In Englisch
In einem Artikel vom 6.6.2005 berichtet der Spiegel über die Forschungsförderung der Tabakindustrie in den 1980er Jahren und den damit verbundenen Versuch, Einfluss auf die Ergebnisse der Forschung zu nehmen.
Im Bemühen um eine Versachlichung der Debatte und nach Durchsicht der mich betreffenden Unterlagen möchte ich eine aktualisierte und auf wesentliche Punkte begrenzte Stellungnahme (14.06.2005) abgeben.
Als ergänzende Materialien zu dieser Stellungnahme stelle ich relevante Zitate aus meinen wissenschaftlichen Veröffentlichungen zum Thema 'Rauchen und Gesundheit' zur Verfügung (download).
Umfang und Ziel der Forschungsförderung
Es trifft zu, dass ich in den 1980er Jahren Forschungsgelder bei der Tabakindustrie und bei einer ihr nahe stehenden Stiftung beantragt und eingeworben habe. 1981 sind mir von der Reynolds Tobacco Company 50.000 DM bewilligt worden, 1984 vom Verband Schweizerischer Zigarettenfabrikanten rund 50.000 DM, 1987 vom Forschungsrat "Rauchen und Gesundheit" (München) 300.000 DM.
Diese Gelder wurden im Rahmen einer epidemiologischen Langzeitstudie verwendet, in der es um die Frage ging, wie sich Arbeitsbelastungen auf Herz-Kreislauferkrankungen von Industriearbeitern auswirken. Es war und ist in Deutschland äußerst schwierig, solch ein aufwendiges Projekt zur Grundlagenforschung im Bereich der Gesundheitswissenschaften ohne zusätzlichen Sponsor zu finanzieren. Der wesentliche Teil dieser Forschung wurde jedoch aus begutachteten Anträgen bei öffentlichen Drittmittelgebern bestritten.
Die 1981 erhaltenen Mittel wurde für medizinische Messungen und wissenschaftliches Personal im Rahmen der Basiserhebung der o.g. Studie eingesetzt. Mit den 1984 eingeworbenen Mitteln wurden statistische Zusatzerhebungen an bereits vorhandenen Daten aus zwei Untersuchungen vorgenommen, und die 1987 zur Verfügung gestellten Mittel wurden zur Durchführung und Auswertung der Abschlussuntersuchung der o.g. Langzeitstudie nach 6,5 Jahren verwendet.
Wissenschaftliche Unabhängigkeit
Ich habe die Gelder nur deshalb angenommen, weil mir von Seiten der Tabakindustrie die vollkommene Freiheit hinsichtlich der Durchführung der Studie sowie der Veröffentlichung ihrer Ergebnisse garantiert wurde. An diese Grundsätze habe ich mich gehalten. Ich habe niemals in meinen wissenschaftlichen Veröffentlichungen zum Zusammenhang zwischen Zigarettenrauchen, Arbeitsbelastungen und Herz-Kreislauf-Risiken "die Gefahren des Rauchens verharmlost oder das Suchtpotential der Zigaretten beschönigt", wie es mir der SPIEGEL in seiner Ausgabe vom 6.6. 2005 (S. 156) indirekt unterstellt wird. Unsere - national und international veröffentlichten- Forschungsergebnisse zeigen im Gegenteil u.a. gesundheitliche Gefahren des Zigarettenrauchens auf (download). Entsprechend den Regeln guter wissenschaftlicher Praxis habe ich den Geldgeber 'Forschungsrat Rauchen und Gesundheit' in der abschließenden wissenschaftlichen Publikation zur oben genannten Studie im 'European Heart Journal ' (1992, Bd. 13, Suppl. D, S. 89-95) aufgeführt.
Interessen der Tabakindustrie
Anhand der US-Dokumente im Internet habe ich jetzt erkennen müssen, dass die Vertreter der Tabakindustrie die Zusicherung wissenschaftlicher Unabhängigkeit nicht ernst gemeint, sondern mich über ihre Absichten getäuscht hatten, wissenschaftliche Ergebnisse für ihre Zwecke zu instrumentalisieren.
So steht beispielsweise in einem internen Protokoll der Reynolds Tobacco Company, dass deren Vertreter, Dr. Colby über unser erstes Gespräch angefertigt hat: "I [Colby] made it very clear to him [Siegrist] that (…) he, like other scientists which we are sponsoring, would have complete ‚freedom' regarding the results and their publication." Das Wort Freiheit setzt er in Anführungszeichen und fährt später fort: "Although I am not very hopeful, I believe that with a sufficient effort, Dr. Siegrist could be 'educated'." Aus einem anderen Protokoll geht hervor, was sich die Vertreter der Tabakindustrie von meiner "Umerziehung" versprachen: "We also know that the risk of smoking is greatly overestimated. This can be seen from the conventional classification of the risk of smoking within the existing risk structure. If science is to show a way out of this dilemma, new data have to be produced. Our co-operation with researchers like Prof. Siegrist (…) is intended to help us to obtain such data."
Angesichts der Aussagen in den internen Unterlagen der Tabakindustrie erscheint mir mein damaliges Vertrauen in die Seriosität meiner Ansprechpartner naiv. Ich bedauere, dass ich mich über die Absichten der Tabakindustrie damals habe täuschen lassen.
Mitgliedschaft im wissenschaftlichen Beirat der Stiftung VERUM
Ich war von 1995 bis 2004 Mitglied des wissenschaftlichen Beirats der Stiftung VERUM, die vom Verband der Cigarettenindustrie ins Leben gerufen wurde. Die Stiftung hatte den Zweck, Forschungen zum Zusammenhang zwischen Verhalten, Umwelt und Gesundheit zu fördern. Gemeinsam mit Fachkollegen habe ich in dieser Zeit Forschungsanträge begutachtet und an Beiratssitzungen teilgenommen. Für diese Tätigkeit ist mir abgesehen von Reisekosten (Beiratssitzungen, Kongresse) kein Honorar gezahlt worden.
Bewertung aus heutiger Sicht
Im Nachhinein haben sich die Kontakte mit der Tabakindustrie und den ihr nahe stehenden Stiftungen als Fehler erwiesen. Angesichts der weltweit erstrangigen Gesundheitsgefahren des Rauchens muss Public Health Forschung zu deren Ursachen und Bekämpfung vollkommen unabhängig von Industrieinteressen erfolgen. Um dies in aller Klarheit deutlich zu stellen und um möglichen weiteren Schaden von der deutschen Public Health Forschung abzuwenden, habe ich bereits die Konsequenz gezogen, von meinem Amt als Sprecher des Nordrhein-Westfälischen Forschungsverbundes Public Health zurück zu treten.
Bei der Bewertung der o.g. Vorgänge muss berücksichtigt werden, dass die von der Tabakindustrie angenommenen Mittel nur einen geringen Teil der von mir vorwiegend von öffentlichen Fördereinrichtungen eingeworbenen Drittmitteln darstellen. Im Mittelpunkt meiner wissenschaftlichen Arbeit stand und steht nicht das Thema Rauchen, sondern die Untersuchung des Zusammenhangs zwischen sozialer Ungleichheit und Gesundheit, insbesondere der Rolle von Arbeitsbelastungen. In meinem wissenschaftlichen Werk habe ich die Regeln guter wissenschaftlicher Praxis stets eingehalten.
Johannes Siegrist
