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| Arbeitsgemeinschaft der
Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften |
| AWMF-Leitlinien-Register | Nr. 030/110 | Entwicklungsstufe: | 1 |
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Bei typischer Klinik und normalem neurologischem Befund ist die Wahrscheinlichkeit von irrelevanten Zufallsbefunden höher als die Wahrscheinlichkeit, einen behandlungswürdigen Befund zu erheben (A). Wenn eine Bildgebung erfolgt, ist abhängig von der Verdachtsdiagnose und dem Zeitverlauf eine kranielle Kernspintomographie meist dem CCT vorzuziehen. Wenn ein CCT durchgeführt wird (meist zum Ausschluss einer akuten Blutung oder Darstellung der knöchernen Schädelbasis), ist eine Kontrastmittelgabe meist entbehrlich (B).
Bei Kopfschmerzen ist ein EEG nur bei vermuteter Assoziation mit einem epileptischen Geschehen indiziert (A). EVOPs, Blinkreflex, autonome Testung, Algesiometrie, NLGs und EMG sind zur Diagnostik von primären Kopfschmerzen nicht geeignet (B), sie sind jedoch zur Untersuchung symptomatischer Kopfschmerzen häufig nötig. Das Gleiche gilt für die transkranielle Doppler-/Duplexsonographie. Eine extrakranielle Doppler/Duplexsonographie ist zum Ausschluss eines Dissekates ggf. sinnvoll (A), wobei hier die Kernspintomographie mit fettsuprimierten Sequenzen sensibler ist.
Zusätzlich: Durchführung einer apparativen Diagnostik, sofern der Kopfschmerz atypisch ist oder in der Akutphase außer dem Kopfschmerz andere neurologische Symptome bestehen. Zwei der wichtigsten Faktoren, die über den Einsatz einer apparativen Diagnostik entscheiden, sind die zeitliche Entwicklung des Leitsymptoms Kopfschmerz (Olesen et al. 1999) und die Abfolge möglicher neurologischer Symptome im Rahmen einer begleitenden Aura. Typisch dabei ist die Entstehung der Symptome über Minuten und die Änderung dieser Symptome über die nächsten 10-60 Minuten. Visuelle Symptome (Lichtblitze bzw. Fortifikationsfiguren) sind das häufigste Symptom bei einer Aura, deutlich seltener und häufig sich aus der visuellen Aura entwickelnd, kommt es zu sensiblen Symptomen, einer Aphasie oder motorischen Hemisymptomatik (Russell u. Olesen 1996).
Tabelle 1: Sensitivität der apparativen Diagnostik in Abhängigkeit von der Fragestellung
| Apparative Diagnostik | Fragestellung | Wenig sensitiv/nicht sinnvoll |
|---|---|---|
| NMR | Parenchymatöse Läsionen Hirnstamm- und Hypophysendarstellung Kraniozervikale Übergangsanomalien Dissekat (axiale Schichtführung und fett unterdrückende Sequenzen) Enzephalitis, Abszess Bei Trigeminusneuralgie: Gefäßkontakt, MS-Plaques | Knöcherne Strukturen Frische Blutung |
| CCT | Früherkennung Blutung Darstellung Schädelbasis (knöchern) Sinusitis sphenoidalis/ethmoidalis | Parenchymatöse Beurteilung Hirnstamm Beurteilung SAB älter als 3 Tage |
| Angio-MR | Sinusvenenthrombose Ggf. große Aneurysmen | |
| DSA | Aneurysmen (nach SAB) Fisteln (z. B. S.-cavernosus-Fistel) Zerebrale Vaskulitis | |
| Doppler-/Duplex- Sonographie | Dissekat | Nicht sinnvoll zur Differenzialdiagnose primärer Kopfschmerzen |
| EEG | Zerebrale Anfälle | DD primärer Kopfschmerzen |
| HWS-Röntgen | Knöcherne Destruktionen Frisches Trauma:
| DD primärer Kopfschmerzen |
| NNH-Röntgen | Akute Sinusitis | DD primärer Kopfschmerzen |
| Neurophysiologie (Blinkreflex, V-SEP, AEP) | Hirnstammkontusion Trigeminus-/Fazialis-Schädigung Optikusneuritis | DD primärer Kopfschmerzen |
| Liquorpunktion | SAB/Blutung (ggf. Xantochromie, Sideroblasten) Meningitis Atypische Zellen (Meningeosis carcinomatosa o. lymphomatosa) | DD primärer Kopfschmerzen |
| Laborwerte | BSG/CRP: Arteriitis temporalis Herpestiter: Zoster Hypothyreose: TSH, T3, T4 | DD primärer Kopfschmerzen |
Tabelle 2: Apparative Diagnostik bei Kopfschmerzen und zusätzlichen Leitsymptomen
| Verdachtsdiagnose | Leitsymptom | Apparative Diagnostik |
|---|---|---|
| Z. n. Trauma | Schwindel, ggf. Bewusstseinsstörung | CCT, ggf. EEG Bei V. a. Dissekat: s. u. |
| SAB | Explosionsartiger Vernichtungskopfschmerz Ggf. Bewusstseinsstörung | Innerhalb 48 h: CCT nativ, falls CCT negativ: LP, ggf. Angiographie Nach 48 h: NMR, ggf. LP Transkranieller Doppler: Spasmen |
| Sinusvenenthrombose | Ggf. Anfälle, Psychosyndrom | Angio-MR, alternativ: Angio-CT |
| Dissekat | Carotis:
| Doppler, Duplex, axiales NMR, alternativ Angio-CT |
| Intrazerebrale Blutung | fokale neurologische Ausfälle | CCT, NMR |
| Infarkt | Hemianopsie, ggf. fokale neurologische Ausfälle | CCT, NMR (einschließlich Diffusions-Sequenzen) |
| Tumor | Wesensänderung, Anfälle | NMR mit Gadolinium, CCT mit KM |
| Tumorangst | NMR ohne Gadolinium | |
| Sinusitis | SNAP Klopfschmerz, Fieber, Rhinorrhö, Schnupfen | Rö-NNH, CT-NNH |
| Riesenzellarteriitis | Sehstörung, Fatigue, Muskelschmerzen | CRP, BSG, ggf. Biopsie |
| Epileptischer Anfall | Bewusstseinsstörung, Anfall | EEG, ggf. Bildgebung s. o. |
| Belastungsabhängige Kopfschmerzen | Mirgäneartiger Kopfschmerz unter körperlicher Belastung
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| Pseudotumor cerebri Idiopathische intrakranielle Drucksteigerung | Obskurationen, Gesichtsfelddefekte | LP mit Druckmessung, Ablassversuch Funduskopie |
| Schlaf-Apnoe-Syndrom PLMS | Kopfschmerz beim Aufwachen, Schnarchen mit Apnoephasen, evtl. Beinbewegungen | Schlafpolygraphie |
Als Begleiterscheinung der Computer- oder Kernspintomographie werden durch bessere Bildqualität zunehmend Zufallsbefunde ohne klinischen Belang diagnostiziert. Dies gilt insbesondere für die in der Kernspintomographie bei Kopfschmerzpatienten überdurchschnittlich häufig vorkommenden "white matter lesions" sowie Anlagevariationen wie Ventrikelasymmetrien und Arachnoidalzysten. Diese Kopfschmerzpatienten werden meist als vaskuläre Risikogruppe oder MS-Patienten eingestuft und bei Arachnoidalzysten zum Teil sogar unnötig operativ behandelt. Neben dem hohen finanziellen Aufwand führt diese Praxis zu einer erheblichen Verunsicherung der Patienten bis hin zu invasiven diagnostischen und falschen therapeutischen Maßnahmen. Zusammenfassend ist bei typischer Klinik und normalem neurologischem Befund die Wahrscheinlichkeit von irrelevanten Zufallsbefunden höher als die Wahrscheinlichkeit, behandlungswürdige Befunde zu erheben.
Bei posttraumatischen Kopfschmerzen ist darauf hinzuweisen, dass das Fehlen eines Nachweises von Hämosiderinablagerungen im zerebralen NMR sogar bei Gradientenechosequenzen eine stattgehabte Blutung keinesfalls ausschließt (Wardlaw u. Statham 2000, Messori et al. 2003). Darüber hinaus konnte bisher keine Arbeit eine Beziehung zwischen dem Ausmaß der bildgebenden Befunde und der Schwere der posttraumatischen Kopfschmerzen nachweisen (Scholten-Peeters et al. 2003).
Zusammenfassend ist eine kranielle Bildgebung bei typischer Anamnese und normalem neurologischem Befund zumindest bei primären Kopfschmerzen entbehrlich. Eine Ausnahme machen die Erstmanifestation aller unter Punkt 2 (trigeminoautonome Kopfschmerzen) und 4 (primärer Donnerschlagkopfschmerz, Sexualkopfschmerz, primärer Hustenkopfschmerz) der IHS-Klassifikation gelisteten primären Kopfschmerzen, bei denen nicht selten sekundäre Formen auftreten (Favier et al. 2007). Bei begründeter Indikation ist es ggf. sinnvoll, zwei Bildgebungsmodalitäten zu verbinden: ein natives CCT der Schädelbasis mit Knochenfenster und eine kranielle Kernspintomographie mit Gadolinium, ggf. mit Darstellung der hirnversorgenden Gefäße, wobei darauf zu achten ist, dass auch der kraniozervikale Übergang abgebildet wird.
Für die Schweizerische Kopfschmerzgesellschaft:
PD Dr. med. P. Sandor, Neurologische Klinik, Universitätsklinikum Zürich
Für die Österreichische Neurologische Gesellschaft:
Prof. Dr. Ch. Woeber, Neurologische Klinik, Universitätsklinikum Wien
PD. Dr. Ch. Lampl, Krankenhaus der Barmherzigen Brüder Linz
Für die DMKG:
PD Dr. A. May, Neurologische Klinik, Universitätsklinikum Hamburg Eppendorf
Prof. Dr. A. Straube, Neurologische Klinik, Universitätsklinikum München, Großhadern
Dr. med. A. Peikert, Neurologische Praxis, Bremen
Für den BDN: Dr. V. Pfaffenrath, Neurologische Praxis, München
Federführend: PD Dr. Arne May, Neurologische Universitätsklinik Hamburg (UKE), Martinistraße 52, 20246 Hamburg
E-Mail: a.may@uke.uni-hamburg.de
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