01.02.18 14:28

Vorlesung und Podiumsdiskussion

Alt-Bundespräsident Gauck an der Heinrich-Heine-Universität

Von: Victoria Meinschäfer

„Getröstet hat er mich nur selten. Aber eine eigene Haltung zu finden, dabei hat er mich bestärkt“, resümierte Joachim Gauck über Heinrich Heine. Im Rahmen der Gastprofessur, die Heines Namen trägt, besuchte der Alt-Bundespräsident am 31. Januar und 1. Februar die Düsseldorfer Universität, hielt eine Vorlesung und nahm an einer Podiumsdiskussion teil. „Mit der Gastprofessur beteiligt sich die HHU an Debatten zu aktuellen und gesellschaftlich relevanten Fragen“, so Rektorin Prof. Dr. Anja Steinbeck in ihrer Begrüßung: „Die Heinrich-Heine-Universität will eine Plattform bieten, auf der Experten mit Bürgern in einen Diskurs treten über aktuelle und kritische Themen.“

Rektorin Prof. Dr. Anja Steinbeck begrüßt Bundespräsident a.D. Joachim Gauck zur Heinrich-Heine-Gastprofessur

Fotos: Wilfried Meyer

„Nachdenken über das Eigene und das Fremde“ wollte Gauck in seinem Vortrag und Rektorin Steinbeck führte ins Thema ein: „In unserer heutigen globalen Welt gilt mehr denn je, dass Kulturen keine homogenen und konsistenten Einheiten sind. Kulturen sind keine Behälter, in denen sich einheitliche kollektive Lebensweisen finden. Kulturen sind lebendige Gebilde, die sich gegenseitig befruchten, austauschen und immer in Veränderung begriffen sind.“

Das Verhältnis zwischen dem Eigenen und dem Fremden sei eines der schwierigsten aktuellen Probleme, so Gauck und er erklärte: „Fremde sind nicht klassifizierbar: Sie lösen Irritationen aus.“ Der Alt-Bundespräsident zeigte auf, dass die Angst vor Fremden aber keine Entwicklung der neueren Geschichte ist, sondern vielmehr eine anthropologische Konstante: „Das Eigene wird meist  idealisiert, das Fremde tendenziell dämonisiert.“ Mitglieder einer Gruppe würden nicht wegen kritikwürdiger individueller Eigenschaften schlecht gemacht, sondern gelten als schlecht und minderwertig, weil sie der anderen Gruppe angehörten. „Das eigene Volk umfasst danach qua definitionem nur die ‚Guten‘, die sich vielleicht sogar als Auserwählte fühlen. Und außerhalb des Stammes, der Sprachgruppe, der Ethnie oder der Religionsgemeinschaft leben nur die Schlechten, die Ausgeschlossenen, denen vielleicht sogar die Lebensberechtigung abgesprochen wird.“ Gauck zeigte auf, dass die Entwicklung von Nationalstaaten, die auf sprachliche, politische, ethnische, religiöse und kulturelle Homogenität setzte, phasenweise Spannungen zwischen Ländern verhindert habe, machte aber deutlich, dass dieses gegenwärtig keine Lösung sei: „In einer Welt, die zunehmend globalisiert und digitalisiert ist, in der territoriale Grenzen immer weniger eine Rolle spielen, in der eine Regulierung der Migration und der Kampf gegen Klimawandel nur nationenübergreifend geführt werden kann, in einer solchen Welt sind supranationale Institutionen und ein universalistisches und kosmopolitisches Denken im Prinzip wesentlich geeigneter, effektive Antworten auf die Herausforderungen zu finden.“

Angst vor und Abwehr von Fremden entstehe bei einer defizitären Identität, so Gauck und wies mit dem Anthropologen Benedict Anderson darauf hin, dass die Nation keinesfalls etwas Naturgegebenes sei und keinen Ewigkeitswert besitze: „Wenn wir heute davon überzeugt sind, dass Nationen keine Erscheinungen von überzeitlicher Gültigkeit sind, sondern von Menschen gedacht und gemacht werden, dann steht es uns frei, Nation als Gemeinschaft auch anders zu denken und mit Leben zu füllen als die Gründer der Nationalstaaten es taten. Auch die Bedeutung der Nation unterliegt einem beständigen Wandel. Was aus ihr wird, hängt offenkundig wesentlich davon, welche Vorstellung die Menschen von ihr haben und umsetzen. Wer die Nation positiv bewertet, muss keineswegs zwangsläufig beim Nationalismus enden.“ Er warnte aber auch vor der Überlastung des Einzelnen: „Ein Nationalstaat darf sich allerdings auch nicht überfordern. Sogar der weltoffene Mensch gerät emotional und intellektuell an seine Grenzen, wenn sich Entwicklungen vor allem kultureller Art zu schnell und zu umfassend vollziehen.“

 

Podiumsdiskussion moderiert von Ulrich Wickert

Und so plädierte Gauck auch in der Podiumsdiskussion dafür, Differenzen zu akzeptieren und verwies darauf, dass ein übertriebener Nationalismus oft entstehe, weil anderes fehle. „Der Nationalbegriff darf nicht über Europa stehen, aber wir dürfen ihn auch nicht aufgeben“, so seine Forderung. Auch der Soziologe Prof. Dr. Ulrich Rosar verwies darauf, dass der Dualismus von ‚wir‘ und ‚die‘ konstitutiv sei für Gemeinschaften und Gesellschaften. „Identität wird durch soziale Zugehörigkeit definiert und dabei will natürlich jeder der Gruppe angehören, die positiv bewertet ist.“ Das bestätigte auch Prof. Dr. Reinhard Pietrowsky aus psychologischer Sicht. „Zunächst einmal ist Angst ein sinnvolles Gefühl. Aber Zivilisation bedeutet auch, Angst zu überwinden und dabei ist es wichtig, die Angst vor dem Fremden zu beleuchten, bevor sie überwunden werden kann. Erst durch mehrfachen Kontakt wird der Fremde vertraut. Und nur durch die Auseinandersetzung mit der eigenen Identität entsteht Reifung und das Wissen, wer man ist.“ Wissen um bzw. die Suche nach der eigenen Identität – diesen Prozess beschrieb auch die DAAD-Botschafterin Ouassima Laabich: „Ich bin Deutsche, Europäerin und Marokkanerin zugleich und erfahre immer wieder, dass dieses ‚mehr sein‘ andere verwirrt.“ Trotzdem aber ihre feste Überzeugung: „Es ist etwas Schönes, aus vielen Perspektiven und Kulturen zu schöpfen.“

Kontrovers wurde es in der Runde bei der Frage, nach einem Rückfall in unzivilisierte Zeiten. Dekan Rosar wies darauf hin, dass die Schicht der Zivilisation nur dünn sei: „Wir sollten nicht zu optimistisch sein, was die Möglichkeiten des Diskurses betrifft. Die Patina der Aufklärung ist dünn und wird durch den Alltag oft abgehobelt“. „Affektkontrolle ist möglich“ setzte der Alt-Bundespräsident dem entgegen und verwies darauf, dass dieses eben auch Fremden, die nach Deutschland kämen, deutlich gemacht werden müsse. Er jedenfalls blicke optimistisch in die Zukunft, weil es trotz aller Unsicherheiten keine fundamentale Verunsicherung und bei den meisten Deutscheneine große persönliche Zufriedenheit gebe.

Vorlesung und Podiumsdiskussion sind online abrufbar unter:

 

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Die nächste Vorlesung von Joachim Gauck findet am Mittwoch, 18. April um 16:00 Uhr in Hörsaal 3A statt. Die Heinrich-Heine-Gastprofessur ist ein Geschenk des Landes Nordrhein-Westfalen an die Universität zu ihrer Namensgebung im Jahr 1988. Vor Joachim Gauck waren u. a. Marcel Reich-Ranicki, Richard von Weizsäcker, Helmut Schmidt, Wolf Biermann, Siegfried Lenz, Durs Grünbein, Joschka Fischer, Karl Kardinal Lehmann und zuletzt Ulrich Wickert Heine-Gastprofessoren.

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