23.09.19 14:31

9. Lange Nacht der Industrie

Pharmazeutischer Fachvortrag und ein 3,5 km langes Tunnelsystem

Von: Carolin Grape / C.S.

Nach Einbruch der Dunkelheit ermöglichte die 9. LANGE NACHT DER INDUSTRIE an Rhein und Ruhr in Tour 36 jeweils zwei Besuchergruppen faszinierende Einblicke in die Welt der Pharmazie. Die Heinrich-Heine-Universität beteiligte sich mit einem Vortrag zu den faszinierenden Aspekten der modernen Arzneimittelforschung und öffnete im Anschluss die Türen zu der sonst nicht allgemein zugänglichen Klinikumsapotheke.

Die im Vergleich zu einer "normalen" Apotheke riesige Zentrale mit 2500 qm Nutzfläche beliefert die Stationen aller 30 Kliniken der Uniklinik und die Institute der Medizinischen Fakultät mit Arzneimitteln und Chemikalien. (Alle Fotos: Lara Müller / HHU)

Die Apotheke stellt Medikamente auch selbst her, dazu gehören Ernährungslösungen für Neugeborene und andere sterile Zubereitungen wie etwa die für Chemo-Therapien verwendeten, patientenindividuellen Zytostatika.

Die Belieferung der Kliniken mit Arzneimittel u.a. geschieht auf Basis eines elektronischen Bestellsystems über die unterirdische „Automatische Warentransportanlage“.

Nicht nur Praxis sondern auch Theorie: Die Teilnehmer erwartete ein kurzweiliger und allgemein verständlicher Vortrag von Prof. Peter Kleinebudde zu Kinder-Arzneien.

Prof. Dr. Dr. h.c. Peter Kleinebudde forscht am Institut für Pharmazeutische Technologie und Biopharmazie schwerpunktmäßig in den Bereichen feste Arzneiformen und pharmazeutische Prozesse, wie Walzenverdichtung, Trockengranulation, Extrusion oder Beschichtung. In seinem allgemein verständlichen Vortrag beschäftigte er sich mit ‚Arzneiformen für Kinder‘.

Viele Eltern wissen, dass die Gabe von Arzneimittel an Kinder nicht frei von Problemen ist. Von Neugeborenen über Babys, Kindergartenkinder und Schulkinder bis zu Jugendlichen: Nicht jedes Arzneimittel eignet sich für jede Altersstufe. Größe und Gewicht der Kinder ändern sich, die Fähigkeiten zur Arzneimitteleinnahme ebenso. Es kommt hier auf die Dosierung an und auch die Darreichung muss stimmen. "Die Arzneiform muss vor allem zwei wesentliche Bedingungen erfüllen. Zum einen muss das Kind in der Lage sein, sie einzunehmen und zweitens muss es willens sein, es zu schlucken. Ein Saft, der schrecklich schmeckt, wird nur schwer zu verabreichen sein", erklärt Prof. Kleinebudde. Einfach die Erwachsenen-Arznei zu reduzieren, sei gefährlich, denn "bei Kindern sind viele Stoffwechselprozesse ganz anders als bei Erwachsenen. Dementsprechend können einzelne Bestandteile eines Medikamentes für Erwachsene völlig anders wirken und zum Teil sogar giftig für Kinder sein", warnte der Experte.

2007 wurde die europäische Verordnung „Better medicines for children“ eingeführt, bei der die Entwicklung kindgerechter Formen für alle neuen Wirkstoffe zur Pflicht wurde. Seitdem müssen klinischen Studien jedes Mittel für jede Altersgruppe gesondert auf seine Wirksamkeit und Verträglichkeit überprüfen. Lange Zeit glaubte man, dass Kinder Medikamente in flüssiger Form am leichtesten einnehmen können. Aktuelle Studien der HHU (Prof. Dr. Jörg Breitkreutz mit der Klinderklinik) belegen nun, dass das so nicht stimmt. Gerade kleine Kinder kommen mit sogenannten Minipillen sehr gut zurecht. Diese sehr kleinen Tabletten (z. B. zwei Millimeter Durchmesser) zerfallen sofort − in weniger als drei Sekunden − in der Mundhöhle und geben den Arzneistoff frei. Das gefürchtete „Verschlucken“ bleibt aus. Im Gegensatz zu flüssigen Arzneiformen wie Saft oder Tropfen läuft auch nichts aus dem Mundwinkel heraus. Ein weiterer Vorteil: Es kann per Minitabletten exakt und altersgerecht dosiert werden. Zusätzlich sind die meisten Arzneistoffe im festen Zustand besser haltbar.

Nach einer Einheit Theorie ging es in die Praxis: In der Zentralapotheke des UKD konnten die Teilnehmer zuerst begutachten, unter welchen Umständen Zytostatika, also vorwiegend in der Krebstherapie eingesetzte Substanzen, die die Zellteilung hemmen, hergestellt werden. Dabei erklärte die Leiterin der Zytostatikaherstellung, Corinna Triesch-Schrübbers, den Aufbau der Arbeitsplatten mit computergestützter Waage und eigenem gefiltertem Luftsystem. Zwei ihrer Mitarbeiter waren zur Veranschaulichung der Arbeitsumstände von Kopf bis Fuß in sterile Montur gekleidet und trugen Haar-, Augen- und Mundschutz. Früher stellte jede Station des UKD ihre Zytostatika selbst her; durch die zentrale Herstellung ist die sterile Qualität und die Sicherheit für Mitarbeiter deutlich gestiegen.

Doch die Zentralapotheke stellt auf ihren 2.500 Quadratmetern nicht nur die eigenen Zytostatika her; es können bis zu 44.000 verschiedene Medikamente gefördert werden und somit ist die Medikation komplett autark. Die Medikamente werden nicht an Apotheken oder andere Krankenhäuser weitergegeben, sondern dienen vollständig dem Eigenbedarf der 127 Stationen und Ambulanzen des UKD. Im Keller wurde den Besuchern dafür das automatische Warentransport System (AWT) gezeigt, das mit etwa 140 Containern pro Tag über ein 3,5 km langes Tunnelsystem die Medikamente über das Gelände verteilt. Dabei läuft der Transport zu 100 Prozent automatisch ab, wird jedoch schichtweise von zwei Arbeitern rund um die Uhr kontrolliert.

Für die insgesamt knapp 100 Teilnehmer ging es im Anschluss weiter zur BASF Personal Care and Nutrition GmbH in Düsseldorf und Monheim.

Weitere Informationen zu der Langen Nacht der Industrie an Rhein und Ruhr.

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