Ich selbst werde in diesem Band mit meiner Antrittsvorlesung konfrontiert. Vieles ist in der Zwischenzeit geschehen. Was ist aus den Plänen geworden, die damals teils nur angedeutet, teils ausformuliert worden sind? Was habe ich, was hat das Rektorat in die Wege leiten können? Wie geht es weiter?
Die weit ausholende Vorlesung hatte zu einem wesentlichen Ziel, zu einer wesentlichen Aufgabe geführt. Diese lautete Autonomie – und zwar Autonomie für die Universität und Autonomie auch für die Menschen, die die universitäre Gemeinschaft bilden. Was waren die Wege, auf denen dieses Ziel erreicht werden sollte? Denn Selbstzweck kann Autonomie nicht sein – sie muss zu etwas führen: Autonomie für die Universität im Dienste der Wahrheit – so lautet das eine Ziel, umfassende Bildung für die Lehrenden und Lernenden – so das andere. Was muss die ‚universitas‘ der Lehrenden und Lernenden selbst tun, damit ihre Ansprüche nach innen und nach aussen ernst genommen werden? Dies sei an einigen wenigen Beispielen zumindest angedeutet.
Das "Studium Universale" ist zu Beginn des Wintersemesters 2004/05 eingerichtet worden. In einer ersten Stufe ist es zunächst für diejenigen gedacht, die im Rahmen eines Bachelor-Studiengangs einen allgemeinen Wahlpflichtbereich besuchen müssen. In einer zweiten Stufe soll das "Studium Universale" im Wintersemester 2005/06 für alle Studierenden der Universität geöffnet werden. Im darauf folgenden Wintersemester 2006/07 soll das Lehrangebot auch den Bürgern der Stadt offen stehen.
Das Ziel allgemeiner Bildung wird ebenfalls über den Aspekt der Kunst auf dem Campus angestrebt. Ein Master-Seminar des Studiengangs Kunstgeschichte wird am 1. Februar 2005 eine Reihe von Entwürfen vorstellen, wie der Campus durch einen Kunstpfad gestaltet werden kann. Am 15. Oktober 2004 wurde eine Statue Michael Irmers der Öffentlichkeit übergeben. Damit konnte gleich zu Beginn des Wintersemesters 2004/05 ein Akzent an der Nordseite des Rektorates gesetzt werden. Im Sommersemester 2005, so jedenfalls ist zu hoffen, wird mit einer Skulptur Thomas Schönauers ein Akzent auch im Süden des Rektorates gesetzt werden können.
Wichtig ist die Kommunikation innerhalb und ausserhalb der Universität. Der "Faculty Club" versammelt auf Schloss Mickeln einmal im Monat Professoren und Gäste der Universität zu ausgewählten Themen – so etwa im November 2004 zu der engen Kooperation mit dem Forschungszentrum Jülich. Die Pressestelle ist um eine Pressereferentin für das Universitätsklinikum erweitert worden, eine weitere Stelle wird folgen – und ebenso eine neue Konzeption bis hin zu einer Zeitung für Studierende und einer Zeitung für die Mitarbeiter der Universität. Die interne und externe Öffentlichkeitsarbeit soll schliesslich zu einem aktiven Universitäts-Marketing führen.
Besonders fruchtbar gestaltet sich das Verhältnis mit der Stadt Düsseldorf. Die Vortragsreihe "Universität in der Stadt" ist inzwischen fest etabliert: ca. 200, meist fachlich vorgebildete Besucher finden sich jeweils ein. Die Universität wird in das Begabtenförderprogramm der Stadt aufgenommen: frühzeitig die Universität kennen lernen ist das Programm. Die Stadt hat einen "Wissenschaftsrat Düsseldorf" eingerichtet. "Wissenschaft als Wirtschafts- und Standortfaktor" wird der Gegenstand einer Stiftungsprofessur der Stadt werden. Zwei weitere Stadt-Professuren werden derzeit an der Heinrich-Heine-Universität eingerichtet – eine Junior-Professur für die "Geschichte der Gartenkunst und Landschaftskultur" und eine Professur für deutsche Literatur, die zugleich mit der Leitung des Heinrich-Heine-Instituts der Stadt betraut werden soll.
Ein gutes Studium, eine gute Lehre sind nur auf der Grundlage guter Forschung möglich. Gemeinsam lehren, lernen und forschen – das ist das Ziel. Für die medizinischen und lebenswissenschaftlichen Sonderforschungsbereiche und Graduiertenkollegs gibt es mit dem Biologisch-Medizinischen Forschungszentrum bereits eine – renommierte – Basis für die interfakultäre Kooperation. Das Humanwissenschaftlich-Medizinische Forschungszentrum (HMFZ) wird ein neues Fundament für die Zusammenarbeit zwischen der Medizinischen, der Philosophischen, der Wirtschaftswissenschaftlichen und der Juristischen Fakultät werden. Am Tag der Forschung wurde am 14. November 2004 das HMFZ der interessierten Öffentlichkeit von Universität und Stadt vorgestellt. Die Patientenverfügung war das aktuelle Thema. Im Jahre 2005 wird das HMFZ auch formal in der Universität etabliert werden.
In der Forschung geht es jetzt darum, für die gesamte Universität ein übergreifendes Forschungsprogramm zu entwickeln, das gemeinsame Aspekte der bestehenden Forschungsschwerpunkte aufgreift und schlüssig fortführt. Dies soll dazu führen, dass sich die Universität an dem bundesweiten Exzellenz-Wettbewerb beteiligen kann, den es hoffentlich einmal geben wird. In der Lehre sind nahezu sämtliche Studiengänge, die es betrifft, inzwischen nach dem Bachelor- / Master-Programm umgestellt. Die Evaluation von Studium und Lehre ist inzwischen selbstverständlich. Besonders an der Heinrich- Heine-Universität ist, dass diese ‚online‘ durchgeführt werden kann. Im ‚e-learning‘, seit langem auch in bundesweiten Unternehmen etabliert, nimmt die Universität seit dem Wintersemester 2004/05 an der ebenfalls bundesweiten Qualifizierungsinitiative e- teaching teil ( http://www.e-teaching.org/hochschule/uni-duesseldorf). Im Zuge des Bologna-Prozesses und des Zieles, einen Europäischen Hochschulraum aufzubauen, gründet die Universität ab 2005 ein Fremdsprachenzentrum. Die Studienangebote sollen weiter internationalisiert werden. Bilaterale Studiengänge werden sowohl im Master- wie auch im Graduiertenprogramm eingerichtet – so z. B. an der Deutsch-Französischen und Deutsch-Italienischen Hochschule. Auch im Rahmen des Erasmus-Mundus- Programms, also in den international vernetzten und akkreditierten Master- Studiengängen, wird die Universität aktiv. Mit ihren exzellenten Beziehungen zu Israel fungiert die Universität als "Leithochschule" für die anderen Hochschulen des Landes Nordrhein-Westfalens. Viele weitere akademische Arbeiten haben das Jahr bestimmt. Wesentlich waren im Herbst und Winter 2003/04 das Hochschulkonzept 2010 sowie im Herbst 2004 die Zielvereinbarungen mit dem Ministerium für Wissenschaft und Forschung. Die Zielvereinbarungen, nunmehr offenbar das Steuerungsinstrument der Hochschulpolitik, werden im Frühjahr 2005 feierlich unterzeichnet werden.
Die Arbeiten sowohl für Planung und Finanzen als auch für die Verwaltung sind von fundamentalen Neuerungen im Hochschulrecht gekennzeichnet. Das neue Hochschulrecht, das Gesetz zur Weiterentwicklung der Hochschulreform, bringt ab dem 1. Januar 2005 wesentliche Neuerungen mit sich. Es wird nicht nur die Berufung von Professoren in die Hand der Hochschulen gelegt. Vielmehr wird mit der sogenannten W-Besoldung ab dem 1. Januar 2005 auch ein völlig geändertes Laufbahn- und Besoldungssystem für Hochschullehrer eingeführt. Die Auswahl der Bewerber für die bundesweiten NC- Fächer wird ab dem Wintersemester 2005 an die Hochschulen übergeben. Die Universitäten werden ab dem 1. Januar 2006 einen sogenannten Globalhaushalt haben. Anders als im kameralistischen Modell bekommen die Universitäten dann eine Gesamtsumme, die frei bewirtschaftet werden soll. Viele Aufgaben, die bislang vom Ministerium für Wissenschaft und Forschung geregelt wurden, gehen dann auf die Hochschulen über. Im Sinne der Autonomie ist dieser Rückzug des Staates aus traditionellen Aufgaben willkommen, gleichwohl aber stets mit vielen weiteren, teils neuen Aufgaben für die Universitäten verbunden. Allein das Studienkonten- und Finanzierungsgesetz hat in diesem Jahr den Universitäten erheblich mehr Arbeit verschafft.
Hier ist tatsächlich ein Paradigmenwechsel im Gange, der nicht mit blossen Reaktionen abgefangen werden kann. Die Universitätsverwaltungen werden sich aus ihrem staatlich- administrativen Denken einer nachgeordneten Behörde lösen und zu einem Dienstleistungsunternehmen für die Belange ihrer Universität werden müssen. Es geht schlicht darum, die anstehenden Aufgaben zukunftsträchtig zu gestalten. So muss die Hochschule beispielsweise die Betreuung der Studierenden völlig neu organisieren. Die Studierenden sind der Daseins-Grund einer Universität. Um die Studierenden werden die Universitäten demnächst heftig konkurrieren. Die Aktivitäten des Studierendensekretariats, des Akademischen Prüfungsamtes und der zentralen Studienberatung sind zusammenzufassen. In diesem Zusammenhang wird die enge Kooperation mit denjenigen Bereichen des Studentenwerkes angestrebt, die (ebenfalls) die soziale Betreuung der Studierenden (z. B. BAföG) zum Gegenstand haben.
Alle diese Aktivitäten sind auf ein fernes Ziel gerichtet: die Autonomie der Heinrich- Heine-Universität – etwa in der Form einer rechtsfähigen Körperschaft. Autonomie, so haben wir eingangs festgestellt, ist für uns kein Selbstzweck. Autonomie ist vielmehr die unbedingte, seit alters her überlieferte Voraussetzung des freien Forschens, Wissens, Lernens und Lehrens im Dienste der Wahrheit. Dies wiederum ist die Grundlage, um den Weg in die Wissensgesellschaft weiter erfolgreich gehen zu können. Auch Bildung ist kein Selbstzweck. Bildung ist vielmehr die unbedingte Voraussetzung, dass nur in den Wissenschaften, in den Künsten, in den Fragen letzter Bindungen sowohl rational als auch emotional und leiblich gebildete Menschen die wissensbasierte Weltgesellschaft im Dienste aller mit gestalten können. Nur Bildung hilft den Menschen, den aktuellen Anforderungen an eine autonome ‚universitas‘ gerecht werden zu können. Autonomie und Bildung, diese Werte und Ziele sollen unser Handeln nach innen und unser Bild nach aussen bestimmen, dies ist unsere "Idee der Universität". Die kommenden Jahre werden für die Universitäten noch mehr Neues bringen als dies in den vergangenen Jahren der Fall war. In diese Zeiten soll uns unsere Idee der Universität der Wegweiser sein.
Und abschliessend gilt mein Dank, gilt der Dank des Rektorates, gilt der Dank der Universität Hans Süssmuth.
Düsseldorf, an Weihnachten 2004

0211/81-00

