Rheinische Post vom 30. Juni 2007

Kamikaze mit Orchester

Von Wolfram Goertz

Gestern kam eine Mail von Martin Fratz, dem Kapellmeister der Rheinoper und Dirigenten des Maxchores. Sie schildert, wie er selbst schrieb, eine „Kamikaze-Story“ im Leben eines Dirigenten. Den Lesern sei sie nicht vorenthalten, zumal Fratz nicht nur den Takt zu schlagen, sondern auch die Worte zu führen versteht. Fratz schreibt also:

„Mitten in meine gerade beginnende Ferien-Entspannung platzte vorgestern Morgen ein Anruf von Silke Löhr, der Leiterin des Universitäts-Orchesters. Sie hatte seit einigen Tagen starke Schmerzen im rechten Arm, und nach einem morgendlichen Arztbesuch stand fest, dass sie das abendliche Konzert ihres Orchesters nicht würde dirigieren können. Nun suchte sie einen Todesmutigen, der von jetzt auf gleich ohne Probe ein Konzert mit einem Amateur-Orchester übernahm. Ich fragte: ,Was wird denn gespielt?‘ Sie antwortete: ,Beethovens Siebte, Bernsteins Candide-Ouvertüre und Schostakowitschs Jazz-Suite.‘ Ich sagte: ,Den Beethoven habe ich vor acht Jahren zuletzt dirigiert, den Bernstein kenne ich nur vom Hören, und den Schostakowitsch kannte ich gar nicht. Und überhaupt: Wow, was für ein Hammer-Programm - mit einem Laienorchester!‘

Nach kurzem Zögern schwang ich mich ins Auto, fuhr nach Köln-Worringen und nahm dort gegen 11 Uhr die Partituren in Empfang. Nach kurzer Durchsicht erklärte ich mich zu dem verwegenen Unterfangen bereit, ohne eine Ahnung zu haben, wie es ausgehen könnte. Die nächsten sieben Stunden verbrachte ich über den Partituren am Schreibtisch und fuhr dann zur Uni, wo es um 19 Uhr wenigstens noch eine ganz kurze Anspielprobe gab. Und natürlich würde ich diese Geschichte nicht schildern, wenn es nicht gut geklappt hätte. Die Leute waren unheimlich konzentriert und engagiert bei der Sache und haben eine für ein Amateur-Orchester wirklich erstaunliche Leistung vollbracht, vor allem in der haarig schweren Schostakowitsch-Suite. Mir hat die ganze Sache natürlich Spaß gemacht, und als Silke Löhr gestern Morgen anrief, um zu fragen, ob ich das Wiederholungskonzert gestern Abend auch noch machen könnte, habe ich nicht gezögert.“

Soweit Fratzens Bericht, den wir nachdrucken, ohne ihn um Genehmigung gebeten zu haben. Er ist so erlebnisdicht geschrieben, dass er nach Veröffentlichung schreit.