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Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Neurologie


 AWMF-Leitlinien-Register  Nr. 030/112   Entwicklungsstufe:  1 
Zitierbare Quelle:
Leitlinien für Diagnostik und Therapie in der Neurologie; 4. überarbeitete Auflage 2008, S. 654 ff, ISBN 978-3-13-132414-6; Georg Thieme Verlag Stuttgart

Diagnostik und Therapie der erektilen Dysfunktion

Was gibt es Neues?

Therapie:

Die wichtigsten Empfehlungen auf einen Blick

Diagnostik:

Therapie:


  1. Definition
  2. Die erektile Dysfunktion ist definiert als die fortwährende Unfähigkeit, eine penile Erektion, die für einen befriedigenden Geschlechtsverkehr ausreicht, zu erreichen oder aufrecht zu erhalten (NIH Consensus Conference 1993). Diese Störung sollte für mindestens 6 Monate bestehen. Eine Erektionsstörung kann Lebensqualität und Wohlbefinden des Betroffenen sowie des Lebenspartners deutlich vermindern.

  3. Bedeutung der erektilen Dysfunktion in der Neurologie
  4. Aufgabe der neurologischen bzw. nervenärztlichen Diagnostik ist die Identifikation bzw. der Ausschluss neurogener und/oder psychogener Ursachen der erektilen Dysfunktion (Tab. 1). Dies erfolgt zur Diagnostik und Differenzialdiagnostik nach Zuweisung durch den Urologen, aber auch weil eine erektile Dysfunktion bei vielen neurologischen Erkrankungen als Früh- oder Spätsyndrom auftritt und eine häufige unerwünschte Wirkung von Medikamenten der neurologischen Therapie ist.

    Tabelle 1: Klassifikation erektiler Funktionsstörungen(nach Lizza u. Rosen 1999)

    Organisch Psychogen
    • Vaskulär
    • Arteriell
    • Venös
    • Gemischt
    • Neurogen
    • Anatomisch
    • Endokrin
    Generalisierter Typ
    • Fehlendes sexuelles Interesse (Libidomangel)
    • Primärer Libidomangel
    • Altersabhängige Abnahme des sexuellen Interesses
    • Generalisierte Behinderung
    • Chronische Störungen der Intimbeziehungen
    Situativer Typ
    • Partnerbezogen
    • Situationsbezogen
    • Konfliktbezogen

  5. Epidemiologie
  6. In Deutschland berichteten 96% der befragten Männer in der Altersgruppe von 30-39 Jahren und 71,3% in der Altersgruppe von 70-80 Jahren über regelmäßige sexuelle Aktivität (Braun et al. 2000). Hinsichtlich der Prävalenz nimmt die erektile Dysfunktion von 2,3% in der 3. Lebensdekade auf 53,4% in der 7. Lebensdekade zu (Braun et al. 2000). Dies würde mehrere Millionen betroffener Bundesbürger bedeuten. In den USA (Massachusetts Male Aging Study) fand sich bei zufällig ausgewählten 40- bis 70-jährigen Männern eine Prävalenz von 52% für die Gesamtgruppe, mit der Unterteilung in eine erektile Dysfunktion geringer (17,2%), mäßiger (25,2%) oder schwerer (9,6%) Ausprägung (Feldman et al. 1994). Aus Frankreich wird eine Prävalenz von 31,6% der über 40-jährigen Männer berichtet (Guiliano et al. 2002). Ein Therapiewunsch bis zur 6. Lebensdekade besteht bei der Hälfte der Männer (Braun et al. 2000).

  7. Diagnostik
  8. Die wichtigsten diagnostischen Maßnahmen aus Sicht der Neurologie sind:

    1. Anamnese (A)
    2. Symptomerfassung mit etablierten Fragebögen (A)
    3. Neurologische Untersuchung (A)
    4. Psychiatrische/psychologische Diagnostik (A)
    5. Gefäßdiagnostik (A) und pharmakologische Provokationstests (A)
    6. Urologische/andrologische Diagnostik (A)
    7. Bildgebende Verfahren (B)
    8. Neurophysiologische Untersuchungen (B)
      • EMG der Sphinkteren
      • Neurographie
      • Evozierte Potenziale (vor allem SSEP und SHA)

    Als Basisprogramm müssen bei den Patienten mit einer erektilen Dysfunktion eine spezifische Anamnese und eine komplette neurologische Untersuchung erfolgen (Tab. 2). Die Anamnese umfasst auch die Sexualanamnese und sollte nicht von falscher Scham beherrscht sein. Psychologische Ursachen und Faktoren sind zu berücksichtigen. Die Partnerin respektive der Partner sollte, falls möglich, ebenfalls befragt werden. Wesentlich ist auch die Frage nach nächtlichen und morgendlichen Spontanerektionen (Cave: morgendliche Erektionen schließen eine Erektionsstörung nicht aus). Symptomatische Ursachen wie Diabetes mellitus, arterielle Hypertonie, Gefäßerkrankungen etc. sind ebenso wie Vorerkrankungen und Operationen, auslösende Medikamente, Alkohol- und Drogengenuss und neurologische Erkrankungen (Polyneuropathie, Bandscheibenvorfälle, Morbus Parkinson, Multiple Sklerose) zu erfragen (Davis-Joseph et al. 1995).

    Tabelle 2: Diagnostik bei erektiler Dysfunktion (urologisch/neurologisch)

    • Anamnese und klinischer Befund
    • Sexualanamnese (inklusive Fragebogen, z. B. IIEF)
    • Klinisch-andrologische Untersuchung
    • Laboruntersuchung (vor allem Blutzucker, Lipide, Leberwerte, Kreatinin, Harnstoff, Testosteron, Prolaktin, PSA)
    • SKAT-Testung (SKIT) oder PDE-5-Hemmer
    • Doppler- bzw. Duplex-Sonographie (Peak Flow > 30 cm/s, Resistance-Index > 0,8)
    • Penile Tumeszenz*
    • Invasive urologische Diagnostik*
    • Arteriographie und Kavernosometrie* (sind erst bei auffälligem Duplexbefund und der Frage einer operativen Therapie indiziert)
    • Psychologische/psychiatrische Diagnostik
    • Neurophysiologische Diagnostik
    * nur in spezialisierten Praxen oder Kliniken

    Bei der klinisch-neurologischen Untersuchung richtet sich ein besonderes Augenmerk auf weitere Störungen in der Urogenitalregion (Inkontinenz, Hämorrhoidalleiden, Abszesse, Traumata), die Sensibilitätsprüfung im Urogenitalbereich sowie den Anal- und Kremasterreflex.
    Bei der körperlichen Untersuchung dürfen nicht die urogenitale (auch Hoden und Prostata) und anale Inspektion sowie digitale und funktionelle Untersuchungen (Kneifen, Pressen) des Analkanals vergessen werden.
    Aus den auffälligen Befunden ergeben sich weiterführende Untersuchungen. Bei den Laboranalysen sind insbesondere die Sexualhormone Testosteron und Prolaktin zu berücksichtigen. Bei pathologischem Testosteronwert sollten auch andere endokrine Systeme (Schilddrüse, Nebenniere) untersucht werden, bevor eine Substitution vorgenommen wird. Folgende Laborparameter sind ebenfalls von Bedeutung:

    Wegen der Assoziation von Erektionsstörungen mit sonstigen Erkrankungen des unteren Harntrakts (Rosen et al. 2002) empfehlen wir bei Patienten, die älter als 45 Jahre sind, die zusätzliche PSA-Bestimmung sowie eine urologische Untersuchung.
    Als Fragebogen wird klinisch bei erektiler Dysfunktion zunehmend der International Index of Erectile Function (IIEF; Rosen et al. 1997) oder die Kurzform (IIEF-5; Rosen et al. 1999) eingesetzt, die sich insbesondere in Pharmakonstudien bewährt hat. Dieser Fragebogen erlaubt eine graduelle Einteilung anhand des Punktescores in keine, leichte, mittelschwere und schwere erektilen Dysfunktion.

    4.1 Klinisch-andrologische Untersuchung

    4.2 Gefäßdiagnostik

    4.3 Neurologische Zusatzdiagnostik

    4.4 Psychiatrische Diagnostik

  9. Therapie
  10. Die wichtigsten therapeutischen Maßnahmen aus Sicht der Neurologie sind:

    Bevor die Therapie beginnt, sollte der Patient über die Ursachen und die therapeutischen Möglichkeiten aufgeklärt werden. Wenn möglich, sollte die Partnerin respektive der Partner einbezogen werden. Die kommentarlose Verordnung einer medikamentösen Therapie ist zu vermeiden. Primäres Ziel muss die ursächliche Therapie sein. Dazu gehört auch die Veränderung des Lebensstils und der Lebensgewohnheiten (Esposito et al. 2004), z. B. Gewichtsreduktion, Reduktion oder Meiden von Nikotin und Alkohol. Erst danach erfolgt die symptomatische Therapie. Durch die guten Erfolge der 5-Phosphodiesterase-Hemmer wird diese Reihenfolge in den letzten Jahren bedauerlicherweise missachtet. Die spezifische Therapie bei Testosteronmangel oder bei anatomischen Auffälligkeiten und PSA-Erhöhungen wird üblicherweise vom Urologen durchgeführt.
    Bei der medikamentösen Therapie kann zwischen oraler, intraurethraler und intrakavernöser Applikation unterschieden werden (Tab. 4). Als Ultima Ratio sind operative Methoden zu nennen, deren Erfolgsrate jedoch begrenzt ist. Häufig vergessen wird die nichtorganische Therapie.

    Tabelle 4: Therapie der erektilen Dysfunktion (organisch)
    • Orale Pharmakotherapie (selten kausal beiHormonstörungen, sonst symptomatisch)
    • Transurethrale Pharmakotherapie (MUSE)
    • Intrakavernöse Pharmakotherapie (SKAT)
    • Vakuumtherapie
    • Operative Therapie: Penisprothetik

    5.1 Psychiatrisch-psychologische Therapie

    5.2 Organische Therapie

    5.3 Lokale Hilfsmittel (Vakuumtherapie, lokale Elektrotherapie)

    5.4 Chirurgische Therapie: Penisprothesenimplantation

  11. Besonderheiten für die Schweiz und Österreich
  12. Die Leitlinien der SGU bezüglich Diagnostik und Therapie der erektilen Dysfunktion unterscheiden sich kaum von den vorliegenden Leitlinien. Nachfolgend werden die Unterschiede aufgeführt. Seitens der österreichischen Gesellschaft wurden keine Besonderheiten geltend gemacht.

    Klassifikation
    Neben der Unterteilung in vaskuläre, neurogene, anatomisch-strukturelle, endokrin-hormonelle und psychogene Störungen - letztere unterteilt in den generalisierten und den situativen Typ - wird die pharmokologisch-medikamentös induzierte Erektionsstörung meist separat geführt. Häufig wird zudem die postoperativ-posttraumatische Erektionsstörung als eigene Kategorie behandelt, da hier neurogene und anatomisch-strukturelle, seltener auch vaskuläre Ursachen kombiniert auftreten.

    Diagnostik
    Die Pharmakodoppler-Untersuchung der Gefäße gehört nicht zur Routinediagnostik. Die nächtliche Tumeszenzmessung wird nur noch ausnahmsweise durchgeführt. Die invasive urologische Diagnostik mit Kavernosometrie und Kavernosographie (unter Pharmakostimulation) erfolgt bei spezifischen Fragestellungen, insbesondere bei jüngeren Patienten und primärer erektiler Dysfunktion, früh.


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Verfahren zur Konsensbildung

Erstellungsdatum:

09/2005

Letzte Überarbeitung:

10/2008

Nächste Überprüfung geplant:

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Stand der letzten Aktualisierung: 10/2008
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