Rheinische Post vom 6. Februar 1999

Würdevolle Festung

Von Melanie Schmidt

Zum Charakter eines Solokonzerts gehört eine gewisse Portion Spielfreude, welche sich in Brahms' 2. Klavierkonzert B-Dur vor allem im Schlußsatz zeigt. An der Musizierlust des Uni-Orchesters bestand während dieses Mammutkonzerts keine Sekunde lang Zweifel. Aufmerksam und unverkrampft, eben mit angemessener Gelassenheit konzertierte das Ensemble zum Semesterabschluß mit dem Pianisten Georg Friedrich Schenck [...].

Unter ihrem [Silke Löhrs] feingliedrigen, gestrengen Dirigierstil bewies das Orchester, daß Konzentration und Gelöstheit einander keineswegs ausschließen müssen. Über welches tonkünstlerische Potential das Orchester der Heinrich-Heine-Universität verfügt, hatte sich schon zu Beginn des Abends gezeigt. Den Auftakt machte Brahms' „Akademische Festouvertüre“ - und wo könnte die besser aufgeführt werden als im akademischen Hörsaal? Mit kraftvollem Blech und homogenem Holzbläserklang bereitete man nicht nur eingefleischten Brahmsianern eine große Freude. [...]

Besonders die Blechbläser-Fans kamen auf ihre Kosten. Denn zwischen den Brahms-Eckpunkten malten die fünfzehn Trompeten, Posaunen, Hornisten - und was sonst noch glänzte - in warmen Farben Auszüge aus Mussorgskys „Bilder einer Ausstellung“. Es war ein sehr bedächtiger Betrachter, welcher in jener Bearbeitung für Bläser und Perkussion die programatischen Gemälde studierte. „Das alte Schloß“ wurde zu einer würdevollen Festung, der die Zeit nichts mehr anhaben konnte. Zum imposantesten Bildnis aber geriet „Das große Tor von Kiew“, in dessen thematischer Verbreiterung sich die Stärke des Ensembles entfachte: In der Vergrößerung lag die Kraft. Alles in allem bot sich dem Hörer ein sehr schönes Konzertereignis unter einer fähigen Dirigentin. [...]