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Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Neurologie


 AWMF-Leitlinien-Register  Nr. 030/083   Entwicklungsstufe:  1 
Zitierbare Quelle:
Leitlinien für Diagnostik und Therapie in der Neurologie; 4. überarbeitete Auflage 2008, S. 654 ff, ISBN 978-3-13-132414-6; Georg Thieme Verlag Stuttgart

Transiente globale Amnesie
(= amnestische Episode)

Was gibt es Neues?

Die wichtigsten Empfehlungen auf einen Blick


  1. Definition und Klinik
  2. Die transiente globale Amnesie (TGA) ist durch eine akut einsetzende Störung aller Gedächtnisinhalte (visuell, taktil, verbal) für einen Zeitraum von 1 bis maximal 24 Stunden, bei im Mittel 6-8 Stunden gekennzeichnet. Während der Attacke ist die Behaltensspanne für neue Informationen auf 30-180 Sekunden reduziert (anterograde Amnesie), das heißt, die Patienten sind nicht in der Lage, neue Gedächtnisinhalte zu speichern. Sie sind deshalb zu Zeit und Situation häufig nicht, zur Person jedoch immer orientiert. Es besteht keine Vigilanzminderung, die Patienten sind wach und kontaktfähig. Sie erscheinen ratlos und beunruhigt und stellen wiederholt Fragen nach der Zeit, nach situativen Umständen und Gegenständen, die sich in der eigenen Umgebung in der unmittelbaren Vergangenheit verändert haben. Parallel dazu ist auch der Zugriff auf alte, vor der TGA erworbene Gedächtnisinhalte (retrograde Amnesie) gestört. Dies betrifft vor allem Ereignisse aus der jüngeren Vergangenheit, z. B. Reisen. Die retrograde Amnesie führt auch zu Desorientiertheit, da die Betroffenen die Ereignisse der vorausgehenden Stunden und Tage nicht oder nur unvollständig rekonstruieren können. Während sie nicht in der Lage sind, die Gedächtnisstörung wahrzunehmen, sind sie sehr wohl fähig, auch komplexe, zuvor erlernte Tätigkeiten auszuführen, wie z. B. PKW lenken, in bekannter Umgebung spazieren gehen, Kochen, Kartenspielen.
    Bei Fehlen von weiteren neurologischen Defiziten klagen einige Betroffene über unspezifische Begleitsymptome wie Übelkeit, Schwindel oder Kopfschmerzen. In durchschnittlich 44% (26-85%) gehen der Symptomatik Situationen voraus (z. B. Joggen, emotionale Belastungen, Zahnarztbesuch, Geschlechtsverkehr), die als "Auslöser" in Frage kommen (Sander u. Sander 2005), in den übrigen Fällen tritt die TGA "spontan" auf. Nach Abklingen der TGA bleibt eine mnestische Lücke von mehreren Stunden nach Beginn der Symptomatik zurück, eine retrograde Amnesie von 0,5-8 Stunden kann ebenfalls persistieren. Die Inzidenz der TGA, die bei Männern und Frauen ungefähr gleich häufig auftritt, beträgt 5-10/100000 Einwohner/Jahr, 75% der Attacken ereignen sich zwischen dem 50. und 70. Lebensjahr, nur wenige Fälle treten vor dem 40. Lebensjahr auf. Es findet sich eine Häufung der TGA am Vormittag (Quinette et al. 2006). Bis zu 18% der Betroffenen erleiden mehr als eine TGA (Gandolfo et al. 1992). In einer retrospektiven Analyse von 73 Patienten mit einfacher und 12 Patienten mit rezidivierender TGA wiesen Patienten mit Rezidiv signifikant mehr Triggerfaktoren (z. B. physische Aktivität, emotionaler Stress, Geschlechtsverkehr) sowie häufiger inkompetente Jugularvenenklappen, eine KHK (6,9% vs. 3,3%) und eine duplexsonographisch gesicherte Arteriosklerose der Karotis auf (41,7% vs. 15,7%) als Patienten mit singulärer TGA (Agosti et al. 2006).
    Die Diagnose der TGA stützt sich auf die neurologische und orientierende neuropsychologische Untersuchung und den Ausschluss in Frage kommender Differenzialdiagnosen (s. u.) und kann in aller Regel sowohl im Akutstadium als auch danach anhand der Kriterien von Caplan et al. (1985) sowie Hodges und Warlow (1990a) rein klinisch gestellt werden:

    Klinische Symptome, die über die Gedächtnisstörung und leichte vegetative Beschwerden hinausgehen, d. h. Somnolenz, starke Kopfschmerzen, Erbrechen, Verwirrtheit oder eine inkomplette Rückbildung nach mehr als 24 Stunden, sprechen gegen eine TGA und erfordern eine differenzierte Abklärung.

  3. Pathophysiologie
  4. Die Ursache der transienten globalen Amnesie ist bisher unbekannt, allerdings weisen zahlreiche Befunde der letzten Jahre auf eine multifaktorielle Genese des Syndroms TGA hin, wobei unterschiedliche Gruppen von TGA-Patienten existieren (Quinette et al. 2006). Aufgrund des klinischen Bildes wird als gemeinsames pathophysiologisches Korrelat von einer passageren Funktionsstörung mediobasaler Temporallappenanteile unter Einschluss der beiden Hippokampi ausgegangen, da diese Strukturen sowohl in die Gedächtniskonsolidierung als auch den Abruf von Gedächtnisinhalten involviert sind (Kritchevsky u. Squire 1989). Dafür sprechen auch neue bildgebende Befunde mittels diffusionsgewichteter Kernspintomographie, die bei mehr als der Hälfte der Patienten im Akutstadium hippokampale Läsionen zeigt (Sedlaczek et al. 2004, Winbeck et al. 2005, Bartsch et al. 2006, Lee et al. 2007). Nakada et al. (2005) konnten mittels Hochfeld-(3-Tesla-)MRT umschriebene und persistierende - in der T2-Wichtung sichtbare - Läsionen im Hippokampus nachweisen, die auch die wiederholt beschriebenen und über Wochen bis Monate hinaus persistierenden Gedächtnisstörungen (Guillery-Girard et al. 2006) bei TGA-Patienten erklären könnten. Basierend auf diesen Befunden wurde auch die "Gutartigkeit" der TGA kontrovers diskutiert (Nakada et al. 2005). Allerdings fanden Bartsch et al. (2006) bei 20 TGA-Patienten mit initial bestehender hippokampaler DWI-Läsion in keinem Fall den Nachweis einer persistierenden Läsion in der T2-gewichteten Verlaufsuntersuchung nach 4-6 Monaten.

    2.1 Migräneäquivalent

    2.2 Venöse Kongestion

    2.3 Paradoxe Hirnembolie

    2.3 Psychische Faktoren

  5. Diagnostik
  6. 3.1 Notwendig

    3.2 Im Einzelfall erforderlich

    3.3 Wertigkeit unklar

  7. Differentialdiagnose
  8. Im Wesentlichen muss eine TGA klinisch von amnestischen epileptischen Anfällen (Palmini et al. 1992) abgegrenzt werden. Diese zeichnen sich durch eine Dauer von weniger als 1 Stunde, mehr als 2 Attacken in 6 Monaten und typischerweise dem Auftreten unmittelbar nach dem Erwachen aus dem Schlaf aus. Die Betroffenen sind ebenfalls in der Lage, komplexe Tätigkeiten (z. B. Schreiben, Telefonieren) auszuüben, sie stellen jedoch keine repetitiven, ängstlichen Fragen. Das interiktale EEG ist zumeist auffällig, häufig finden sich in der Anamnese auch Hinweise für klassische komplex-partielle Anfälle.
    Weitere Differenzialdiagnosen, die zu akut einsetzenden Gedächtnisstörungen führen und sich in der Regel ohne Weiteres klinisch und anamnestisch abgrenzen lassen, sind:

  9. Therapie
  10. Ambulant: Wenn die klinische Diagnose sicher ist und der Patient unter Aufsicht einer Bezugsperson bleibt, ist eine ambulante Führung des Patienten ohne spezifische Therapie möglich (C).

    Stationär: Bei differenzialdiagnostischen Erwägungen und klinisch bzw. anamnestisch unsicherer Abgrenzung gegenüber einer transienten epileptischen Amnesie sowie bei fehlender Überwachungsmöglichkeit innerhalb der häuslichen Umgebung sollte eine stationäre Überwachung für mindestens 24 Stunden erfolgen (A).

  11. Prophylaxe
  12. Bis zu 18% der Betroffenen (Sander u. Sander 2005) erleiden mindestens eine weitere TGA, was trotz der "Gutartigkeit" des Krankheitsbildes sowohl von den Patienten als auch von Angehörigen als dramatisch empfunden wird. Da der Pathomechanismus der TGA derzeit noch nicht endgültig geklärt ist, es sich wahrscheinlich um ein multifaktorielles bzw. auch multikausales Geschehen handelt (Quinette et al. 2006) und auch empirische Daten dazu fehlen, können keine ausreichend evidenzbasierten Empfehlungen hinsichtlich einer Prophylaxe gegeben werden. Eine solche ist aufgrund der Gutartigkeit des Krankheitsbildes wahrscheinlich auch nicht notwendig (A). Bei rezidivierender TGA wurden in Einzelfällen Betablocker (Metoprolol) erfolgreich eingesetzt (Berlit 2000). Ob TGA-Patienten mit Nachweis von DWI-Läsionen ein erhöhtes vaskuläres Risiko aufweisen, ist zurzeit nicht untersucht. Es konnte jedoch gezeigt werden, dass diese Patienten häufiger eine Arteriosklerose der Karotis aufweisen als TGA-Patienten ohne DWI-Läsionen (Winbeck et al. 2005).


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Verfahren zur Konsensbildung

Erstellungsdatum:

05/2002

Letzte Überarbeitung:

10/2008

Nächste Überprüfung geplant:

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Stand der letzten Aktualisierung: 10/2008
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