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K M S Z D ü s s e l d o r f |
KMSZ Düsseldorf | (only in german) |
Der folgende Artikel entstammt der Zeitschrift GEO 11/96 (S.169) und wurde uns von der GEO-Redaktion freundlicherweise zur Verfügung gestellt. Heilung aus der NabelschnurStammzellen aus Nabelschnüren können Patienten mit Leukämie und anderen Blutkrankheiten helfen Ein präziser Schnitt, und schon landet die Nabelschnur im Abfall des Kreißsaals, hierzulande im letzten Jahr täglich über 2000mal. Das könnte sich ändern. Denn die nach der Geburt wertlose Verbindung zwischen Mutter und Kind vermag Todgeweihten das Leben zu retten - was der Fall einer jungen Französin mit "chronisch myeloischer Leukämie", einer der bösartigen Erkrankungen des Blutes, belegt. Fünf Jahre hatten die Ärzte vergebens nach einem geeigneten Spender für eine Knochenmark-Transplantation gesucht. Als sich der Zustand der Frau dramatisch verschlechterte, orderten sie im New York Blood Center eine Probe tiefgefroren gelagerten Blutes von nur 79 Millilitern. Gewonnen worden war sie aus einer Nabelschnur. In diesem fötalen Saft schwimmen, ebenso wie im Knochenmark, jene Stammzellen, aus denen alle ausgereiften Zellen des Blutes hervorgehen. Nachdem die Mediziner das entartete Knochenmark der Patientin mit Strahlen- und Chemotherapie zerstört hatten, injizierten sie ihr die Zellen des Blutes. Acht Monate später scheint die Frau zu gesunden. Dieser Fall und einige neue Studien lassen hoffen, daß auch mit Nabelschnurblut von Babys, die nicht mit dem Empfänger verwandt sind, Patienten mit Leukämie und anderen Bluterkrankungen zu helfen ist, und zwar nicht nur Kindern, sondern auch Erwachsenen, was bislang wegen der geringen "Blut-Ernte" aus der Nabelschnur - im Schnitt ein halbes Schnapsglas voll - nicht möglich zu sein schien. Sollten sich die Hoffnungen bestätigen, dann "kämen wir aus einem enormen Engpaß heraus", sagt Peter Wernet, Leiter der größten europäischen Nabelschnurblutbank im Universitätsklinikum Düsseldorf - und meint den eklatanten Mangel an geeignetem Spendermark. Die Transplantation von Knochenmark eines anderen Menschen ist oft die einzige Chance für Patienten vor allem mit bösartigen Erkrankungen des Blutes - in Deutschland rund 4000 Fälle pro Jahr. Die Hälfte der Kranken wartet vergebens. Ihre Hoffnung kollidiert mit einem prinzipiellen Segen der Natur: Damit unsere Immunabwehr stets "eigen" von "fremd" unterscheiden kann, präsentiert die Oberfläche unserer Zellen spezielle molekulare Signale - "HLA-Antigene", die einen Menschen ebenso individuell kennzeichnen wie ein Fingerabdruck.~Damit bei einer Transplantation der Empfängerorganismus oder auch die fremde Zellsubstanz nicht rebelliert, müssen sechs entscheidende HLA-Antigene bei Spender und Empfänger besonders gut übereinstimmen. Passen sie sämtlich zueinander - wie relativ oft unter Geschwistern -, so ist die Gefahr einer Abstoßungsreaktion gering. Zunächst wird gegebenenfalls nach einer solchen Übereinstimmung unter Verwandten gefahndet und bei Erfolglosigkeit danach in speziellen Computerverzeichnissen: In der Deutschen Knochenmarkspenderdatei etwa sind die Gewebemerkmale von 360000 freiwilligen Fremdspendern gespeichert. Immunologen akzeptieren dabei maximal eine "Fünf-zu-sechs-Übereinstimmung". "Beim Nabelschnurblut", erklärt Wernet, "ist die HLA-Grenze jedoch nicht so strikt wie beim Knochenmark zu setzen." Was eine neue Untersuchung von Joanne Kurtzberg und ihren Kollegen von der Duke University in Durham (USA) und vom New York Blood Center belegt: 24 Kinder und ein Erwachsener mit diversen bösartigen Bluterkrankungen erhielten eine Infusion von Nabelschnurblut. Ergebnis: Obwohl die jeweiligen Spender und Empfänger sich teilweise sogar in drei Gewebemerkmalen unterschieden, beobachteten die Ärzte nur zweimal eine Abstoßungsreaktion. Bei den 23 anderen Patienten nisteten sich die Stammzellen ein und produzierten gesunde Blutkörperchen und -plättchen. Ein Jahr danach hat etwa die Hälfte der sonst völlig chancenlosen Kranken überlebt. Gefürchtet ist bei Transplantationsmedizinern vor allem die "graft-versus-host-disease", kurz GVHD: Die Attacke der Spenderzellen verursacht beim Empfänger bestenfalls leichte Hautrötungen, schlimmstenfalls die Zerstörung der Leber. Die Stammzellen aus der Nabelschnur sind aber offenbar so "gutmütig", daß Kurtzberg nicht ein einziges Mal eine schwere akute oder chronische GVHD beobachtete, was sonst bei vergleichbaren Knochenmark-Transplantationen bei zwischen 30 und über 50 Prozent der Fälle vorkommt. Besonders angesichts dessen bewertet Peter Wernet die Zukunft der Nabelschnurblut-Transplantationen als "gut bis vorzüglich". In seinem Institut lagern derzeit rund 1200 Proben. Die jüngst von sieben Ländern gegründete Organisation "Eurocord" plant, weitere Banken einzurichten. Mit insgesamt 30000 Proben wäre, so der Düsseldorfer Mediziner, "der Bedarf in Europa zu decken" - wenngleich die "Nabelblutkur" bisher noch kein klinischer Standard ist, sondern "eine experimentelle Therapie". Schon bevor durch neue umfangreiche Studien noch offene Probleme geklärt werden sollen, steht ein weiterer enormer Vorteil dieser Behandlung bereits außer Zweifel: Nabelschnurblut ist, im Gegensatz zum Knochenmark erwachsener Menschen, kaum mit sonst mitunter tödlichen Infektionserregern behaftet. Last, not least wären laut Wernet Nabelschnurbluttransplantationen auf Dauer billiger als Knochenmarkverpflanzungen. Was gerade in Deutschland einem Mißstand entgegenwirken könnte: Hierzulande stehen viel zu wenige Krankenhausbetten für Transplantationspatienten zur Verfügung. "Wir stehen in der EU an vorletzter Stelle", klagt Wernet. Seine Vision: Mit dem gesparten Geld ließen sich weitere Betten einrichten. |
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