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| Arbeitsgemeinschaft der
Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften |
| AWMF-Leitlinien-Register | Nr. 030/028 | Entwicklungsstufe: | 1 |
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Therapie: Bislang ist keine neuroprotektive Therapie der Huntington-Erkrankung in Deutschland zugelassen. Empfehlungen zur symptomatischen Therapie beruhen zumeist auf offenen Studien, Kasuistiken und Expertenwissen.
Die choreatische Bewegungsstörung ist zunächst als Symptom zu betrachten, das verschiedene Ursachen haben kann. Die häufigste Ursache ist die autosomal-dominant vererbte Huntington-Erkrankung. Differenzialdiagnostisch können vorliegen:
Notwendig bei negativer Mutationsdiagnostik im Huntingtin-Gen
Hoffnungen auf einen neuroprotektiven Effekt des NMDA-Antagonisten Riluzol, die aus Ergebnissen kleiner Studien stammten, konnten in einer großen randomisierten, doppelblinden Studie über 3 Jahre in Europa nicht bestätigt werden (↓↓). Eine Reihe von anderen Substanzen wurde in randomisierten klinischen Studien untersucht. Valide negative Studienergebnisse liegen vor für Baclofen (↓↓), Idebenone (↓↓), Lamotrigin (↓↓), Remacemid (↓) und Alpha-Tocopherol (Vitamin E) (↓↓). Dabei zeigte eine Post-hoc-Analyse einen eben signifikanten Effekt mit Alpha-Tocopherol bei Patienten in frühem Erkrankungsstadium.
Kreatin wurde als Substanz zum Ausgleich des vermuteten Defizits im Energiestoffwechsel der Mitochondrien von Huntington-Patienten in mehreren Studien getestet (open label und verblindet). Es wurde bisher auch über Zeiträume von 12-24 Monaten kein Effekt von Kreatin auf motorische oder kognitive Funktionen nachgewiesen, so dass es bisher keine Evidenz gibt, die zu einer Anwendungsempfehlung von Kreatin ausreicht.
Auch die Anwendung von ungesättigten Fettsäuren ergab bisher keine positiven Effekte in einer längeren Studie über 12 Monate (Puri et al. 2005) (↓↓).
Die Anwendung von Minocyclin kann bisher ebenfalls nicht empfohlen werden. Innovative Therapieverfahren, wie z. B. die stereotaktische Implantation von Stammzellen in das Striatum, sind weiterhin experimentell und werden zurzeit in ersten klinischen Studien evaluiert.
Hyperkinesen
Eingesetzt werden z. B. Substanzen mit bevorzugtem Antagonismus an D 2-Rezeptoren, vor allem Tiaprid (Tiapridex 3 × 100 mg bis 4 × 300 mg pro Tag).
Alternativ oder in Ergänzung zu Tiaprid werden Monoamin-depletierende Substanzen wie Tetrabenazin (Nitoman 3 × 25 mg bis 3 × 75 mg pro Tag) verabreicht. Die Wirksamkeit von Tetrabenazin wurde in einer großen Studie der Huntington Study Group (2006) und in mehreren kleineren Studien nachgewiesen (↑). Tetrabenazin ist daher seit Anfang 2007 in Deutschland u. a. zur Behandlung choreatischer Hyperkinesen zugelassen. Zu beachten ist, dass es unter Tetrabenazin ganz vereinzelt zu Fällen eines malignen neuroleptischen Syndroms gekommen ist.
Alternativ können atypische Neuroleptika eingesetzt werden. Olanzapin zeigte einen günstigen Effekt in 2 von 3 kleinen offenen Studien (Zyprexa bis 30 mg/d). Olanzapin bewirkte auch eine Verbesserung der Gangstörung und Fingermotorik in einer der Studien. Clozapin zeigte zur Behandlung von Hyperkinesen bei Huntington-Erkrankung unbefriedigende Effekte und hat relevante Nebenwirkungen (Leukopenie).
Wegen ungünstiger Effekte auf häufig bestehende Hypokinese und Bradykinese sollten Antihyperkinetika einschließlich klassischer Neuroleptika nur sparsam bei subjektiv behindernden Hyperkinesen eingesetzt werden.
Zwei große Multi-Center-Studien in Europa und in Nordamerika mit der ungesättigten Fettsäure Ethyl-Icosapent zeigten keine Besserung der motorischen Symptome der Patienten nach sechsmonatiger Therapie (↓↓). Die Datenlage zu Amantadin ist widersprüchlich (↔).
Verfahren der tiefen Hirnstimulation bei der Huntington-Erkrankung werden zurzeit in kleineren Studien erprobt und stellen bisher ein experimentelles Verfahren dar. Empfehlungen können erst nach Veröffentlichung dieser Studienergebnisse abgegeben werden (↔).
Depressionen
Depressionen sind bei der Huntington-Erkrankung häufig und schwerwiegend. Hervorzuheben ist die hohe Suizidrate. Die Behandlung sollte bevorzugt mit Sulpirid (Dogmatil 400-600 mg/d), einem nahezu selektiven D 2-Antagonisten, der daher auch die Hyperkinesen bessert, oder mit SSRIs erfolgen. Der Einsatz von trizyklischen Antidepressiva sollte vermieden werden, da diese aufgrund des anticholinergen Wirkprofils die Hyperkinesen häufig verschlechtern. Zur antidepressiven Therapie der Huntington-Erkrankung gibt es bisher keine adäquaten Studien.
Angst/Unruhe/Schlafstörungen
Bei leichteren Formen können pflanzliche Mittel, Anxiolytika wie Buspiron, Hydroxyzin, nichttrizyklische Antidepressiva (z. B. Mirtazapin) und sedierende Neuroleptika mit geringem anticholinergem Nebenwirkungsprofil eingesetzt werden (↔). Beim im Rahmen einer Nutzen-Risiko-Abwägung therapeutisch gerechtfertigten Einsatz von Benzodiazepinen oder Benzodiazepinrezeptor-Agonisten (Zolpidem, Zopiclon) kann deren Abhängigkeitsrisiko bei der chronisch-progredient verlaufenden Erkrankung vernachlässigt werden, allerdings ist eine Toleranzentwicklung zu berücksichtigen.
Aggressivität ist häufig ein Problem in der Versorgung von Patienten, die an der Huntington-Erkrankung leiden. Verbesserungen wurden in Einzelfällen unter Risperidon, Olanzapin und Betablockern berichtet.
Psychosen
Psychosen sollten mit atypischen Neuroleptika behandelt werden, da bei längerer Anwendung klassischer Neuroleptika eine mögliche Überlagerung der Chorea durch Spätdyskinesien zu beachten ist. Aussagekräftige Studien zur Psychosebehandlung fehlen bislang. Erfahrungen liegen mit Olanzapin, Clozapin und Amisulprid (100-200 mg/d) vor. Nach vereinzelten Berichten sind auch Risperidon und Quetiapin wirksam.
Demenz
Bislang sind keine ausreichend validen Therapieempfehlungen möglich. In einer offenen Studie hat sich Memantine bezüglich der neuropsychologischen Defizite als progressionsverlangsamend erwiesen. Cholinesterase-Inhibitoren waren in zwei offenen Studien nicht wirksam.
Inkontinenz
Gelegentlich kommt es bei Patienten mit der Huntington-Erkrankung zum Auftreten von sog. "precipitate micturitions", d. h. einem plötzlichen Urinabgang ohne Vorwarnung und einer Unfähigkeit, die Blasenentleerung zu stoppen, bevor die Blase völlig entleert ist. Anticholinergika sind hier unwirksam, Carbamazepin (200 mg/d) hingegen ist häufig wirksam.
Gewichtsverlust
Patienten mit Huntington-Erkrankung sind katabol und bedürfen daher auch - unabhängig von einer eventuell zusätzlich bestehenden Schluckstörung - einer hochkalorischen Diät, ggf. bis zu 6-8 Mahlzeiten pro Tag. Leichtes Übergewicht verbessert häufig die Chorea.
Psychosoziale Betreuung
Die symptomatische Behandlung sollte neben der Pharmakotherapie auch psychologische, psychosoziale, krankengymnastische, ergotherapeutische und logopädische Maßnahmen beinhalten. Auf Selbsthilfegruppen sollte verwiesen werden (Deutsche Huntington Hilfe, www.dhh-ev.de externer Link; Huntington's Disease Society of America, www.hdsa.org externer Link).
Verlaufskontrollen können ambulant erfolgen.
H. C. Diener, N. Putzki, P. Berlit, G. Deuschl, E. Elger, R. Gold, W. Hacke, A. Hufschmidt, H. Mattle, U. Meier, W. H. Oertel, H. Reichmann, E. Schmutzhard, E. W. Wallesch, M. Weller
Expertengruppe:
Prof. Dr. Matthias Dose, Huntington-Zentrum Süd; Isar-Amper-Kliniken, Klinik Taufkirchen
(für den wissenschaftlichen Beirat der Deutschen Huntington-Hilfe)
Prof. Dr. Jörg T. Epplen, HZ NRW, Humangenetik Ruhr-Universität Bochum
PD DR. Hans Jung, Neurologische Klinik, Universitätsspital Zürich
Prof. Dr. Christoph Kosinski, Neurologische Universitätsklinik Aachen
Prof. Dr. Bernhard Landwehrmeyer, Neurologische Universitätsklinik Ulm
Prof. Dr. Josef Priller, Neurologische und Psychiatrische Klinik, Charité, Berlin
Dr. Ralf Reilmann, Klinik und Poliklinik für Neurologie, Universitätsklinikum Münster
Prof. Dr. Rudolf Töpper, Neurologische Abteilung, Asklepios-Klinik Harburg
Prof. Dr. Gregor K. Wenning, Sektion für klinische Neurobiologie, Neurologische Universitätsklinik Innsbruck
Federführend:
Prof. Dr. Rudolf Töpper
Neurologische Klinik, Asklepios-Klinik Harburg
Eißendorfer Pferdeweg 52
21075 Hamburg
E-Mail: r.toepper@asklepios.com
Der Leitlinientext der vorherigen Auflage wurde an die Expertengruppe und über Prof. Dose an die Mitglieder des wissenschaftlichen Beirats der Deutschen Huntington-Hilfe per E-Mail verteilt. Die von den Autoren vorgenommenen Änderungen und Ergänzungen wurden in einem zweiten Durchgang wiederum mit der Möglichkeit des Feedbacks an die Expertengruppe versandt. Eine abschließende Korrektur erfolgte durch die Kommission Leitlinien der DGN.
