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Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Neurologie


 AWMF-Leitlinien-Register  Nr. 030/108   Entwicklungsstufe:  1 
Zitierbare Quelle:
Leitlinien für Diagnostik und Therapie in der Neurologie; 4. überarbeitete Auflage 2008, S. 654 ff, ISBN 978-3-13-132414-6; Georg Thieme Verlag Stuttgart

Hirnabszess

Was gibt es Neues?

Die wichtigsten Empfehlungen auf einen Blick


  1. Definition, Klinik
  2. Der Hirnabszess ist eine lokale Infektion des Hirngewebes, die als fokale Enzephalitis ("Zerebritis") beginnt und sich im weiteren Verlauf langsam zu einer Eiteransammlung mit Bindegewebskapsel entwickelt (Britt u. Enzmann 1983, Kastenbauer u. Pfister 2003). Das zerebrale subdurale Empyem ist eine fokale Eiteransammlung im Subduralraum. Beim seltenen zerebralen epiduralen Abszess (Nathoo et al. 1999b) liegt der Eiter zwischen Dura und Periost. Im Subduralraum kann sich der Eiter (wie beim subduralen Hämatom) häufig flächig ausbreiten (Form des Empyems konvex-konkav; Nathoo et al. 1999a). Demgegenüber ist intrakraniell die Dura fest mit dem Periost verbunden, weshalb epidurale Abszesse in der Regel (wie epidurale Blutungen) eine bikonvexe Form haben. Intrakranielle Abszesse und Empyeme entstehen als Folge einer Keimverschleppung auf dem Blutweg oder von Nachbarschaftsprozessen ausgehend. Bei einem offenen Schädel-Hirn-Trauma oder nach neurochirurgischen Eingriffen können Erreger auch direkt nach intrakraniell gelangen.
    Die klinische Symptomatik des Hirnabszesses wird durch seine Lokalisation bestimmt. Das häufigste klinische Symptom ist der Kopfschmerz (ca. 80%), nicht selten vergesellschaftet mit Übelkeit und Erbrechen. Oft ist er verbunden mit dem Auftreten fokaler oder generalisierter epileptischer Anfälle (ca. 25-35%). Höheres Fieber besteht nur in der Hälfte der Fälle. Leichte Vigilanzminderungen und/oder neurologische Herdsymptome, beispielsweise eine leichte Hemiparese, werden bei 30-60% der Kranken beobachtet. Akute Einklemmungszeichen können bei raschen Verläufen das Krankheitsbild bestimmen. Zumeist entwickelt sich der Prozess allerdings subakut.

  3. Diagnostik
  4. 2.1 Notwendige Untersuchungen

    2.2 In der Regel nicht indizierte Untersuchungen

  5. Erregerspektrum und Epidemiologie
  6. Die verursachenden Erreger variieren in Abhängigkeit von der Grunderkrankung. Die relative Häufigkeit der einzelnen Erreger des Hirnabszesses ist in Tabelle 1 aufgeführt. Typisch für den Hirnabszess sind Mischinfektionen aus aeroben und anaeroben Bakterien (Wispelwey et al. 1997). Bei ungeeigneter Behandlung des entnommenen Abszessinhalts wird die Häufigkeit von Infektionen mit Anaerobiern bzw. aeroben/anaeroben Mischinfektionen unterschätzt (Yoshikawa et al. 1975). Bei immunkompromittierten Patienten müssen auch Pilze (Aspergillus spp., Candida spp., Cryptococcus neoformans, Mucorales) als Erreger in Betracht gezogen werden. Liegt eine entsprechende Reise- oder Expositionsanamnese vor, können in seltenen Fällen Protozoen und Würmer einen Hirnabszess vortäuschen. Hier sind zu nennen: Entamoeba histolytica, Trypanosoma cruzi, Schistosoma spp., Echinococcus spp., Taenia solium, Paragonimus spp. Die fokal-nekrotisierende Toxoplasmoseenzephalitis ist in Ländern mit einer hohen HIV-Prävalenz und fehlender Primärprophylaxe eine häufige Manifestationsform der AIDS-Erkrankung.

    Tabelle 1: Beim Hirnabszess am häufigsten isolierte Bakterien (nach Wispelwey et al. 1997)

    Streptokokken, vorzugsweise Streptococcus milleri und andere vergrünende und nichthämolysierende Arten, aber auch obligat anaerobe Erreger des Genus Peptostreptococcus ca. 50%
    Bacteroides-Spezies 20-40%
    Enterobakterien und Pseudomonas-Subspezies 20-30%
    Staphylococcus aureus 10-15%

    Die jährliche Inzidenz des Hirnabszesses liegt bei 0,3-1,3/100000. Die Einführung von Antibiotika in den vierziger Jahren des letzten Jahrhunderts verbesserte die Prognose des Hirnabszesses, der zuvor nahezu immer letal verlief, bereits erheblich. Die Fortschritte in der Diagnostik durch das CCT senkten die Letalität auf Werte von 5-15%.

  7. Therapie
  8. Das therapeutische Vorgehen bei nachgewiesenem oder vermutetem Hirnabszess wird bis heute kontrovers diskutiert. Randomisierte Studien, die verschiedene therapeutische Maßnahmen miteinander vergleichen, existieren nicht. Aus diesem Grund sind alle folgenden Empfehlungen mit dem Evidenzgrad C zu bewerten.

    4.1 Konservatives Vorgehen

    4.2 Abszessaspiration

    4.3 Offene Kraniotomie mit Abszessexzision

    4.4 Offene Abszessevakuation ohne Kapselentfernung

    4.5 Operatives Vorgehen beim zerebralen subduralen Empyem und beim zerebralen epiduralen Abszess

    4.6 Sanierung eines Streuherds

    4.7 Antibiotikatherapie

    4.8 Adjuvante Therapie

  9. Antikonvulsive Prophylaxe
  10. Der häufigste neurologische Spätschaden nach Hirnabszess ist die Epilepsie, deren Häufigkeit mit 30-70% angegeben wird. Minimal-invasive Eingriffe bei der Abszesssanierung vermindern wahrscheinlich die Inzidenz einer sekundären Epilepsie im Vergleich zur offenen Kraniotomie mit Abszessexzision. Auch wenn es keine Daten zur Verhinderung epileptischer Anfälle oder einer Epilepsie durch eine antikonvulsive Prophylaxe nach Hirnabszess und zerebralem subduralem Empyem gibt, wird von mehreren neurochirurgischen Autoren aufgrund der Häufigkeit epileptischer Anfälle in der akuten Phase bei supratentoriellen Abszessen und Empyemen eine zwei- bis dreiwöchige antikonvulsive Prophylaxe (z. B. mit Phenytoin) empfohlen (⇔) (Deutschman u. Haines 1995, Piek 2003). Entscheidet man sich für eine solche Prophylaxe, kann sie ausgeschlichen werden, wenn das EEG 2-3 Wochen nach Therapiebeginn keine epilepsietypischen Potenziale zeigt und bis dahin keine epileptischen Anfälle aufgetreten sind (C).

  11. Prognose
  12. Die Letalität eines Hirnabszesses beträgt 5-10% und ist abhängig vom initialen neurologischen Befund. Über 50% der Überlebenden sind nach Jahren zumindest grob neurologisch weitgehend rehabilitiert, allerdings weisen jüngste neuropsychologische Studien darauf hin, dass bei Hirnabszesspatienten in einem sehr hohen Prozentsatz ein breites Spektrum von neurologischen Defiziten, insbesondere einem subkortikalen Muster entsprechend, auch noch nach mehr als 10 Jahren zu finden sind, teilweise unabhängig von Größe und Lokalisation des Hirnabszesses (B) (Visani et al. 2006). Der kürzlich publizierte Imaging Severity Index (ISI) unterstützt eine frühzeitige Prognoseeinschätzung (Demir et al. 2007).


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Verfahren zur Konsensbildung

Erstellungsdatum:

11/2004

Letzte Überarbeitung:

10/2008

Nächste Überprüfung geplant:

k.A.


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Stand der letzten Aktualisierung: 10/2008
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