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| Arbeitsgemeinschaft der
Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften |
| AWMF-Leitlinien-Register | Nr. 030/116 | Entwicklungsstufe: | 1 |
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Sinn jeder CRPS Therapie ist, dass der Patient die Kontrolle über die schmerzhafte Extremität wiedererlangt. Realistische Therapieziele sind dabei Schmerzkontrolle und weitgehende Wiedererlangung der Funktion. Allerdings ist sehr häufig eine Restsymptomatik oder verminderte Belastbarkeit auch am Ende der Therapie zu finden, was die Wiedereingliederung vor allem in körperlich anstrengende Berufe erschwert.
Die Therapie sollte immer eine Kombinationstherapie sein, die sich in der Regel aus nicht medikamentösen und medikamentösen Maßnahmen zusammensetzt. Nur in Ausnahmefällen sollten interventionelle Therapieformen zur Anwendung kommen.
Die wesentlichen Bestandteile der CRPS Therapie sind:
Von den Autoren wird folgender Therapiealgorithmus vorgeschlagen (C):
Tabelle 1 Pragmatische Therapie des CRPS. Dosisempfehlungen für Erwachsene
| Maßnahme | Evidenz | Dosis | Besonderheiten |
|---|---|---|---|
| Bisphsophonate | ↑↑ | ||
| 40 mg/d für 8 Wochen | Morgens | |
| 60 mg i. v. einmalig | Im Stehen | |
| 300 mg/d i. v. an 10 Tagen | Nüchtern | |
| Steroide | ↑↑ | ||
| 100 mg/d | Ausschleichen über 2-3 Wochen | |
| 80 mg/d | Keine Dauertherapie | |
| Antineuropathika | |||
| ↑ | 1200-2400 (3600) mg/d | Siehe auch Leitlinie "Neuropathischer Schmerz" |
| DMSO topisch | ↔ | 50% Creme, 5x tägl. | Hautirritationen, Knoblauchgeruch |
| Physiotherapie, Ergotherapie, Verhaltenstherapie (Spiegeltherapie, "motor learning") | ↑ | Möglichst täglich | Darf keine starken Schmerzen verursachen Eigentherapie zwingend |
| Psychotherapie, Entspannungsverfahren | ↑ | Bei Hinweisen auf Komorbidität Bei Therapierefraktärem Verlauf | |
| Grenszstrangblockaden | ↔ | 2-3 pro Woche Max Anzahl: 10-15 | Serie nur nach positiver Testblockade |
| Spinal-Cord-Stimulation | ↑ | Bei therapierefraktären Schmerzen Keine wesentliche psych. Komorbidität | |
| Baclofen intrathekal | ↑ | Bei Dystonie Nach Testinjektion Implantation einer Pumpe Kein wesentliche psychische Komorbidität |
"Evidenz":
Zur Therapie des CRPS mit Bisphosphonaten liegen 4 RCT vor, die alle einen signifikanten Effekt der Bisphosphonate im Vergleich zu Plazebo belegen. Der Beobachtungszeitraum umfasste bis zu 3 Monate. Die eingesetzten Bisphosphonate waren Alendronat i. v. (n= 10) (Adami et al. 1997) oder per os (n= 40) (Manicourt et al. 2004), Clodronat i. v. (n= 32) (Varenna et al. 2000) und Pamidronat i. v. (n= 13) (Robinson et al. 2004).
Dosierung:
Alendronat wird entweder oral in der Dosis von 40 mg/d über 8 Wochen verabreicht oder i. v. 7,5 mg an 3 aufeinander folgenden Tagen. Clodronat wird in der Dosis 300 mg an 10 aufeinander folgenden Tagen i. v. gegeben und Pamidronat einmalig in der Dosis von 60 mg.
Nebenwirkungen:
Bisphosphonate reizen die Schleimhäute. Die Nebenwirkungen äußern sich daher hauptsächlich in Form von Übelkeit, Aufstoßen, Sodbrennen, Magenschmerzen oder Krämpfen. Bisphosphonate sollten daher morgens nüchtern im Stehen mit einem großen Glas Leitungswasser eingenommen werden. Anschließend dürfen sich die Patienten für mindestens eine halbe Stunde nicht hinlegen. Weiterhin werden Fieber und grippeartige Symptome berichtet.
Empfehlung:
Bisphosphonate sind vor allem bei CRPS nach Frakturen der oberen und unteren Extremität wirksam und werden somit bei diesen Patienten als Mittel der ersten Wahl empfohlen (A). Gesicherte Aussagen dazu, ob Bisphosphonate auch bei CRPS nach anderen Traumata effektiv sind und bis wann im Verlauf eines CRPS der Einsatz gerechtfertigt ist, sind derzeit noch nicht möglich.
6.1.2 Kalzitonin
"Evidenz":
Zur Wirksamkeit von nasal oder per Injektion verabreichtem Lachskalzitonin bei CRPS gibt es 5 Studien, 2 plazebokontrollierte RCT, 3 offene Studien. Die Ergebnisse sind insgesamt uneinheitlich. Während in einer RCT 300 IU nasal verabreichtes Kalzitonin in Ergänzung zur Physiotherapie der Plazebogabe vor allem in Bezug auf Schmerz und Erlangung der Arbeitsfähigkeit überlegen war (Gobelet et al. 1992), ließ sich dies Ergebnis in einer anderen Studie mit 400 IU Kalzitonin nicht reproduzieren (Bickerstaff et al. 1991). Die offenen Studien waren ebenfalls uneinheitlich, wobei bei offenen Studien ein Negativergebnis (Sahin et al. 2006) höher zu bewerten ist als positive Resultate (Gobelet et al. 1986, Hamamci et al. 1996).
Diese uneinheitliche Studienlage spiegelt sich auch in den unterschiedlichen Bewertungen der vorliegenden Metaanalysen wider (Kingery 1997, Perez et al. 2001).
Dosierung:
Es werden entweder 3-4 × 100 IU/d Lachskalzitonin intranasal verabreicht oder 100 IU als Injektion subkutan. Die Dauer der Therapie beträgt in der Regel 4-8 Wochen.
Nebenwirkungen:
Die Hauptnebenwirkung von Kalzitonin ist ein Flush, der mit Blutdruckabfall und Kopfschmerzen einhergehen kann. Langfristige Nebenwirkungen sind bei dieser Dosierung nicht zu erwarten.
Empfehlung:
Aufgrund der uneinheitlichen Studienlage ist keine abschließende Beurteilung möglich. Die persönlichen Erfahrungen der Autoren mit dem Medikament sind überwiegend negativ (C).
6.1.3 Steroide
"Evidenz":
Steroide werden seit den 1970er Jahren in der Therapie des CRPS eingesetzt. Neben offenen Studien (Kozin et al. 1981a, Braus et al. 1994, Grundberg 1996) gibt es 2 RCT, die die Wirksamkeit von Steroiden belegen. In einer kleinen Studie (n= 13) beeinflusste Prednisolon die Symptome bei posttraumatischem CRPS I signifikant besser als Plazebo (Christensen et al. 1982) und kürzlich wurde dieses Ergebnis in einer größeren Studie (n= 60) bei CRPS nach Schlaganfall im Vergleich zu NSAID repliziert (Kalita et al. 2006). Kritisch ist anzumerken, dass in letztgenannter Studie die Inzidenz von Post-Stroke-CRPS ungewöhnlich hoch war.
Es gibt auch eine negative Untersuchung bei CRPS I (n= 10). Hier wurde Methylprednisolon 40 mg (+ Lidocain 10 ml 2%) einmal pro Woche insgesamt dreimal in regionalanästhesiologischer Technik (Bier-Block) verabreicht (Taskaynatan et al. 2004). Die Patienten besserten sich unter der Therapie, das Ergebnis war aber von der Plazebogruppe (Lidocain 10 ml 2 %) nicht verschieden. Bei dieser Studie muss angemerkt werden, dass die Applikationsform (keine genomische Wirkung an primären Afferenzen möglich, da das Steroid die Spinalganglien nicht erreichen konnte) und Dosis wahrscheinlich ungeeignet waren, um einen Kortisoneffekt beurteilen zu können.
Dosierung:
Aufgrund der bisherigen Studienlage sollte ein Prednisolonäquivalent von 30-40 mg/d über 4 Wochen gegeben werden. Diese Dosierung ist nur ein Anhaltspunkt. Die Autoren selbst machen bessere Erfahrungen mit initial hohen Dosen Prednisolonäquivalent (1,5 mg/kg KG), was dann über 2,5 Wochen ausgeschlichen wird. Eine individuelle Anpassung ist immer nötig.
Nebenwirkungen:
Es treten alle bekannten und zum Teil obligatorischen Nebenwirkungen einer längeren Kortisontherapie auf. Deren Ausprägung ist bei oben vorgeschlagener Dosis aber nur mäßig.
Empfehlung:
Aufgrund der positiven Ergebnisse der Studien kann trotz der eingeschränkten Fallzahl eine Empfehlung für den Einsatz von Steroiden vor allem für die frühen entzündlichen Stadien gegeben werden (A). Für den Einsatz der Steroide spricht weiterhin, dass das Therapieergebnis innerhalb weniger Tage (bis maximal 3 Wochen) beurteilt werden kann. Dagegen sprechen die üblichen Kontraindikationen für den Einsatz der Steroide. Eine sichere Empfehlung für Dosis oder Therapiedauer kann derzeit nicht gegeben werden, die Indikation zu einer Dauertherapie besteht aber in keinem Fall.
6.1.4 Medikamente gegen neuropathische Schmerzen (siehe auch entsprechende Leitlinie)
6.1.5 Gabapentin
"Evidenz":
Gabapentin speziell bei CRPS (n= 58) wurde nur in einer RCT untersucht, der Effekt war gering positiv, mehr in Bezug auf Sensibilitätsstörungen denn auf die Schmerzen (van de Vusse et al. 2004).
Dosierung:
Startdosis: 300 mg; Steigerung: täglich um 300 mg bis auf 1200-2400 mg in 3 Einzeldosen; Dosis-Maximum: 3600 mg.
Nebenwirkungen:
Vor allem anfänglich Müdigkeit und Schwindel.
Empfehlung:
Der Einsatz von Gabapentin zur Therapie der Schmerzen und Sensibiltitätsstörungen bei CRPS kann mit Einschränkungen empfohlen werden (B).
6.1.6 N-Acetylcystein (NAC)
"Evidenz":
Zur Wirksamkeit von NAC bei CRPS gibt es eine RCT, in der oral verabreichtes NAC mit Dimethylsufoxid-(DMSO-)Creme verglichen wurde (Perez et al. 2003). NAC war genauso effektiv wie DMSO. Unter der Prämisse, dass DMSO-Creme bei CRPS wirkt (siehe unten), kann auf eine Wirksamkeit von ACC geschlossen werden, ganz besonders bei primär kalten CRPS-Fällen. Da aber orales NAC nur eine Resorptionsrate von 10 % aufweist und neuere Studien die Wirksamkeit von oralem NAC bei seiner ursprünglichen Indikation (COPD; Decramer et al. 2005) anzweifeln, bedarf es einer erneuten Überprüfung dieser Substanz.
Dosierung:
3 × 600 mg/d.
Nebenwirkungen:
Keine nennenswerten.
Empfehlung:
Derzeit besteht aufgrund noch fehlender gesicherte Evidenz keine Indikation für den Einsatz von NAC bei CRPS (C).
"Evidenz":
Zur Behandlung des CRPS mit 50% DMSO-Creme gibt es eine Studie (n= 32), die DMSO mit Plazebo vergleicht (Zuurmond et al. 1996). Nach 2 Monaten war das Outcome der DMSO behandelten Patienten signifikant besser. Aufbauend auf diese Studie wurde in einer größeren RCT Untersuchung (n= 146) der gleichen Arbeitsgruppe (Perez et al. 2003) DMSO mit NAC oral (siehe oben) verglichen. Das Ergebnis war bei beiden Therapieformen im Wesentlichen gleich. Ein signifikanter Unterschied zur ersten DMSO Studie bestand: Statt neutral riechendem Plazebo wurde eine ähnlich charakteristisch wie DMSO riechende Plazebobehandlung gewählt. Dies lässt 2 mögliche Interpretationen zu: Entweder beide sind gleich wirksam, oder, wenn die erste Studie nicht wirklich verblindet war, könnten auch beide Therapieformen gleich unwirksam sein.
Dosierung:
50% DMSO wird in fettige Creme (Vaseline) gemischt und 5x täglich auf die betroffene Extremität aufgetragen.
Nebenwirkungen:
Es kann zu lokalen Hautirritationen kommen. Letztlich besteht zumindest theoretisch die Möglichkeit der Karzinogenität von DMSO.
Empfehlung:
DMSO ist in den Niederlanden Standardtherapie des CRPS. In den Augen der Autoren ist die Studienlage aber noch viel zu unklar, um eine eindeutige Empfehlung abzugeben (C). Dazu müssten weitere, gut kontrollierte Studien folgen.
6.3.1 Klassische Physiotherapie
"Evidenz":
Zur Wirksamkeit einer individuell zugeschnittenen Physiotherapie bei CRPS (Dauer <1 Jahr) wurden 2 RCT von der gleichen Arbeitsgruppe durchgeführt (Oerlemans et al. 1999, Oerlemans et al. 2000). Beide Studien ergaben, dass Physiotherapie sowohl den Schmerz als auch die Funktion positiv beeinflusst. Die Kontrollgruppen wurden mit Ergotherapie (siehe unten) bzw. Sozialtherapie behandelt.
6.3.2 Ergotherapie
"Evidenz":
Die beiden Studien zur Wirksamkeit der Physiotherapie untersuchten in parallelen Gruppen auch die Wirksamkeit einer individuellen Ergotherapie (Oerlemans et al. 1999, Oerlemans et al. 2000). Beide Studien ergaben, dass die Ergotherapie sowohl Schmerz als auch Funktion bei CRPS mit < 1 Jahr Dauer positiv beeinflusst. Die Wirksamkeit war aber geringer als die der Physiotherapie.
Dosierung:
Die Dauer einer Physio- oder Ergotherapie sollte 20-30 Minuten betragen, die Frequenz der Behandlung sollte nach individuellen Bedürfnissen gestaltet werden, in der Regel 2-5 Therapieeinheiten pro Woche.
Nebenwirkungen:
Wenn durch die Physio- oder Ergotherapie Schmerzen ausgelöst werden, kann sich die Symptomatik aggravieren und sich der Krankheitsverlauf dadurch verlängern.
Empfehlung:
Für die funktionelle Rehabilitation von CRPS-Patienten sind sowohl Physio- als auch Ergotherapie, die sich individuell an der Symptomatik der Patienten orientieren und kompetent durchgeführt werden, unverzichtbar (B).
6.3.3 Physiotherapie mit verhaltenstherapeutischen Elementen (Spiegeltherapie, "Motor Learning Programm", "Graded Exposure")
"Evidenz":
Die Spiegeltherapie als alleinige Therapieform wirkt nur bei akuten CRPS-Fällen, wie in einer kleinen kontrollierten Studie gezeigt wurde (McCabe et al. 2003). Bei chronischen CRPS-Fällen ist das "Motor Learning", bestehend aus links-rechts-Erkennen, Vorstellung von Bewegung und Spiegeltherapie, effektiv. Dies konnte in 2 RCT von einer Arbeitsgruppe gezeigt werden (Moseley 2004, Moseley 2006). Das Verfahren des "Graded Exposure", das eine Schulungsphase und eine "In vivo"-Phase beinhaltet, in der angstauslösende Situationen ihrer Hierarchie folgend Schritt für Schritt durchexerziert werden, wurde in einer kleinen Fall-Kontroll-Studie auf seine Wirksamkeit untersucht (de Jong et al. 2005).
Dosierung:
Die Spiegeltherapie und das Motor Learning werden nach Instruktionsphasen durch Therapeuten von den Patienten selbst in Einheiten zu je 10 Minuten, wenn möglich jede wache Stunde des Tages, absolviert. Der gesamte Turnus dauert 6 Wochen. Für das Verfahren des "Graded Exposure" wird eine kontinuierliche Therapie über 10 Wochen im Anschluss an die Instruktionsphase vorgeschlagen.
Nebenwirkungen:
Keine, allerdings muss die Compliance der Patienten überprüft werden.
Empfehlung:
Diese Therapieform ist zu einem wichtigen, nichtmedikamentösen Baustein der CRPS-Therapie geworden und kann vom Patienten selbst durchgeführt werden. Der frühzeitige Einsatz wird empfohlen (B).
"Evidenz":
Nebenwirkungen:
Empfehlung:
6.5.1 Sympathikusblockaden
6.5.2 Grenzstrangblockaden mit Lokalanästhetika (Ganglion stellatum, lumbaler Grenzstrang)
Dosierung:
Die vorliegenden Studien erlauben keine sicheren Rückschlüsse, in welcher Frequenz und wie lange Grenzstrangblockaden angewandt werden sollten. Aufgrund eigener Erfahrung empfehlen die Autoren zunächst eine Serie von 5 Blockaden in ca. 2 Wochen, bei Erfolg eine Fortsetzung der Serie bis maximal 10-15 Blockaden.
Nebenwirkungen:
Obligat ist ein Horner-Syndrom bei Intervention zur Behandlung der oberen Extremität (Ganglion stellatum) und die Erwärmung der blockierten Körperpartie. Potenziell sehr gefährlich sind Verletzungen der A. carotis oder der Bauchaorta/Aa. iliacae durch die Injektionen. Durch die invasive Natur kann auch der Sympathikus oder andere Teile des Nervensystems selbst geschädigt werden, wodurch die Symptome des CRPS aggraviert werden können.
Empfehlung:
Sympathikusblockaden können als Bestandteil einer multimodalen Therapie bei einer Subgruppe von Patienten sinnvoll sein. Sie sind vermutlich indiziert bei positivem Ausfall von Testinjektionen als eine auf maximal einige Wochen begrenzte Behandlungsserie ansonsten therapieresistenter, sympathisch unterhaltener Ruheschmerzen und taktiler Allodynie (C).
6.5.3 Intravenöse regionale Sympathikusblockade (IVRB) (Guanethidin, Bretylium, Ketanserin)
Nebenwirkungen:
Die Prozedur ist schmerzhaft, was das CRPS verschlechtern kann.
Empfehlung:
Aufgrund der bisherigen Studienlage kann eine IVRB mit Guanethidin zur Behandlung des CRPS nicht empfohlen werden (A). Für die beiden anderen Substanzen ist die Datenlage nicht ausreichend für eine Beurteilung. Ihre Anwendung limitiert sich durch die fehlende Verfügbarkeit der Medikamente Bretylium und Ketanserin in Deutschland.
6.5.4 (Präganglionäre) Sympathektomie
Nebenwirkungen:
Allgemeines Risiko einer Operation, bleibendes Horner-Syndrom, kompensatorische Hyperhidrose, sekundäre Schädigung anderer Strukturen, allgemeine Risiken eines Eingriffs.
Empfehlung:
Die wissenschaftliche Evidenz für die Wirksamkeit der Sympathektomie fehlt. Im Wesentlichen wegen des invasiven Charakters vor allem der operativen Sympathektomie warnen die Autoren vor der Durchführung (C).
6.5.5 Elektrische Stimulation des Rückenmarkes (spinal cord stimulation, SCS)
"Evidenz":
Letztendlich gibt es nur eine RCT, in der Patienten entweder mit SCS und Physiotherapie oder Physiotherapie alleine behandelt wurden (Kemler et al. 2000). Der analgetische Effekt der SCS in einer hoch selektionierten CRPS-Population, die refraktär auf vorhergehende konservative Behandlungsstrategien war und auf eine Teststimulation mit Schmerzreduktion reagierten, war positiv. Der Effekt der SCS hielt 2 Jahre an und verminderte sich danach, so dass nach 5 Jahren kein Unterschied mehr nachweisbar war (Kemler et al. 2006). Die Kontrollbedingung in dieser Studie (Physiotherapie alleine) war allerdings nicht ideal.
Nebenwirkungen:
Allgemeines Risiko einer Operation, Systemwechseloperation, Systemdislokationen, sekundäre Schädigung anderer Strukturen durch das System.
Empfehlung:
Die Autoren sehen die Indikation zur SCS nur bei sonst therapierefraktären Patienten, die ohne gravierende psychische Erkrankung sind (fachspezifische Untersuchung) und bei denen die Probestimulation effektiv war (B). Für eine breitere Anwendung fehlen heute noch die Daten.
6.5.6 Intrathekale oder epidurale Applikation von Wirkstoffen
6.5.7 Baclofen
"Evidenz":
Es gibt eine RCT an einer kleinen Zahl von CRPS-Patienten mit Dystonie, bei denen der kontinuierlichen Gabe von Baclofen eine doppelblinde, plazebokontrollierte Testinjektion vorausging (van Hilten et al. 2000). Die kontinuierliche intrathekale Gabe von Baclofen war über einen Zeitraum von 1,5 Jahren effektiv. Die Selektion der geeigneten Patienten ist schwierig, da bis zu 50% der Patienten unter psychogenen Bewegungsstörungen leiden (Schrag et al. 2004).
Nebenwirkungen:
Liquorunterdrucksyndrom, Gefahr der Infektionen, Benommenheit und Harnverhalt.
Empfehlung:
Wenn schmerzhafte und therapielimitierende dystone Störungen konservativ (Physiotherapie, Botulinum-Toxin) nicht beherrschbar sind, ist eine intrathekale Baclofentherapie in einem Zentrum, das mit dieser Therapieform Erfahrung hat, aufgrund fehlender Alternativen auch bei schlechter Datenlage gerechtfertigt. Es muss vor einer Dauertherapie eine Probeinjektion erfolgen (B). Bei Therapieresistenz sollte immer auch an eine psychische Ursache der Bewegungsstörung gedacht werden.
"Evidenz":
Es gibt keine RCT für die Therapie von CRPS speziell bei Kindern, die strengeren wissenschaftlichen Kriterien standhält. Neuere Fallserien berichten über positive Effekte von peripheren Nervenblockaden mit Lokalanästhetika und i. v. Prostazyklinanaloga (Petje et al. 2005), allerdings ohne Kontrolle. Mehrere Berichte finden sich in der Literatur über mögliche positive Effekte von physikalischer Therapie (Wilder et al. 1992), insbesondere in Verbindung mit Verhaltenstherapie (Lee et al. 2002). Auch diese Arbeiten sind Fallberichte.
Empfehlung:
Ohne dass ein für solche Störungen kompetenter Pädiater die Behandlung begleitet, sollte eine CRPS-Therapie bei Kindern nicht durchgeführt werden (C). Darüber hinaus können keine weiteren gesicherten Empfehlungen gegeben werden.
Federführend:
Prof. Dr. Frank Birklein, Neurologische Universitätsklinik Mainz, Langenbeckstraße 1, 55101 Mainz
E-Mail: birklein@neurologie.klinik.uni-mainz.de
Diese Leitlinie wurde erstellt im Auftrag der Deutschen Gesellschaft für Neurologie, des BMBF Forschungsverbundes "Neuropathischer Schmerz" und der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Schmerztherapie (DIVS).
Nach Überarbeitung des Manuskripts durch die einzelnen Autoren erfolgte eine Konsensuskonferenz am 28. 06. 2007. Teilnehmer an dieser Konferenz waren Prof. Dr. Birklein (Neurologie), Prof. Dr. Maier (Anästhesie) und PD Dr. Gradl (Unfallchirurgie).
