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| Arbeitsgemeinschaft der
Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften |
| AWMF-Leitlinien-Register | Nr. 030/091 | Entwicklungsstufe: | 1 |
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Tabelle 1: Klinische Symptome des Morbus Wilson
| Organsystem | Symptomatik |
|---|---|
| Leber | Asymptomatische Hepatomegalie und Transaminasenanstieg Isolierte Splenomegalie, Hepatosplenomegalie, Abdominalschmerz Chronische Transaminasenerhöhung Fettleber Akute Hepatitis Chronisch-aktive Hepatitis Leberzirrhose, Aszites, Ikterus Fulminantes Leberversagen |
| Nervensystem | Tremor, Ataxie, Koordinationsstörung Flapping Tremor Schreibstörung, Feinmotorikstörung Dysarthrie, Dysphagie Dyskinesie, Bradykinese, Rigidität, Dystonie Gangstörung Hypersalivation Selten Spastik Selten epileptische Anfälle |
| Psyche | Persönlichkeitsstörung (Affekt und Impulskontrolle) Kognitive Störung Soziale Störung Depression Psychose |
| Nieren | Renal tubuläre Azidose Proximale und/oder distale tubuläre Dysfunktion (Aminoazidurie, Hyperphosphaturie, Hyperkalzurie, Glukosurie, K-Verlust, Urikosurie, Bikarbonatmangel) Urolithiasis Peptidurie, Proteinurie |
| Augen | Kayser-Fleischer-Kornealring Hemeralopie Selten Sonnenblumenkatarakt |
| Herz | EKG-Veränderungen Arrhythmie Kardiomyopathie Autonome Dysfunktion |
| Magen-Darm-Trakt | Exokrine Pankreasinsuffizienz, Pankreatitis Cholelithiasis Spontane bakterielle Peritonitis |
| Muskel/ Skelett | Kupferinduzierte Rhabdomyolyse Hypokaliämische Muskelschwäche Osteoporose/Osteomalazie Osteochondritis dissecans Vitamin-D-resistente Rachitis Arthritis/Arthralgie Degenerative Wirbelsäulenveränderungen |
| Endokrinium | Amenorrhö, testikuläre Dysfunktion Selten Hypoparathyreoidismus Fehlgeburt |
| Hämatologisch | Sekundärschäden der Lebererkrankung (Koagulopathie), des Hypersplenismus (Leukopenie, Thrombozytopenie) Coombs-negative Hämolyse, Anämie |
| Haut | Selten azurblaue Lunulae Acanthosis nigrans Hyperpigmentation Spider-Nävi |
Häufig tritt zwischen dem 5. und 10. Lebensjahr eine transiente Lebersymptomatik mit Transaminasenanstieg, diskretem Ikterus, Leistungsminderung und Abgeschlagenheit auf. Das Ausmaß der Leberschädigung ist sehr variabel, auch ein plötzlich einsetzendes Leberversagen ist möglich (Tab. 1). Der Verlauf wird entscheidend durch eine rechtzeitige und konsequente lebenslange Therapie beeinflusst. Sowohl die Verhinderung des Symptomausbruchs und der Progredienz als auch eine partielle Reversibilität sind möglich. Als Restzustand bleibt ein Leberstrukturumbau im Sinne einer Fibrose bzw. Leberzirrhose mit leichter bis mäßiger Leberfunktionsminderung zurück. Unzureichende oder fehlende Behandlung führt zu progredienter Leberzirrhose.
Erst später, nach dem 10. Lebensjahr, kommt es zur neurologischen Manifestation. Die vorrangig extrapyramidalmotorische Symptomatik ist von basalganglionären und zerebellären Befunden gekennzeichnet (Tab. 1). Psychopathologische Veränderungen können das klinische Erscheinungsbild unterschiedlich stark mit prägen.
Zur laborchemischen Befundkonstellation gehören:
Die angegebenen Laborwerte sind nur laborspezifische Richtwerte.
Zugunsten einer nichtinvasiven Diagnostik befürworten wir den intravenösen Radiokupfertest gegenüber einer Leberbiopsie (s. u.).
Der D-Penicillaminbelastungstest kann ein hilfreicher diagnostischer Zusatztest sein. Dabei werden 500 mg D-Penicillamin unmittelbar vor und 12 Stunden nach Beginn einer 24-stündigen Urinsammlung verabreicht. Bei Kindern gilt eine renale Kupferausscheidung von mehr als 1600 µg/24h (> 25 µmol/24h) als pathologisch, bei Erwachsenen deutet der mehr als 20-fache Anstieg der Kupferausscheidung gegenüber dem Ausgangswert (basales Urinkupfer) auf eine Kupferstoffwechselstörung hin (Roberts u. Cox 1998, Herrmann et al. 1999). Dieser Test ist jedoch nicht standardisiert und vom Krankheitsstadium abhängig.
Steigende Cholestaseparameter, Bilirubin- und γ-GT-Werte, bei erniedrigter alkalischer Phosphatase sind ebenfalls richtungweisend (Kenngott u. Bilzer 1998).
Die klinische Verdachtsdiagnose eines Morbus Wilson kann gestellt werden, wenn folgende Befundkonstellation vorliegt (Gitlin 1998, Gitlin 2003, Sternlieb 1990):
Jedoch ist die Befundkonstellation selten so eindeutig. Der intravenöse Radiokupfertest (Kinetik des kurzlebigen Isotops 64Cu) ermöglicht ab einem Alter von 4-6 Jahren die Diagnosestellung auch bei unklaren Laborparametern (Roberts u. Cox 1998, Sternlieb 1979). Zusätzlich lässt dieser Test eine Differenzierung zwischen homozygoten und heterozygoten Merkmalsträgern zu (Biesold u. Günther 1972), ist jedoch an die Verfügbarkeit radioaktiven Kupfers und der erforderlichen Laborausstattung gebunden.
Vollständige molekulargenetische Tests sind aufgrund der Vielzahl der vorkommenden Mutationen gegenwärtig nicht praktikabel. Die Rationale zum jetzigen Zeitpunkt sind einerseits Stammbaumanalysen mittels Haplotypanalysen. Bei bekannten Indexpatienten ist eine gezielte molekulargenetische Testung möglich. Andererseits erfolgt eine sinnvolle direkte Mutationsanalyse nur bei Mutationen, die in einer ausreichend großen Häufigkeit - wie die H1069Q-Mutation in der europäischen Kohorte - vorkommen (Ferenci 2004, Maier-Dobersberger 1999). Nur bei Vorliegen dieser Mutation auf beiden Chromosomen ist die Diagnose gesichert, die meisten Patienten sind jedoch "compound heterozygot" mit einer anderen Mutation auf dem 2. Allel. Dies zieht eine bislang aufwendige Sequenzierung der 21 Exons nach sich (Maier-Dobersberger 1999).
Die Diagnose auf der Basis einer Punktzuweisung (Scoring) für verschiedene Parameter (Ferenci et al. 2003) hat sich in der Praxis noch nicht durchgesetzt.
Das Familien-Screening eines diagnostizierten Wilson-Patienten ist zwingend erforderlich und betrifft alle Geschwister und Kinder. Sehr zuverlässig bei gesicherter Diagnose eines Morbus Wilson innerhalb der Familie ist die Durchführung der Haplotypenanalyse, um bislang asymptomatische Verwandte zu identifizieren. Zusätzlich kann mit der DNA-Strip-Technologie nach den häufigsten Mutationen (H1069Q, 3400delC) gefahndet werden.
Abbildung 1: Therapieablauf bei Morbus Wilson.
| Substanzen | Dosis | Nebenwirkungen | Kontraindikationen |
|---|---|---|---|
| D-Penicillamin (Metallcaptase 150/300, Trolovol 300)1,2 | Initial 150 mg/d ⇑⇑ Einschleichend über 6 Monate Erhaltungsdosis 3-4 × 300 mg/d bis 3 × 600 mg/d Maximaldosis 2400 mg/d Kinder max. 900 mg/d | Initiale Verschlechterung der EPS Dosisabhängig: Erythem, Blutbildveränderungen, Proteinurie, Vitamin-B6-Mangel Imunologisch vermittelt: Hautallergie, Pemphigus, Imunkomplexnephritis, Tubulopathie, nephrotisches Syndrom, Lupus erythematodes, Knochmarkdepression, myasthenes Syndrom | Allergie, Niereninsuffizienz, aplastische Anämie Relative Kontraindikation: Myasthenia gravis |
| Trien (Trientine 300,Cuprid 250)1,2 | Initial 300 mg/d ⇑⇑ Einschleichend über 3 Monate Erhaltungsdosis 4 × 300 mg/d Maximaldosis 2400 mg/d Kinder max. 900 mg/d | Leichte Allergie, leichter Eisenmangel | Keine |
| Zink-Acetat/Glukonat (Zinkomed, Wilzin)2 | Äquivalenzdosis 3 × 50 mg elementares Zink/d Kinder 75-150 mg elementares Zink /d | Magenunverträglichkeit, Übelkeit, Druckgefühl, Brechreiz | Keine |
2 In der Schweiz:
D-Penicillamin: Mercaptyl 150/300 mg
Trien: Trientine 300 (nur Bezug über die internationale Apotheke)
Zink-D-Glukonat: Zink Verla 20
6.2.1 Chelatbildner
Dosierung:
Der Therapiebeginn erfolgt einschleichend mit einer Dosis von 150 mg pro Tag. Alle 3 Tage kann die Dosis bei Verträglichkeit um 150 mg erhöht werden. Idealerweise ist die orale Einnahme ca. 30 Minuten vor den Mahlzeiten vorzunehmen. Die tägliche Erhaltungsdosis wird individuell angepasst und liegt zwischen 600 und 1500 mg (maximal 2400 mg) pro Tag (Kinder 450- 900 mg/d), verteilt auf 2-3 Einzeldosen (⇑⇑) (A). Ihre Höhe orientiert sich an der renalen Kupferausscheidung pro Tag, die unter fortgeführter DPA-Therapie > 500 µg (> 7,5 µmol im 24-h-Sammelurin) betragen sollte. Aufgrund seiner Wirkung als Pyridoxinantimetabolit ist die Kombination von DPA mit 20 (-40) mg Pyridoxin pro Tag erforderlich (⇑⇑) (A).
Nebenwirkungen:
DPA ist sehr effektiv in der Initialtherapie, jedoch limitieren Nebenwirkungen bei bis zu 20% der Patienten seinen Einsatz (Cuthbert 1998, Lößner et al. 1985). Bei zu schneller Eindosierung kann es initial zu einer Verschlechterung der extrapyramidalmotorischen Symptome kommen. Neben leichteren beherrschbaren Störungen, verursacht durch eine dosisabhängige Toxizität (Erythem, Blutbildveränderungen, leichte Proteinurie), treten im Verlauf auch schwere immunologisch vermittelte Reaktionen auf (Hautallergie, Pemphigus, Immunkomplexnephritis, Tubulopathie, nephrotisches Syndrom, Lupus erythematodes, Knochenmarkdepression u. a.), die dann das Absetzen erfordern. In Bezug auf die früh zu beobachtenden Nebenwirkungen werden eine Dosisreduktion und eine vorübergehende Steroidtherapie (100 mg/d Prednisolon oral ausschleichend über 14 d, danach Kontrolle der Wirkung) empfohlen (⇑) (B). Die späten Nebenwirkungen der DPA-Therapie verlangen ein Umsetzen der Therapie auf Trien oder Zink.
Indikation:
DPA gilt als Mittel der ersten Wahl für die Initialtherapie besonders hepatisch und neurologisch symptomatischer Patienten (⇑⇑) (A). Darüber herrscht jedoch kein Konsens in der Literatur, einige Autoren favorisieren aufgrund des Nebenwirkungsrisikos die alleinige Zinktherapie (Hoogenraad 1988, 2006) bzw. andere Chelatbildner (Trien, Tetrathiomolybdat; Brewer 2001). Bei Verträglichkeit ist eine Dauertherapie mit DPA möglich, alternativ kann nach mehrjähriger Entkupferung eine Umstellung auf ein Zinkpräparat erfolgen.
Triethylentetramin-Dihydrochlorid (Trien) [Trientine 300 mg, Cuprid 250 mg]
Dosierung:
Die Therapie beginnt mit einer einschleichenden Dosierung von zunächst 300 mg pro Tag, gefolgt von einer schrittweisen Steigerung auf 1200-2400 mg/d (Kinder 600-900 mg/d; ⇑⇑) (A). Jeweils in 2-3 Einzeldosen vor den Mahlzeiten wird diese Erhaltungsdosis als Dauertherapie verabreicht. Zur Kontrolle der Wirksamkeit sollte die induzierte renale Kupferausscheidung über 200 µg pro Tag (> 3,1 µmol im 24-h-Sammelurin) betragen und ggf. durch Dosissteigerung erreicht werden.
Nebenwirkungen:
Es sind Hypersensitivitätsreaktionen und ein leichter Eisenmangel bei Langzeittherapie beschrieben, sonst wurde bisher über keine Nebenwirkungen berichtet.
Indikation:
Trien ist in allen Stadien der Krankheit ein hochwirksames Medikament und eignet sich sehr gut zur Langzeittherapie (⇑⇑) (A).
6.2.2 Zinksalze
Dosierung:
Die Tagesdosis wird entsprechend einer Äquivalenzdosis von 150 mg (Kinder 75-150 mg) elementarem Zink auf 3 Einzeldosen verteilt und jeweils eine Stunde vor oder 2 Stunden nach den Mahlzeiten eingenommen. Hinsichtlich der renalen Kupferausscheidung ist ein Wert unter 80 µg pro Tag (< 1,0 µmol im 24-h-Sammelurin) anzustreben. Die zeitgleiche Einnahme von Chelatbildnern mit Zink ist zu vermeiden, da sonst beide Medikamente wirkungslos werden könnten.
Nebenwirkungen:
Eine harmlose Magenunverträglichkeit mit Übelkeit und Brechreiz tritt oft bei Therapiebeginn auf, bessert sich aber meist nach einigen Wochen. Zinkacetat scheint die bessere Verträglichkeit zu haben. Der Therapieeffekt setzt deutlich später als bei Chelatbildnern ein.
Indikation:
Zink ist ideal für die Erhaltungstherapie eines entkupferten Patienten (⇑) (B). Zur Initialtherapie kommt es vor allem bei asymptomatischen Patienten in Frage (⇑) (C).
6.2.3 Tetrathiomolybdat
Dosierung:
Nach Brewer (2001) wird eine Gabe von 6 × 20 mg pro Tag (3× mit den und 3× zwischen den Mahlzeiten) für 8 Wochen als Initialtherapie vorgeschlagen. Zink kann sofort parallel oder 2 Wochen vor Absetzen von Tetrathiomolybdat komediziert werden. Alternativ beginnt die Erhaltungstherapie mit Trien wenige Tage vor Beendigung von Tetrathiomolybdat (Brewer 2001).
Nebenwirkungen:
Trotz wenig toxischer Reaktionen kann es zu reversiblen Knochenmarkdepressionen und zur Epiphysenschädigung kommen, so dass Tetrathiomolybdat bei Kindern und Jugendlichen kontraindiziert ist.
Indikation:
Obwohl Tetrathiomolybdat in klinischen Studien besonders beim Einsatz zur Initialtherapie gute Wirkungen zeigte, ist es noch nicht als Standardtherapeutikum etabliert. In Deutschland ist es bislang noch nicht zugelassen.
6.2.4 Obsolete Medikationen
6.2.5 Antioxidanzien
Dosierung:
Mit der Einnahme von 200-400 IE Vitamin E wird der antioxidative Pool kompensiert.
Nebenwirkungen:
Es sind keine relevanten Nebenwirkungen bekannt.
Indikation:
Der Wert der Vitamin-E-Gabe liegt im adjuvanten Therapiekonzept, kontrollierte Studien fehlen (⇔) (C).
6.3.1 Kupferarme Diät
6.3.2 Notfalltherapie
6.3.3 Lebertransplantation
Federführend: PD Wieland Hermann, Abteilung Neurologie, Paracelsus Klinik Zwickau, Werdauer Straße 68, 08060 Zwickau
E-Mail: Dr.Wieland.Hermann@pk-mx.de
Das Manuskript der Leitlinie wurde durch den federführenden Autor PD W. Hermann zunächst erstellt. Der laborchemische Beitrag erfolgte durch Herrn Dr. rer. nat. H.-J. Kühn. Prof. E. Bolthauser und Prof. J. Willeit gaben einzelne Hinweise zum Manuskript und ergänzten Spezifika in Österreich und der Schweiz.
