Das Bild zeigt die vier zu Beginn des 17. Jahrhunderts bekannten Weltteile: Europa und Asien, Afrika und Amerika.
Die Weltteile werden jeweils durch Frauen repräsentiert, begleitet von kräftigen Männern. Sie verkörpern das lebensbejahende Element dieser Kontinente, das Wasser, das die Erdteile durchströmt und in einem zumindest erheblichen Umfang in den wichtigsten Flüssen dieser Kontinente, in der Donau und im Ganges, im Nil und im Amazonas oder auch, nach anderer Deutung, im Rio de la Plata zusammenfließt, bevor es in den Ozean gespült wird.
Rubens stellt in seiner Darstellung ganz offensichtlich in erster Linie auf die natürlichen Kräfte ab und macht sie in Abkehr von der überkommenen Ikonographie zu den herausragenden Kennzeichen seiner Europa und Asia, seiner Afrika und seiner noch vergleichsweise jungen, "träumerisch-erstaunt aufblickenden"1 Amerika. Alle Figuren sind deshalb nackt gemalt worden. Die Identität der Weltteile ergibt sich für Rubens aus den jeweiligen Quellen der Natur, zu deren Entfaltung und Nutzung die unterschiedlichen menschlichen Erfindungen, wenn man will: die unterschiedlichen Kulturen, kreiert wurden. So sieht Rubens eigens auch die europäische Schifffahrt im Dienst der Natur.2
Ohne Frage würde es sich lohnen, nach der natürlichen Identität Europas zu fragen und sie von den natürlichen Eigenheiten anderer Kontinente abzusetzen. Gleichwohl soll dieser Weg an dieser Stelle links liegen gelassen werden, um einem anderen zu folgen, der zu Aufschlüssen über die kulturelle Identität Europas zu führen verspricht. Die ins Auge gefasste Wegstrecke soll mit einer Erinnerung an die eigene Schulzeit beginnen. In ihr wurde Europa nicht als ein Synonym für Frieden vorgestellt, als das es heute, nach einer mehr als 50 Jahre währenden Zeit ohne kriegerische Kampfhandlungen, vorderhand erscheinen mag. Vielmehr war die Rede vom Perserkrieg (5. Jahrhundert v. Chr.) und vom Peloponnesischen Krieg (431-404 v. Chr.), von den Punischen Kriegen (264-241, 218-201, 149-146 v. Chr.) und vom Kampf Roms gegen die Kimbern und Teutonen (102 u. 101 v. Chr.), vom Gallischen Krieg eines Julius Cäsar (58-51 v. Chr.), von der Völkerwanderungszeit und einer (kriegerischen) Christianisierung unter dem heute gern als Europäer gefeierten Karl dem Großen, von den Eroberungen der Normannen und dem Investiturstreit, von Kreuzzügen, dem Hundertjährigen Krieg zwischen Frankreich und England im 14. und 15. Jahrhundert (1337-1453), vom Achtzigjährigen Krieg niederländischer Provinzen gegen die Spanier (1568-1648), von den Bauern- und den Hugenottenkriegen des 16. Jahrhunderts, dem Dreißigjährigen Krieg und den Erbfolgekriegen des 17. und 18. Jahrhunderts, von den Napoleonischen Kriegen (1792-1807, 1808-1812) und dem Krimkrieg (1853-1856), von den Balkankriegen des 20. Jahrhunderts sowie, last but not least, vom Ersten und Zweiten Weltkrieg.
Sind damit Zeichen einer europäischen Identität gesetzt, die Europa als jenen "dunklen Kontinent" erscheinen lassen, von dem Mark Mazower, allerdings ausschließlich bezogen auf das 20. Jahrhundert, spricht3 und zu dessen Charakteristika jahrhundertelang ein gnadenloses Blutvergießen und ein großes menschliches Elend gehörte, obwohl es immer auch Friedenssehnsucht und Verständigungsbereitschaft gab?4 Kann also einem Bürger der außereuropäischen Welt, einem Marokkaner, Japaner, Bolivianer oder Neuseeländer etwa, der den geographisch nur schwer zu umreißenden Erdteil Europa in seinen markanten Grundzügen näher kennen lernen möchte,5 das Gemeinsame Europas anders geschildert werden als dadurch, dass auf die mehr oder weniger langen, mehr oder weniger grausamen Gemetzel verwiesen wird, die an unterschiedlichen Plätzen, zu Wasser, zu Lande und seit einiger Zeit auch in der Luft, geführt wurden?
Solch düstere Aussicht, durch einen Blick in die europäische Geschichte unverrückbar eröffnet, wird nicht milder dadurch, dass zur europäischen Identität auch religiöse, politische und rassische Verfolgung ebenso gehören wie Folter, Hexenverbrennung oder Massenvernichtungen, Unterdrückung und Gewissenszwang, Herrschaftsanmaßung, Diktatur und Ausbeutung. "Wenn man mir sagt, dass Europa das Land des Rechts ist, so denke ich an Willkür", schreibt der französische Historiker Jean-Baptiste Duroselle,
| dass es das Land der Menschenwürde ist, so denke ich an Rassismus; dass es das Land der Vernunft ist, so denke ich an romantische Schwärmereien. Und Gerechtigkeit finde ich auch in Pennsylvania, Menschenwürde auch bei den arabischen Nationalisten, Vernunft überall in der Welt, wenn man davon ausgeht, dass, wie Descartes sagt, der gesunde Menschenverstand die am meisten verbreitete Sache der Welt sei. (Schulze 1994: 19) |
Über die von Weidenfeld unterbreiteten Feststellungen hinaus muss z. B. auch auf die mannigfachen Bemühungen verwiesen werden, Europa für alle überschaubaren Zeiten gegen Bedrohungen von außerhalb zu behaupten. Europa war zudem stets ein Kontinent "in Bewegung"6. "Mit der Erschließung Amerikas hatte sich Europa definitiv von einem Einwanderungskontinent7 [... ] in einen Auswanderungskontinent gewandelt", schreibt Massimo Livi Bacci (1999: 219). Weiter heißt es in seiner Abhandlung:
| In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurden der Einwanderung erneut Tür und Tor geöffnet, teils durch das Ende der Kolonialreiche, teils aufgrund der Nachfrage nach Arbeitskräften, die eine langsamer wachsende Bevölkerung nicht befriedigen konnte, welche zunehmend weniger bereit war, bestimmte Tätigkeiten auszuüben. (Bacci 1999: 219) |
Erinnert sei nur an das Rheinland oder an Teile Preußens, an Tirol und Venetien, an Siebenbürgen und Bessarabien, die allesamt eine Vielfalt wechselnder Herrschaften erlebten.
Gegenwärtig wird nach europäischer Identität gefragt, weil in einer Zeit, in der die Begegnung mit dem Fremden zum Alltag geworden ist, mehr denn je Klarheit über das Eigene nötig erscheint – nicht zuletzt auch über europäische Staaten, über europäische Gesellschaften und über die Bürger, die in ihnen leben und arbeiten und kulturell sehr unterschiedlich geprägt sein können.
Man kann aus sachlichem Interesse fragen, zum Beispiel um zu erfahren, wie das Feld möglicher europäischer Gemeinsamkeit überhaupt abgesteckt werden soll, nachdem bei einem Blick in den Atlas deutlich wird, dass die Geographie unterschiedliche Antworten erlaubt und man nicht sicher sein kann, dass heutige Vorstellungen von den geographischen Ausmaßen Europas als historisch fix betrachtet werden dürfen.
Man kann die Frage nach der europäischen Identität aber auch deshalb aufwerfen, weil sie von Bürgerinnen und Bürgern anderer Kontinente nahegelegt wird. Diese werden wissen wollen, von wem und unter welchen Voraussetzungen ein Imperialismus veranstaltet wurde, der ihre Staaten zu Zulieferern fremden Wohlstands degradierte oder noch degradiert. Bezeichnenderweise lässt sich der nur beispielhaft zu erwähnenden Düsseldorfer Dissertation des aus Lakota, Elfenbeinküste, stammenden jungen Afrikaners Gbota Dabo der unmissverständliche Vorwurf entnehmen, Europa missbrauche seine wirtschaftliche Sonderstellung und gefährde die unabhängige wirtschaftliche Entwicklung in Afrika.9
Schließlich wird die Frage nach der europäischen Identität durch Krisensymptome angestoßen, die in der Öffentlichkeit Europa zugeschrieben werden – sei es, weil Europa im Wettbewerb mit den USA an wirtschaftlicher und im Übrigen offensichtlich auch an militärischer Kraft verloren hat, sei es, dass Europa sich im ideologischen Wettbewerb mit kommunistischen Großmächten wie der UdSSR oder China als bedroht ansah, sei es auch, dass Europa nach kriegerischen Auseinandersetzungen auf eigenem Boden um die eigene, historisch zugewachsene Rolle rang und ringt und sich politisch durch die Überwindung von Nationalismen zu behaupten suchte und sucht.
"Europa hat sich immer nur gegen etwas, nie für etwas zusammenschließen können", resümiert Hagen Schulze (1994: 13) seine Betrachtungen zum Thema "europäische Identität". Und der Autor verweist zur Stützung seiner Feststellung auf den britischen Historiker Geoffrey Barraclough, der in seinem Werk European Union in Thought and Action schon 1963 meinte:
| Die auffälligste Schwäche der europäischen Idee ist, dass sie stark nur solange bleibt, wie die Bedrohung Europas stark bleibt; es ist nur eine befristete Einigkeit, die auf einer zeitweiligen oder auch nur vermuteten Gemeinsamkeit der Interessen beruht und schnell zerfällt, sobald der unmittelbare Zweck weniger dringend ist. (zitiert nach: Schulze 1994: 13f.) |
Die europäische Identität ist in ihrem Kern dreipolig. Sie baut auf kulturellen, religiösen und politischen Gemeinsamkeiten der Vergangenheit auf, gründet voluntativ zugleich aber auch auf einem zur institutionellen Vergemeinschaftung führenden Pragmatismus11 und orientiert sich an den auf Selbsterhalt und Stabilität abzielenden Zukunftserwartungen.12 Gerade Letzteres kann erklären, warum die dunklen Seiten der – gemeinsamen – Vergangenheit nur allzu gern ausgeblendet werden, wenn und soweit sie zur Rechtfertigung des Programms von einer europäischen Identität nicht unbedingt erforderlich scheinen.
Unter den beschriebenen Voraussetzungen ist es konsequent, der europäischen Identität im Folgenden unter zwei entgegengesetzten Gesichtspunkten weiter nachzugehen: dem der Vergangenheit, auf der die europäische Identität in ihrer gegenwärtigen Aktualität gründet, und dem der Zukunft, zu deren Gestaltungsprinzipien die Anerkennung europäischer Identität nach dem Willen ihrer Verfechter gehören soll. Bevor nun allerdings, zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft wechselnd, die Aufmerksamkeit dem "kollektiven, imaginären Entwurf"13 Europas gilt, seien Bemerkungen zu dem Raum eingeschoben, auf den sich europäische Identität beziehen kann.
Für die Phönizier war Europa das Land im Westen, in dem die Sonne untergeht, "erebu", im Gegensatz zu "asu", dem Land, in dem die Sonne aufgeht.14 Das phönizische Wort wurde von den Griechen übernommen. Sie bezeichneten mit Europa das Land jenseits des Nordens, das Land der Barbaren,15 darüber hinaus aber auch die Person, die sie – im Mythos von der Entführung der Europa durch einen zum Stier verwandelten Zeus – von Phönizien nach Kreta gebracht sahen. Später wurde das makedonische Großreich unter Philipp II. und Alexander dem Großen als Europa bezeichnet, das von der persischen Kultur grundverschieden war und politisch den Persern feindlich gegenüberstand.16
In dem auf Alexander den Großen folgenden Jahrhundert sollte Europa weitgehend aus dem Sprach- und Darstellungsgebrauch der Geographen verschwinden. Europa rückte angesichts der Verlagerung des wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Entwicklungsschwerpunktes in den Mittelmeerraum an den Rand räumlicher Orientierung.17
Erst in der Spätantike trat Europa wieder in den Vordergrund, als nämlich der nördliche Rand des Mittelmeerraumes von den Hunnen und Goten durchzogen und der nördliche Teil des Römischen Reiches verheert wurde. In Europa vermischte sich die Zivilisation Roms mit den fremden Völkern aus dem Norden bzw. Skandinavien.18
Von Papst Gregor dem Großen ist eine verschobene Begriffsbestimmung von Europa überliefert. Für ihn war im 6. Jahrhundert Europa der christianisierte Teil des zerfallenden Römischen Reiches.19
Europa sollte in den folgenden Jahrhunderten ein Begriff für dasjenige Areal bleiben, auf das sich nicht zuletzt in Auseinandersetzung mit religiösen, politischen oder auch kulturellen Widersachern der eigene Herrschaftswille konzentrierte. Es waren, um nur ein Beispiel zu nennen, im 8. Jahrhundert eben die Europäer, "europenses"20, die unter Karl Martell gegen vordringende Araber zu Felde zogen. Später waren es die Goldene Horde und die Ungarn, dann vor allem die Türken, die eine Gegenwehr Europas provozierten und eine Verteidigung der europäischen Zivilisation unabdingbar erscheinen ließen. Peter der Große war im 17. und 18. Jahrhundert von dieser Zivilisation so angetan, dass er westliche Technologien und Fertigkeiten sowie Handwerker und Sachverständige nach Russland holte,21 um so Europa bis an die Grenze seines gedachten Herrschaftsraumes ausdehnen zu können, also bis zu einer von der Karasee über das Uralgebiet und den Uralfluss zum Kaspischen Meer verlaufenden Linie.22
Die Absichten Peters des Großen sind gescheitert. Im anderen Fall wäre Europa als Begriff möglicherweise untergegangen und durch eine im 18. Jahrhundert unter den Kartographen diskutierte Alternative, durch den Begriff "West-Asien", ersetzt worden.23
Rund 100 Jahre nach Peter dem Großen reklamierten sowohl der österreichische Haus-, Hof- und Staatskanzler Fürst von Metternich als auch der französische Kaiser Napoleon Europa für sich, geographisch eingegrenzt nach Maßgabe ihrer jeweiligen, mal antirevolutionären, mal revolutionären Herrschaftsansprüche. "Mein Vaterland ist Europa"24, meinte Metternich, wohl in Anspielung auf die "Europa Regina", als die das Habsburgerreich bereits im 16. Jahrhundert allegorisch dargestellt worden war.25 Napoleon sah sich "gezwungen", "Europa" zu "bändigen" und ihm "neue Ideen" einzuimpfen, "die niemals vergehen werden".26
Weder von Metternichs noch Napoleons geographisches Europa sollten Bestand haben. "Seit den Tagen der Französischen Revolution und Napoleons", so schreibt Hagen Schulze (1994: 12),
| [... ]kennen wir die Selbstzerfleischung Europas im Namen Europas, also den europäischen Bürgerkrieg.[... ] Während der Erdteil in Nationalstaaten zerfiel, während der Nationalismus die Massen ergriff und die Völker in mörderischsten Kriege aller Zeiten stürzte, blieb Europa als Idee lebendig, neigte aber dazu, zur Parteiparole zu verkommen. |
Es bleibt also festzuhalten: Der geographische Raum Europa ist an seinen Außengrenzen nicht exakt festgelegt und war im Laufe der Jahrhunderte zahlreichen Wandlungen unterworfen, die dem Wechsel der jeweiligen Gravitationspunkte folgten.
Die angesprochenen Wandlungen hängen auch damit zusammen, dass bis ins 15. Jahrhundert hinein die geographische Bezeichnung Europa noch nicht auf einem europäischen Bewusstsein fußte und somit einer gewissen Beliebigkeit nicht entbehrte. Erst die Eroberung Konstantinopels durch die Osmanen im Jahre 1453 und die in den folgenden Jahren anhaltende "Türkengefahr"27 sowie die gegen Ende des 15. Jahrhunderts einsetzende, auf der Besegelung der Meere beruhende europäische Expansion brachte ein Gefühl von Zusammengehörigkeit hervor, das sich in der Vorstellung von Europa als einer "festen Größe"28 , als einer "Art kulturell- geographischer Persönlichkeit"29 niederschlug. "Das Gefühl, ‚wir Europäer’", so erläutert der Historiker Wolfgang Schmale in seinem Buch Geschichte Europas (2001: 48), "entstand erst im Zuge der europäischen Expansion, als der Vergleich mit anderen Menschen in anderen, dazu noch bis dahin unbekannten Kontinenten nicht zuletzt über Flugblattholzschnitte dem ‚gemeinen Mann’ nahegebracht wurde". Historisch gehörte zur Ende des 15. Jahrhunderts einsetzenden europäischen Geschichte die Bewahrung der antiken Philosophie ebenso wie die Achtung christlicher Lehren, eine nicht zuletzt von den Humanisten vorangetriebene, wachsende Bedeutung des Individuums, aber auch die Stadt mit ihren nach kapitalistischen Vorgaben operierenden Produktionsstätten und Märkten. Max Weber sah in der frühen Neuzeit einen "modernen, okzidentalen Rationalismus"30 aufkeimen, der die kritische Auseinandersetzung auf allen Feldern des Lebens förderte und somit auch die Entfaltung der Naturwissenschaften begünstigte, die nach und nach an Leistungskraft gewannen. Zur europäischen Geschichte gehörte darüber hinaus, dass das Christentum die Sitten und Bräuche weiterhin entscheidend prägte und demgemäß das Verhalten der Gläubigen zueinander wie das Verhalten der gläubigen Christen zu den anderen Religionen beeinflusste. Juden und Christen konnten prinzipiell unbehelligt, aber gleichwohl nicht gleichberechtigt nebeneinander leben.31 Mancher Christ hoffte, dass ihm nunmehr die Rolle des Auserwählten zufalle, die vormals den Juden galt. Dabei mochte der ein oder andere dann unterstellen, dass sich an der Spitze einer christlich-calvinistisch geprägten "Republik der Vereinigten Niederlande" ein neuer David jedem auftretenden Saul gegenüberstelle32 und dass mit den "Vereinigten Niederlanden" ein neues Israel erwachse, das jedem Niederländer die Identifikation "mit Gottes alttestamentlichem Volk" erlaube.33
Zur europäischen Geschichte gehörte auch die politisch, sozial und vor allem theologisch begründete Reformation, die die Christen in Katholiken und Protestanten trennte und ein sichtbares Zeichen dafür war, dass man kritisch zu denken und zu prüfen gelernt hatte, wo zuvor nur der Glaube jegliches Wissen vorgegeben hatte.
Erwähnt sei auch die Rolle, die die Rechtsvereinheitlichung für die europäische Geschichte gespielt hat. "Es lässt sich eine Linie von der Ausweitung des römischen Bürgerrechts in der Antike bis zur gegenwärtigen Rechtsvereinheitlichung im Rahmen der EU und der EU-Erweiterung feststellen", schreibt Schmale (2001: 196). Dem kanonischen wie dem römischen Recht wurde ein großes Gewicht zugewiesen, wenn auch zu beachten bleibt, dass die "Rezeption des römischen Rechts[... ] nicht überall gleichtief"34 reichte und mancherorts die gewachsenen Gewohnheitsrechte einen mindestens ebenbürtigen Rang erhielten.35 In der frühen Neuzeit erhielt das überkommene Recht in Europa eine Neuordnung aus dem Naturrecht. Die Natur wurde zum Quell aller Ordnung, ganz so, wie es Peter Paul Rubens in seiner gemalten Darstellung der vier Weltteile wiedergegeben hatte. Auf der Linie dieser Entwicklung lag dann auch das Aufkommen von Menschenrechtsbestimmungen in Europa, wie sie die Habeas Corpus Act (1679) oder auch die Bill of Rights (1689) enthalten, später dann die Menschenrechtserklärung vom August 1789, die in die französische Verfassung von 1791 eingehen sollte.
Das Ringen um erweiterte politische Teilhaberechte der Untertanen an der Herrschaftsausübung kennzeichnete in Europa das 19. Jahrhundert. In den modernen Nationalstaaten, die im 19. Jahrhundert in Europa errichtet wurden, ging es um mehr Freiheiten für die Bürger – unabhängig von ihrer sozialen Stellung, wie die einen meinten, und abhängig von der gegenwärtigen sozialen Stellung, wie die Liberalen glaubten. Zugleich ging es um die Ausformung demokratischer Grundstrukturen in den europäischen Verfassungen, vor allem um ein Wahlrecht für die relativ kleine Gruppe derer, die es in ihrem bürgerlichen Leben zu etwas gebracht hatten und ihre Leistungsfähigkeit durch Grundbesitz oder beachtliche finanzielle Abgaben unter Beweis zu stellen in der Lage waren.
Das Wahlrecht galt im 19. Jahrhundert in der Regel den Männern. Erst das 20. Jahrhundert sollte in einem nennenswerten Umfang die Demokratie für Frauen öffnen.
In der Zeit, in der "der Nationsgedanke das eigentliche geistig-politische Gravitationszentrum bildete", geriet der Europagedanke "lange Zeit eher in [die] Defensive".36 Erst nach dem Ersten Weltkrieg setzte ein nennenswerter Europäismus ein, der sich noch im Zweiten Weltkrieg zur Entwicklung neuer Europaprogramme verdichten sollte.
Verfolgte und vom Faschismus oder Nationalsozialismus Unterdrückte vieler europäischer Länder, ganz besonders aber solche, die in der Schweiz Zuflucht gefunden hatten, nahmen die mannigfachen Europaideen der Vergangenheit wieder auf, um, ausgehend von der Prämisse einer europäischen Identität, eine neue Zukunft Europas zu entwerfen, in der die Nationalstaaten überwunden waren und letztlich eine europäische Gesellschaft und ein europäischer Staat friedensstiftend an ihre Stelle traten. Ein Kreis europäischer Widerstandskämpfer um Willem Visser’t Hooft meinte im Jahre 1944:
| Der Frieden in Europa stellt den Schlüssel zum Frieden in der Welt dar. Tatsächlich ist Europa im Zeitraum einer einzigen Generation das Auslösezentrum zweier Weltkriege geworden, wobei hierfür wesentlich maßgebend war, dass auf diesem Kontinent 30 souveräne Staaten existieren. Es ist unerlässlich, gegen die Anarchie anzugehen, indem eine föderale Union für die europäischen Völker geschaffen wird. (zitiert nach: Schulze und Paul 1994: 387). |
Kontrolle Deutschlands, Vermeidung hegemonialer Vormachtstellungen, Schutz vor äußeren Gefahren nach Maßgabe verabredeter Solidarität, Sicherheit und Friedenswahrung, wirtschaftlicher Wiederaufbau und wirtschaftlicher Wohlstand, vor allem aber Freiheit und Selbstbehauptung37 wurden im Laufe der 50er Jahre des 20. Jahrhunderts, auch in Absetzung vom kommunistisch regierten Osteuropa, zu Schlüsselwörtern einer im Sinne Jean Monnets, des vielleicht umtriebigsten Protagonisten der europäischen Integration, auf induktive Vergemeinschaftung hin ausgerichteten europäischen Identitätsperspektive. Erst später kamen dann die Verbrechensbekämpfung – vor allem die Drogen- und Terrorismusbekämpfung – sowie ein nachhaltiger Umweltschutz hinzu. Die Einhaltung von Menschenrechten, die Verurteilung von Todesstrafe und Folterungen, auch die Pflege des kulturellen Erbes und in diesem Zusammenhang die Würdigung "rechtlicher, politischer und geistiger Werte"38 sowie die Achtung vor einer "gemeinsamen Lebensauffassung"39 wurden zu weiteren, markanten Elementen des "europäischen Einigungswerkes";40 später natürlich auch der Euro, der vom 1. Januar 2002 an die zum 1. Januar 1999 eingeführte Europäische Währungsunion sichtbar macht.
In der Bevölkerung blieb das Bewusstsein für die europäische Identität durchaus bescheiden, obwohl die Europapolitiken der Nachkriegszeit erfolgreich und zielstrebig waren, wenn man die Institutionalisierung Europas zum Maßstab erhebt.
"Nach den jüngsten Erhebungen des Euro Barometers", schreibt die Neue Zürcher Zeitung am 14. Juni 2002, "das den EU-Bürgern in regelmäßigen Abständen den Meinungs- und Stimmungspuls fühlt, empfinden sich fast 90 Prozent ausschließlich oder in erster Linie ihrer Nation zugehörig. Nur 9 Prozent fühlen sich vorrangig als Europäer".
Je länger das Ende des Zweiten Weltkrieges zurückliegt, desto mehr scheint jener euphorische Umgang mit europäischer Identität verflogen, der als ein sicheres Fundament für die weitere Entfaltung der Gemeinschaften gedacht war.
Ganz in diesem Sinne analysierte der deutsche Außenminister Joschka Fischer in seiner Grundsatzrede vom 12. Juni 2000 die Lage.41 Er hatte dabei die mögliche Erweiterung der EU um die fraglos zu Europa zu rechnenden osteuropäischen Staaten vor Augen:
| Es wäre "ein nicht wieder gut zu machender Konstruktionsfehler", meinte Fischer, "wenn man die Vollendung der politischen Integration gegen die vorhandenen nationalen Institutionen und Traditionen und nicht unter deren Einbeziehung versuchen würde. Ein solches Unternehmen müsste unter den historisch-kulturellen Bedingungen scheitern"42. |
Angesichts der zu Ende des 20. wie zu Beginn des 21. Jahrhunderts wieder lauter gewordenen nationalen Interessensbekundungen lag es nahe, mit den Mitteln der Europäischen Institutionen und neuen Ideen wie der Erarbeitung einer "Charta der Grundrechte der Europäischen Union"44 oder der Einberufung eines Europäischen Konventes im Februar 2002 einer solchen Entwicklung gegenzusteuern. Die Europa-Union Deutschlands erbrachte bereits am 28. Mai 1995 einen konstruktiven Beitrag, indem sie in Lübeck eine "Charta der europäischen Identität" beschloss.45 In ihr war und ist eindrucksvoll von Europa als "Schicksalsgemeinschaft", als "Wertegemeinschaft", als "Lebensgemeinschaft" sowie als "Wirtschafts- und Sozialgemeinschaft" die Rede.
In dem der Charta vorangestellten Vorwort von Václav Havel wird eine neue und unmissverständlich klare Selbstreflexion darüber gefordert, "was man europäische Identität nennen könnte", um zu einer "neuen und wirklich klaren Artikulation europäischer Verantwortlichkeit"46 zu gelangen.
Europäische Verantwortlichkeit und Kenntnisse von europäischer Identität oder doch zumindest von ihren Grundzügen erscheinen heute mehr denn je erforderlich, wenn Europa sich in der Welt als ein entscheidender Faktor einbringen und behaupten will. Die amerikanischen Historiker Felix Gilbert und David Clay Large haben in ihrem 2002 in fünfter Auflage (Erstauflage: 1970) erschienen Werk The End of the European Era. 1890 to the Present bereits das Ende einer europäischen Vorreiterrolle in der Welt beschrieben.47
Good bye, old Europe – oder doch nicht? Noch wird man wohl nicht mit dem Unterton der Endgültigkeit sagen dürfen, dass zur europäischen Identität des 21. Jahrhunderts unübersehbar hinzugehört, dass Europa ein politisch, wirtschaftlich und vor allem auch kulturell führender Kontinent gewesen ist.
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