15.11.2019 15:32

Gemeinsame Fachtagung von HHU und FZJ

Internationale Alzheimer-Experten erörtern in Düsseldorf aktuellen Forschungsstand

Von: Arne Claussen

Im Rahmen des „3. Düsseldorf-Jülich-Symposium on Neurodegenerative Diseases“ kamen von 12. bis 14. November internationale Alzheimer-Forscher in Düsseldorf zusammen. Organisiert wurde die Tagung von Prof. Dr. Dieter Willbold von der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf (HHU) und dem Forschungszentrum Jülich (FZJ) sowie von Prof. Dr. Thomas van Groen von der University of Alabama at Birmingham, USA. Die Tagung wurde von der Alzheimer Forschung Initiative e.V. und der Joachim Herz Stiftung unterstützt.

Die gemeinsame Fachtagung von HHU und FZJ zu neurodegenerativen Erkrankungen Prof. Dr. Dieter Willbold (HHU und FZJ, l.) und Prof. Dr. Thomas van Groen (University of Alabama at Birmingham, 2.v.l.) organisierten die Tagung. HHU-Rektorin Prof. Dr. Anja Steinbeck und Prof. Dr. Sebastian M. Schmidt, Vorstandsmitglied des FZJ, begrüßten die internationalen Teilnehmer. (Fotos: HHU / Jochen Müller)

Prof. Dr. Lary Walker von der Emory University in Atlanta sprach in seinem Beitrag über die Amyloid-Kaskaden-Hypothese.

Bei Postersessions konnten auch Nachwuchswissenschafter ihre Projekte vorstellen und mit Experten diskutieren.

Rund um das Themenfeld „neurodegenerative Erkrankungen“ gibt es ein breites Spektrum von wissenschaftlichen Themen. Diese decken sowohl Grundlagenforschung als auch diagnostische und therapeutische Aspekte ab. Bereits zum dritten Mal kamen in Düsseldorf Forscherinnen und Forscher aus Europa, Nordamerika und Israel zusammen, um sich über ihre aktuellen Ergebnisse im Bereich der Alzheimer-Demenz und anderer Erkrankungen, wie zum Beispiel Parkinson, auszutauschen.

Prof. Dr. Lary C. Walker von der Emory University in Atlanta sprach in seinem Beitrag über die sogenannte Amyloid-Kaskaden-Hypothese, die eine wichtige Rolle in der Forschung und Therapieentwicklung zur Alzheimer-Demenz spielt: Nach ihr löst eine fehlerhafte Faltung des Proteins Amyloid-β (kurz Abeta) und eine daraus resultierende Zusammenlagerung einzelner Abeta-Monomere zu größeren Strukturen, den sogenannten Abeta-Oligomeren, die Alzheimer-Demenz aus. Die Abeta-Oligomere wiederum können bewirken, dass sich andere Abeta-Monomere ebenfalls verändern, so dass sich der Vorgang ausbreitet.

Auf Grundlage der Amyloid-Kaskaden-Hypothese wurden Wirkstoffe gegen die Alzheimer-Demenz entwickelt und in klinischen Phasen getestet. Nachdem mehrere dieser Wirkstoffe allerdings im Test an an Alzheimer erkrankten Patienten, die bereits Symptome aufwiesen, nicht wirksam waren, stand die Amyloid-Kaskaden-Hypothese in Frage. Vor Kurzem zeigte eine nachträgliche Auswertung von klinischen Studiendaten, dass der Wirkstoffkandidat Adecanumab doch einen verlangsamenden Effekt auf den kognitiven Abbau bei einem Teil der Patienten hatte. Adecanumab ist ein Antikörper, er zielt auf die Abeta-Oligomere.

Walker verteidigte in Düsseldorf die Amyloid-Kaskaden-Hypothese als die plausibelste Erklärung für die Entstehung und Verbreitung von krankmachenden Proteinverbindungen im Gehirn. Seine Forschungen haben darüber hinaus ergeben, dass Abeta-Oligomere Eigenschaften aufweisen, die denen der Prionen – die wiederum verantwortlich für andere neurodegenerative Krankheiten wie Creutzfeldt-Jakob sind – ähneln. Diese Erkenntnis kann neue Therapiewege gegen die Alzheimer-Demenz eröffnen.

Die Arbeitsgruppe von Prof. Dr. Dieter Willbold an der HHU und am FZJ befasst sich mit der Entwicklung von Therapiestrategien zur kurativen Behandlung der Alzheimer-Demenz. Ziel des Therapieansatzes ist es, die toxischen Abeta-Oligomere wieder in die ungefährlichen Abeta-Monomere zu zerlegen. Abeta-Monomere treten grundsätzlich in jedem Menschen auf und sind an sich nicht toxisch. Sie neigen nur selten dazu, sich mit anderen Abeta-Monomeren zu größeren und damit potenziell krankmachenden Abeta-Oligomeren zusammenzulagern.

Die Wahrscheinlichkeit, dass sich Abeta-Oligomere bilden, steigt mit dem Alter. Sind die ersten Abeta-Oligomeren gebildet, können sie sich selbst vermehren und sind giftig für die Nervenzellen im Gehirn. Zudem sind Abeta-Oligomere sehr mobil, so dass sie sich im Gehirn ausbreiten und die Schädigung weitertragen können. Willbold arbeitet mit seiner Forschungsgruppe an einem Wirkstoffkandidaten mit der Bezeichnung PRI-002. Er hat im Tiermodell eine deutliche kognitive Leistungsverbesserung bei Mäusen mit alzheimerähnlichen Symptomen nachgewiesen, selbst bei sehr alten Tieren mit weit fortgeschrittener Symptomatik. Erste Tests von PRI-002 bei gesunden Menschen zeigten eine hohe Arzneimittelsicherheit und Verträglichkeit, so dass PRI-002 nun in die weitere Wirkstoffentwicklung gehen kann.

Mit der Diagnostik von zwei anderen neurodegenerativen Erkrankungen befasst sich Prof. Dr. Gal Bitan von der University of California in Los Angeles, nämlich Parkinson einer- und der Multisystematrophie (MSA) andererseits. Beide Erkrankungen weisen zu Beginn ähnliche Symptome auf und können deshalb leicht verwechselt werden. So kann es passieren, dass die richtige Erkrankung erst spät erkannt wird, wodurch wertvolle Therapiezeit verloren geht. Die Entwicklung geeigneter Biomarker ist daher von hoher Wichtigkeit.

Prof. Bitans Arbeitsgruppe entwickelte einen Bluttest auf Basis eines Biomarkers, der in speziellen Kompartimenten im Blut vorkommt. In einer Pilotstudie konnten Blutproben von gesunden Probanden sowie von Parkinson- und MSA-Patienten mit hoher Genauigkeit voneinander unterschieden werden. Der Test wird derzeit in einer zusätzlichen Patientenkohorte weiter untersucht.

Insgesamt stellten bei dem Düsseldorfer Symposium Forscherinnen und Forscher ihre Ergebnisse in mehr als 20 Präsentationen vor. Ergänzt wurden diese durch speziell auf Nachwuchswissenschaftler abgestimmte Formate, um ihnen schon früh in ihrer wissenschaftlichen Karriere einen umfassenden Überblick über das sehr breite Themenfeld der Alzheimer-Demenz und weiterer neurodegenerativen Erkrankungen zu geben und ihnen zu ermöglichen, sich untereinander und mit den Experten ihres Fachs zu vernetzen.

Die Tagung wurde von der Alzheimer Forschung Initiative e.V. (AFI) und der Joachim Herz Stiftung gefördert. Im Rahmen des Symposiums organisierte die AFI einen öffentlichen Themenabend zu „Neue Wirkstoffe gegen Alzheimer – Ist Heilung in Sicht?“. Prof. Dr. Oliver Peters von der Charité – Universitätsmedizin in Berlin zeigte sich in dieser Hinsicht vorsichtig optimistisch. Er gründet dies darauf, dass der Wirkstoff Adecanumab, zu dem die klinischen Studien abgebrochen wurden, in einer von zwei parallel laufenden neuen Studien in der höchsten Dosierungsstufe zu einer Verlangsamung des geistigen Abbaus der Probanden führte. Dabei seien die Nebenwirkungen, so Prof. Peters, in den Griff zu bekommen. Vor allem sei es aber wichtig, die Erkrankung möglichst früh zu entdecken, bevor Symptome auftreten. Peters: „Die Alzheimer-Erkrankung beginnt viele Jahre vor dem Auftreten erster Symptome mit Veränderungen im Gehirn.“

Weitere Informationen zum Themenabend:
https://www.alzheimer-forschung.de/aktuelles/meldung/themenabend-zu-neuen-alzheimer-wirkstoffen-aufbruch-statt-katerstimmung/

Verantwortlich für den Inhalt: E-Mail sendenStabsstelle Presse und Kommunikation