16.06.17 13:00

Verbindung von Theorie und Praxis im Medizinstudium:

Wie Studenten dem Neurochirurgen aus dem Hörsaal über die Schulter schauen

Von: Susanne Blödgen

Universitäten integrieren heute sehr viel höhere Praxisanteile in das Studium. Wie aber versetze ich in der chirurgischen Ausbildung alle Studierenden in die Lage, an Operationen teilzunehmen, um ausreichend praktisches Wissen darüber zu erwerben?

Hatte seinerzeit die Idee für das Video- und Audio Live-Streaming System: Prof. Dr. Michael Sabel (Foto: Universitätsklinikum Düsseldorf)

Wie ist gewährleistet, dass die chirurgischen Lehrer, die ja als Ärzte jeden Tag klinisch tätig sind, eine viel größere Zahl von Studierenden als früher in der praktischen Ausbildung betreuen können? Die Neurochirurgie des Universitätsklinikums Düsseldorf löst das Problem mit einem Live-Streaming-System: Einmal in der Woche wird eine Hirnoperation live aus dem Operationssaal in einen Seminarraum übertragen. Bei bester Sicht und direkter Kommunikation mit dem Operateur lernen die Studierenden interaktiv, wie in der Praxis Operationen am Gehirn, z.B. die Entfernung von Hirntumoren, ablaufen.

Die kommunikative Struktur ist ein wesentlicher Teil des Lehrkonzeptes des Live-Streamings: Die Studenten und der Operateur können mit einander sprechen und gegenseitig Fragen stellen. Mehrere Kameras ermöglichen einen direkten Blick auf das Operationsfeld, bzw. auf den Patienten. „Die Studierenden sehen außerdem alle Daten zur Patientenüberwachung unter der OP genauso, wie wir am Operationstisch: Zusätzliche Informationen können bei Bedarf eingespielt werden“, sagt Prof. Dr. Michael Sabel, Neurochirurg an der Uniklinik. Sabel hatte seinerzeit die Idee für das Video- und Audio Live-Streaming System in der studentischen Lehre. Die Düsseldorfer Neurochirurgie ist die erste Klinik in Deutschland, die es im Regelbetrieb einsetzt. Drangvolle Enge im OP und schlechte Sichtverhältnisse entstehen durch die Übertragungen nicht mehr.

Ein ausführliches Vorgespräch, Kernspinaufnahmen und eine spezielle Anatomievorlesung bereiten die Studenten auf den Fall vor und lässt sie den individuellen Operationsverlauf bewerten. „Die Studenten erhalten einen direkten Einblick, wie das theoretische Wissen, das sie an der Uni lernen, später in der Praxis eingesetzt wird. Zudem lernen sie, dass ein Chirurg im OP häufig schnelle Entscheidungen treffen muss, deren Ausgang er im Vorfeld der Operation sorgfältig aufgrund seines Vorwissens geplant hat“,  erklärt Prof. Sabel. „Uns geht es gar nicht so sehr darum, dass sich die Studenten OP-Details merken, sondern dass sie bereits in ihrer Ausbildung einen Einblick in die praktischen und auch ethischen Aspekte ihrer Arbeit als Chirurg erhalten.“

Kontakt: Prof. Dr. Michael Sabel, Leiter Neuroonkologie, Klinik für Neurochirurgie, Universitätsklinikum Düsseldorf, Moorenstraße 5, 40225 Düsseldorf, Tel. 0211/81-08060, E-Mail: Michael.Sabel(at)med.uni-duesseldorf.de

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