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Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Neurologie


 AWMF-Leitlinien-Register  Nr. 030/067   Entwicklungsstufe:  1 
Zitierbare Quelle:
Leitlinien für Diagnostik und Therapie in der Neurologie; 4. überarbeitete Auflage 2008, S. 654 ff, ISBN 978-3-13-132414-6; Georg Thieme Verlag Stuttgart

Diagnostik bei Polyneuropathien

Was gibt es Neues?

Die wichtigsten Empfehlungen auf einen Blick


  1. Definition
  2. Polyneuropathien (PNP) (Dyck et al. 1993, Mendell et al. 2001, Neundörfer u. Heuß 2006, Pestronk 2008) sind generalisierte Erkrankungen des peripheren Nervensystems (PNS). Zum PNS gehören alle außerhalb des Zentralnervensystems liegenden Teile der motorischen, sensiblen und autonomen Nerven mit ihren Schwannzellen und ganglionären Satellitenzellen, ihren bindegewebigen Hüllstrukturen (Peri- und Epineurium) sowie den sie versorgenden Blut- und Lymphgefäßen.

  3. Allgemeines zur Diagnostik
  4. Basisuntersuchungen und ergänzende Untersuchungen in der Diagnostik von Polyneuropathien lassen sich einteilen in:

  5. Klinische Diagnostik
  6. Die klinische Diagnose einer PNP beruht auf der Anamnese- und Beschwerdeschilderung des Patienten und dem klinischen Befund.

    3.1 Anamnestisch zu erfragende Beschwerden

    3.2 Spezielle Anamnese

    3.3 Allgemeine Untersuchung

    3.4 Neurologische Untersuchung

    3.5 Manifestationstypen

  7. Neurophysiologische Diagnostik
  8. Die neurophysiologische Untersuchung dient in Ergänzung der klinischen Untersuchung dazu, das Vorhandensein einer generalisierten Schädigung des PNS nachzuweisen, den Verteilungstyp zu bestimmen (symmetrische/asymmetrische PNP, Schwerpunktneuropathie) und eine subklinische Mitbeteiligung des sensiblen Systems bei motorischer Neuropathie (und umgekehrt) zu erkennen. Eine Unterscheidung zwischen Polyneuropathien mit einer Axonschädigung ("axonale" Polyneuropathie, Tab. 3) und Polyneuropathien mit einer Myelinschädigung ("demyelinisierende" Polyneuropathie, Tab. 4) wird ebenfalls angestrebt, kann jedoch unter Umständen nur eingeschränkt möglich sein, da bei Ausfall großer, schneller Fasern eine deutliche Herabsetzung der Nervenleitgeschwindigkeit möglich ist, was eine "demyelinisierende" PNP vortäuschen kann.

    Tabelle 3: Hauptursachen von Polyneuropathien mit Axonverlust (mod. nach Wilbourn 2000)

    Sensomotorisch Rein sensibel
    Familiär Erworben Familiär Erworben
    CMT 2
    Porphyrie
    Amyloidose
    Diabetes mellitus
    Alkohol
    Urämie
    Axonaler Typ des GBS
    Vitamin-B12-Mangel
    Amyloidose
    Metronidazol
    Bortezomib
    Linezolid
    Arsen
    HSAN I-IV
    Spinozerebellare Degeneration
    Spinale Muskelatrophie Typ Kennedy
    Cisplatin, Oxaliplatin
    Nitrate
    Pyridoxin
    Paraneoplastisch
    (Denny-Brown-Syndrom)
    Sjögren-Syndrom
    Idiopathische sensible Polyneuropathie
    Nukleosidanaloga
    Thalidomid

    Tabelle 4: Hauptursachen von demyelinisierendem Polyneuropathien (mod. nach Wilbourn 2000)

    Familiär Erworben
    CMT1, 2 und 4
    CMTX
    HNPP
    AIDP (akute inflammatorische demyelinisierende Polyneuropathie, GBS)
    CIDP (chronische inflammatorische demyelinisierende Polyneuropathie)
    CIDP-Varianten, wie die Polyneuropathie bei "monoclonal gammopathy of unknown significance (MGUS)", z. B. POEMS

    4.1 Abgrenzung von axonaler PNP, demyelinisierender PNP und Leitungsblock

    4.2 Neurographie: Auswahl der zu untersuchenden Nerven und Muskeln

    4.3 Elektromyographie

    4.4 Sonstige Verfahren

  9. Laboruntersuchungen in der Differenzialdiagnose von Polyneuropathien
  10. Die laborchemischen Untersuchungen sollten zunächst auf häufige und behandelbare Ursachen von Polyneuropathien gerichtet sein (Tab. 5). Sind diese Befunde negativ bzw. erklären sie nicht das Ausmaß der PNP, so sollten je nach klinisch und elektrophysiologisch erarbeiteter Verdachtsdiagnose weitere Untersuchungen folgen (Tab. 6 und 7).

    Tabelle 5: Standarduntersuchungen

    Basisdiagnostik BSG, CRP, Differenzialblutbild, Elektrolyte, Leber- und Nierenwerte, Immunfixation, Bence-Jones-Proteinurie, TSH
    Diabetes mellitus Nüchternblutzucker, oraler Glukosetoleranztest, Blutzuckertagesprofil und HbA1c zur Verlaufskontrolle bei Diabetes
    Alkoholmissbrauch Transaminasen, MCV, CDT*, Vitamine
    Funikuläre Myelose Vitamin B12
    * CDT=carbohydrat deficient transferrin

    Tabelle 6: Erweiterte Untersuchungen

    Erkrankung bzw. Verdacht auf Spezielle klinische Hinweise Diagnostik
    Funikuläre Myelose Lagesinnstörung, Ataxie
    SEP verzögert
    Vitamin B12, bei niedrig normalem Vitamin-B12-Spiegel im Serum Bestimmung der Methylmalonsäure mit der Frage eines metabolischen Vitamin-B12-Mangels, Schilling-Test, Holo-Transcobalamin nach Vitamin B12 oral, Gastroskopie, Parietalzell-Antikörper, Intrinsicfaktor-Antikörper
    Malresorption oder -absorption Gewichtsabnahme Xylose-Test, Vitamine B1, B6, B12, Vitamin E, Folsäure im Serum
    Vaskulitis Bestehende rheumatische Erkrankung oder systemische Vaskulitis, Schwerpunktneuropathie, subakute progrediente Paresen Rheumafaktor, ANA (wenn positiv, dsDNA und ENA-Screening), p-, c-ANCA, C 3, C 4, C 3 d, zirkulierende Immunkomplexe (CIC), Kryoglobuline, Hepatitisserologie, Eosinophile
    Neuroborreliose Anamnese von Zeckenstich und/oder Erythema chronicum migrans, Radikuloneurits Anti-Borrelien-Antikörpertiter in Serum und Liquor (Serum-Anti-Borrelien-Ak-Titerbestimmung alleine ist nicht aussagekräftig; noch Jahre nach ausgeheilter Borreliose können IgM(!)-Anti-Borrelien-Antikörper nachweisbar sein)
    Andere erregerbedingte PNP Lepra, HIV, andere "Slit skin smear"-Technik bei Lepra, Serologie für Mykoplasmen, CMV, HIV, Ebstein-Barr, Varizella zoster, Toxinnachweis für C. diphtheriae
    Kryoglobulinämie   Kryoglobuline
    Paraproteinämie Chronische oder subakute PNP bei multiplem Myelom, Waldenström-Makroglobulinämie, solitärem Plasmozytom, systemischer AL-Amyloidosis (l- bzw.k-Immunglobulin-Leichtkette), POEMS, Kryoglobulinämie, monoklonaler Gammopathie unklarer Signifikanz (MGUS) Immunelektrophorese, Immunfixation, Bence-Jones-Proteine im 24-h-Sammelurin, Anti-MAG-Antikörper bei IgM-Paraproteinämie, Knochenmarkbiopsie, Knochen-Röntgen
    Sarkoidose Pulmonale Beteiligung Angiotensin converting enzyme (ACE) im Serum
    Multifokal motorische Neuropathie (MMN) Rein motorische Neuropathie, Leitungsblöcke IgM (!) Anti-GM1-Antikörper
    GBS Rasch aufsteigende überwiegend motorische Neuropathie Campylobacter-jejuni-, Zytomegalie-Virus- und Gangliosid-Antikörper, Liquoruntersuchung (Tab. 7)
    Miller-Fisher-Syndrom Ataxie und Augenmuskelparesen Anti-GQ 1b
    CIDP Subakute demyelinisierende PNP Immunelektrophorese, Liquoruntersuchung (Tab. 7)
    Malignom Gewichtsabnahme, NachtschweißSensible Neuropathie, Denny-Brown-Syndrom Hämoccult-Test, Anti-Hu-Antikörper, Anti-CV2-Antikörper, Immunelektrophorese
    Hypoparathyreoidismus   Ca++, anorganisches Phosphat, Parathormon
    Porphyrie   Delta-Aminolävulinsäure, Porphobilinogen
    Intoxikation   Untersuchung des 24-h-Urins auf Arsen, Blei, Thallium, QuecksilberBasophile Tüpfelung der Erythrozyten bei Bleivergiftung
    Morbus Refsum   Phytansäure

    Tabelle 7: Liquoruntersuchungen (Heuß 2006b)

    Erkrankung bzw. Verdacht auf Spezielle klinische Hinweise Diagnostik
    AIDP (GBS) Rasch aufsteigende, überwiegend motorische Neuropathie Zellzahl (< 10), Eiweiß erhöht (cave: kann in erster Woche noch normal sein)
    CIDP Subakute demyelinisierende PNP Zellzahl (< 10), Eiweiß erhöht
    Lewis-Sumner-Syndrom (LSS);Multifokale motorische Neuropathie (MMN) LSS: asymmetrische sensible/ sensomotorische Neuropathie meistens der Arme
    MMN: asymmetrische motorische Neuropathie meistens der Arme
    Eiweiß in der Mehrzahl der Fälle nicht, sonst nur leicht erhöht
    Neuroborreliose (Bannwarth-Syndrom) Anamnese von Zeckenstich und/oder ECM, Radikuloneuritis Borrelien-Antikörper, intrathekale Ig-Synthese, Eiweiß, Schrankenstörung (Qalb), Zellzahl (Pleozytose!), Liquorzytologie mit gemischtzelliger Pleozytose mit lymphoplasmazellulärer Pleomorphie
    Diabetische PNP   Leichte bis mäßige Schrankenstörung (Qalb, EW erhöht)
    Neurolymphomatose   Liquorzytologie

  11. Genetische Untersuchungen
  12. Eine genetische Untersuchung kann bei positiver Familienanamnese für PNP oder bei typischen Zeichen einer hereditären PNP (Hohlfuß, Krallenzehen) sinnvoll sein (Neundörfer et al. 2006, Pestronk 2008) und ist indiziert, wenn differenzialdiagnostisch der Verdacht auf andere Ursachen, insbesondere entzündliche Formen der PNP, besteht. Bei demyelinisierender hereditärer PNP besteht hochgradiger Verdacht auf CMT Typ IA. Hierbei findet man eine 1.4 Mb Tandem-Duplikation in Chromosom 17p11.2-12, welche das Periphere-Myelin-Protein-22-(PMP22-)Gen enthält. Beim Phänotyp der "hereditären Neuropathie mit Neigung zu Druckparesen" (HNPP) findet man eine zur CMT1A-Duplikation reziproke Deletion des PMP22-Gens. Diese beiden Untersuchungen sind relativ einfach durchzuführen und haben in die Routine Eingang gefunden. Bei axonalen Formen (CMT 2) kann auf Mutationen im Mitofusin-2-(MFN 2-)Gen, Cx32-(CJB1-)Gen oder im P0-Gen untersucht werden. Eine ausführliche genetische Stufendiagnostik ist in den Tabellen 8 bis 11 dargestellt.

    Tabelle 8: Genetische Untersuchungen bei Verdacht auf CMT. Die molekulargenetische Diagnostik richtet sich nach dem Erbgang und dem elektrophysiologischen Befund; Stufendiagnostik von oben nach unten

     Demyelinisierend Intermediär Axonal
    Autosomal-dominant PMP22dup
    MPZ, PMP22mut
    NEFL, EGR2, SIMPLE
    SPMP22del
    MPZ, DNM2
    NEFL, YARS
    MFN2 MPZNEFLGARS, HSPB1, HSPB8
    Autosomal-rezessiv SH3TC 2
    GDAP1, PRX, FGD 4, FIG4
    GDAP1 GDAP1LMNA A/C
    X-chromosomal Connexin-32 (GJB1) Cx32 Cx32
    Sporadisch PMP22dup
    GJB1, MPZ
    PMP22mut, NEFL
    PMP22del
    MPZ, GJB1
    NEFL, DNM2
    MFN2
    MPZ, Cx32
    NEFL

    Tabelle 9: Genetische Untersuchungen bei Verdacht auf HNPP, eine axonal-demyelinisierende Polyneuropathie mit ausgeprägter Demyelinisierung an Prädilektionsstellen für Kompressionssyndrome; Stufendiagnostik von oben nach unten

    Autosomal-dominant PMP22del
    PMP22mut, Cx32
    MPZ (P0)

    Tabelle 10: Genetische Untersuchungen bei Verdacht auf dHMN (distale hereditäre motorische Neuropathien). Cave: Nach langem Verlauf bestehen auch sensible Symptome. Stufendiagnostik von oben nach unten

     < 10. Lebensjahr > 10. Lebensjahr Plus Pyramidenbahnzeichen (PBZ)
    Autosomal-dominant HSPB1,
    SETX (plus PBZ)
    BSCL 2 (Exon3)
    HSP22, HSPB1
    GARS
    BSCL 2 (Exon3)
    SETX
    GARS
    Autosomal-rezessiv IGHMBP2
    (plus respiratorische Insuffizienz)
    GDAP1 GDAP1
    LMNA A/C
    X-chromosomal - - -
    Sporadisch HSPB1, SETX (plus PBZ) BSCL 2 (Exon3)
    HSPB8, HSPB1
    GARS
    BSCL 2 (Exon3)
    SETX
    GARS

    Tabelle 11: Genetische Untersuchungen bei Verdacht auf HSN/HSAN. Die autosomal-rezessiven Formen HSN II-V beginnen sehr früh, die autosomal-dominanten Formen werden im Erwachsenenalter manifest. Charakteristisch sind neben den sensiblen/autonomen Störungen erhebliche distal betonte Schmerzen; Stufendiagnostik von oben nach unten

     < 10. Lebensjahr > 10. Lebensjahr Sonderformen
    Autosomal-dominant - RAB7 (Ulzerationen!)
    SPTLC 1
    -
    Autosomal-rezessiv HSN2
    HSN4, HSN5
    - Familiäre Dysautonomie
    IKBKAP
    CIPA (congenital insensitivity to pain and anhidrosis)
    NTRK1
    NGFB
    CIP (congenital insensitivity to pain)
    SCN9A
    X-chromosomal - - -
    Sporadisch HSN2 RAB7
    SPTLC 1
    Familiäre Dysautonomie
    IKBKAP
    CIPA
    NTNK1
    NGFB
    CIP
    SCN9A

    Bei den familiären Amyloidpolyneuropathien (positive Familienanamnese? dissoziierte Empfindungsstörung? autonome Störungen?) handelt es sich um eine heterogene Gruppe von in der Regel autosomal-dominant vererbten systemischen Amyloidosen. Normales Transthyretin (TTR) hat eine Transportfunktion für Thyroxin und Retinol. Die Inzidenz der häufigsten Transthyretin-Gen-Mutationen (Chromosom 18q11.2-q12.1) mit dem pathologischen Genprodukt ATTR variiert extrem nach geographischer Lage; sie wird für die USA mit 1:100000 und für Nordschweden mit 1:170 geschätzt. Pathogenetisch verursachen TTR-Mutationen Veränderungen der Oberflächenstruktur des Moleküls, die zu Aggregationen von Molekülen und zur anschließenden Ablagerung von Proteinfibrillen führen. Am häufigsten ist die portugiesische (japanische, schwedische) Form (Andrade-Typ, familiäre Amyloidpolyneuropathie Typ1 = FAP1) der hereditären Amyloidpolyneuropathie mit der Mutation Val30Met im TTR-Gen.
    Andere Formen sind zurückzuführen auf Mutationen im Apolipoprotein-A-1-Gen und Gelsolin-Gen.
    In der Regel wird die Diagnose einer Amyloidpolyneuropathie durch eine Biopsie des N. suralis gesichert, wobei evtl. primär eine Biopsie der Rektumschleimhaut erfolgen kann.

  13. Sonstige Zusatzuntersuchungen
  14. Morphologische Diagnostik
  15. 8.1 Nervenbiopsie

    8.2 Stanzbiopsie der Haut

  16. Spezielle Fragestellungen
  17. 9.1 Was ist zu tun, wenn ein Diabetes mellitus oder Alkoholmissbrauch als mögliche Ursache einer PNP vorliegt?

    9.2 Nebenbefundlich diagnostizierte PNP

    9.3 Polyneuropathie ungeklärter Ätiologie



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Erstellungsdatum:

04/2002

Letzte Überarbeitung:

10/2008

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Stand der letzten Aktualisierung: 10/2008
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