13.12.17 14:23

Heinrich-Heine-Wirtschaftsprofessur

Digitalisierung, Innovation und Nachhaltigkeit: Chemieindustrie im Wandel

Von: Carolin Grape

Am 6. Dezember konnten Studierende und Mitarbeiter der Heinrich-Heine-Universität den deutschen Spitzenmanager Dr. Kurt Bock, Vorstandsvorsitzender der BASF SE und Präsident des VCI, live an der Düsseldorfer Universität erleben. Im Rahmen der Heinrich-Heine-Wirtschaftsprofessur hielt er im bis auf den letzten Sitzplatz gefüllten Hörsaal 3D seinen ersten von insgesamt zwei öffentlichen Vorträgen. Dabei ging es in erster Linie um die Herausforderungen und Trends, mit denen sich die chemisch-pharmazeutische Industrie aktuell beschäftigt.

BASF-Vorstandsvorsitzender Dr. Kurt Bock gab tiefe Einblicke in eine Branche im Wandel. (Fotos: HHU / Wilfried Meyer)

Im Hörsaal 3D sprach Kurt Bock über die aktuellen Herausforderungen der Chemieindustrie und Innovationen für eine nachhaltige Zukunft.

 

 

In einer einführenden Bestimmung des Status Quo betonte er die wirtschaftliche Bedeutung der Branche: Bei Umsatz, Investitionen sowie Forschung und Entwicklung belege sie unter allen Branchen Spitzenpositionen – auch im internationalen Vergleich: Weltweit stehe sie seit 2014 auf Platz drei hinter China und den USA, in Europa mit einem Umsatz von rund 195 Mrd. Euro (2017) mit Abstand auf Platz eins. Die Auslastung der Anlagen sei hoch. Das Auslandsgeschäft profitiere von der Nachfrage aus China, der Belebung der US-amerikanischen Wirtschaft und der wirtschaftlichen Stabilisierung in den Schwellenländern. Der Aufschwung in Deutschlands drittgößter Branche führe mit 451.500 Mitarbeitern zum höchsten Beschäftigungsstand seit dreizehn Jahren.

„Deutschland geht es gut, und auch unsere Chemiebranche ist erfolgreich. Wir tragen mit unseren Produkten und Innovationen maßgeblich zum wirtschaftlichen Erfolg bei. Doch wir dürfen uns nicht auf den Lorbeeren ausruhen“, so Bock. Die Welt der chemisch-pharmazeutischen Industrie befinde sich in einem tiefgreifenden Umbruch: die Globalisierung und die Digitalisierung von Wertschöpfungsketten veränderten die Produktion und die Geschäftsmodelle über Branchengrenzen hinweg. Das politische Ziel einer Kreislaufwirtschaft in der EU sowie die Vision eines weltweit klimaneutralen Wirtschaftens erforderten zudem das Konzept einer nachhaltigen Chemie 4.0. Dieses verbinde vorsorgenden Umwelt- und Gesundheitsschutz mit einer innovativen ökonomischen Strategie, die zugleich zu mehr Beschäftigung führe.

„Die vorausschauende Steuerung der Anlagen durch „Predictive Maintenance“, oder Logistik durch Funketiketten (RFID-Chips) sowie der punktgenaue Einsatz von Pflanzenschutz- und Düngemitteln durch „Digital Farming“ sind Beispiele für Anwendungsfelder, bei denen digitalisierte Informationen in der Chemieindustrie bereits zur Steigerung der Kosten-und Ressourceneffizienz genutzt werden“, so Kurt Bock und weiter, „Unter Chemie 4.0 verstehen wir mehr, als nur die Chancen zu nutzen, die sich durch die Digitalisierung eröffnen: Nachhaltigkeit wird zum umfassenden Leitbild und Zukunftskonzept für das Handeln der Branche. Mit unserer Nachhaltigkeitsinitiative Chemie3 werden wir mithilfe von 40 Indikatoren den Fortschritt unserer Branche künftig noch umfassender offen legen.“

Diese Indikatoren erfassen wirtschaftliche, ökologische und soziale Kriterien. Ihre Spannweite reicht von der Wettbewerbsfähigkeit der Chemie auf den globalen Märkten über den Ausstoß von Treibhausgasen bis hin zur Übernahmequote von Ausgebildeten.

Jedoch sei neben den Unternehmen ebenso die Politik gefordert, nachhaltige Entwicklung durch bessere Rahmenbedingungen zu stärken, vor allem in den Feldern Energiepolitik, Forschungsförderung und Ausbau der Infrastruktur.

Daher bedauerte Bock die schwierige Regierungsbildung in Berlin: „Es ist unbefriedigend, dass sich die Politik bisher nicht auf einen gemeinsamen Plan für die Zukunftssicherung des Standortes und der Modernisierung der Gesellschaft hat einigen können.“
Und er warnte - stellvertretend für die gesamte energieintensive Industrie in Deutschland - vor politischen Konzepten, die zu weiteren Erhöhungen der Strompreise und einer Gefährdung der Versorgungssicherheit führten: "Eine nationale CO2-Steuer oder einen überhasteten Ausstieg aus der Kohleverstromung sehe ich sehr kritisch." Die Klimaschutzpolitik in Deutschland müsse sich stattdessen auf Sektoren außerhalb des EU-Emissionshandels konzentrieren. Er betonte: „Nationale Regelungen zusätzlich zum EU-Emissionshandel wären nur Doppelregelungen ohne Nutzen für den Klimaschutz.“

Mit Blick auf die Innovationsstärke Deutschlands sprach er sich sowohl für die Stärkung der Projektförderung als auch für die Einführung einer steuerlichen Forschungsförderung aus.

Die Politik müsse weitere Anstrengungen zur Handelsliberalisierung und Definition internationaler Regeln unternehmen und auf effiziente und rechtssichere Regulierungen achten: „Die europäische Industrie braucht eine effizientere EU, die Ziele vorgibt, bei der Umsetzung jedoch offen für innovative Lösungen bleibt.“

Mit diesen klaren Botschaften beendete Kurt Bock nach 45 Minuten seinen Vortrag und nahm sich damit genug Zeit für eine sich anschließende Fragerunde. Die Zuhörer honorierten den diesjährigen Träger der Heinrich-Heine-Wirtschaftsprofessur mit viel Beifall.

Am 25. April 2018 geht es weiter, dann wird Dr. Kurt Bock nach einem Seminar mit Studierenden und Nachwuchswissenschaftlern den zweiten öffentlichen Vortrag halten.

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