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Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Nuklearmedizin


 AWMF-Leitlinien-Register  Nr. 031/039   Entwicklungsstufe:  1 

 

Empfehlungen zur Bestimmung der glomerulären Filtrationsrate bei Kindern

 

  1. Zielsetzung
  2. Zweck dieser Leitlinie ist es, dem nuklearmedizinischen Team Hilfestellung für die tägliche Routine zu geben. Diese Leitlinie enthält Informationen über Durchführung und Indikationen zur Bestimmung der glomerulären Filtrationsrate unter Verwendung von Blutproben bei Kindern.

    Das vorliegende Dokument wurde durch den Bericht des "Radionuclides in Nephrourology Committee" über die Nierenclearance [1] beeinflusst, spiegelt aber auch die speziellen europäischen Ansichten, z.B. zur Wahl des Radiopharmakons, wider. Diese Empfehlung fasst die Ansicht des Paediatric Committee der EANM zusammen und wurde an die aktuellen Gegebenheiten in Deutschland angepaßt. Sie sollte immer in Verbindung mit den allgemein gültigen Grundlagen der Nuklearmedizin sowie den lokalen und aktuellen nationalen Regelungen gesehen werden.

  3. Hintergrundinformationen und Definitionen
  4. Die Clearance einer Substanz durch die Nieren kann auf zwei verschiedene Arten erfolgen: glomeruläre Filtration oder tubuläre Sekretion. Von diesen beiden Prozessen ist die glomeruläre Filtrationsrate (GFR) der wahrscheinlich aussagekräftigste Parameter der Nierenfunktion. Unter Standardbedingungen ist die GFR relativ konstant und - anders als die tubuläre Sekretion - unabhängig vom Urinfluss. Diese Empfehlungen beschäftigen sich ausschließlich mit der Bestimmung der GFR.

    Der passive Prozess der glomerulären Filtration kann quantitativ durch die Messung der Clearancerate einer bestimmten Substanz aus dem Plasma bestimmt werden, unter Beachtung der folgenden Restriktionen:

    1. Die Substanz muss uneingeschränkt durch die glomeruläre Membran gefiltert werden.
    2. Sie darf nicht tubulär sezerniert oder reabsorbiert werden.
    3. Sie darf nicht an Plasmaproteine binden.
    4. Sie darf nicht die Nierenfunktion beeinflussen.
    5. Sie darf nicht über extrarenale Wege ausgeschieden werden.
    6. Sie muss metabolisch inert sein, das heißt, sie darf weder an andere Gewebe binden noch von diesen metabolisiert werden.

    Die oben angegebenen Kriterien müssen erfüllt sein, wenn die GFR durch die Verschwinderate der Substanz aus dem Plasma (oft als totale Plasmaclearance bezeichnet) bestimmt wird, da diese Methode von der Annahme ausgeht, dass die Ausscheidung aus dem Plasma ausschließlich über die Nieren erfolgt. Wird eine Urinsammlung mit den Plasmaproben verbunden (oft als renale Plasmaclearance bezeichnet) haben die Kriterien 5 und 6 eine geringere Bedeutung, da die renale Exkretion direkt gemessen wird.

    Die GFR kann indirekt aus der Plasmakreatinin-Konzentration abgeschätzt werden. Die Messung des Plasmakreatinins ist einfach, aber dieser Parameter ist unempfindlich gegenüber mäßigen Veränderungen der GFR, was bedeutet, dass ein Anstieg über die Normwerte erst dann zu finden ist, wenn die Nierenfunktion um etwa 50% reduziert ist.

    Es wurden mehrere Berechnungsverfahren zur Abschätzung der GFR publiziert, die alle auf Veränderungen des Plasmakreatinins durch biometrische Parameter [2-5] basieren. Alle Verfahren haben jedoch den Nachteil eines größeren individuellen Fehlers und der Standardfehler der Abschätzung kann bis zu 50ml/min betragen [6]. Darüber hinaus kann bei Verwendung dieser Methoden bei Patienten mit Nierenversagen der Effekt einer eiweißarmen Ernährung nicht beurteilt werden.

    Die direkte Abschätzung der GFR mit der Inulinclearance unter Verwendung einer kontinuierlichen Infusionstechnik sowie von Plasma- und Urinproben stellt die Referenzmethode für die Messung der GFR dar. Dieser Ansatz, der relativ komplex und invasiv ist, wird nicht in der klinischen Routinediagnostik verwendet. Die Bestimmung der endogenen Kreatininclearance dagegen wird generell als eine gute Methode bei Erwachsenen angesehen. Bei Kindern ist jedoch die Korrelation mit der Inulinclearance nur mäßig, selbst dann, wenn unter streng kontrollierten Bedingungen gearbeitet wird [2]. Eine exakte Messung der GFR kann durch Verwendung von radioaktiven Pharmaka wie 99mTc-DTPA und 51Cr-EDTA [7, 8] erreicht werden. Zudem wurden mehrere Gammakamera-Methoden vorgeschlagen, aber zur Zeit besteht nur Übereinstimmung über die Wertigkeit dieser Techniken zur Bestimmung der relativen Clearance [9]. Die exakteste Methode zur Bestimmung der absoluten GFR basiert auf der Plasmaverschwindekurve nach einer Einzelbolus-Injektion eines glomerulären Tracers. Die Clearance dieser Substanzen ergibt sich aus der Aktivitätsmenge dividiert durch die Fläche unter der Kurve. Diese Fläche wird am besten durch ein bi-exponentielles Modell bestimmt [10]. Diese Methode, die zur Zeit als Goldstandard angesehen wird, wird jedoch selten bei Kindern angewendet, da hier Schwierigkeiten mit mehreren Blutproben bestehen, insbesondere bei Säuglingen. In der kürzlich erfolgten Konsensuskonferenz [1] wurden zwei vereinfachte Methoden für die klinische Routinebestimmung der GFR bei Kindern vorgeschlagen.

    Die "slope-intercept"-Methode
    Diese Methode basiert auf der Bestimmung nur der späten Exponentialfunktion durch zwei Blutproben, die etwa 2 und 4 Stunden nach der intravenösen Injektion des Tracers entnommen werden [11-13]. Da die frühe Exponentialfunktion der Kurve nicht beachtet wird, entsteht eine systematische Überschätzung der Clearance, was durch die Benutzung von mehreren publizierten Algorithmen korrigiert werden kann [12,13]. Mehrere Publikationen haben die Genauigkeit dieser Methode im Vergleich zu der Multiplen-Blutproben-Methode belegt, auch für Clearancewerte unter 10ml/min [12-14]. Einige Autoren sind der Ansicht, dass eine bessere Bestimmung des "slope" durch Verwendung mehrerer Blutproben zwischen der 2. und 4. Stunde p.i. erreicht werden kann. Es wurde jedoch gezeigt [15], dass eine dritte Blutprobe dazwischen keine signifikante Verbesserung ergibt. Späte Blutproben (5 bis 24 Stunden p.i.) werden im Falle von Nierenversagen (bei Patienten mit einer Nierenclearance unter 10 bis 15 ml/min) als sinnvoll angesehen.

    Die "distribution volume"-Methode
    Diese Methode basiert auf einer einzigen Blutentnahme 2 Stunden p.i. [16]. Der wesentliche Vorteil ist, dass nur eine Blutentnahme benötigt wird. Die Methode ist für Kinder aller Altersstufen geeignet und die Ergebnisse entsprechen denen der "slope-intercept"-Methode, aber sie ist nicht geeignet für Kinder mit schlechter Nierenfunktion (GFR<30ml/min/1,73m2).

  5. Allgemeine Indikationen
  6. Indikationen

    1. Bestimmung und Verlaufskontrolle der Nierenfunktion bei chronischer Glomerulopathie, wie hämolytisch-urämisches Syndrom und Diabetes mellitus.
    2. Bestimmung und Verlaufskontrolle der renalen Nebenwirkungen der Chemotherapie oder von nephrotoxischen Substanzen, wie Cylcosporin und Antiobiotika.
    3. Bestimmung der Einzelnieren-GFR bei unilateraler oder bilateraler Hydronephrose, Harnwegsinfektionen mit oder ohne vesiko-renalem Reflux, kleiner Niere, Einzelniere, Doppelniere, Urethralklappen sowie prä- und postoperativen Verlaufskontrollen. In diesen Fällen ist die zusätzliche Bestimmung der relativen Clearance mit der Gammakamera-Methode erforderlich (siehe Richtlinien zur Nierenfunktionsszintigraphie).
    4. Eine Bestimmung der GFR sollte immer dann in Erwägung gezogen werden, wenn eine Reduzierung der Nierenfunktion vermutet wird, auch dann, wenn das Plasmakreatinin noch in einem normalen Bereich liegt.

    Kontraindikationen

    keine

  7. Durchführung
    1. Information über relevante frühere Untersuchungen
    2. Patientenvorbereitung
    3. Vorsichtsmaßnahmen
    4. keine

    5. Radiopharmazeutika
    6. Bilder
    7. keine

    8. Interventionen
    9. keine

    10. Auswertung
    11. Schriftliche Dokumentationen
    12. Die nach der Körperoberfläche korrigierte Clearance und die nicht korrigierte Clearance sollten ebenso wie das Verteilungsvolumen in % des Gewichtes angegeben werden. Dieser letzte Parameter, der nur bei Verwendung der "slope-intercept"-Methode verfügbar ist, kann sinnvoll als Qualitätskontrolle dienen; es ist selten, dass das Verteilungsvolumen weniger als 15% oder mehr als 40% beträgt.

    13. Interpretation/Befundung/Fehlermöglichkeiten
    14. Qualitätskontrolle
    15. Erforderlich ist:

  8. Weitere wissenschaftliche Studien sind für folgende Punkte erforderlich
    1. Neubewertung von Normalwerten bei Kindern
    2. Neubewertung von Tagesschwankungen der Clearancewerte bei Kindern ohne fortschreitende Erkrankung


Literatur:

  1. Blaufox MD, Aurell M, Bubeck B et al. Report of the Radionuclides in Nephrourology Committee on renal clearance. J Nucl Med 1996; 37: 1883-1890
  2. Guignard JP, Torrado A, Feldman H et al. Assessment of glomerular filtration rate in children. Helv Paediat Acta 1980; 35: 437-447
  3. Haenggi MH, Pelet J, Guignard JP. Estimation du debit de filtration glomérulaire par la formule DFG = KxT/Pcr. Arch Pédiatr 1999; 6: 165-172
  4. Cockcroft DW, Gault MH. Prediction of creatinine clearance from serum creatinine. Nephron 1976; 16: 31-41
  5. Waller DG, Fleming JS, Ramsay B et al. The accuracy of creatinine clearance with and without urine collection as a measure of glomerular filtration rate. Postgraduate Med J 1991; 67: 42-46
  6. Ham HR, Piepsz A. Clinical measurement of renal clearance. Curr Opin Nephrol Hypertension 1992; 1: 252-260
  7. Hilson AJW, Mistry RD, Maisey MN. Tc-99m-DTPA for the measurement of glomerular filtration rate. Brit J Radiol 1976; 49: 794-796
  8. Fleming JS, Wilkinson J, Oliver RM et al. Comparison of radionuclide estimation of glomerular filtration rate using technetium-99m diethylene-triaminepentaacetic acid and chromium-51 ethylenediamine-tetraacetic acid. Eur J Nucl Med 1991; 18: 391-395
  9. Prigent A, Cosgriff P, Gates GF et al. Consensus report on quality control of quantitative measurements of renal function obtained from the renograms: international consensus committee from the scientific committee of Radionuclides in Nephrology. Semin Nucl Med 1999; 29: 146-159
  10. Sapirstein LA, Vidt DG, Mandel MJ et al. Volumes of distribution and clearances of intravenously injected creatinine in the dog. Amer J Physiol 1955; 181: 330-336
  11. Bröchner-Mortensen J, Haahr J, Christoffersen J. A simple method for accurate assessment of the glomerular filtration rate in children. Scand J Clin Lab Invest 1974; 33: 139-143
  12. Chantler C, Barratt TM. Estimation of glomerular filtration rate from plasma clearance of 51 Chromium Edetic Acid. Arch Dis Child 1972; 47: 613-617
  13. Bröchner-Mortensen J. Current status on assessment and measurement of glomerular filtration rate. Clin Physiol 1985; 5: 1-17
  14. Piciotto G, Cacace G, Cesana P et al. Estimation of chromium-51 ethylene diamine tetra-aceticacid plasmaclearance: a comparativeassessment of simplified techniques. Eur J Nucl Med 1992; 19: 30-35
  15. De SadeleerC,VanLaereK,GeorgesB etal.Influenceofthetimeinterval and the number of blood samples on the error in the clearance determination using a monoexponential model. J Nucl Med 1999; 40: 52P
  16. Ham HR, Piepsz A. Estimation of glomerular filtration rate in infants and children using a simple plasma sample method. J Nucl Med 1991; 32: 1294-1297
  17. Martensson J, Groth S, Rehling M, Gref M. Chromium-51-EDTA clearance in adults with a single-plasma sample. J Nucl Med 1998; 39: 2131-2137
  18. Lassmann M, Biassoni L, Monieurs M, Franzius C, Jacobs F. The New EANM Dosage Card. Eur J Nucl Med Mol Imaging 2007; in press.
  19. International Commission on Radiological Protection. Radiation dose to patients from Radiopharmaceuticals. ICRP Publication 53.Ann ICRP 18:1-4. Pergamon Press, Oxford 1987
  20. International Commission on Radiological Protection. Radiological protection in biomedical research. ICRP Publication 62.Ann ICRP 22:3-E, Pergamon Press, Oxford 1991
  21. Smith T, Gordon I. An update of radiopharmaceutical schedules in children. Nucl Med Commun 1998; 19: 1023-1036
  22. Haycock G, Schwartz G, Wisotsky D. Geometric method for measuring body surface area. J Pediatr 1978; 93: 62-66
  23. Piepsz A, Pintelon H, Ham HR. Estimation of normal 51Cr EDTA clearance in children. Eur J Nucl Med 1994; 21: 12-16
  24. Arnello F, Ham HR, Tondeur M, Piepsz A. Evolution of single kidney glomerular filtration rate in urinary tract infection. Pediatr Nephrol 1999; 13: 121-124


Verfahren zur Konsensbildung:

Erstellungsdatum:

??/2007

Letzte Überarbeitung:

Nächste Überprüfung geplant:

k.A.


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Stand der letzten Aktualisierung: ??/2007
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