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| Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften |
| AWMF-Leitlinien-Register | Nr. 028/026 | Entwicklungsstufe: | 1 |
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Untergruppen nur nachts einnässender Kinder
Es lassen sich im Prinzip 4 Gruppen unterscheiden (s. Tab. 8), je nachdem, ob Miktionsauffälligkeiten vorliegen (nicht-monosymptomatisch) oder nicht (monosymptomatisch), und ob die längste trockene Periode < 6 Monate (primär) oder > 6 Monate (sekundär) andauerte. Die primären und sekundären Formen unterscheiden sich nicht bezüglich somatischer oder genetischer Faktoren. Der Rückfall bei den sekundären Formen kann durch belastende Lebensereignisse ausgelöst werden. Auch ist die Komorbidität von psychischen Störungen bei der sekundären Enuresis nocturna deutlich erhöht.
| Tab. 8: Übersicht über Formen des nächtlichen Einnässens |
| Längstes trockenes Intervall < 6 Monate | Längstes trockenes Intervall > 6 Monate | |
|---|---|---|
| Keine Blasenfunktionsstörungen tags | Primäre monosymptomatische Enuresis nocturna | Sekundäre monosymptomatische Enuresis nocturna |
| Blasenfunktionsstörungen tags vorhanden | Primäre nicht-monosymptomatische Enuresis nocturna | Sekundäre nicht-monosymptomatische Enuresis nocturna |
Monosymptomatische Enuresis nocturna
Nicht-monosymptomatische Enuresis nocturna
Untergruppen tags oder tags/nachts einnässender Kinder
Idiopathische Dranginkontinenz
Harninkontinenz bei Miktionsaufschub
Detrusor-Sphinkter-Dyskoordination
Seltene Formen umfassen:
Spezielle Fragebögen
Es liegen spezielle Fragebögen zur Einnäss- und Miktionsproblematik vor [Beetz et al. 1995; von Gontard, Lehmkuhl 2002].
Verhaltensbeobachtung des Kindes
Haltemanöver und Drangsymptome können oft in der klinischen Situation beobachtet werden. Auch Schamgefühle und Leidensdruck können so eingeschätzt werden.
Expansive, externalisierende Störungen sind häufiger als emotionale, introversive Störungen; spezifisch finden sich:
Fakultative Diagnostik
Achse III
Lern- und geistig Behinderte nässen häufiger ein - bei Verdacht: entsprechende Intelligenzmessung.
Achse IV
Achse V
Aktuelle psychosoziale Stressoren (der letzten 6 Monate) sind vor allem bei der sekundären Enuresis nocturna erhöht, aber auch länger zurückliegende belastende Lebensereignisse, wie Trennung der Eltern, Geburt von Geschwistern, Umzug usw., sollten exploriert werden.
Achse VI
Die meisten Formen des Einnässens können ambulant behandelt werden. Der Schweregrad der Störung einschl. der psychiatrischen Begleitsymptomatik entscheidet darüber, ob eine teil- oder vollstationäre Behandlung erforderlich ist.
Die Hierarchie der einzelnen therapeutischen Schritte für die Enuresis nocturna ergibt sich aus Abb. 49 und lässt sich wie folgt zusammenfassen:
Abb. 47: Diagnostik der Enuresis und der funktionellen Harninkontinenz
Abb. 48: Diffenrenzialdiagnose des Einnässens tags
Abb. 49: Therapie der Enuresis nocturna
Enuresis nocturna. Primäre und sekundäre Formen der Enuresis nocturna werden gleich behandelt, dabei ist die höhere psychiatrische Komorbidität der letzteren zu berücksichtigen (s. Abb. 49). Falls eine Enkopresis vorliegt, sollte diese als erstes behandelt werden (Grad III; Reduktion des Einnässens durch Behandlung einer Enkopresis [Loening-Baucke et al. 1997]). Falls eine nicht-monosymptomatische Enuresis nocturna vorliegt, müssen die Miktionsauffälligkeiten, wie z.B. Drangsymptome, zuerst behandelt werden (Grad IV: nach klinischer Erfahrung sinnvoll).
Vor Beginn einer spezifischen Therapie sollte eine Baseline mit Beratung, positiver Verstärkung, Entlastung, Motivationsaufbau und Kalenderführung (z.B. "Sonne-und-Wolken-Kalender") durchgeführt werden. Diese haben sich in empirischen Untersuchungen als erfolgreich erwiesen (Grad III: sign. häufiger trocken in 2 nicht random. Studien [Lister-Sharp 1997; s. auch Läckgren et al. 1999]).
Die apparative Verhaltenstherapie (AVT) ist unbestritten das Mittel der ersten Wahl bei der Therapie der Enuresis nocturna (Grad I: "All the current evidence suggests that conditioning gives the best long-term outcomes for bed wetters." [Moffat 1997]; Metaanalysen: trocken am Behandlungsende 62%, Katamnese: 47% [Houts et al. 1994]; trocken 77,9%, damit eindeutig wirksam [Mellon, McGrath 2000]; Wahrscheinlichkeit für 14 konsekutive trockene Nächte 13,3-fach höher als ohne Behandlung [Lister-Sharp et al. 1997]).
Nur wenn keine Indikation für die AVT vorliegt (mangelnde Motivation, familiäre Belastungen usw.) kann mit einer Pharmakotherapie mit Desmopressin (DDAVP) (Mittel der zweiten Wahl) begonnen werden. Falls kein Erfolg erzielt werden kann, ist ein Wechsel auf die andere Therapieform zu empfehlen (von AVT auf Desmopressin oder von Desmopressin auf AVT) [Hjälmas et al. 2004].
Apparative Verhaltenstherapie (AVT)
Tragbare Geräte (sog. "Klingelhose") und Bettgeräte (sog. "Klingelmatte") sind etwa gleich effektiv - die Auswahl sollte den Kindern überlassen werden.
Das Ziel ist die komplette Trockenheit und nicht nur eine Reduktion der Einnässfrequenz. Es wurden deshalb definiert:
Das Gerät sollte nicht nur verschrieben, sondern demonstriert werden. In einer für das Kind adäquaten Sprache sollte die Wirkungsweise erklärt, Wünsche und Ängste der Kinder exploriert und das Kind in die Verantwortung mit einbezogen werden. Wichtige Instruktionen umfassen: Notwendigkeit, das Gerät jede Nacht einzusetzen, komplett wach zu werden und die Therapie lange genug fortzusetzen. Die Wirkung kann, falls notwendig, zusätzlich verhaltenstherapeutisch verstärkt werden (Grad II: 72% trocken am Behandlungsende, 56% bei Katamnese [Houts et al. 1994]; alle AVT -Kombinationen mit Verstärkung: 79,2% trocken - vermutlich wirksam [Mellon, McGrath 2000]). Selten eingesetzte, z.T. aufwendige Programme sind das sog Full spectrum home treatment von Houts (Grad II: Trocken: 78,5% in 2 Studien [Mellon, McGrath 2000]) und das sog. Overlearning von Morgan als Rückfallprophylaxe (Grad II: 10% Rückfälle [vs. 20-40%] in einer Studie). Als Verstärkung werden besonders empfohlen:
Indikationen für eine Pharmakotherapie umfassen:
Indikationen für eine Langzeittherapie finden sich z.B. bei therapieresistenten Jugendlichen. Nach Absetzen der Medikamente kommt es in den meisten Fällen zu einem Wiederauftreten der Einnässsymptomatik.
DDAVP (Desmopressin) ist ein synthetisches Analogon des antidiuretischen Hormons (ADH). Bei den meisten Patienten (ca. 70%) kann eine Reduktion der nassen Nächte erreicht werden. Ein Viertel wird während einer 2-wöchigen Periode vollkommen trocken. Nach Absetzen erleiden die meisten einen Rückfall. Die Langzeittrockenheit beträgt ca. 18-38% [van Kerrebroeck 2002] (Grad I: 46% trocken am Behandlungsende, 22% bei Katamnese [Houts et al. 1994]; Wahrscheinlichkeit für 14 konsekutive trockene Nächte 4,5-fach höher; Katamnese: kein Unterschied zu Kontrollen, Wahrscheinlichkeit für Rückfall 9-fach höher als nach AVT [Lister-Sharp et al. 1997]. "It is now acknowledged that DDAVP is a symptomatic treatment rather than a cure … a second line of management when the alarm has failed or is impractical" [Moffat 1997]).
Die intranasale Applikation von DDAVP (Desmopressin) (20-40 µg abends) ist bei einigen Kindern effektiver als die perorale (0,2-0,4 mg abends). Die individuelle Dosierung muss über 4 Wochen titriert werden. Falls Trockenheit erreicht wird, wird die niedrigste erforderliche Dosierung weitere 4-8 Wochen gegeben. Spätestens nach 12 Wochen sollte ein Absetzversuch unternommen werden. Bei einem Rückfall kann die Desmopressin-Behandlung wieder für maximal 12 Wochen fortgesetzt werden, gefolgt von einem Absetzversuch. Die seltenen Nebenwirkungen umfassen Reizung der Nasenschleimhaut, Kopfschmerzen, Bauchschmerzen, Atemnot, Appetitstörungen, Sehstörungen, Geschmacksveränderungen, niedriger Blutdruck. Als wichtigste, seltene unerwünschte Wirkungen traten in bisher über 20 dokumentierten Fällen Hyponatriämie und Wasserintoxikationen auf. Todesfälle wurden nicht berichtet.
Imipramin (Tofranil) (und andere trizyklische Antidepressiva) haben einen eindeutig antidiuretischen Effekt (Grad I: 40% trocken am Behandlungsende, 17% bei Katamnese [Houts et al. 1994]; Wahrscheinlichkeit für 14 konsekutive trockene Nächte 4-fach höher, Katamnese: kein Unterschied zu Kontrollen [Lister-Sharp et al. 1997]. Aufgrund von kardialen Nebenwirkungen (es wurden Todesfälle beschrieben) wird die Indikation zunehmend zurückhaltender gestellt. Bei Imipramin-Gabe sollten folgende Empfehlungen berücksichtigt werden:
Therapieresistenz
Bei Therapieresistenz ist zu empfehlen:
Einnässen tags. Falls ein gemischtes Tags-nachts-Einnässen vorliegt, wird die Problematik tags zuerst behandelt. Die Entscheidungsbäume für die Tagproblematik fassen die Abbildungen 48 und 50-52 zusammen. Jeweils spezifische Behandlungsrichtlinien für die Dranginkontinenz (s. Abb. 50), der Harninkontinenz bei Miktionsaufschub (s. Abb. 51) und der Detrusor-Sphinkter-Dyskoordination (s. Abb. 52) werden dargestellt. Der Grad der Evidenz für die Therapie des Einnässens tags liegt meist bei III-IV.
Abb. 50: Therapie der idiopathischen Dranginkontinenz
Idiopathische Dranginkontinenz
Der Schwerpunkt der Therapie ist ein symptomorientiertes kognitiv-verhaltenstherapeutisches Vorgehen, das ambulant oder stationär durchgeführt werden kann (s. Abb. 50) (Grad III). Ziel ist eine zentrale Kontrolle der Drangsymptome ohne motorische Haltemanöver. Nach einem Motivationsaufbau werden den Kindern, entsprechend ihrem Entwicklungsstand, kognitiv die Blasenfunktion und entsprechende Zielveränderungen dargestellt. Die Kinder sollen den Harndrang wahrnehmen, sofort die Toilette nach Wahrnehmung von Blasenfülle oder Harndrang aufsuchen und auf Haltemanöver als Gegenmaßnahmen verzichten. In einem sog. Fähnchenplan werden Miktionen ohne Einnässen als Fähnchen, Einnässepisoden als Wolken dargestellt. Dies kann mit einem Tokensystem verstärkt werden.
Falls die bisherigen Maßnahmen nicht ausreichen, können sie mit einer Pharmakotherapie mit Oxybutinin unterstützt werden, das über eine spasmolytische, anticholinerge und lokalanalgetische Wirkung verfügt (Grad II). Die Dosierung beträgt 0,3 mg/kg KG/d in 2-3 Dosen bis maximal 0,6 mg/kg KG/d Oxybutinin (maximal 15 mg) unter Fortsetzung der Verhaltenstherapie. Die Medikation wird üblicherweise 3-6 Monate eingesetzt. Wegen der Gefahr von HWI und Resturinbildung sollte eine mögliche Resturinbildung mit Ultraschall überprüft werden (V) [von Gontard, Neveus 2006].
Alternativ kann die Dranginkontinenz mit Propiverin in einer maximalen Dosierung von 0.8 mg/kg KG/d in 2 Dosen (einschleichend dosieren; maximal 15 mg/die) behandelt werden (Grad III). Bei einem fehlenden Ansprechen kann einen Umstellung von Oxybutinin auf Propiverin (und vice versa sinnvoll sein). Die Wirksamkeit und Nebenwirkungen sind bei beiden Medikamenten vergleichbar.
Das Medikament Tolterodine ist bei Kindern weniger wirksam als bei Erwachsenen und wurde deshalb nicht für Kinder durch die FDA zugelassen. Bei therapieresistenten Fällen ist ein Off-label-Einsatz zu erwägen; übliche Dosis 1-2 mg/die in 2 Dosen (Grad III [Hjälmas et al. 2001]). Die Nebenwirkungsrate ist gering. Neue Anticholinergika sind in Entwicklung.
Harninkontinenz bei Miktionsaufschub (s. Abb. 51). Zunächst sind ein symptomorientiertes Vorgehen mit Entlastung der Eltern und ein beratendes, kognitives Erklären der Zusammenhänge zwischen Einnässen und Aufschub angezeigt (Grad IV). Verhaltenstherapeutische Maßnahmen umfassen eine Kalenderführung mit regelmäßigen "Schickzeiten" zur Toilette, eventuell kombiniert mit einer Digitaluhr mit einstellbaren Weckzeiten, sodass das Kind nach 3-4 Stunden an den Toilettengang erinnert wird.
Wegen der hohen psychiatrischen Komorbidität sind häufig weitergehende therapeutische Maßnahmen notwendig.
Detrusor-Sphinkter-Dyskoordination (s. Abb. 52). Therapieprogramme umfassen Motivationsaufbau, kognitive und verhaltenstherapeutische Elemente, vor allem aber ein spezifisches Training mit Biofeedback-Methoden (Grad III). Dabei werden entweder visuelle Signale des Harnflusses über Uroflowmetriekurven allein oder kombiniert mit akustischen Signalen über eine perianale Beckenboden-EMG mit nichtinvasiven Oberflächenelektroden zurückgekoppelt. Schon nach wenigen Trainingstagen ist die Miktion bei den meisten Kindern koordiniert, häufig mit Stabilität in Langzeitkatamnesen.
Abb. 51: Therapie der Harninkontinenz bei Miktionsaufschub
Abb. 52: Therapie der Detrusor-Sphinkter-Dyskoordination
Allgemeine tiefenpsychologische oder nichtdirektive Psychotherapien sind bei einer reinen Einnässproblematik nicht indiziert und wenig wirksam, können aber bei entsprechender psychiatrischer Komorbidität notwendig sein. Sofern die Enuresis das Zielsymptom darstellt, sollte immer ein spezifisch symptomorientiertes Vorgehen gewählt werden.
Jetzige Bearbeiter dieser Leitlinie
A. von Gontard
Korrespondenz an:
Prof. Dr. Alexander von Gontard
Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie
Universitätsklinikum des Saarlandes
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