30.01.19 12:34

Philosophische Fakultät

Deutsch-belarussische Exkursion zum Thema „Nationalsozialistische Patientenmorde“ in Düsseldorf und Umgebung

Von: Redaktion

Die belarussischen Gäste und die deutschen Studierenden besuchten gemeinsam verschiedene erinnerungsorte und Gedenkstätten, Foto: HHU / Uli Oberländer

Während der erste Teil eine 20-köpfige Düsseldorfer Gruppe im September 2018 zu Gedenkstätten für NS-Opfer nach Belarus, geführt hatte, brachte nun der zweite Teil des Projektes 14 deutsch-belarussische Teilnehmerinnen und Teilnehmer an verschiedenen Gedenkstätten für NS-Opfer und insbesondere an Erinnerungsorten für die NS-Patientenmorde in Düsseldorf und Umgebung zusammen. Finanziert wurde dieser Projektteil aus Mitteln des Auswärtigen Amtes. Standort der Gruppe war Düsseldorf. Von dort aus besuchten die Studierenden der HHU und die belarussischen Gäste gemeinsam verschiedene Gedenkstätten in Düsseldorf (Mahn- und Gedenkstätte; Erinnerungsort „Alter Schlachthof“) und unternahmen einen Stolperstein-Rundgang in der Düsseldorfer Altstadt. In den folgenden Tagen besuchten sie das Psychiatriehistorische Museum der LVR-Klinik Bedburg-Hau, die Gedenkstätte und Erinnerungslandschaft Hadamar sowie das Psychiatriemuseum „Ver-rückte Zeiten“ der LVR-Klinik Bonn. An allen genannten Orten fanden Führungen durch die Dauerausstellungen statt, in der Düsseldorfer Mahn- und Gedenkstätte außerdem der Besuch der Sonderausstellung „Die Körper der SS“, die exemplarisch Einblicke in deren Männlichkeitsbilder sowie Schönheits- und Sportlichkeitsvorstellungen gab.

Begleitende Workshops erläuterten die museumsdidaktischen Prinzipien der verschiedenen Einrichtungen. Die Dauerausstellungen in der Düsseldorfer Mahn- und Gedenkstätte sowie im Erinnerungsort „Alter Schlachthof“ sind erst vor Kurzem konzipiert und gestaltet worden, jeweils biographischen Zugängen verpflichtet und enthalten auch diverse interaktive Momente. Dieses Konzept war für die belarussischen Teilnehmerinnen und Teilnehmer überraschend und neu. In dortigen historischen Museen wird über menschliche Tragödien in erster Linie in allgemeinen Zahlen informiert, aber die Besucher erhalten keine Kenntnis individueller Schicksale. Alesia Korsak, eine belarussische Historikerin und Teilnehmerin der Exkursion, brachte die Wirkung so auf den Punkt: „Das beraubt die Geschichte ihres persönlichen Charakters. Sie besitzt deshalb keine emotional fordernde oder für die einzelne Person sinnvolle Botschaft.“ Besonders wertvoll erschien den belarussischen Gästen die Tatsache, dass der Erinnerungsort „Alter Schlachthof“ unter aktiver Beteiligung von Studierenden der Hochschule Düsseldorf entstanden ist. So entwickelten angehende Informatiker ein elektronisches Archiv, wo biographische Informationen über die vom Gelände des Güterbahnhofs Derendorf aus nach Minsk deportierten Juden aus Düsseldorf, Essen und Wuppertal aufbewahrt und vor Ort abgerufen werden können. Eine konkrete Kooperation zwischen der „Geschichtswerkstatt Minsk“ und dem „Alten Schlachthof“ wurde auch angebahnt, so dass in naher Zukunft in das bereits bestehende „Düsseldorfer Archiv“ der Minsker „Geschichtswerkstatt“ weitere Porträts von Düsseldorfer Juden aufgenommen werden.     

Im Vergleich zu den in historischer wie didaktischer Hinsicht zeitgemäßen Ausstellungen reflektierten die von der Gruppe besuchten psychiatriehistorischen Ausstellungen weder den aktuellen Forschungsstand noch waren sie seit ihrer Gründung (in den 1980er/1990er Jahren) in der Form ihrer Präsentation aktualisiert worden. Entsprechend kritisch war auch die Wahrnehmung durch die Exkursionsteilnehmer*innen. Angesichts des geringen institutionellen Interesses sind die Ausstellungen jeweils von engagierten Individuen initiiert worden – in der Regel aber keine Historiker –, die sich zudem mit ungeeigneten Räumlichkeiten zufrieden geben mussten: Zimmer, die für die Unterbringung von Patienten als nicht mehr tauglich galten.

Wie die belarussischen Beteiligten betonten, wird Deutschland in Belarus häufig als Vorbild in der Frage der Aufarbeitung der NS-Geschichte gesehen. Das mag im Hinblick auf den Holocaust auch zutreffen, hinsichtlich des Themas ‚Patientenmorde‘, so die einhellige Meinung, gebe es aber noch sehr viel Entwicklungsbedarf. Die Reflexion über die psychiatriehistorischen Ausstellungen führten die Gruppe auch zu fruchtbaren Diskussionen über den Umgang mit Behinderung in historischer und aktueller Perspektive in Belarus und Deutschland. Dabei ist allen Beteiligten klargeworden, wie viel in dieser Hinsicht in beiden Ländern noch zu tun ist. Die erst schwach entwickelte Gedenkkultur in Deutschland und die bislang nahezu völlige Ausblendung des Mordes an psychisch und physisch kranken Menschen aus der Weltkriegserinnerung in Belarus scheint symptomatisch dafür zu sein, welch große, aber noch kaum ausgeschöpfte Bedeutung diese Thematik bis heute in beiden Ländern besitzt für die Herausbildung einer toleranten und wertschätzenden Haltung gegenüber Menschen mit Besonderheiten der Entwicklung. Die belarussischen zivilgesellschaftlichen Akteure nahmen für ihre weitere Arbeit die Anregung mit, biographische Porträts der belarussischen Psychiatrie-Opfer zu erstellen, die zwischen 1941 und 1944 ermordet wurden, die wissenschaftliche Kooperation mit einschlägigen Institutionen zu intensivieren und didaktische Materialien für die Bildungsarbeit mit Schülerinnen und Schülern zu entwickeln.

Angesichts der fruchtbaren Arbeitsatmosphäre und der von Interesse und Sympathie geprägten Beziehungen zwischen den Projektteilnehmer*innen soll die deutsch-belarussische Kooperation im Jahr 2020 mit dem thematischen Schwerpunkt „Kriegsgefangene/Zwangsarbeiter“ fortgesetzt und erneut eine Förderung durch das Auswärtige Amt beantragt werden.

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