Schweizer Zeitung „Der Bund“ vom 30. Mai 2005

Von Boulanger bis Verdi

Chor- und Orchesterreisen machen Spass. Besonders, wenn man dabei auf ein anderes Ensemble trifft und gemeinsam ein Konzert geben kann. Hatte der Unichor Bern über die Pfingstfeiertage das Ruhrgebiet besucht, weilten nun im Gegenzug Chor und Orchester der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf in Bern – mit drei anspruchsvollen Kompositionen im Gepäck.

„Rude“, grob, beginnt laut Partituranweisung die erste, eine Vertonung des 24. Psalms durch die französische Komponistin Lili Boulanger. Die bereits mit vierundzwanzig Jahren verstorbene Musikerin schuf ein kraftvolles, archaisches Werk. Blechbläserfanfaren, Pauken, Harfe und Orgel rahmen Sprechchöre der Männerstimmen, die in der Aufführung vom Samstag noch etwas rüder hätten sein dürfen. Nach einem lyrischen Mittelteil beginnt das Lob des „Herrn der Heerscharen“ gemeinsam mit den Frauenstimmen. Die beiden Unichöre und das Instrumentarium unter der Leitung von Matthias Heep arbeiten den Stimmungskontrast gekonnt heraus, leider hört man Ulrich Amacher die unangenehme Lage seiner Tenor-Solopartie an.

Eine beeindruckende Wiedergabe gelingt Chor und Orchester auch mit Felix Mendelssohns „Lauda Sion“: Als reformierter Komponist schrieb er diese katholische Dichtung des heiligen Thomas von Aquin für die 600-Jahr-Feier des Fronleichnamfestes im belgischen Lüttich. Mendelssohn hat den grössten Teil der Texte dem Chor zugewiesen, der die Partitur mit schönem Chorklang interpretiert. Sopranistin Christiane Öppert enttäuscht in ihrer Arie mit Intonationsmängeln und starkem Tremolo, fügt sich aber hervorragend in die Quartette ein, die mit Christina Metz, Ulrich Amacher und Robert Koller sehr ausgeglichen erklingen. Im zweiten Teil des Abends stehen Verdis „Quattro Pezzi Sacri“ auf dem Programm. Zwei zarte Acappella-Sätze wechseln mit gross besetzten Textvertonungen; in denen Chor und Orchester an ihre Grenzen stossen. Verdis dramatische Musik verfehlt dennoch ihre Wirkung nicht, und das Publikum sendet die Gäste mit viel Applaus auf die Rückreise. (daf)