09.01.18 14:12

Schöner wählen oder Schönheit wählen?

Studie beweist Zusammenhang von Attraktivität und Wahlerfolg

Von: Victoria Meinschäfer

Seit 2002 misst ein Team um den Düsseldorfer Soziologen Prof. Dr. Ulrich Rosar die Attraktivitätswerte deutscher Bundestagskandidaten und vergleicht diese mit den Wahlerfolgen. Ergebnis der Wahl 2017: Es gibt einen signifikanten und sehr substantiellen Zusammenhang zwischen der Attraktivität und dem Wahlerfolg eines Kandidaten – sowohl mit Blick auf die Erst- als auch auf die Zweitstimme. "Wenn politische Inhalte stärker zählen sollen als sachfremde Faktoren, dann müsste bei den Kandidaten und Wählern das Bewusstsein für diese subtilen Einflüsse des Aussehens verstärkt werden“, so Prof. Dr. Ulrich Rosar, der auch Dekan der Philosophischen Fakultät der Heinrich-Heine-Universität ist.

Sabrina Schöttle, Prof. Dr. Ulrich Rosar, Anna Gaßner und Lena Masch bei der Vorstellung der Studie, Foto: Uli Oberländer

Eine tendenzielle Entwicklung hin zu einer stärkeren Bedeutung der Persönlichkeit des politischen Personals bezüglich der Wahlentscheidung lässt sich seit Jahrzehnten beobachten. Seit 2002 misst ein Team um den Düsseldorfer Soziologen Prof. Dr. Ulrich Rosar die Attraktivitätswerte deutscher Bundestagskandidaten und vergleicht diese mit den Wahlerfolgen. Ergebnis der Wahl 2017: Es gibt einen signifikanten und sehr substantiellen Zusammenhang zwischen der Attraktivität und dem Wahlerfolg eines Kandidaten – sowohl mit Blick auf die Erst- als auch auf die Zweitstimme. "Wenn politische Inhalte stärker zählen sollen als sachfremde Faktoren, dann müsste bei den Kandidaten und Wählern das Bewusstsein für diese subtilen Einflüsse des Aussehens verstärkt werden“, so Prof. Dr. Ulrich Rosar, der auch Dekan der Philosophischen Fakultät der Heinrich-Heine-Universität ist. Eine tendenzielle Entwicklung hin zu einer stärkeren Bedeutung der Persönlichkeit des politischen Personals bezüglich der Wahlentscheidung lässt sich seit Jahrzehnten beobachten.

Dazu gehören auch das äußere Erscheinungsbild und die physische Attraktivität. Rosar sieht das als einen Ausdruck der abnehmenden Bedeutung großer gesellschaftlicher Konflikte und die damit einhergehende schwindende Bindekraft zwischen gesellschaftlichen Gruppen und Parteien: „Wahlentscheidungen werden häufiger kurzfristig getroffen, bei gleichzeitiger Zunahme der Wechselbereitschaft der Wählerinnen und Wähler. In weitgehender Ermangelung umfassender und verlässlicher Informationen zu komplexen politischen Sach- und Kompetenzfragen werden Wahlentscheidungen deshalb – bewusst oder unbewusst – durch rollenferne Eigenschaften der Kandidaten wie ‚sympathisch‘ oder ‚attraktiv‘ beeinflusst.“

 

Vorgehensweise der Studie

Um Aussagen über die physische Attraktivität des politischen Personals treffen zu können, wurden bundesweit alle relevanten Spitzenkandidatinnen und -kandidaten untersucht, also diejenigen, die auf den Landeslisten Platz 1 belegen sowie alle Wahlkreiskandidaten, die bei der Bundestagswahl 2017 angetreten sind. Insgesamt konnten so 1.779 Direktkandidatinnen und -kandidaten der Parteien CDU/CSU, SPD, AfD, FDP, Bündnis‘90/Die Grünen und Die Linke berücksichtigt werden sowie sieben Erstplatzierte der Landeslisten, die nicht in den Wahlkreisen direkt antraten. Dabei wurde die physische Attraktivität der Politikerinnen und Politikern auf Basis von Portraitfotografien bewertet. Hierzu wurden zwei Gruppen von jeweils zwölf weiblichen und zwölf männlichen Personen sämtliche 1.786 Fotografien vorgelegt, die anschließend von ihnen auf einer siebenstufigen Skala von unattraktiv (0) bis attraktiv (6) eingestuft wurden. Insgesamt wurden somit 42.864 Attraktivitätsbewertungen vorgenommen.

 

Zentrale Aussagen

Um den Einfluss der Attraktivität der Direktkandidatinnen und -kandidaten auf die erhaltenen Erststimmenanteile, die Zweitstimmenanteile ihrer Parteien und die Wahlbeteiligung zu messen, wurden mathematische Verfahren genutzt, die alternative Einflussfaktoren wie z.B. Alter, Geschlecht, akademischer Titel, Adelsprädikat, potenzieller Migrationshintergrund und Parteizugehörigkeit der Kandidatinnen und Kandidaten statistisch konstant hielten. Nun zeigte sich: Die physische Attraktivität ist die zweitwichtigste Personeneigenschaft der Kandidaten, nur der Bekanntheitsstatus der Spitzenpolitikerinnen und -politiker zeigte einen größeren Einfluss auf die Erst- und Zweitstimmenanteile.

Christian Lindner (FDP) ist unter allen männlichen Kandidaten mit 3,43 Punkten von 6 möglichen Skalenpunkten der attraktivste prominente Politiker auf Bundesebene (Platz 30 unter den männlichen Politikern). Sarah Wagenknecht (Die Linke) ist mit 4,08 Punkten die attraktivste bundesweit bekannte Kandidatin (Platz 52 unter den Politikerinnen). Angela Merkel (CDU) kommt auf 1.04, Martin Schulz (SPD) auf 1.67, Cem Özdemir (Bündnis 90/Die Grünen) auf 2.13 und Alice Weidel (AfD) auf 3.25 Punkte. In Düsseldorf und Umgebung ist Michaela Noll (CDU, Wahlkreis Mettmann I) mit 4.42 Punkten die attraktivste weibliche Direktkandidatin. Der attraktivste männliche Direktkandidat Daniel Rinkert (SPD, Wahlkreis Neuss I) kommt auf 3.46 Punkte. Es zeigt sich außerdem, dass die Wahlbeteiligung durch eine höhere Attraktivität der Kandidatinnen und Kandidaten positiv beeinflusst wird. Männer unter den Direktkandidaten haben überdies tendenziell niedrigere Attraktivitätswerte als Frauen.

 

Im kommenden Frühjahr erscheint ein ausführlicherer Beitrag des Forschungsteams um Prof. Dr. Rosar unter dem Titel „Schöner wählen: Der Einfluss der physischen Attraktivität des politischen Personals bei der Bundestagswahl 2017“ in einem Themenband unter Herausgeberschaft von Karl-Rudolf Korte und Jan Schoofs (2018): zur „Bundestagswahl 2017. Analysen der Wahl-, Parteien-, Kommunikations- und Regierungsforschung“ im VS Verlag.

 

Die Studie an der Heinrich-Heine-Universität wurde durchgeführt von

Prof. Dr. Ulrich Rosar, Dekan der Philosophischen Fakultät, Institut für Sozialwissenschaften, Lehrstuhlinhaber der Soziologie II,

Anna Gaßner, M.A., Institut für Sozialwissenschaften, Lehrstuhl Soziologie II

Lena Masch, M.Sc/M.A., Institut für Sozialwissenschaften, Lehrstuhl Soziologie II,

Sabrina Schöttle, M.A., Institut für Sozialwissenschaften, Lehrstuhl Soziologie II,

 

 

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