11. Oktober 1997
Klein, aber oho: Bärtierchen sind wahre Überlebenskünstler

40 Zoologen weltweit beschäftigen sich mit den winzigen Gliedertieren - Jährlich werden rund 20 neue Arten beschrieben

Von Susanne Liedtke


Sie haben lange geheimnisvolle Namen wie "Echiniscoides sigismundi" oder "Macrobiotus hufelandi". Sie leben in der Umgebung des Menschen, in Dachrinnen oder auf Pflanzen und sind auf der ganzen Welt zu Hause. Dennoch kennt sie kaum jemand, denn sie sind nur Bruchteile von Millimetern groß: die Bärtierchen oder Tardigraden, so ihr wissenschaftlicher Name.

Die kleinen Wesen stehen kaum im Mittelpunkt des wissenschaftlichen Interesses. Es gibt nur etwa 40 Zoologen weltweit, die sich mit ihnen beschäftigen, schätzt Professor Hartmut Greven vom Institut für Zoomorphologie, Zellbiologie und Parasitologie der Universität Düsseldorf. 28 von ihnen waren kürzlich seiner Einladung zum 7. Internationalen Tardigraden-Symposium gefolgt. Sie diskutierten neueste molekularbiologische Erkenntnisse über die Stellung der Tardigraden und verglichen sie mit älteren morphologischen Ergebnissen.

Zu welcher Gruppe sie gehören, ist noch nicht eindeutig geklärt. Seit den sechziger Jahren favorisieren die Forscher zwei Möglichkeiten. Die einen ordnen die achtbeinigen Winzlinge den Fadenwürmern zu, die anderen den Gliedertieren. Durch Analysen des Erbgutes und Vergleiche mit den Genen anderer Tiere ist nun die Zugehörigkeit zu den Gliedertieren, zu denen auch Insekten, Regenwürmer und Krebse gehören, bestätigt worden. Die Tiere tragen ihren Namen, weil sie unter dem Mikroskop an kleine Bären erinnern, die durchs Moos krabbeln. Sie sind zwischen 0,1 und 0,9 Millimeter groß. Ein Floh ist mit zwei bis drei Millimeter dreimal größer als die größten Tardigradenarten. Es gibt einen fossilen Vertreter: Die in kanadischen Bernstein eingeschlossene Art "Beorn leggi" hat immerhin 60 Millionen Jahre auf dem Buckel. Ihre heute lebenden Verwandten sind durchsichtig, farblos, auch gelb, braun, ziegelrot oder grün. Die kleinen Kerlchen lassen sich von extremen Umweltbedingungen nicht unterkriegen. Sie entwickelten Strategien, mit denen sie Trockenheit und Kälte überstehen. Sie leben meist in feuchten Kleinstbiotopen, auf altem Laub, an Pflanzenstengeln oder in Moospolstern. Trocknet ihre Umgebung kurzfristig aus, ziehen sich manche zusammen und bilden ein Tönnchen. In diesem Zustand, den Tardigradologen Anhydrobiose nennen, ertragen sie eine Temperatur von 96 Grad und überstehen sogar 21 Monate flüssiger Luft bei minus 200 Grad. Auch extrem hohe Röntgendosen können ihnen dann nichts anhaben. Der Körper enthält unter diesen Bedingungen nur noch etwa zwei Prozent Wasser, der Stoffwechsel kommt völlig zum Erliegen. Damit sie die Anhydrobiose unbeschadet überstehen, muß das Austrocknen jedoch langsam vonstatten gehen.

Andere Arten überdauern Trockenheit oder Kälte, indem sie Cysten bilden. Sie verlassen dann nicht, wie sonst bei der Häutung, ihre abgelegte Hülle, sondern verharren darin und bilden eine weitere Außenhaut, die besonders widerstandsfähig ist. In Cysten können sie aber längst nicht so extreme Bedingungen überstehen wie ihre tönnchenbildenden Verwandten. Manche, die keine Tönnchen oder Cysten bilden, überleben dennoch, wenn ihr Körper einfriert. Diesen Zustand nennen Experten Krypbiose. Zwei verschiedene Wege in die Eiszeit kennen die Bärtierchen: Die einen verhindern das Gefrieren ihrer Körperflüssigkeit durch eine höhere Konzentration an Zucker, die anderen ertragen eine Eisbildung in den Zellzwischenräumen.

Auf dem Düsseldorfer Symposium stellte Reinhardt MÏbjerg Kristensen vom Zoologischen Museum der Universität Kopenhagen eine neue antarktische Art vor. Der Däne, einer der "Päpste der Tardigradenforschung", schätzt, daß es etwa 10 000 Bärtierchenarten gibt. Bis jetzt sind davon erst rund 600 bekannt. Kristensen hat in seinem Archiv noch etwa 300 Exemplare, die auf eine Untersuchung warten. "Vor allem die marinen Arten sind noch weitestgehend unerforscht", sagt Hartmut Greven. Jedes Jahr werden nach seinen Angaben etwa 20 bis 25 neue Arten beschrieben.

Unter ihnen gibt es wahre Spezialisten: "Tetrakentron synaptae" lebt als Parasit nur an der bretonischen Küste auf einer bestimmten Seewalze. "Halobiotus crispae" bevorzugt Braunalgen auf der Insel Disko vor Grönland. Und "Thermozodium esakii" wurde sein exklusiver Geschmack zum Verhängnis: Er lebte in Algenpolstern nahe heißer Quellen in Japan und ist 1937 zum ersten und letzten Mal beschrieben worden. Sein Biotop wurde durch Erdbeben zerstört.


©Berliner Morgenpost 1997