08.11.2019 11:06

Von Christen, Juden und von Heiden

Ein früher „Auslandskorrespondent“ berichtet

Von: Redaktion

Der Düsseldorfer Mediävist Prof. Dr. Helmut Brall-Tuchel hat mit dem Buch „Von Christen, Juden und von Heiden“ einen der ältesten Reiseberichte aus dem Orient neu herausgegeben.

Dem sog. Niederrheinischen Orientbericht wurde seitens der Forschung bisher nicht viel Aufmerksamkeit geschenkt. Dabei gehört er neben den Orientberichten des Wilhelm von Boldensele, Ludolfs von Sudheim und der Drei-Königs-Legende des Johannes von Hildesheim zu den Kerntexten des Orientwissens um die Mitte des 14. Jahrhunderts. In dem Raum zwischen Köln und Aachen hatte sich im engen Zusammenhang mit der Verehrung der Reliquien der Heiligen Drei Könige, dem Fernhandel und dem allgemeinen Pilgerwesen ein Zentrum des mittelalterlichen Orientinteresses gebildet.

Vort wan etzlich planeta regneirt so rouffent de lude up den turnen des nachtes dat mallich kinder mache it sy eyn gude zyt in den planeten. Vort wan eyn kint wirt geboren dat eyn kneicht is den besnydet man als eynen joden und den dach dat it wirt geboren ind besneden den dach eret dat kint al syn dage up dat jair getzyde. Vort is da eyn sede in dem lande wilch man syn maget macht dat sy geit myt kinde de maget ind dat kint sint beide vry.

„Wenn gewisse Planeten herrschen, dann rufen die Leute auf den Türmen des Nachts dazu auf, dass jeder Kinder zeuge, dafür stünden die Planeten günstig. Wenn ein Kind, das ein Knecht ist, geboren wird, das beschneidet man wie einen Juden und den Tag, an dem es geboren und beschnitten wird, hält das Kind sein ganzes Leben lang jährlich in Ehren. Es gibt eine Sitte in dem Land: Wenn ein Mann seiner Magd ein Kind gemacht hat, sind beide, die Magd und das Kind, frei.“                                 

Das Zitat führt hinein in die orientalische Welt (Armenien, Palästina, Ägypten), wie sie von einem rheinischen Beobachter um die Mitte des 14. Jahrhunderts erkundet und beschrieben wurde. Der Verfasser dieses frühesten deutschen Berichts über den Orient ist namentlich nicht bekannt. Nach dem Ausweis der Schreibsprache war er am Niederrhein beheimatet. Einige Indizien sprechen dafür, ihn im Umfeld der hier begüterten Adelsgeschlechter Manderscheid, Gymnich und Harff zu suchen, bei denen sich ein enger Bezug zu Köln, den Heiligen Drei Königen, dem Pilgerwesen sowie ein reger Austausch von Orienterfahrungen erkennen lässt. Weder Kaufmann noch Geistlicher, verfügte er über eine grundständige Bildung und solide Kenntnisse der christlichen Überlieferung. Der Verfasser ist an den Verhältnissen seiner jeweiligen Umwelt interessiert, will keine Ehre einlegen mit seinen Taten, Erfahrungen und Begegnungen in der Fremde. Fakten und Informationen zu sammeln und zu reportieren, darin sah er seine Aufgabe als früher „Auslandskorrespondent“. So beobachtete er neben Sitten und Gebräuchen auch die Vegetation und die Tierwelt: Eine Giraffe ist beschaffen wie ein Hirsch und vorne höher als hinten und wenn sie gefangen wird, dann zieht man ihr einen Ring durch die Nase und das macht sie so zahm wie man will. Und es gibt sie an den Höfen der Könige und Fürsten, denen steckt man brennende Kerzen in die Hörner, dass sie überall den Saal beleuchten.“

Der Schwerpunkt seines Interesses liegt auf der erstaunlichen Disparatheit und Vielfalt der Glaubensverhältnisse im Orient. Der Autor ist am religiösen Leben aber nicht so sehr theologisch als vielmehr lebenspraktisch interessiert. Fakten, Lebensformen, Sitten und Gewohnheiten der Völker ziehen seine Aufmerksamkeit an. Er hat ein gewisses Gespür für politische Schachzüge und Machtkonstellationen auch in fremden Gesellschaften und legt für die historischen Verhältnisse eine ausgeprägte religiöse Duldsamkeit an den Tag. Dies wurde seinem Bericht zufolge auch von höchster Stelle so vorgelebt: „Wenn der Hoftag (des Sultans) zur Vesperzeit angesetzt war, dann kamen den ganzen Tag Christen, Juden und Heiden aller Sprachen der Welt und sangen nacheinander einen Lobgesang auf Gott und auf den Sultan und standen vor dem Palast, wo man manchen wunderbaren Gesang hörte. Und wenn eine Gruppe sang, so schwiegen die anderen und alle Leute; darauf antwortete der Sultan und dankte Gott, dass er ihm die Ehre erwiesen hatte und bat sie alle, dass sie bei Gott für ihn beteten.“

Beobachtung rangiert bei dem westlichen Christen vor Wertung; Assimilationsfähigkeit in religiösen Dingen, wie er sie z. B. den Mandopolern (den später sog. Zigeunern) zuschreibt, ist ihm selbst darum vor allem hinsichtlich der Klärung von Fakten in hohem Maße eigen. Was ihn nicht daran hindert, auch Fabelhaftes, z.B. über Indien zu berichten: „Das Land Indien besteht aus Inseln,  die durch ausgedehnte Sümpfe und Gewässer voneinander getrennt sind;  die Mönche und die Kaufleute, die ab und zu dorthin zu fahren pflegen,  die sagen, dass die Leute, die dem Paradies am nächsten wohnen, taub sind und auch so geboren werden. Und alle sind kluge Kaufleute und was sie treiben oder kaufen oder verkaufen, das machen sie mit Hilfe von Zeichen. Das beherrschen sie so gut wie eine Sprache und taub werden sie aufgrund des Zorns des Firmamentes, das sich heftig bewegt; denn sie sagen, dass es so grauenhaft schnell rundläuft wie ein Mühlstein. Und sie sagen auch, dass die Sonne morgens mit so grauenvollem Getöse aufgehe, dass kein Mensch das ertragen könne, der es nicht gewohnt sei.“

Die Neuausgabe des Niederrheinischen Orientberichts holt einen zentralen Text über die mittelalterlichen Vorstellungen vom Islam und das Verhältnis von Christen, „Heiden“ und Juden im späten Mittelalter wieder aus der Versenkung. Der Originaltext ist für den heutigen Leser zwar nicht im Ganzen unverständlich, aber eben auch nicht flüssig lesbar. Aufgrund der Vielzahl von Details, die über weite Strecken zutreffend, aber nicht selten das Ergebnis von Missverständnissen sind, wurde der neuhochdeutschen Übertragung ein ausführlicher Kommentar mit historischen Erläuterungen beigegeben. So macht diese Ausgabe das Orientwissen eines herausragenden Vertreters der spätmittelalterlichen Weltneugierde wieder zugänglich. Der 150 Jahre jüngere Pilgerbericht des niederrheinischen Adligen Arnold von Harff – der das Wissen seines Vorgängers zur Vorbereitung seiner Reise genutzt hat – bezeugt die Wirkung, die dieser Text in der Region entfaltet hat. Das Orientbild hatte über Jahrhunderte Bestand, bis es durch die wissenschaftliche Geographie und Ethnologie des 19. Jahrhunderts abgelöst wurde.

 

Von Christen, Juden und von Heiden.

Der Niederrheinische Orientbericht.

Herausgegeben, übersetzt und kommentiert

von Helmut Brall-Tuchel

213 Seiten, mit 15 Abbildungen

V&R Unipress 2019

ISBN: 978-3-8471-1017-0

Preis: 40 €

 

Prof. Dr. Helmut Brall-Tuchel lehrt Ältere Germanistik und Transkulturalität an der Universität Düsseldorf.

 

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