23.02.11 13:28

Halten Waldorfschulen, was Steiner versprochen hatte?

 

Aus Anlass von Steiners 150. Geburtstag stellt Prof. Dr. Heiner Barz (Institut für Sozialwissenschaften) erste Ergebnisse einer aktuellen Erhebung vor

Größere Lernfreude, bessere Unterstützung durch die Lehrer, höheres Selbstbewusstsein, weniger Schulstress und geringere Gesundheitsprobleme wie Schlafstörungen oder Schulangst – das steht auf der Haben-Seite der Waldorfpädagogik beim Vergleich von Waldorf- und Regelschülern. Indessen bleibt auch für die Waldorfschulen noch so manche Herausforderung.

Zum 150. Mal jährt sich am 27. Februar 2011 der Geburtstag von Rudolf Steiner. In zahlreichen Jubiläumsveranstaltungen und in großen Kunstausstellungen (in Wolfsburg und Stuttgart) wird das Jubiläum gewürdigt - u.a. mit Werken von Joseph Beuys, einem seiner berühmtesten Anhänger. Sein bekanntester Erfolg war die Begründung der Waldorfpädagogik im Jahr 1919 als Schule für die Kinder der Arbeiter der Stuttgarter Waldorf Astoria Zigarettenfabrik. Mittlerweile arbeiten 222 Schulen in der BRD und ca. 1.000 Schulen weltweit nach seinen pädagogischen Konzepten.

Bis vor wenigen Jahren gab es so gut wie keine empirische Forschung über dieses von den einen gerühmte, von anderen geschmähte pädagogische Reformprojekt. Nach einer viel beachteten Untersuchung über Waldorfabsolventen (2007) arbeiten Prof. Dr. Heiner Barz und Prof. Dr. Dirk Randoll, Alanus Hochschule, Alfter, seit 2009 an einer Erhebung, in der eine eingehende Bestandsaufnahme der Schulzufriedenheit und der Lernerfahrungen von Waldorfschülern erstellt wird. Die kurz vor dem Abschluss stehende deutschlandweite Studie bezieht über 800 von Waldorfschülern ausgefüllte Fragebögen und über 50 Einzelinterviews (2-3 stündig) mit Eltern und Schülern ein. Neben der Bewertung des Unterrichts stellen gesundheitliche Aspekte (Schulängste, Schlafstörungen etc.) und kulturelle Aktivitäten weitere Schwerpunkte dar.

Der enge Zusammenhang zwischen Gesundheit und Bildungsförderung ist in den letzten Jahren verstärkt ins Blickfeld der Forschung gerückt. Schülerinnen und Schüler, die körperlich und psychisch gesund, und das heißt auch frei von Leistungsdruck, Prüfungsstress oder Angst vor Mobbing zur Schule kommen, bringen günstigere Voraussetzungen mit, um Lernfreude und einen konstruktiven Umgang mit Mitschülern und Lehrern zu erleben.

Tatsächlich erreichen die befragten Waldorfschüler bessere Werte als Regelschüler in puncto Lernfreude und Schulzufriedenheit. Die Zustimmung zum Item „In der Schule etwas zu lernen macht mir Freude“ liegt bei Waldorfschülern bei 79,4 Prozent während für Regelschulen (RS) 67,2 Prozent berichtet werden. „Was wir im Unterricht machen, finde ich meistens interessant“, dieser Aussage stimmen 78,6 Prozent der Waldorfschüler im Vergleich zu nur 54,5 Prozent an Regelschulen zu. Größere Differenzen zeigt auch das Item „Ich finde meine Schule einladend und freundlich“ (WS 85,4 Prozent vs. RS: 60 Prozent). Weiter wird die Beziehung zu Lehrern deutlich besser als an Regelschulen beschrieben. Beispielsweise stimmen 64,8 Prozent der Waldorfschüler dem Item „Unsere Lehrer interessieren sich für den Lernfortschritt jedes einzelnen Schülers“ zu, während in einer Regelschülerstichprobe die Zustimmung mit 30,5 Prozent nicht einmal halb so hoch ausfällt. Ähnlich große Unterschiede ergeben sich beim Item: „Unsere Lehrer geben uns Gelegenheit unsere Meinung zu sagen“ (WS: 83,3 Prozent vs. RS: 48,0 Prozent) oder auch bei „Unsere Lehrer gestalten die Unterrichtsstunden interessant und spannend“ (WS: 50,4 Prozent vs. RS: 23,3 Prozent).

Schulängste dagegen scheinen deutlich geringer ausgeprägt. Von Schlafstörungen aufgrund schulischer Leistungsanforderungen berichten nur 11,7 Prozent der Waldorfschüler, während in einer Regelschülerbefragung im Rahmen des HBSC-Monitors 17 Prozent von Einschlafproblemen berichten, die sie sogar „täglich oder mehrmals in der Woche“ belasten.

Den Stärken der Waldorfschule im Hinblick auf schulisches Wohlbefinden, Lernfreude und höherer Motivation sowohl auf Seiten der Schüler wie der Lehrer steht gegenüber, dass Waldorfschüler im Hin-

blick auf sog. Lerntechniken, die von der konventionellen Didaktik heute als wichtig erachtet werden („Lernen des Lernens“), eher schlechter abschneiden. „In der Schule habe ich gelernt, Nachschlagewerke zu nutzen“, diesem Item stimmen unter den Waldorfschülern nur 65,2 Prozent im Vergleich zu 81,1 Prozent der Regelschüler (RS) zu.

Während für die Waldorfschulen bei Lerntechniken vielleicht noch Nachholbedarf zu konstatieren ist, stehen sie in Sachen kultureller Bildung weit vorne. Hier beschreiben sich Waldorfschüler als sehr gut gefördert (87,4 Prozent bejahen das Item „Sind in deiner Schule Kunst, Musik und Theater wichtig?“) und als in ihrer Freizeit deutlich künstlerisch aktiver im Vergleich zu Regelschülern (Waldorfschüler: 77,8 Prozent; Jugend-Kulturbarometer: 49 Prozent, bei engem Hochkulturbegriff - also z.B. ohne Sprayen, Fotografieren - sogar nur 22 Prozent). Mit dieser nunmehr auch in harten Zahlen belegten hohen Relevanz der Kulturellen Bildung in der Waldorfpädagogik werden die Schüler auch aus der Perspektive der UNESCO zukunftsfähig gemacht, die betont, dass kulturelle Bildung gerade die körperlichen, intellektuellen und kreativen Fähigkeiten umfasst, die in Anbetracht der Herausforderungen der Gesellschaft im  21. Jahrhunderts immer wichtiger werden.

 

Kontakt:

Univ.-Prof. Dr. Heiner Barz

Abteilung für Bildungsforschung und Bildungsmanagement

Sozialwissenschaftliches Institut

Tel. 0211-81-15002

undefinedbarz(at)phil.uni-duesseldorf.de

undefinedhttp://www.barz-online.de/

 

Weitere Informationen zur aktuellen Schülerstudie Reformpädagogik:

undefinedhttp://www.waldorf-absolventen.de/schueler_reformp.html

Verantwortlich für den Inhalt: E-Mail sendenAbteilung Kommunikation