02.07.2020 13:37

Corona im Fokus: HHU-Expertise zur Pandemie

Wie Medien und andere Faktoren zur gefühlten Integration und Spaltung beitragen

Von: Marc Ziegele, Christina Viehmann und Oliver Quiring / C.G.

Dr. Marc Ziegele, Juniorprofessor für politische Onlinekommunikation, untersuchte mit Partnern der Universität Mainz das Gemeinschaftsgefühl im Höhepunkt der Corona-Krise. Zwischen dem 24. und 26. März 2020 wurden 2.038 Personen befragt: Wie erleben sie das gesellschaftliche Miteinander, welchen Eindruck haben sie von der öffentlichen Debatte, welche Informationen ziehen sie zu Rate?

Marc Ziegele, Christina Viehmann und Oliver Quiring (Foto: HHU)

 

 

Mit der Corona-Pandemie begegnet uns eine Krise historischen Ausmaßes, die nicht nur politische Entscheidungsträger vor eine Herausforderung stellt, sondern ganz unmittelbar jedem Einzelnen Opfer zugunsten der Gemeinschaft abverlangt: Solidarität wird zur übergreifenden Handlungsmaxime des deutschen Krisenmanagements.  „Kann das gut gehen?“, fragen sich viele – werden doch seit einigen Jahren die Warnungen lauter, dass der gesellschaftliche Zusammenhalt bröckelt. Die vielfältigen Möglichkeiten zur Selbstverwirklichung des Einzelnen und die damit einhergehende Pluralisierung von Interessen, Positionen und Perspektiven gelten inzwischen als Ausdruck eines zunehmenden Egoismus in der Gesellschaft.

Ziel: Momentaufnahme des Gemeinschaftsgefühls im Höhepunkt der Krise

Ziel unserer Studie war es, eine Momentaufnahme dieses Gemeinschaftsgefühls anzufertigen und außerdem zu fragen: Wo rührt es her? Zentral erschien hierfür, wie die Menschen das Krisengeschehen wahrnahmen, das heißt, worüber sie sich darüber informierten und welche Perspektive auf das Krisengeschehen sie dort erhalten haben. Auf Grundlage einer zweiwelligen repräsentativen Umfrage zwischen dem 24. und 26. März 2020 - die Bundesregierung hatte soeben die scharfen Einschränkungen des öffentlichen Lebens und der individuellen Freiheitsrechte zur Reduktion sozialer Kontakte verkündet - wurden 2.038 Personen befragt, die repräsentativ für die deutsche Bevölkerung ab 18 Jahren sind. Im Fokus der Umfrage standen die Informationsquellen der Bürgerinnen und Bürger und die Frage, wie die Nutzung von verschiedenen Nachrichtenangeboten die Wahrnehmung der gesellschaftlichen Diskussion rund um die Corona-Krise beeinflusst. Vertrauen sie der Politik, den Medien, vor allem aber auch ihren Mitmenschen, dass sie gemeinsam die aktuelle Krisensituation meistern werden?

Öffentliche Debatte zu Corona: Wenig Drama, dafür besonnen und lösungsorientiert

Wenngleich Krisen oft mit Drama und Alarmismus assoziiert werden, lässt sich das für den Eindruck, den viele Deutsche von der öffentlichen Debatte hatten, nicht bestätigen: Knapp 40 Prozent hatten nicht den Eindruck, dass in besonderem Maße dramatisiert werde. Ihnen standen nur 25 Prozent der Deutschen gegenüber, die durchaus Dramatisierung wahrgenommen haben. Übergreifend hatten viele Befragte den Eindruck, dass in der öffentlichen Debatte zur Corona-Pandemie ein besonnener und konstruktiver Ton herrschte. Auch den politischen Entscheidungsträgern wurde ein gutes Zeugnis ausgestellt – und das, obwohl sie gerade erst weitreichende Einschränkungen verkündet hatten: 41 Prozent der Deutschen attestierten den Politikern, in der Krise gute Arbeit zu leisten. Nur ein Fünftel der Deutschen teilte diese Sichtweise nicht.

Trotz starkem Gemeinschaftsgefühl: Die Perspektiven von Jung und Alt driften auseinander

Fast die Hälfte der Befragten hatte zudem den Eindruck, dass die Menschen in der Krise zusammenrücken. Ein kleinerer Anteil von 20 Prozent sah das nicht so. Jedoch zeichneten sich durchaus früh auch Schatten auf dem sonst so sonnigen Bild der gesellschaftlichen Eintracht. Diese Spannungen offenbarten sich vor allem, wenn man auf diejenigen Bevölkerungsgruppen blickt, die in der öffentlichen Diskussion immer wieder hervorgehoben wurden: Jung und Alt. Während die Älteren ein höheres Risiko haben, einen schweren Krankheitsverlauf zu erleiden, sollen sich die jüngeren solidarisch zeigen, um das Infektionsrisiko für die gefährdeten Gruppen zu minimieren. Tatsächlich dominierte bei den über 55-jährigen mit 50 Prozent klar der Eindruck, dass die gesellschaftliche Debatte um Corona lösungsorientiert ist. Dagegen teilte nur ein Drittel der Befragten zwischen 18 und 35 Jahren diesen Eindruck. Diese unterschiedlichen Perspektiven setzten sich beim Gemeinschaftsgefühl fort: Während unter den über 55-jährigen die Hälfte wahrnahm, man rücke in Krise zusammen, sahen das unter den Jüngsten (18 bis 24 Jahre) nur 37 Prozent so.

Informationsquellen: Etablierte Medien stärkten, alternative Medien schwächten das Gemeinschaftsgefühl

Aktuelle Informationen zum Coronavirus erhielten die Deutschen vor allem über einen Mix aus etablierten Medien, privaten Kontakten und offiziellen Quellen: Die Angebote des öffentlich-rechtlichen Rundfunks wurden von 66 Prozent der Deutschen täglich und häufiger genutzt. Auch private Kontakte waren für die Deutschen eine wichtige Informationsquelle: Sowohl im persönlichen Gespräch, beispielsweise über das Telefon, aber auch über WhatsApp-Nachrichten oder Messaging-Dienste erhielten jeweils etwas mehr als die Hälfte mindestens täglich Informationen. Ähnlich bedeutsam waren die offiziellen Informationen von Behörden, Forschungseinrichtungen und aus der Politik.

Auch soziale Medien waren für viele Deutsche ein unverzichtbarer Begleiter in der Corona-Krise: Inhalte von Freunden und Bekannten, die über die Chroniken und Newsfeeds in sozialen Netzwerken geteilt wurden, wurden von gut einem Drittel der Befragten regelmäßig konsumiert. Aber auch jeweils gut ein Drittel informierte sich regelmäßig über alternative Nachrichtenseiten auf Facebook, Twitter und Co. 

Insbesondere diese beiden letztgenannten Quellen trugen nun auch dazu bei, dass ein eher negativer Eindruck von der öffentlichen Debatte und dem Gemeinschaftsgefühl in Zeiten von Corona entstand. Regressionsanalysen unter Kontrolle anderer Einflussfaktoren wie Alter und Bildung zeigen: je häufiger Menschen auf die Informationen alternativer Nachrichten im Internet oder auf die geteilten und verbreiteten Inhalten von Freunden im Newsfeed zurückgriffen, umso weniger hatten sie den Eindruck einer konstruktiven und lösungsorientierten öffentlichen Debatte. Das Gemeinschaftsgefühl litt insbesondere unter einer häufigen Nutzung alternativer Medien. Das Gegenteil war der Fall, wenn Menschen häufig die Angebote des öffentlich-rechtlichen Rundfunks sowie Informationen von Lokal- und Regionalzeitungen nutzten. 

In der Summe offenbaren die Befunde eine nach vorn gerichtete und konstruktive Stimmung in der Gesellschaft. Mit Blick auf die sozialen, ökonomischen und politischen Herausforderungen der Krise ist das auch ein wichtiges Polster. Nichtsdestotrotz sollte diese Mehrheitsperspektive nicht über die spannungsreichen Konfliktpotenziale hinwegtäuschen, die sich für bestimmte Teilgruppen offenlegen ließen. Vor allem die Informationen, die in einigen nicht-journalistischen Informationsquellen verbreitet wurden, nagen am Krisenpolster der Gesellschaft. Gelingt es nämlich, eine laute Minderheit zu mobilisieren, so kann sich eine konstruktive Stimmung schnell und plötzlich in eine destruktive Welle verwandeln.  

Dr. Marc Ziegele, Juniorprofessor für politische Onlinekommunikation an der Heinrich-Heine-Universität, hat die Studie gemeinsam mit Dr. Christina Viehmann, wissenschaftliche Mitarbeiterin, und Dr. Oliver Quiring, Professor für Kommunikationswissenschaft, beide am Institut für Publizistik der Johannes Gutenberg-Universität Mainz durchgeführt.

Kontakt:

marc.ziegele@hhu.de
Christina.Viehmann@uni-mainz.de
quiring@uni-mainz.de

 

Die weltweite Ausbreitung des Coronavirus SARS-CoV-2 wirft zahlreiche Fragen nicht nur zu den gesundheitlichen, sondern auch zu wirtschaftlichen, rechtlichen und sozialen Folgen auf. Die Wissenschaft liefert hier entscheidende Fakten und Antworten. Viele Forscherinnen und Forscher der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf (HHU) aus unterschiedlichen Disziplinen sind durch ihre Arbeit aktuell gefragte Gesprächspartner der Medien oder auch direkt in das Pandemie-Krisenmanagement eingebunden. Die HHU möchte ihre wissenschaftliche Expertise in die öffentliche Diskussion einbringen, um so zur Einordnung und Bewältigung der Corona-Krise beizutragen.

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Beitrag zuletzt aktualisiert am 06.07.2020
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