-Krise beizutragen.

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