03.06.19 11:11

Ringvorlesung Studium Universale Sommersemester 2019

Die Neuvermessung des Menschen

Von: Redaktion / Carolin Grape

Die Ringvorlesung Studium Universale widmet sich in diesem Sommer an insgesamt vier Veranstaltungsterminen der „Neuvermessung des Menschen“. Denn die Selbstverständlichkeiten und Gewissheiten, mit denen sich der Mensch bisher selber definierte, scheinen überholt oder brüchig. Die Alltagswirklichkeit des Menschen heute ist Ausdruck moderner technologischer Forschung (Automatisierung, Robotisierung in Arbeits- und mobiler Welt), und auch das menschliche ökonomische Verhalten ist weniger denn je selbstbewusst als vielmehr algorithmengesteuert (Big Data in Such- und Kaufportalen). Die Reihe startet am Dienstag, den 5. Juni. Dann liest Autorin Marion Poschmann aus ihrem aktuellen Roman "Die Kieferinseln".

 

Der Fortschritt und die moderne Wissenschaft rücken dem Menschen auf den Leib und machen ihn zum Ziel grenzüberschreitender Verbesserungen (biotechnologische Verschmelzung von Mensch und Maschine, gentherapeutische Korrekturen und Verbesse- rungen durch CRISP/Cas).

Unter diesen neuen technologischen Möglichkeiten nimmt der Mensch seine Körperverhältnisse zur Vervollkommnung in die eigene Hand: Multimodales Self-Tracking (digitales Messen von Leistung, Kalorienverbrauch, medizinischen Werten etc. durch implantierte oder durchaus lifestylishe, äußerlich getragene Sensoren in Armbändern und Uhren) wie unterschiedliche Formen des „Enhancements“ (plastische Chirurgie, Präimplantationsdiagnostik, Neuro-Enhancement) sind hier die Vorboten.

Die durch diese Beispiele aufgezeigte Problemlage einer verloren gegangenen Trennschärfe von Natur und Kultur, von Selbst- und Fremdsteuerung in einer globalisierten und digitalisierten Welt lassen nun neu nach dem menschlichen Selbstverständnis fragen: Was bleibt der Mensch unverrückbar ausweislich seiner genetischen Ausstattung – oder ist diese kein ehernes Schicksal? Was ist menschliche Freiheit noch angesichts unpersönlicher und kontingenter Machtwirkungen im aktuellen biopolitischen Diskurs? Oder: Wie resistent ist der Mensch oder sein Körper gegen dominante prägende gesellschaftlichen Werte und Normen?

Die Ringvorlesung Studium Universale wird hierzu die Literatur befragen, und will Antworten der Soziologie, der Wissenschaftsgeschichte und der Philosophie mit dem Publikum diskutieren.

RVL Studium Universale
Jeweils im Sommersemester greift die Ringvorlesung des Studium Universale ein aktuelles und gesellschaftlich relevantes Thema auf, das von Wissenschaftlern verschiedener Fachrichtungen aus der Sicht ihrer Disziplin behandelt wird. Die Veranstaltungsreihe richtet sich an Studierende der HHU sowie gleichermaßen auch an interessierte Bürgerinnen und Bürger der Stadt und der Region Düsseldorf.

Die Teilnahme ist kostenfrei, Interessierte sind herzlich willkommen.

 

Alle Termine im Überblick:

Immer mittwochs, jeweils um 16:30 Uhr, im Haus der Universität, Schadowplatz 14, 40212 Düsseldorf

Mittwoch, 5. Juni 2019 
„Die Kieferninseln“
Schriftstellerin Marion Poschmann (Lesung und Gespräch)

Marion Poschmanns Roman „Die Kieferninseln“ (Suhrkamp-Verlag 2017) ist auf der einen Seite eine sehr plastische Schilderung des Unterschieds der zwei weit auseinander liegenden Kulturen Japans und Deutschlands. Auf der anderen Seite ist diese „lyrische Prosaballade“ aber auch eine wunderbare poetische Naturbeschreibung japanischer Insellandschaften.

In Lesung und Gespräch mit Marion Poschmann soll ausgelotet werden, inwieweit das Kartieren der kulturellen Differenzen und das Beschreiben der Natur mit und ohne menschliche Eingriffe (Fukushima) hilfreich sind, um die eigene menschliche und soziale Position neu bestimmen zu können. Wie hilfreich kann die Auseinandersetzung mit dem „Unvertrautesten“ prinzipiell sein?


Mittwoch, 19. Juni 2019
Der vermessene Körper und die Leiblichkeit der Dinge. Self-Tracking als Zeitgeistphänomen
Prof. Dr. Robert Gugutzer, Soziologe der Goethe-Universität Frankfurt

Self-Tracking ist die seit einiger Zeit populäre Praxis, körperliche Vorgänge und Zustände mit Hilfe körpernaher technischer Geräte zu messen. Von den einen wird diese digitale Möglichkeit der Körpervermessung gefeiert, weil ihrer Ansicht nach aus der „Selbsterkenntnis durch Zahlen“ Freiheits- und Emanzipationsgewinne resultieren. Andere sehen Self-Tracking hingegen kritisch, weil sie befürchten, dass damit der neoliberale Selbstoptimierungszwang weiter zunehmen und ein umfassender Missbrauch persönlicher Daten wahrscheinlich werde.
Im Mittelpunkt des Vortrags steht vielmehr der Versuch, dieses Phänomen zu verstehen. Zentral ist deshalb die Frage, was Self-Tracking über die spätmoderne Gegenwartsgesellschaft bzw. über den Zeitgeist aussagt.


Mittwoch, 3. Juli 2019
Anthropologische Herausforderungen der modernen Genomforschung: Historische Entwicklungen und aktuelle Positionen
Prof. Dr. Christina Brandt, Ernst-Haeckel-Haus, Universität Jena

Was ist die Natur des Menschen? Diese Frage stellt sich durch die gegenwärtigen Biowissenschaften in neuer Weise. Genomforschung und gentechnische Möglichkeiten lassen den Menschen zum Objekt gesellschaftlicher und individueller Optimierung werden. Visionen der gentechnischen Manipulation des Menschen scheinen durch die neuen CRIPR/ Cas Techniken in greifbare Nähe zu rücken. Der Vortrag verortet die gegenwärtigen Entwicklungen im Kontext der wechselvollen Geschichte von Biologie und Gesellschaft im 20. Jahrhundert und diskutiert, welche Konsequenzen diese neuen Technologien für unser Selbstverständnis haben.


Mittwoch, 10. Juli 2019
Konturen einer dezentrierten Demokratie
Prof. Dr. Helmut Willke, Philosoph an der Zeppelin-Universität Friedrichshafen

Es ist nicht zu übersehen, dass die Demokratie als Form der Steuerung der Politik sich auf ihren Lorbeeren ausruht und reformunwillig und in wichtigen Bereichen reformunfähig geworden ist. Viele Gründe spielen zusammen, von der Heterogenität der Gesellschaften über die Zersplitterung der politischen Landschaft bis zur Überforderung der Bürger durch eine globalisierte Wissensgesellschaft. Tatsächlich aber sind grundlegende Reformen der Demokratie unabdingbar, wenn sie als Steuerungsmodell eine Zukunft haben soll, also von den Bürgerinnen und Bürgern als leistungsfähig, vertrauenserweckend und legitim anerkannt werden will. Aus meiner Sicht ist dafür erforderlich, dass die Legitimität der Demokratie sich von einer normativen auf eine kognitive Ebene verlagern muss, also politische Entscheidungen nicht von primär moralischen Prämissen gesteuert werden, sondern von evidenzbasierten Einsichten. Damit ist dann auch gesagt, dass zwei neue Kernkompetenzen der Demokratie zu entwickeln sind: Lernfähigkeit und Strategiefähigkeit.


Information und Kontakt:

PD Dr. Christoph auf der Horst
Haus der Universität
Schadowplatz 14
Tel. 0211/ 81-10345
hdu@hhu.de
www.hdu.hhu.de

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