13.06.19 10:48

Lehrstuhl für BWL, insbesondere Marketing

"Virtueller Stall der Zukunft": Wie lassen sich innovative Tierwohl-Ställe umsetzen?

Von: Carolin Grape

Gesellschaft und Landwirtschaft wieder näher zueinander zu bringen ist ein zentrales Anliegen der Bundesministerin für Ernährung und Landwirtschaft, Julia Klöckner. Genau hier setzt das von ihrem Ministerium maßgeblich geförderte und von der Bundesanstalt für Ernährung und Landwirtschaft betreute Projekt "Virtueller Stall der Zukunft" an. Beteiligt waren fünf Projektpartner, darunter auch die Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Ende Mai 2019 präsentierte die Projektgruppe gemeinsam mit Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Glöckner die Studienergebnisse in Berlin.

Illustration des "Stalls der Zukunft" (Foto: Flaneur.de 2019 / Windisch)

Die Projektbeteiligten bei der Ergebnispräsentation am 27. Mai in Berlin: Prof. Dr. Peter Kenning (1.v.r.) sowie Caspar Krampe (3.v.r.) (Foto: Georg-August Universität Göttingen)

Bundesministerin Julia Klöckner bei der Präsentation der Ergebnisse des Forschungsvorhabens „Virtueller Stall der Zukunft“ Foto: BMEL



Über ein Jahr lang haben sich Experteninnen und Experten aus Verbraucherforschung, Agrar- und Verhaltensökonomie, aus Landwirtschaft und Gesellschaft, Gedanken für alle Produktionsstufen der Schweinehaltung gemacht. Wissenschaftlich untersucht wurde, wie innovative, tierwohlorientierte Schweineställe der Zukunft aussehen können, die gesellschaftlich akzeptiert werden und gleichzeitig praktisch und wirtschaftlich realisierbar sind.

Prof. Dr. Peter Kenning, Inhaber des Lehrstuhls für BWL, insbesondere Marketing an der  Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf führte im Rahmen des Forschungsprojektes mit seinen wissenschaftlichen Mitarbeitern, Nadine Gier und Caspar Krampe, eine neuropsychologische Verbraucherstudie durch. Das Ziel: Anhand der neuralen Aktivität Rückschlüsse auf die Wahrnehmung der Verbraucher sowie auf die Wirkungen von Expertenbewertungen zu ziehen. Als Messmethode wurde hierzu die mobile, funktionale Nah-Infrarot Spektroskopie (fNIRS) verwendet, die sich bereits bei dem ähnlich gelagerten BMEL-Verbundprojekt ‚SocialLab – Nutztierhaltung im Spiegel der Gesellschaft‘ bewährt hat. Im Rahmen der Studie wurden 36 Probanden zunächst verschiedene 3D-Bilder sowohl von konventionellen als auch von den im Projekt entwickelten Stallkonzepten gezeigt. In einem zweiten Teil der Studie wurden dann ergänzende Expertenbewertungen der jeweiligen Stallkonzepte in die Präsentation integriert. Während die Probanden die jeweiligen Bilder betrachteten, wurden die entsprechenden Wahrnehmungsprozesse mit Hilfe der mobilen fNIRS gemessen.

Die hieraus gewonnenen Erkenntnisse weisen darauf hin, dass begleitende, aufklärende und glaubwürdige Informationen die Verbraucherwahrnehmung der Stallkonzepte beeinflusst. Dies lässt vermuten, dass u.a. durch eine erfolgreiche Kommunikation die gesellschaftliche Akzeptanz des „Virtuellen Stall der Zukunft“ zusätzlich erhöht werden könnte. Professor Dr. Peter Kenning: „Bildinformationen haben einen wesentlichen Einfluss auf das Verbraucherverhalten. Sie werden aber oft unbewusst wahrgenommen und implizit verarbeitet. Klassische Verfahren der Verbraucherforschung stoßen hier rasch an ihre Grenzen. Mit dem Einsatz innovativer Verfahren wie der fNIRS können wir nun verbraucherrelevante unbewusste Prozesse erfassen und lokalisieren. Wir freuen uns, dass wir einen Beitrag zur weiteren Entwicklung einer zukunftsfähigen Nutztierhaltung in Deutschland leisten konnten.“

Bei der Abschlussveranstaltung Ende Mai 2019 stellte die Projektgruppe sowie Bundesministerin Julia Klöckner die Studienergebnisse der Öffentlichkeit in Berlin vor. Dabei wurde deutlich: Den einen Stall der Zukunft gibt es nicht. Aufgrund der Vielfalt aktueller Haltungsverfahren für Schweine sowie der betrieblichen und regionalen Besonderheiten erarbeiteten die Projektbeteiligten für jede Produktionsstufe mehrere Varianten, darunter beispielsweise verschiedene Außenklimaställe für die Mast.  

Mit den Entwicklungen aus dem Innovationsprojekt können Landwirte künftig per Baukastensystem jeweils das für ihren Betrieb passende Konzept auswählen, in einer Excel-Anwendung Kosten errechnen und darauf basierend die Umsetzung planen. Vorgesehen sind mehr Platz, Zugang zu Außenklima, organisches Beschäftigungsmaterial, Duschen und Wühlmöglichkeiten. Mit den zusammengestellten Ideen können die Betriebe an der Stufe 2 des staatlichen Tierwohllabels teilnehmen.

Bundesministerin Julia Klöckner bei der Ergebnisvorstellung: "Wenn wir in Deutschland Nutztierhaltung auch künftig erfolgreich betreiben möchten, braucht sie breite gesellschaftliche Zustimmung und muss gleichzeitig ökonomisch gut aufgestellt sein. Die Mehrkosten eines solchen Stalls und der Haltungsbedingungen kann nicht allein der Landwirt tragen. Verbraucher müssen bereit sein, für die Anforderungen, die sie stellen, auch an der Kasse zu zahlen. Durch unser staatliches Tierwohlkennzeichen wird es möglich sein, den Mehrwert der so erzeugten Produkte abzubilden. Daher arbeite ich an der schnellen Einführung. Der Verordnungsentwurf zum Gesetz, das von der EU-Kommission grünes Licht bekommen hat, ist in Arbeit."

Am "Virtuellen Stall der Zukunft" beteiligt waren neben der Heinrich-Heine-Universität (Marketing), die Georg-August Universität Göttingen (Koordination, gesellschaftliche Akzeptanz, ökonomische Betrachtung), die Christian-Albrechts Universität zu Kiel (Tierzucht und -haltung), die Richard Hölscher GmbH und Co KG (Stallbau) und die Interessengemeinschaft der Schweinehalter Deutschlands (ISN).

Weitere Informationen und den Ergebnisbericht mit den Stallskizzen gibt es hier: www.uni-goettingen.de/de/neuigkeiten/517180.html

 

 

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