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Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Neurologie


 AWMF-Leitlinien-Register  Nr. 030/058   Entwicklungsstufe:  1 
Zitierbare Quelle:
Leitlinien für Diagnostik und Therapie in der Neurologie; 4. überarbeitete Auflage 2008, S. 654 ff, ISBN 978-3-13-132414-6; Georg Thieme Verlag Stuttgart

Lumbale Radikulopathie

Was gibt es Neues?

Die wichtigsten Empfehlungen auf einen Blick


  1. Definition und Epidemiologie
  2. Rückenschmerzen mit Ausstrahlung in die Beine stellen mit einer Prävalenz von etwa 80% nach Kopfschmerzen das häufigste Problem im mittleren und höheren Lebensalter dar. Die überwiegende Mehrheit der Patienten leidet an sog. unspezifischen Rückenschmerzen. Nach etwa 6 Wochen sind 90% der Patienten mit akuten Rückenschmerzen wieder in der Lage, ihrer Arbeit nachzugehen, wohingegen Schmerzfreiheit nur bei 40-60% erreicht wird (Hestbaek et al. 2003). Rückfälle erleiden 44-78% der Patienten nach einer erstmaligen Schmerzepisode. Rückenschmerzen sind eine der häufigsten Ursachen für Arbeitsunfähigkeit und Frühberentung, in Deutschland geschätzt auf 16 Millionen AU-Tage/Jahr (Göbel 2001). Neben akuten Prozessen, die im Fall fehlender struktureller Defekte selbstlimitierend sind, kommen auch therapeutisch schwerer angehbare chronische Beschwerden vor. Wenn Schmerzen nicht binnen 12 Wochen abklingen, droht die Gefahr einer Chronifizierung (Nelemans et al. 2000). Schätzungen der Prävalenz chronischer Rückenschmerzen liegen bei 23%.

  3. Pathogenese
  4. Bei Kreuzschmerzen muss unterschieden werden zwischen einerseits unspezifischen Kreuzschmerzen, die nicht auf eine spezielle Ursache zurückzuführen sind, aber radikulär anmuten und in die Beine ausstrahlen, wobei eine Ausstrahlung distal der Kniekehle selten ist. Andererseits werden spezifische Kreuzschmerzen durch klar definierte Ursachen (Tumoren, Entzündungen, Frakturen, Osteoporose, Wurzelkompressionen, Instabilitäten) ausgelöst und erfordern eine spezifische, zum Teil fachübergreifende Therapie. Häufigste Ursachen lumbaler radikulärer Syndrome sind Bandscheibenvorfälle und knöcherne degenerative Veränderungen (Spondylarthrose, Spondylolisthese, Hypertrophie der Wirbelbogengelenke und der Ligamenta flava). Radikulopathien können auch von lokalen Raumforderungen ausgehen (extra- und intraduralen Tumoren, Knochenmetastasen, Blutungen), entzündlicher Natur sein (Spondylodiszitis, Lyme-Radikulitis, Zoster, spinaler Abszess) und im Rahmen einer Meningeosis carcinomatosa sive lymphomatosa auftreten.
    Ein Sonderfall ist die Claudicatio caudae equinae bei einem primär oder sekundär engen Spinalkanal mit gehstreckenabhängigen Schmerzen oder Müdigkeit in den Beinen und ggf. zusätzlichen sensomotorischen Ausfällen. Jede mit einer Hyperlordosierung verbundene Haltung führt zu einer Verstärkung der Lumbalkanalstenose und damit zu einer Schmerzverstärkung. Hingegen hat eine LWS-Kyphosierung eine Schmerzlinderung zur Folge. Während bei der vaskulären Claudicatio intermittens bereits das Stehenbleiben zur Schmerzlinderung führt, ist bei der Claudicatio spinalis zusätzlich eine Veränderung der Wirbelsäulenposition notwendig, typischerweise Vornüberbeugen oder Abhocken. Zudem ist bei der vaskulären Form der periphere Pulsstatus alteriert.
    Beschwerden nach operativen Eingriffen im Sinne eines Failed-back- oder Postnukleotomiesyndroms sind auf falsche Indikationen, Rezidive, unvollständige Operationen, Segmentinstabilitäten oder psychosoziale Belastungsfaktoren zurückzuführen.
    Beim sog. pseudoradikulären Syndrom besteht eine radikulär anmutende Schmerzsymptomatik, der neurologische Untersuchungsbefund ist jedoch unauffällig. Ursachen sind in der Regel orthopädische oder rheumatologische Erkrankungen (Koxarthrose, Facettensyndrom, Ileosakralgelenksyndrom, Kokzygodynie, Tendomyopathien bei Überlastungen oder Muskelzerrungen). Gelegentlich gehen auch primäre Muskelerkrankungen, z. B. myotone Myopathien, mit Lumbalgien und ausstrahlenden Schmerzen einher, ebenso mitunter metabolische Plexopathien und thorakolumbale Radikulopathien im Rahmen eines Diabetes mellitus. Grundsätzlich kann hierbei jede neurale Struktur betroffen sein, jedoch zeigen sich an den unteren Extremitäten am häufigsten N.-femoralis-betonte Ausfälle. Davon sind lumbosakrale Plexusaffektionen abzugrenzen, vor allem die idiopathische Plexusneuritis, die sakral seltener als im Bereich des Plexus brachialis vorkommt, ferner die ebenfalls selten auftretende postradiogene Plexusaffektion. Radikuläre sensomotorische Störungen kommen auch mit und ohne Schmerzen bei spinalen Durafisteln vor.
    Der Übergang in ein chronisches Schmerzsyndrom, bei dem das Ausmaß der Schmerzen meist durch die morphologischen Befunde nur unzureichend erklärt wird, hängt von weiteren Faktoren ab: psychischer Disposition, Rentenbegehren, sozialen Begleitumständen. aber auch iatrogenen Faktoren wie mangelnde Information über die Gutartigkeit der Störung, Überbewertung radiologischer Befunde, Diskrepanz radiologischer und klinischer Befunde, prolongierte Krankschreibung, unkritisch langer Einsatz von Analgetika oder lokale Infiltrationen sowie die Nichtbeachtung psychiatrischer Komorbidität wie Depression, Angsterkrankung oder Persönlichkeitsstörungen.

  5. Symptome
  6. Führende Symptome sind akut oder subakut auftretende, einschießende Schmerzen oder Kribbelmissempfindungen im Ausbreitungsgebiet einer Nervenwurzel. Sensibilitätsstörungen im entsprechenden Dermatom, motorische Ausfälle der Kennmuskeln und Reflexausfälle können je nach Schweregrad hinzukommen. In der Mehrzahl der Fälle bestehen ein mitunter nur einseitiger paravertebraler Hartspann, ein Klopf- oder Druckschmerz über der Wirbelsäule, ein Husten-, Press- und Niesschmerz und positive Nervendehnungszeichen (Lasègue- und umgekehrtes Lasègue-Zeichen, Zeichen nach Bragard). Eine ventrale Schmerzausstrahlung (Femoralgie) ist Folge einer Affektion von L 4 oder weiter kranial abgehender Nervenwurzeln. Eine dorsale Schmerzausstrahlung (Ischialgie) ist Folge einer Kompression der L 5- und/oder S 1-Wurzel, wobei die Schädigung meist im Bereich der Bandscheibenfächer LWK4/5 und LWK5 / SWK1 zu suchen ist. Bei polyradikulären Prozessen, z. B. bei medialen Bandscheibenvorfällen mit Kompression der Cauda equina, kommt es zu einem mehrsegmentalen Ausfall, unter Umständen begleitet von Reithosensensibilitätsstörung und Blasenentleerungsstörung.
    Fehlen Nervendehnungszeichen und besteht ein besonders nächtlich auftretender und therapieresistenter Schmerz, der nicht durch LWS-Bewegung beeinflussbar ist, sollte immer an eine Radikulitis (Borrelien, Herpes zoster) oder einen Tumor gedacht werden.

  7. Untersuchungen
  8. Das Ziel der Diagnostik von Rückenschmerzen besteht in der Differenzierung unspezifischer Kreuzschmerzen von solchen mit spezifischer Ursache und Erfassung der "red-flag"-Symptome, die ein sofortiges fachübergreifendes Therapiekonzept notwendig machen (Tabelle 1). Des Weiteren müssen Risikofaktoren für eine Chronifizierung ("yellow flags") identifiziert werden.

    Tabelle 1: "Red flag"-Symptome

    Frakturen
    Trauma bei älteren Menschen (Osteporosegefahr)
    Röntgen, MRT
    Tumor(-anamnese)/Infektion
    Gewichtsverlust, Fieber, Schmerzverstärkung bei Nacht
    Röntgen, CT, MRT, Skelettszintigraphie, Laboruntersuchungen
    Progrediente Parese, Kauda-Syndrom, Miktionsstörung MRT, CT

    4.1 Klinische Untersuchungen

    4.2 Laboruntersuchungen

    4.3 Bildgebung

    4.4 Neurophysiologische Untersuchungen

    4.5 Psychosoziale Faktoren

  9. Therapie
  10. Säulen der Therapie sind: Aufklärung, Rückenschule und Bewegungstherapie, physikalische und manuelle Therapie, Verhaltenstherapie, multimodale (interdisziplinäre) Schmerzbehandlung, Pharmakotherapie und invasive bzw. operative Verfahren.
    Außer bei Vorliegen von "red flag"-Symptomen (Tabelle 1), bei denen eine sofortige Diagnostik und Einleitung einer spezifischen Therapie erforderlich sind, ist eine Kombination von nichtmedikamentösen und medikamentösen Verfahren die Regel.

    5.1 Beratung

    5.2 Physikalische Maßnahmen

    5.3 Massage

    5.4 Spinale Manipulationen

    5.5 Rückenschule und Bewegungstherapie

    5.6 Verhaltenstherapie

    5.7 Nicht hilfreiche Maßnahmen

    5.8 Pharmakotherapie



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Stand der letzten Aktualisierung: 10/2008
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