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| Arbeitsgemeinschaft der
Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften |
| AWMF-Leitlinien-Register | Nr. 030/041 | Entwicklungsstufe: | 1 |
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Sekundär-generalisierte (fokal eingeleitete) Anfälle entstehen durch die Ausbreitung fokal eingeleiteter Anfälle. Sie sind nicht identisch mit primär generalisierten Anfällen. Die Wirksamkeit eines Therapieverfahrens gegen sekundär tonisch-klonische Anfälle bedeutet daher nicht, dass hiermit auch primär generalisierte Anfälle (Epilepsien) erfolgreich behandelt werden können.
Primär generalisierte Anfälle erfassen von Anfang an die Hirnrinde beider Großhirnhemisphären. Trotzdem kann ihre Phänomenologie stark variieren. Typische Absencen sind ebenso wie viele tonische, klonische, myoklonische Anfälle oder tonisch-klonische Anfälle primär generalisiert.
Idiopathische fokale Epilepsien oder Epilepsiesyndrome. Bei den fokalen Epilepsien sind die idiopathischen Formen streng altersgebunden und gehören überwiegend in den Bereich der benignen Partialepilepsien (z. B. Rolando-Epilepsie) des Kindes- und Jugendalters. Neuerdings zählt man noch seltene familiäre fokale Epilepsien ohne Altersbindung zu dieser Gruppe, z. B. die nächtliche Frontallappenepilepsie und die familiäre Temporallappenepilepsie.
Symptomatische oder kryptogene fokale Epilepsien.
Symptomatische oder kryptogene fokale Epilepsien können im Temporallappen, Frontallappen, Parietallappen oder Okzipitallappen entstehen. Wenn dieses genau bekannt ist, sollte es auch im Sinne einer Syndromdiagnose spezifiziert werden, z. B. fokale Epilepsie temporalen Ursprungs auf der Basis einer Ammonshornsklerose etc. Die Einteilung in fokale und idiopathisch generalisierte Epilepsien ist deshalb bedeutsam, da in der Gruppe der generalisierten Epilepsiesyndrome nur wenige Medikamente gut wirksam sind und teilweise durch bestimmte Antikonvulsiva Anfälle sogar provoziert werden können (siehe Tab. 3; CBZ, GBP, OXC, PHT, VGB [⇔] [A]).
Die in dieser vereinfachten Klassifikation aufgezeigten Möglichkeiten sollten vor Therapiebeginn zur Entscheidung für ein bestimmtes Medikament genutzt werden. Bei fehlendem Therapieerfolg müssen die Klassifikation und die Diagnose überprüft werden, da die Wahl der Antiepileptika prinzipiell auf der Ebene der Unterteilung fokal versus generalisiert erfolgen soll und in dieser Konstellation Fehldiagnosen (siehe Tab. 1) häufig sind.
Die wichtigsten 3 Differenzialdiagnosen zu einem epileptischen Ereignis sind psychogene nichtepileptische Anfälle, (konvulsive) Synkopen und, bei Anfällen aus dem Schlaf im höheren Lebensalter, REM-Schlaf-Verhaltensstörungen (Tab. 1). Da gerade beim ersten Anfall oft nur wenige Informationen über den Ablauf vorliegen, sollte durch das Abfragen charakteristischer Symptome und postiktualer Phänomene die Zuordnung erfolgen, die dann durch technische Untersuchungen weiter bestätigt oder widerlegt wird.
Tabelle 1: Wichtige iktuale Phänome zur Differenzialdiagnose anfallsartiger Störungen
Epileptischer Anfall
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Psychogener nichtepileptischer Anfall
(Konvulsive) Synkope
|
REM-Schlaf-Verhaltensstörung
|
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Eines der wichtigsten Phänomene, das auch von Laien gut wiedergeben werden kann, betrifft die Augen (Tab. 1 und Abb. 1). Finden sich bei einem Anfallsereignis (aus dem Wachen) geschlossene Augen, muss die epileptische Natur des Ereignisses über die Anamnese hinaus bewiesen werden (Video-Doppelbildaufzeichnung) (⇑⇑) (A).
Abbildung 1: Augenstellung bei anfallsartigen Störungen: A: temporaler Anfall, B: extratemporaler Anfall, C: psychogener nichtepileptischer Anfall, D: Synkope.
Tabelle 2: Empfehlungen für die Durchführung eines MRTs beim ersten epileptischen Anfall (Minimalanforderung unter epileptologischen Gesichtspunkten)
| Wichtung | Ebene | Orientierung | |
|---|---|---|---|
| T1 | Sagittal | Standard | |
| T2-TSE | Axial | Standard | |
| FLAIR | Axial/koronar | Standard | |
| T1 | Koronar | Standard | |
| T2-TSE | Koronar | Temporal anguliert | |
| Schichtdicke: 4 mm und kleiner; Kontrastmittel beim Vorliegen einer Läsion | |||
Abbildung 2: Algorithmus zur Vorgehensweise beim ersten epileptischen Anfall.
Tabelle 3: Medikamente zur Anfallskontrolle
| Substanzname | Kürzel | Erste Zieldosis | Maximaldosis* | Titrations-geschwindigkeit | Interaktions-potenzial | Zulassung | |
|---|---|---|---|---|---|---|---|
| I | Carbamazepin* | CBZ | 600 mg/d | 1600 mg/d | m | + | MT, FE |
| Gabapentin (+) | GBP | 900 mg/d | 3600 mg/d | s | MT, FE | ||
| Lamotrigin** | LTG | 100 mg/d | 600 mg/d | l | (-) | MT, FE, IGE | |
| Levetiracetam*** | LEV | 1000 mg/d | 4000 mg/d | s | - | MT, FE, IGE (Add-on) | |
| Oxcarbazepin+ | OXC | 900 mg/d | 2400 mg/d | m | (+) | MT, FE | |
| Phenobarbital*** | Pb | 100 mg/d | 300 mg/d | l | + | MT, FE, IGE | |
| Phenytoin*** + | PHT | 200 mg/d | 400 mg/d | s-m | + | MT, FE | |
| Pregabalin | PGB | 300 mg/d | 600 mg/d | s | - | Add-on, FE | |
| Topiramat | TPM | 100 mg/d | 400 mg/d | m-l | (-) | MT, FE. IGE | |
| Valproat*** | VPA | 750 mg/d | 2000 mg/d | m | + | MT, FE, IGE | |
| Zonisamid | ZON | 200 mg/d | 500 mg/d | l | - | Add-on-FE | |
| II | Clobazam | CLB | 15 mg/d | 30 mg/d | s | - | FE, IGE |
| Clonazepam*** | CLZ | 2 mg/d | 6 mg/d | s | - | FE, IGE | |
| Lorazepam*** | 1 mg | -5 mg | s | Akuttherapie | |||
| III | Acetazolamid | AZA | 250 mg/d | 1000 mg/d | s | (-) | Add-on |
| Bromid | BR | 1000 mg/d | 4000 mg/d | l | (-) | MT, IGE | |
| Ethosuximid | ESM | 1000 mg/d | 2000 mg/d | m | (-) | MT (nur Absencen) | |
| Felbamat | FBM | 1200 mg/d | 3600 mg/d | l | + | MT, nur LGS | |
| Fosphenytoin*** | 1200 mg/d | angepasst | - | + | status epilepticus | ||
| Mesuximid | MSM | 600 mg/d | 1200 mg/d | l | + | MT, IGE, FE (Add-on) | |
| Primidon | PRM | 750 mg/d | 1500 mg/d | l | + | MT, FE, IGE | |
| Rufinamid | RUF | 1000 mg/d | 3200 mg/d | m | + | Add-on, LGS | |
| Sultiam | ST | 200 mg/d | 400 mg/d | s | + | Add-on, FE | |
| Tiagabin | TGB | 15 mg/d | 30 mg/d | l | - | Add-on, FE | |
| Vigabatrin(+) | VGB | 2000 mg/d | 4000 mg/d | l | + | Add-on, FE | |
Die Auswahl der Medikamente in der Ersttherapie ist nicht ganz einfach. Prinzipiell gilt Folgendes:
Die Auswahl, welches Medikament nun eingesetzt werden kann, ist auf der Basis der bisher erstellten Leitlinien schwierig (French et al. 2004a, b, c, Beghi et al. 2006, Glauser et al. 2006). Es muss individuell für jeden Patienten eine Entscheidung getroffen werden, da neben der oben erörterten Wirksamkeit weitere Kriterien wie Verträglichkeit, Sicherheit, Preis und spezifische Patientenbedürfnisse (Komedikation, Übergewicht etc.) mit eingehen.
Patienten im Erwachsenenalter können, wenn sie einmal eingestellt sind, mit dem ersten Medikament zu 50% und mit Änderungen der Medikamente in weiteren 20% der Fälle anfallsfrei werden. Da nur etwa die Hälfte aller anfallfreien Patienten auch nach geplantem Absetzen der Medikamente anfallsfrei bleibt, müssen etwa 60% aller Patienten lebenslang ein Epilepsiemedikament einnehmen. Daher sind negative Langzeiteffekte, die naturgemäß in den meist kurzen Studien nicht berücksichtigt werden können, von großer Bedeutung. Besonders beeinträchtigend ist hier potenziell die deutliche Enzyminduktion der sogenannten klassischen Antiepileptika wie z. B. CBZ, PHT und PHB (⇑) (A). Die permanente Enzyminduktion wirkt sich nicht nur negativ auf den Knochenstoffwechsel und die oralen Kontrazeptiva aus, sondern kann für die Patienten dann lebensbedrohlich werden, wenn andere wichtige Medikamente wie Steroide, Marcumar, Zytostatika oder Immunsuppressiva eingenommen werden müssen (Relling et al. 2000, Sheth u. Harden 2007). Über eine Metabolismusbeschleunigung müssen teilweise kritische Wirksamkeitseinschränkungen der oft lebenswichtigen Medikamente in Kauf genommen werden. Bei der durch Antiepileptika induzierten Osteoporose gehen die Meinungen auseinander. Diese Aspekte können bei Studien zur Wirksamkeit und Sicherheit von Antiepileptika oft nicht berücksichtigt werden. Daher sind bei gleicher Wirksamkeit der in Gruppe I genannten Antiepileptika - sofern sie eine Zulassung zur Ersttherapie haben - Medikamente nach den Bedürfnissen der Patienten - nämlich Verträglichkeit und Beeinflussung von Komorbiditäten - und unter Berücksichtigung einer Langzeittherapie zu bevorzugen. Hierzu gehören Lamotrigin und Levetiracetam, bei denen Wirkungsgleichheit zu Carbamazepin nachgewiesen wurde (Brodie et al. 2007, Marson et al. 2007a, b) (⇑⇑) (A). Beide provozieren keine Anfälle bei idiopathisch generalisierten Epilepsien, wenn auch unter Lamotrigin insbesondere beim Dravet-Syndrom Zunahmen myoklonischer Anfälle beschrieben wurden (⇑) (A). Levetiracetam wird darüber hinaus - mit Ausnahme einer nichthepatischen Hydrolyse - nicht metabolisiert und muss nicht langwierig aufdosiert werden. Es verursacht keine idiosynkratischen Hautreaktionen und führt nicht zu störenden Interaktionen. Das insgesamt geringe Risiko psychiatrischer Nebenwirkungen ist allerdings zu beachten. Diese Substanz hat insgesamt im Vergleich zu den klassischen Antikonvulsiva erhebliche Vorteile in der täglichen Therapie (⇔) (A).
Bei generalisierten und unklassifizierbaren Epilepsien weist die SANAD-Studie hinsichtlich des Wirksamkeits-/Nebenwirkungsprofils eine Überlegenheit der Valproinsäure gegenüber Topiramat und Lamotrigin auf (⇑⇑) (A). Die Unterschiede zu Topiramat liegen nicht in der Wirksamkeit, sondern in der besseren Verträglichkeit von Valproinsäure (⇑⇑) (A). Die Empfehlung gilt hier, wenn möglich unter Berücksichtigung aller individuell wesentlichen Gesichtspunkte, Valproinsäure auch weiterhin als Erstmedikation einzusetzen.
Ist die Ersttherapie, wie bei < 50% der Patienten, nicht erfolgreich, erfolgt eine vollkommene Umsetzung auf ein zweites antikonvulsorisches Medikament. Erst dann sollten Zweifachtherapien oder gar Polytherapien eingesetzt werden (⇔) (B). Die Umsetzung auf ein zweites Medikament hat bei nicht ausreichender Wirkung der Ersttherapie eine Erfolgschance von etwa 10-15% (⇔) (B). Neuere, allerdings kleinere Studien deuten die Möglichkeit an, dass auch bei anscheinend pharmakoresistenten Patienten durch den Einsatz weiterer (moderner) Antikonvulsiva noch eine 10-20%ige Chance besteht, Anfallsfreiheit zu erreichen (Callaghan et al. 2007, Luciano u. Shorvon 2007) (⇔) (B).
Bei der Umsetzung von einem Antikonvulsivum auf das andere sowie bei einer Kombination von zwei oder mehr Wirkstoffen spielen pharmakokinetische Aspekte eine große Rolle. Je stärker die Interaktion zwischen zwei Medikamenten ist, desto problematischer wird die Therapie. Eine Voraussage zur Anfallsfreiheit ist auf der Grundlage der jetzt bestehenden Datenlage nicht möglich. Daher bietet ein Medikament mit dem geringsten Interaktionspotenzial eine gute Basis für spezielle Medikamentenentscheidungen (Tab. 3).
7.1.1 Einsatz generischer Antiepileptika
7.2.2 Patienten mit kognitiven Einschränkungen
7.2.3 Patientinnen
Abbildung 3: Schematische Darstellung der verschiedenen epilepsiechirurgischen Eingriffe und deren Indikationen.
7.3.1 Resektive Verfahren
7.3.2 Palliative Verfahren in der Epilepsiechirurgie
Stimulationsverfahren.
Durch eine kontinuierliche (mit verschiedenen Frequenzen und unterschiedlichen Abständen zwischen den Reizserien) oder durch eine Stimulation kurz nach Beginn eines Anfalls wird versucht, die Anfallsaktivität positiv zu beeinflussen. Die dahinter stehenden Konzepte sind sehr verschieden. Neben einer Beeinflussung über Schaltkreise wird auch angestrebt, direkt den Herd zu blockieren. Viele Verfahren sind noch weit von einer breiten klinischen Anwendung entfernt. Der Einsatz dieser Verfahren - außerhalb der Vagus-Nerv-Stimulation - sollte zurzeit nur im Rahmen von Studien erfolgen.
Vagus-Nerv-Stimulation.
Die Vagus-Nerv-Stimulation ist das am weitesten verbreitete Stimulationsverfahren. Weltweit sind mehr als 100000 Stimulatoren implantiert worden. Das Verfahren gilt als palliativ, da in randomisierten Studien in nur wenigen Prozent eine Anfallsfreiheit erreicht wurde. Meist kommt es zu einer Reduktion der Anfälle um 50% bei 20-30% und in offenen Studien bei bis zu 50% der Fälle. Die Vagus-Nerv-Stimulation hat zusätzlich den potenziellen Vorteil eines antidepressiven Effekts (Elger et al. 2000) (⇑) (A).
Tiefe Hirnstimulation.
Die tiefe Hirnstimulation in thalamischen und subthalamischen Kernen sowie im Fokusgebiet (Hippokampus) hat zurzeit experimentellen Charakter und ist daher nicht Gegenstand von Leitlinien. Der Einsatz dieser Verfahren sollte nur in dafür spezialisierten Zentren und im Rahmen von Studien erfolgen (⇔) (C).
Bei Problempatienten kann es sinnvoll sein, Patientenschulungen in Praxen und Kliniken neben der Einzelberatung zu realisieren. Darüber hinaus kann bei dieser Patientengruppe an eine medizinische und berufliche Rehabilitation gedacht werden, um den Behandlungserfolg zu sichern, einen angemessenen Umgang mit der Erkrankung zu erlernen und die psychischen, neuropsychologischen, beruflichen und sozialen Folgen der Erkrankung zu mildern.
Federführend: Prof. Dr. Christian E. Elger, Klinik für Epileptologie, Universitätsklinikum Bonn, Sigmund-Freud-Straße 25, 53127 Bonn
E-Mail: christian.elger@ukb.uni-bonn.de
Die Leitlinie wurde von der Autorengruppe in einem modifizierten Delphi-Verfahren unter Berücksichtigung der Rückmeldungen zur vorherigen publizierten Version von 2004 überarbeitet, korrigiert und durch die Kommission Leitlinie der DGN endgültig verabschiedet.
