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Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Neurologie


 AWMF-Leitlinien-Register  Nr. 030/079   Entwicklungsstufe:  1 
Zitierbare Quelle:
Leitlinien für Diagnostik und Therapie in der Neurologie; 4. überarbeitete Auflage 2008, S. 654 ff, ISBN 978-3-13-132414-6; Georg Thieme Verlag Stuttgart

Status epilepticus im Erwachsenenalter

Was gibt es Neues?

Die wichtigsten Empfehlungen auf einen Blick


  1. Ziele und Anwendungsbereich
  2. Ziel dieser Leitlinie ist eine Optimierung der Behandlung der verschiedenen Formen des Status epilepticus im Erwachsenenalter. Die Leitlinie ist "Evidenz"basiert und stellt eine Fortentwicklung der entsprechenden Leitlinie der DGN von 2004 dar.
    Diese Leitlinie wendet sich an Ärzte aller Fachrichtungen, die in unterschiedlichen klinischen Kontexten mit der Erst- und/oder Folgeversorgung von Patienten mit Status epileptici befasst sind.

  3. Definition des Status epilepticus
  4. Ein Status epilepticus (SE) ist a) ein epileptischer Anfall, dessen Dauer eine konventional festgelegte Grenze von 5 Minuten bei generalisiert tonisch-klonischen Anfällen und von 20-30 Minuten bei fokalen Anfällen oder Absencen überschreitet, oder b) eine Sequenz mit gleicher Mindestdauer von einzelnen epileptischen Anfällen in kurzen Abständen, zwischen denen klinisch oder elektroenzephalographisch keine vollständige Restitution erfolgt.

  5. Klassifikation und klinisches Erscheinungsbild
  6. Jeglicher Typ fokaler und generalisierter Anfälle kann einen Status epilepticus ausbilden. Die hier vorliegende Leitlinie geht ebenso wenig auf einige seltenere Statusformen (z. B. Status generalisierter tonischer Anfälle, Status myoklonischer Anfälle, Status myoklonisch-astatischer Anfälle) ein wie auf Status, die speziell bei Kindern und Jugendlichen auftreten (siehe Leitlinien Neuropädiatrie unter leitlinien.net/ll_022.htm). Im Folgenden werden 4 SE-Typen abgehandelt:
    1. Status generalisierter tonisch-klonischer Anfälle (SGTKA)
      Der SGTKA ist der häufigste und schwerwiegendste SE mit einer stark von der Grunderkrankung abhängigen Letalität von ca. 20% und der Gefahr einer progredienten zerebralen Schädigung mit Hirnödem und hypoxischen Schädigungen (selten) sowie als möglichen Folgestörungen metabolischer Azidose, Rhabdomyolyse (selten), Nierenversagen (selten) und u. U. neurogenem Lungenödem. Ätiologisch liegen dem SGTKA am häufigsten zugrunde: Absinken des Antikonvulsivaspiegels bei bekannter Epilepsie, insgesamt häufiger symptomatische Ursachen wie zerebrovaskuläre Erkrankungen, auch seltene metabolische Erkrankungen (z. B. Porphyrie), hypoxisch-ischämische Enzephalopathie, zerebrale Hypoxie, Alkohol, Tumoren, Enzephalitiden, Schädel-Hirn-Traumen.
    2. Konvulsiver oder nonkonvulsiver Status einfach- oder komplex-fokaler Anfälle
      Ein andauernder komplex-fokaler Anfall - also fokaler Anfall mit partieller Bewusstseinsstörung - mit bzw. ohne fokale Myoklonien, der vor allem beim nonkonvulsiven Erscheinungsbild klinisch oft mit fluktuierender psychomotorischer Verlangsamung, Desorientiertheit, anderen kognitiven Defiziten und motorischen Automatismen imponiert (dyskognitiver Status epilepticus). Nonkonvulsive fokale SE können auch als einfach-fokale Status ohne Bewusstseinsstörung in Erscheinung treten, etwa mit isolierten sensorischen, dysphasischen oder autonomen Phänomenen (Aura continua).
    3. Absence-Status (nonkonvulsiver generalisierter SE)
      Status epilepticus mit Bewusstseinstrübung und fakultativ subtilen motorischen Phänomenen bei - typischerweise - generalisierter bilateraler Spike-Wave-Aktivität im EEG. Eine Abgrenzung gegenüber dem nonkonvulsiven komplex-fokalen SE ist oft nur mittels EEG möglich.
    4. Sog. "subtle status epilepticus" (subtiler Status epilepticus)
      Ein prognostisch ungünstiger, meist generalisierter Status epilepticus, der akut bei schweren Hirnschädigungen, meist als Endstadium eines therapieresistenten SGTKA auftreten kann mit klinisch nur subtilen bzw. weitgehend erschöpften oder ganz fehlenden Konvulsionen bei fortlaufender iktaler hirnelektrischer Aktivität und persistierender Bewusstseinstrübung bis zum Koma. Letzteres wird oft durch die Grunderkrankung mitverursacht (Treiman 2000). Es bestehen wahrscheinlich fließende Übergänge zu nonkonvulsiven SE bei akuten schweren Hirnerkrankungen.

  7. Allgemeine klinische Grundregeln zum Vorgehen


Status generalisierter tonisch-klonischer Anfälle (SGTKA)

Zusammenfassung der Empfehlungen


  1. Initiale Abschätzung und ätiologische Abklärung
  2. Die Akutdiagnose erfolgt nur durch Verhaltensbeobachtung der typischen klinischen Symptome bzw. orientierende klinische Untersuchung; dann

  3. Therapie
  4. 2.1 Allgemeine Hinweise zur Prähospital- und Intrahospitalphase

    2.2 Allgmeine Maßnahmen

    2.3 Medikamentöse antikonvulsive i.v. Therapie

    2.4 Intensivtherapie

    2.5 Chirurgische Therapie ⇔

    2.6 Langfristige Therapie


Andere Status epileptici

Zusammenfassung der Empfehlungen


Konvulsiver oder nonkonvulsiver Status einfach- oder komplex-fokaler Anfälle

  1. Initiale Abschätzung und ätiologische Abklärung
  2. Akutdiagnose, soweit möglich durch Verhaltensbeobachtung der typischen Symptomatik, z. B. bei einfach-fokalen motorischen Anfällen. Bei dominierenden sensorischen Elementen und/oder unspezifischen und mehrdeutigen Verhaltenszeichen obligatorisch EEG und medikamentöse Ersttherapie während der EEG-Ableitung zur Therapiekontrolle (Durchbrechen des iktalen EEG-Musters durch Benzodiazepine) und wegen differenzialdiagnostischer Relevanz. Im EEG meist fokale oder regionale rhythmische Spike- oder Spike-Wave-Aktivität, evtl. auch nur rhythmische langsame oder sogar Alpha-Aktivität ohne Spikes, bei sehr umschriebenen SE ausnahmsweise auch fehlende EEG-Veränderungen. Selten diffuse Verlangsamung ohne Spikes und ohne eindeutigen Fokus.
    Ätiologische Abklärung wie bei generalisiertem tonisch-klonischem Status (s. o.). Bei Erstmanifestation bzw. nicht bekannter Epilepsie immer vollständige Abklärung symptomatischer Ursachen.
    Zusätzliche Differenzialdiagnosen vor allem: nichtepileptische Myoklonien, dissoziative Anfälle, auch dissoziativer Stupor, depressive Pseudodemenz, (prolongierte) amnestische Episode, Demenz, Mutismus, psychotische Episode, Hirninfarkt (z. B. A.-cerebri-anterior-Infarkt, beidseitiger A.-cerebri-posterior-Infarkt, insbesondere beidseitige, häufig venös bedingte Thalamusinfarkte).

  3. Therapie
  4. Für die nachfolgend aufgeführten Medikamente gelten im Wesentlichen die gleichen Regeln für Auswahl und Dosierungen wie für den SGTKA, unter Berücksichtigung der Tatsache, dass diese anderen Statusformen nicht akut lebensbedrohlich sind und somit bei der Behandlung Nebenwirkungen wie Sedierung, Atemdepression, evtl. Herzrhythmusstörungen etc. stärker berücksichtigt werden müssen.

    Initial

    Bei Nichtwirksamkeit höhere Dosen (s. SGTKA) unter Berücksichtigung von Sedierung und Atemdepression.

    Bei Versagen der Initialtherapie

    Begleitend bei fehlender antikonvulsiver Vorbehandlung
    Etablieren einer Dauermedikation mit für den Anfallstyp adäquatem Antikonvulsivum.

    Bei fortbestehender Therapieresistenz
    Weitere medikamentöse Therapie wie bei Therapieversagen bei SGTKA aufgeführt, falls aus klinischen Gründen erforderlich, insbesondere bei drohenden Sekundärkomplikationen.


Absence-Status (generalisierter nonkkonvulsiver Status epilepticus

  1. Initiale Einschätzung und ätiologische Abklärung
  2. Im Wesentlichen wie bei den fokalen SE (s. o., speziell bei atypischen Absence-Status kann auch eine symptomatische Epilepsie zugrunde liegen), im Einzelfall sind EEG (mit generalisierten epilepsietypischen Potenzialen) und Verhaltenszeichen (mit deutlicherer Bewusstseinsstörung) weniger vieldeutig als bei SE. Bei Erstmanifestation speziell bei Älteren Auslösung durch Missbrauch oder Entzug von Medikamenten in Betracht ziehen.

  3. Therapie
  4. Initial (⇔) (A) Bei Nichtwirksamkeit höhere Dosen (siehe SGTKA) unter Berücksichtigung von Sedierung und Atemdepression. Zum Ausschluss von Status-Rezidiv: EEG-Kontrolle innerhalb von 24 Stunden auch nach klinisch erfolgreicher Erstbehandlung.

    Langfristig
    Valproat, Lamotrigin, Topiramat oder Levetiracetam zur SE-Prophylaxe bei Patienten mit bekannter idiopathischer generalisierter Epilepsie, bei isolierten Absencen ggf. Ethosuximid.


"Subtle status epilepticus"

  1. Initiale Einschätzung und ätiologische Abklärung
  2. Auftreten meist bei bereits schwer akut hirngeschädigten, u. U. komatösen Patienten. Verhaltenszeichen wenig eindrucksvoll bei Bewusstseinsstörung unterschiedlichen Grades, fakultativ gering ausgeprägte Kloni (auch Minimyoklonien) beider Arme oder des Gesichts. Diagnosesicherung mittels EEG, das iktale Muster unterschiedlicher Ausprägung von Allgemeinveränderungen mit häufigen, aber nicht streng rhythmischen Spikes bis hin zu generalisierten rhythmischen Spike-Waves aufweist. Ein "subtle status epilepticus" ist insbesondere bei Nachweis der subtilen motorischen Zeichen, selten auch rhythmischer Hippus pupillae, und bei Ausbleiben einer ansonsten erwarteten Besserung der Bewusstseinslage abzuklären.

  3. Therapie (⇔) (A)
  4. Intensivmedizinische Behandlung entsprechend der Grunderkrankung.
    Medikamentöse Therapie im Wesentlichen wie beim SGTKA, möglichst unter kontinuierlichem EEG-Monitoring, ansonsten zumindest häufige EEG-Verlaufskontrollen. Therapieresistente Verläufe sind häufiger als beim SGTKA (Treiman et al. 1998), Unterschiede in der Wirksamkeit von Lorazepam, Diazepam (plus Phenytoin), Phenytoin und Phenobarbital konnten nicht gezeigt werden. Propofol sollte wegen des nicht geklärten Risikoprofils in diesen Fällen nicht zur Anwendung kommen.


Ergänzende Kommentare zur "Evidenz" bezüglich spezifischer Therapien

Erstbehandlung des SGTKA

Orale bzw. bukkale, intramuskuläreund intranasale Benzodiazepingaben

Allgemeine "Evidenz"lage zum NCSE

Refraktärer SGTKA

Valproinsäure im SGTKA


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Anhang 1:
Spezielle Aspekte für die Schweiz

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Anhang 2:
Spezielle Aspekte für Österreich

Literatur zu Anhang 2

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Verfahren zur Konsensbildung

Erstellungsdatum:

06/2002

Letzte Überarbeitung:

10/2008

Nächste Überprüfung geplant:

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Stand der letzten Aktualisierung: 10/2008
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