19.10.17 09:25

"Thomas Mann und Luther" - Ausstellung in der Universität- und Landesbibliothek

Von: Redaktion / Victoria Meinschäfer

"Bestellte den jungen Luther in Eisen für mein Zimmer u. freue mich herzlich darauf", notierte Thomas Mann am 4. November 1918 in sein Tagebuch. Die Büste, die wenige Tage später geliefert wurde, sollte viele Jahre im Arbeitszimmer Thomas Manns stehen. Sie ist eines der wichtigsten Exponate der Ausstellung "Thomas Mann und Luther", die ab dem 19. Oktober im Foyer der Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf (ULB) zu sehen ist. Die Schau thematisiert die unterschiedlichen Positionen, die Thomas Mann im Laufe seines Lebens zu Luther einnahm, anhand von Erstausgaben, bibliophilen Werken, Briefen und Fotos aus der Thomas-Mann-Sammlung der ULB.

Geprägt durch seine protestantische Erziehung im Lübeck des ausgehenden 19. Jahrhunderts, war Thomas Mann mit Bibel, Katechismus und Gesangbuch bestens vertraut. Seinen ersten Roman "Buddenbrooks", der den Aufstieg und Verfall einer Lübecker Kaufmannsfamilie zwischen 1835 und 1877 beschreibt, eröffnete er mit  der Konfirmationsfrage "Was ist das?" aus Luthers Kleinem Katechismus. Die Frage ist Teil eines kleinen Tests, den der alte Buddenbrook mit seiner Enkelin Tony durchführt und der in seiner parodistischen Darstellungsweise die Gebrochenheit der protestantischen Glaubenswelt bereits in der ersten Generation zum Ausdruck bringt.

In der Ausstellung ist ein Faksimile der ersten Seite der Buddenbrooks-Urhandschrift zu sehen, die zweibändige Erstausgabe des Romans aus dem Jahr 1901 sowie Dokumente aus der Familiengeschichte, die Thomas Mann als Vorlagen verwendete. Eine Luther-Bibel aus dem Jahr 1765, wie sie auch die Familie Mann besaß, sowie Familienfotos dokumentieren Thomas Manns Sozialisation im Protestantismus. Fotos der Lübecker Pastoren, die Thomas Mann als Vorbilder für die Geistlichen in "Buddenbrooks" dienten, repräsentieren den theologischen und kirchlichen Zeitgeist der verschiedenen Generationen, wobei sich die Verfallserscheinungen der Familie auch in ihrem Verhältnis zum Protestantismus spiegeln.

Noch vor seiner intensiven Auseinandersetzung mit Martin Luther in den "Betrachtungen eines Unpolitischen" (1918) beschäftigte sich Thomas Mann in seiner Erzählung "Gladius Dei" (1901) und in seinem einzigen Drama "Fiorenza" (1905) mit dem 1452 in Ferrara geborenen Dominikanermönch Girolamo Savonarola, den er als Reformationsvorläufer Luthers verstand. Neben den Erstausgaben dieser beiden Werke sind Skizzen für die Bühnenbilder des Dramas sowie historische Zeitungsausschnitte, die die Rezeption des Dramas dokumentieren, zu sehen.

"Christus bekümmert sich nicht um Politik" – so zitierte Thomas Mann Martin Luther in seinem umfangreichen Essay "Betrachtungen eines Unpolitischen" (1918), in dem er sich intensiv mit der deutschen Identität auseinandersetzte. Luther sah er als Inkarnation des Deutschtums, dem Politik und Demokratie fremd sind und der Freiheit und Geist im Inneren des Menschen verortet. Gottesunmittelbarkeit und Künstlertum werden im Gewissen zusammengebracht: Thomas Mann sah den Künstler hier als "geborene(n) Protestant(en)".

Seine große Begeisterung und seine Identifikation mit dem Reformator verdeutlichen die Büsten, die der Münchner Bildhauer Schwegerle von Luther und Thomas Mann fertigte und die fortan sein Arbeitszimmer zierten. Beide Büsten werden als Leihgaben des Museums Behnhaus Drägerhaus, Galerie des 19. Jahrhunderts und der Klassischen Moderne, Lübeck, in der Ausstellung präsentiert.

Immer wieder beschäftigte sich Thomas Mann mit Luther und der Reformationszeit: In seinen Essays aus den 20er Jahren, in seiner Auseinandersetzung mit den Werken des evangelischen Theologen Kuno Fiedler, dem Taufpaten seiner Tochter Elisabeth, bei der Lektüre von Stefan Zweigs Werk "Erasmus von Rotterdam" sowie in seinem 1947 publizierten Roman "Doktor Faustus", der die Grundfrage nach nationaler Verantwortung und individueller Schuld stellt. In der Ausstellung ist die sehr seltene typographierte amerikanische Erstausgabe zu sehen. Sprache, Themen und Gestalten der Reformationszeit sind im "Doktor Faustus" ironisch durchleuchtet gegenwärtig. Für detaillierte Beschreibungen von Figuren des Romans greift Thomas Manns auf Bildvorlagen aus Büchern zurück, etwa auf Waetzolds "Dürer und seine Zeit". Manns Briefe an den evangelischen Theologen Paul Tillich spiegeln sein Interesse an Fragen zu theologischen Positionen, die in den Roman einfließen. Luther wird im Roman durch den Hallenser Theologieprofessor Ehrenfried Kumpf parodiert, der markige Tischreden hält und eine Semmel nach dem Teufel wirft.

Nach dem Krieg wandelte sich Thomas Manns Lutherbild: In seiner Rede 1947 gehaltenen Rede "Deutschland und die Deutschen" sowie in seinem Essay "Die drei Gewaltigen" im Goethe-Jahr 1949 warf Mann einen sehr kritischen Blick auf Luther. Er stellte ihn als einen "Gewaltigen" dar, der für ihn nunmehr nicht nur den deutschen Geist, sondern zugleich auch den deutschen Ungeist verkörperte. In seinen letzten Lebensjahren führte er umfangreiche Studien für ein geplantes Drama "Luthers Hochzeit" durch, das er jedoch nicht mehr vollenden konnte.

Die Ausstellung wird am 19. Oktober 2017 um 18 Uhr eröffnet und ist bis zum 11. Januar 2018 montags bis freitags von 8 bis 24 Uhr und samstags und sonntags von 9 bis 24 Uhr zu besichtigen.

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