28.04.2020 08:32

Corona im Fokus: HHU-Expertise zur Pandemie

Gravierende Freiheitsbeschränkungen zur Lebensrettung?

Von: Victoria Meinschäfer

Ist der Schutz des Lebens absolut zu sehen oder muss auch in dieser Frage eine gesellschaftliche Abwägung erfolgen? Die Düsseldorfer Philosophen Prof. Dr. Frank Dietrich und Prof. Dr. Simone Dietz vom Institut für Philosophie vertreten hier ganz unterschiedliche Positionen.

Prof. Dr. Simone Dietz und Prof. Dr. Frank Dietrich, Fotos: privat

Prof. Dr. Frank Dietrich weist darauf hin, dass der Schutz vulnerabler Gruppen zwar ein hohes Gut ist, „das Ziel der Lebensrettung vermag aber gravierende Freiheitsbeschränkungen und Wohlstandsverluste nicht zeitlich unbegrenzt zu rechtfertigen“, so der Inhaber des Lehrstuhls für Praktische Philosophie. „Ein Ausstieg aus der Lockdown-Politik kann grundsätzlich auch dann zulässig sein, wenn weiterhin beträchtliche Risiken für vulnerable Personen bestehen.“ Dietrich weist darauf hin, dass die Gesellschaft schon vor der Corona-Krise Abwägungen zwischen dem Schutz des Lebens und anderen Werten vorgenommen hat, allerdings oft ohne sich dieser Abwägung bewusst zu sein. So werde etwa der Autoverkehr trotz vieler Verkehrstoter nicht verboten. Auch die kürzlich erfolgte Entscheidung des Deutschen Bundestages, dem Mangel an Spenderorganen nicht durch die sog. Widerspruchslösung zu begegnen, sondern vielmehr der Selbstbestimmung des Einzelnen Vorrang einzuräumen vor der Möglichkeit, das Leben anderer zu retten, zeigt deutlich, „dass wir die Lebensrettung nicht als Gut betrachten, das notwendig alle anderen Werte aussticht.“

Dem widerspricht Prof. Dr. Simone Dietz, die die derzeitigen Lockdown-Maßnahmen als Ergebnis einer schon erfolgten Abwägung zwischen individueller Freiheit und dem Erhalt des menschlichen Lebens in Würde sieht: „Es geht um den Schutz und die Gestaltung unseres gemeinsamen Lebens, nicht um bestimmte Risikogruppen allein und auch nicht allein um das Urteil von Experten“. Die Philosophin möchte vielmehr die Krise für die ihrer Meinung nach dringend nötige Umgestaltung der Gesellschaft nutzen: „Wollen wir tatsächlich jedes Unternehmen, das durch diese Krise geschwächt oder gefährdet wird, durch staatliche Hilfe unterstützen? Oder wollen wir die Krise für die dringend notwendige Umgestaltung unserer Gesellschaft unter Kriterien der Nachhaltigkeit nutzen?“

Dietrich und Dietz weisen übereinstimmend darauf hin, dass der Schutz des Einzelnen ein hohes Gut ist, die Frage, wie Leben, soziale und individuelle Freiheit und Prosperität gegeneinander abgewogen werden können, aber definitiv noch nicht entschieden ist.

Die weltweite Ausbreitung des Coronavirus SARS-CoV-2 wirft zahlreiche Fragen nicht nur zu den gesundheitlichen, sondern auch zu wirtschaftlichen, rechtlichen und sozialen Folgen auf. Die Wissenschaft liefert hier entscheidende Fakten und Antworten. Viele Forscherinnen und Forscher der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf (HHU) aus unterschiedlichen Disziplinen sind durch ihre Arbeit aktuell gefragte Gesprächspartner der Medien oder auch direkt in das Pandemie-Krisenmanagement eingebunden. Die HHU möchte ihre wissenschaftliche Expertise in die öffentliche Diskussion einbringen, um so zur Einordnung und Bewältigung der Corona-Krise beizutragen.

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