09.02.18 10:02

Workshop des Instituts für Romanistik

Theorie und Praxis des Tango

Von: Christa Martin

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ziehen Tanzschuhe an, Stühle werden beiseitegeschoben, um Platz zu schaffen für eine Tangostunde – im ehrwürdigen Haus der Universität eher unüblich. Doch gerade die Mischung von Theorie und Praxis fand bei Studierenden wie bei Besuchern des Workshops „El lenguaje multimodal del tango“ am 12. und 13.1.2018 besonderen Anklang. Von Prof. Rolf Kailuweit im Rahmen des gleichnamigen Seminars im Fachbereich Romanistik II organisiert, stand ein Teil der Veranstaltung zugleich dem interessierten Publikum aus der Stadt offen. Und so fanden sich außer den Studierenden gut zwei Dutzend Tangobegeisterte ein, um Vorträge zu hören und sich an Diskussionen und „prácticas“ zu beteiligen.

Studierende und Gäste aus der Stadt interessierten sich für die Theorie und Praxis des Tango, Foto: Medienlabor

In dem Workshop wurde der Tango mit seiner „multimodalen Sprache“ (als Musik, Text, Tanz und gesellschaftliches Ereignis mit seinen spezifischen Codes) aus Sicht verschiedener Fachrichtungen betrachtet. Wie manifestiert sich der Tango Argentino, seit 2009 UNESCO-Welterbe, im Zeitalter der Globalisierung? Gibt oder gab es so etwas wie ein Original „Tango“?Markus Raith (Pädagogische Hochschule Freiburg) analysierte die „medienkulturelle Aneignung des Tango“ und zeigte in der Bildsprache der Tangoszene emotional aufgeladene Stereotypen auf, die sich schon in der Romantik und in religiösen Darstellungen finden. Um „Das emotionale Potential der Marke Tango Argentino“ ging es auch in Rita Riegers (Universität Graz) kulturwissenschaftlichem Ansatz. Anhand des Films 12 tangos – adiós Buenos Aires stellte sie fest, dass sich hier über die tangotypischen Gefühle Leidenschaft und Trauer hinaus auch Wut über gesellschaftliche und politische Missstände äußert. Den sozialkritischen Gehalt von Tangotexten hob der Historiker Víctor Lafuente (Universität Köln) hervor. Der Argentinier, der den Tangotanz von seiner Großmutter lernte - die Elterngeneration identifizierte sich eher mit Rockmusik -, trug in seiner Wortwahl („tango rioplatense“) der Herkunft des Tango auch aus Montevideo Rechnung. Vier Varianten eines Liedes, „Transkriptionen einer Milonga“, führten Rolf Kailuweit (HHU) zu der Frage, wieweit man überhaupt von einem „Original“ sprechen kann, wenn dies in ständiger Wechselwirkung mit späteren Fassungen steht, deren Sprache und mediale Vermittlung von dem jeweiligen Entstehungskontext geprägt sind. Mit Jost Budde (Tanzhaus NRW) und Christophe Apprill (Marseille) kamen zwei Sozialwissenschaftler zu Wort, die zugleich aus ihrer langjährigen Erfahrung als Tänzer und Tanzlehrer sprachen. Für Budde hat die Globalisierung des Tango dazu geführt, dass man sich auf einer Milonga in Tokyo, Toronto oder Toledo ebenso zuhause fühlt wie in Düsseldorf oder in Buenos Aires und Montevideo. Apprill veranschaulichte in seinem Beitrag über „Rôles et genre en danse tango“ unter anderem anhand eines Damenschuhs mit 9cm-Absatz die Problematik von Achse und Stabilität im Paar. Die Aufgabe des Führenden versteht er eher als ein „Vorschlagen“, auf das unterschiedlich reagiert werden kann.Dieses Konzept setzte er dann in seinen „prácticas“ um. Auch Anfänger ohne jegliche Erfahrung lernten zunächst, die Bewegung eines anderen Menschen aufzunehmen, um gemeinsam mit ihm zur Musik zu gehen. Dann das Gehen in der Umarmung – nun war es schon Tanz. Rollen und Partner wurden immer wieder gewechselt; Jung und Alt, Groß und Klein, Männer und Frauen, Menschen mit und ohne Doktortitel, alle konnten die Erfahrung machen, wie Tango sich anfühlt.Die Kombination aus Theorie und Praxis empfanden die Studierenden als „sehr informativ und kurzweilig“, als „Bereicherung“ und „tolle Abwechslung“. „Spannend bzw. überraschend war auch, wie gut die Tanzstunden und die Vorträge zusammengepasst, ja, sich ergänzt haben", meinte eine Studentin. Ähnlich äußerte sich ein mexikanisch-deutsches Paar: „Vorträge wie praktische Übungen waren sehr interessant. Und Tango zum Gegenstand der Romanistik zu machen, ist eine gute Idee.“

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