03.04.2020 08:17

Corona im Fokus: HHU-Expertise zur Pandemie

„Literatur kann uns derzeit helfen!“ - Romanistin zu Albert Camus‘ "Die Pest"

Von: Victoria Meinschäfer

Albert Camus‘ Roman "Die Pest" ist das Buch der Stunde! In Frankreich ist der Roman vergriffen, in Deutschland ist das Buch zwar lieferbar, wegen der sehr hohen Nachfrage und der aktuellen Situation kommt es im Handel zu Lieferverzögerungen. Die Romanistin PD Dr. Vera Elisabeth Gerling ist überzeugt: „Ja, Literatur kann uns derzeit helfen. Literatur bildet die Realität nicht direkt ab. Aber sie kann in den Geschichten, die sie erzählt, ganz viel: Sie kann Szenarien von Krisensituationen entwerfen, die Fragen aufbringen zu Themen wie Angst, Mut, Ohnmacht, Verantwortung und Nächstenliebe.“

PD Dr. Vera Elisabeth Gerling empfiehlt die Lektüre der "Pest", Foto: Hanne Horn

Camus beschreibt in seinem 1947 verfassten Roman, wie in der Stadt Oran zu einem unbestimmten Zeitpunkt in den 1940er Jahren eine Seuche ausbricht. Die Stadt wird von der Außenwelt abgeschottet und so entsteht ein Krisenmikrokosmos, in dem sich verschiedene menschliche Charaktere mit ihrem Verhalten dazu positionieren. Gerling: „Es geht im Roman um altruistisches Engagement jenseits jeder Gewissheit. Und insofern steht die Handlung auch für den Existentialismus, wie ihn Albert Camus vertreten hat: Es geht um die Entscheidungen des Individuums, frei von festen Gewissheiten, also frei vom Glauben an Gott oder vom Vertrauen in die menschliche Vernunft. In dieser als grundsätzlich „absurd“ verstandenen Existenz kann nur der Mensch selbst durch sein selbstverantwortetes Handeln dem Leben einen Sinn geben.“

Zitate aus Camus‘ Pest lesen sich zum Teil wie Kommentare zur aktuellen Situation, wenn es etwa heißt: „Die Frage ist nicht, ob die vom Gesetz vorgesehenen Maßnahmen streng sind, sondern ob sie nötig sind.“ Verschwörungstheorien und daraus abgeleitete Beschwichtigungen, heute in Vielzahl im Internet zu finden, kennen auch die Einwohner der nordafrikanischen Stadt: „Aber am meisten schätzten die Leser unbestritten jene, die in apokalyptischer Sprache Serien von Ereignissen ankündigten, von denen jede die sein konnte, die die Stadt durchmachte und deren Komplexität alle Auslegungen zuließ. So wurden Nostradamus und die heilige Ottilie täglich zu Rate gezogen, und immer mit Gewinn. Allen Prophezeiungen war übrigens gemeinsam, dass sie letzten Endes beruhigend waren. Nur die Pest war es nicht.“

Die Literaturwissenschaftlerin verweist auf die Möglichkeit der Literatur, gesellschaftliche Konstellationen durchzuspielen und ethische Fragen anhand von fiktiven Geschichten zu diskutieren: „Camus präsentiert uns mit der Pest eine mögliche gesellschaftliche Konstellation einer Krisensituation, die vom Ausbruch einer tödlichen Seuche geprägt ist. So liefert uns dieses Werk Anschauungsmaterial für die Reflexion über menschliches Verhalten in Zeiten der Bedrohung: Es geht hier um Gleichgültigkeit, Eigennutz und Engagement, um Egoismus und Solidarität und letztendlich um die Frage der individuellen Verantwortung in einer Welt, die keine festen Gewissheiten mehr liefert.“

Vera Elisabeth Gerling, die als Koordinatorin den Masterstudiengang Literaturübersetzen von Seiten der Romanistik betreut, empfiehlt die Lektüre der hier in den Zitaten verwendeten Übersetzung von Uli Aumüller.

 

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