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Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften |
| AWMF-Leitlinien-Register | Nr. 030/112 | Entwicklungsstufe: | 1 |
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Therapie:
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Tabelle 1: Klassifikation erektiler Funktionsstörungen(nach Lizza u. Rosen 1999)
| Organisch | Psychogen |
|---|---|
| Generalisierter Typ
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Als Basisprogramm müssen bei den Patienten mit einer erektilen Dysfunktion eine spezifische Anamnese und eine komplette neurologische Untersuchung erfolgen (Tab. 2). Die Anamnese umfasst auch die Sexualanamnese und sollte nicht von falscher Scham beherrscht sein. Psychologische Ursachen und Faktoren sind zu berücksichtigen. Die Partnerin respektive der Partner sollte, falls möglich, ebenfalls befragt werden. Wesentlich ist auch die Frage nach nächtlichen und morgendlichen Spontanerektionen (Cave: morgendliche Erektionen schließen eine Erektionsstörung nicht aus). Symptomatische Ursachen wie Diabetes mellitus, arterielle Hypertonie, Gefäßerkrankungen etc. sind ebenso wie Vorerkrankungen und Operationen, auslösende Medikamente, Alkohol- und Drogengenuss und neurologische Erkrankungen (Polyneuropathie, Bandscheibenvorfälle, Morbus Parkinson, Multiple Sklerose) zu erfragen (Davis-Joseph et al. 1995).
Tabelle 2: Diagnostik bei erektiler Dysfunktion (urologisch/neurologisch)
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Bei der klinisch-neurologischen Untersuchung richtet sich ein besonderes Augenmerk auf weitere Störungen in der Urogenitalregion (Inkontinenz, Hämorrhoidalleiden, Abszesse, Traumata), die Sensibilitätsprüfung im Urogenitalbereich sowie den Anal- und Kremasterreflex.
Bei der körperlichen Untersuchung dürfen nicht die urogenitale (auch Hoden und Prostata) und anale Inspektion sowie digitale und funktionelle Untersuchungen (Kneifen, Pressen) des Analkanals vergessen werden.
Aus den auffälligen Befunden ergeben sich weiterführende Untersuchungen.
Bei den Laboranalysen sind insbesondere die Sexualhormone Testosteron und Prolaktin zu berücksichtigen. Bei pathologischem Testosteronwert sollten auch andere endokrine Systeme (Schilddrüse, Nebenniere) untersucht werden, bevor eine Substitution vorgenommen wird. Folgende Laborparameter sind ebenfalls von Bedeutung:
Wegen der Assoziation von Erektionsstörungen mit sonstigen Erkrankungen des unteren Harntrakts (Rosen et al. 2002) empfehlen wir bei Patienten, die älter als 45 Jahre sind, die zusätzliche PSA-Bestimmung sowie eine urologische Untersuchung.
Als Fragebogen wird klinisch bei erektiler Dysfunktion zunehmend der International Index of Erectile Function (IIEF; Rosen et al. 1997) oder die Kurzform (IIEF-5; Rosen et al. 1999) eingesetzt, die sich insbesondere in Pharmakonstudien bewährt hat. Dieser Fragebogen erlaubt eine graduelle Einteilung anhand des Punktescores in keine, leichte, mittelschwere und schwere erektilen Dysfunktion.
Tabelle 3: Zur Verfügung stehende neurophysiologische Untersuchungen
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Bei der Messung der PNTML (Pudendal Nerve Terminal Motor Latency) wird zur Beurteilung der somatomotorischen Bahn des N. pudendus nach digitaler Austastung des Analkanals der motorische Endast des N. pudendus stimuliert und mittels einer weiter distal gelegenen Elektrode über dem externen Analsphinkter abgeleitet (Kiff u. Swash 1984). Die Überprüfung der somatischen Afferenz durch Messung der somatosensorisch evozierten Potenziale des N. pudendus (Opsomer et al. 1986) gibt Aufschluss über die gesamte Strecke der sensiblen Bahnen von penil bis zerebral sowie über Latenzverzögerungen bei peripheren (Diabetes) und zentralnervösen Schädigungen (Multiple Sklerose). Die genannten Methoden beurteilen die schnell leitenden, dickbemarkten Nervenfasern, nicht jedoch die entscheidenden Nervenfasern, die die glatten kavernosalen Muskelzellen und damit die Füllungszustände des Schwellkörpers regulieren. Diese Fasern gehören postganglionär zu den unbemarkten C-Fasern des vegetativen Nervensystems und sind einer direkten neurophysiologischen Untersuchung nicht zugänglich. Lediglich die sympathischen sudoromotorischen Nervenfasern der Penishaut können mittels der penilen sympathischen Hautantwort (PSHA) diagnostisch erfasst werden. Zeitweise wurde große Hoffnung durch die Befunde des Corpus-cavernosum-EMG geweckt. Nach dem derzeitigen Stand liefert die Untersuchung aber keine aussagekräftige, reproduzierbare Aussage (Jost 2004).
Bei pathologischem, klinischem oder elektrophysiologischem Befund werden zur Lokalisation von Läsionen auch bildgebende Verfahren (Kernspintomographie) eingesetzt.
Bei komplett unauffälligem körperlichem Untersuchungsbefund sollte eine Kooperation mit einem erfahrenen Sexualtherapeuten gesucht werden, da das erste Ziel der Behandlung immer die Behandlung der Ursache und nicht des Symptoms sein sollte.
Die psychischen Ursachen einer erektilen Dysfunktion lassen sich vier Bereichen zuordnen (Hartmann 2000, Kockott 2002):
Bevor die Therapie beginnt, sollte der Patient über die Ursachen und die therapeutischen Möglichkeiten aufgeklärt werden. Wenn möglich, sollte die Partnerin respektive der Partner einbezogen werden. Die kommentarlose Verordnung einer medikamentösen Therapie ist zu vermeiden. Primäres Ziel muss die ursächliche Therapie sein. Dazu gehört auch die Veränderung des Lebensstils und der Lebensgewohnheiten (Esposito et al. 2004), z. B. Gewichtsreduktion, Reduktion oder Meiden von Nikotin und Alkohol. Erst danach erfolgt die symptomatische Therapie. Durch die guten Erfolge der 5-Phosphodiesterase-Hemmer wird diese Reihenfolge in den letzten Jahren bedauerlicherweise missachtet. Die spezifische Therapie bei Testosteronmangel oder bei anatomischen Auffälligkeiten und PSA-Erhöhungen wird üblicherweise vom Urologen durchgeführt.
Bei der medikamentösen Therapie kann zwischen oraler, intraurethraler und intrakavernöser Applikation unterschieden werden (Tab. 4). Als Ultima Ratio sind operative Methoden zu nennen, deren Erfolgsrate jedoch begrenzt ist. Häufig vergessen wird die nichtorganische Therapie.
| Tabelle 4: Therapie der erektilen Dysfunktion (organisch) |
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Tabelle 5: Orale Pharmakotherapie der erektilen Dysfunktion
Zentraler Mechanismus:
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5-Phosphodiesterase-Hemmer (Tab. 6)
Vardenafil (Levitra)
Vardenafil (5, 10, 20 mg) wird als zehnfach potenter als Sildenafil angesehen (Bischoff u. Schneider 2001, Brock et al. 2002a), weshalb niedriger dosiert werden kann. Üblicherweise wird mit 10 mg begonnen (Angulo et al. 2001). Der Wirkeintritt stellt sich bei sexueller Stimulation innerhalb von 30 Minuten ein. Die Erfolgsraten liegen bei 66% (5 mg), 76% (10 mg) bis 80% (20 mg) bei einer Plazeborate von 30% (Porst et al. 2001).
Die klinischen Daten zeigen keine höhere Effektivität als bei Sildenafil (Goldstein et al. 1990, Goldstein et al. 2002, Padma-Nathan et al. 1997, Porst et al. 2003).
Tadalafil (Cialis)
Der dritte 5-Phosphodiesterase-Hemmer, Tadalafil (10, 20 mg), hat eine sehr lange Halbwertszeit von 17,5 Stunden (Gresser u. Gleiter 2002); dies verlängert das Wirkfenster der Substanz auf bis zu 36 Stunden (Brock et al. 2002, Porst et al. 2002). Wegen der längeren HWZ wird diese Substanz auch in letzter Zeit bevorzugt (Derouet et al. 2004). Üblicherweise wird mit 10 mg begonnen. Der Wirkeintritt stellt sich bei sexueller Stimulation innerhalb von 30 Minuten ein (Saenez de Tejada et al. 2001). Die Erfolgsraten liegen bei 67% (10 mg) bzw. 81% (20 mg) bei einer Plazeborate von 35% (Brock et al. 2002). Trotz der längeren Halbwertszeit ist die Nebenwirkungsrate der Substanz nicht höher. Wegen der höheren Selektivität für die PDE-5 wird die PDE-6 der Retina nicht mitgehemmt, daher spielt die seltene Nebenwirkung des Blausehens bei Tadalafil keine Rolle. Im Gegensatz zu Sildenafil und Vardenafil wird der Effekt nicht negativ durch fettreiche Mahlzeiten beeinflusst.
Die Nebenwirkungen der einzelnen Präparate sind vergleichbar. Dies sind vor allem Kopfschmerzen, eine Flush-Symptomatik, verstopfte Nase und Dyspepsie, bei Tadalafil zusätzlich Rückenschmerzen (Brock et al. 2002, Gresser u. Gleiter 2002, Young 1999). Wichtigste Kontraindikation aller PDE-5-Hemmer stellt die Einnahme von Nitraten und NO-Donatoren (z. B. Molsidomin) dar. Ausschlusskriterien sind: kongestive Herzinsuffizienz, niedriger Blutdruck, eine komplexe antihypertensive Therapie und Medikamente, die die HWZ der 5-Phospodiesterase-Hemmer verlängern.
Die Elimination erfolgt vorwiegend hepatogen, daher stellt die dekompensierte Leberinsuffizienz ebenfalls eine Kontraindikation dar.
Die Grenzen der oralen Pharmakotherapie werden in einer Metaanalyse dargestellt, die bisher nur für Sildenafil, nicht für die neuen 5-Phosphodiesterase-Hemmer vorliegt (Tab. 7). Insbesondere ist ersichtlich, dass die hohen Raten von publizierten Erektionsverbesserungen nicht zwangsläufig zu einem erfolgreichen, vom Patienten erwünschten, Geschlechtsverkehr führen.
Bei Versagen der oralen Pharmakotherapie können dem Patienten invasivere Therapieformen als Second-Line-Therapie angeboten werden.
Tabelle 6: Orale Pharmaka zur Therapie der erektilen Dysfunktion im Vergleich
| Substanz | Wirkort | Dosis | HWZ | Wirkdauer | Effektivität | Nebenwirkungen | "Evidenz" |
|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Sildenafil | peripher | 25-100 mg | ca. 4 h | ca. 4 h | bis 80% | Kopfschmerz, Dyspepsie, Flush | ⇑⇑ |
| Vardenafil | peripher | 10-20 mg | 4,4-4,8 h | ca. 4 h | bis 80% | Kopfschmerz, Dyspepsie, Flush | ⇑⇑ |
| Tadalafil | peripher | 10-20 mg | 17,5 h | 24-36 h | bis 80% | Kopfschmerz, Dyspepsie, Flush | ⇑⇑ |
| Yohimbin | zentral | 15-30 mg | ca. 0,6 h | ca. 3 h | ca. 30% | Zittern, Erregung | ⇔ |
| Apomorphin | zentral | 3 mg | 2-3 h | ca. 0,3 h | 47% | Übelkeit, Synkope | ⇑ |
Tabelle 7: Metaanalyse der Wirksamkeit von Sildenafil bei verschiedenen Krankheitsbildern (n= 6659), einbezogen wurden nur Studien von mindestens 12 Wochen Dauer, verglichen wurde mit Plazebo (Fink et al. 2002)
| > 50% erfolgreiche Geschlechtsverkehrversuche | > 1x erfolgreicher Geschlechtsverkehr | Erektionsverbesserung unter der Medikation | |
|---|---|---|---|
| Gesamt | 57% (vs. 21%) | 83% (vs. 45%) | 78% (vs. 25%) |
| Schwere erektile Dysfunktion | 47% (vs. 11%) | 74% (vs. 26%) | 67% (vs. 15%) |
| Hypertonus | 50% (vs. 16%) | 75% (vs. 39%) | 68% (vs. 21%) |
| Koronare Herzkrankheit | 42% (vs. 14%) | 69% (vs. 32%) | 63% (vs. 20%) |
| Periphere arterielle Verschlusskrankheit | 57% (vs. 13%) | 88% (vs. 38%) | 70% (vs. 14%) |
| Querschnitt | 53% (vs. 8%) | 81% (vs. 26%) | 83% (vs. 12%) |
| Psychogen | 66% (vs. 29%) | 91% (vs. 61%) | 87% (vs. 38%) |
| Radikale Prostatektomie | 25% (vs. 3%) | 47% (vs. 14%) | 48% (vs. 10%) |
| Diabetes mellitus | 44% (vs. 16%) | 70% (vs. 34%) | 63% (vs. 19%) |
Apomorphin und Yohimbin (Tab. 6)
Lokale Pharmakotherapie (MUSE, SKAT)
Klassifikation
Neben der Unterteilung in vaskuläre, neurogene, anatomisch-strukturelle, endokrin-hormonelle und psychogene Störungen - letztere unterteilt in den generalisierten und den situativen Typ - wird die pharmokologisch-medikamentös induzierte Erektionsstörung meist separat geführt. Häufig wird zudem die postoperativ-posttraumatische Erektionsstörung als eigene Kategorie behandelt, da hier neurogene und anatomisch-strukturelle, seltener auch vaskuläre Ursachen kombiniert auftreten.
Diagnostik
Die Pharmakodoppler-Untersuchung der Gefäße gehört nicht zur Routinediagnostik. Die nächtliche Tumeszenzmessung wird nur noch ausnahmsweise durchgeführt. Die invasive urologische Diagnostik mit Kavernosometrie und Kavernosographie (unter Pharmakostimulation) erfolgt bei spezifischen Fragestellungen, insbesondere bei jüngeren Patienten und primärer erektiler Dysfunktion, früh.
Für Österreich:
Dr. G. Kiss, Universitätsklinikum Innsbruck
Für die Schweiz:
Dr. R. Müller, Inselspital Bern
Für die Arbeitsgemeinschaft Autonomes Nervensystem der DGN:
Prof. Dr. W. H. Jost, Deutsche Klinik für Diagnostik, Wiesbaden
PD Dr. C.-A. Haensch, Helios Klinikum Wuppertal
Prof. Dr. M. Hilz, Universitätsklinik Erlangen
Federführend: Prof. Dr. med. W. H. Jost, Fachbereich Neurologie, Deutsche Klinik für Diagnostik, Aukammallee 33, 65191 Wiesbaden, Tel.: 0611/577430
E-Mail: jost.neuro@dkd-wiesbaden.de
Diese Leitlinie entstand ohne Einflussnahme oder Unterstützung durch die Industrie. Auftretende Kosten wurden durch die Autoren übernommen.
Endgültig verabschiedet in einer Abstimmung der Autorengruppe am 23.09.07. Ergänzt durch die Experten aus der Schweiz und Österreich. Finalisiert am 26. 11. 2007.
