AWMF online |
| Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften |
| AWMF-Leitlinien-Register | Nr. 021/009 | Entwicklungsstufe: | 3 + IDA |
|---|
Korrespondenz:
Prof. Dr. J. Riemann, Klinikum der Stadt Ludwigshafen gGmbH, Medizinische Klinik C, Bremerstr. 79, 67073 Ludwigshafen, Germany
Tel. 0621/5034100
FAX 0621/5034114
e-mail: riemannj@klilu.de
Empfehlung bei Kindern
Calprotektin oder Lactoferrin im Stuhl kann zur Bestimmung der inflammatorischen Aktivität erfolgen. Dies erlaubt aber keine Differenzierung zwischen infektiösen und chronisch entzündlichen Darmerkrankungen (A).
Erläuterung
Zwei prospektive und mehrere retrospektive Studien konnten bei Erwachsenen und Kindern zeigen, dass Calprotektin oder Laktoferrin-Bestimmungen im Stuhl einen Hinweis auf das Vorliegen einer Entzündung geben können [11-16]. Dabei ist zu beachten, dass dadurch eine Differenzierung zwischen verschiedenen Formen entzündlicher Diarrhoen nicht möglich ist, insbesondere nicht zwischen Colitis ulcerosa, Morbus Crohn und infektiösen Diarrhoen. Die Indikation für die Durchführung einer endoskopischen Untersuchung könnte so, vor allem bei Kindern, strenger gestellt werden.
Empfehlung
Bei Colitis indeterminata kann die Bestimmung von pANCA (perinukleäre antineutrophile zytoplasmatische Antikörper) (Immunfluoreszenz), ASCA (anti-Saccharomyces cerevisiae Antikörper) (ELISA) und PAB (Pankreasantikörper) (Immunfluoreszenz) hilfreich sein, für die Routine kann jedoch keine generelle Empfehlung ausgesprochen werden (A).
Erläuterung
Die Untersuchung v.a. von ANCA ist sehr laborabhängig. Die Ergebnisse der Studien sind nicht einheitlich. Positive pANCA bei negativen ASCA legt die Diagnose einer Colitis ulcerosa sehr nahe. Eine große Zahl an Patienten mit Colitis indeterminata zeigte keine positiven Nachweise [17-19].
Empfehlung
Zur Sicherung der Diagnose ist eine Kontrollendoskopie mit Biopsie in einem Intervall erforderlich (C).
Erläuterung
Bei der Colitis ulcerosa handelt es sich um eine chronische Erkrankung. Daraus ergibt sich, dass zur Diagnosesicherung bei jedem Patienten im Intervall eine erneute Endoskopie zu fordern ist. Dies wird auch empfohlen, wenn Patienten im Verlauf keine weiteren Beschwerden haben. Von dieser Empfehlung kann abgewichen werden, wenn bestimmte Patientengruppen, z.B. Kinder, bei Beschwerdefreiheit unter Abwägung von Vor- und Nachteilen eine erneute Koloskopie nicht zugemutet werden kann.
Empfehlung
Im Falle einer indeterminierten Colitis sollte nach einem Intervall eine erneute Ileokoloskopie mit Biopsien aus dem terminalen Ileum und allen Kolonsegmenten erfolgen (B). Die Zeitdauer zwischen initialer Untersuchung und Kontrolluntersuchung sollte sich nach dem jeweiligen Krankheitsverlauf richten.
Erläuterung
Eine in etwa 5-20% der Fälle initial beschriebene indeterminierte Colitis kann einer erneuten Ileokoloskopie mit Biopsien aus dem terminalen Ileum und allen Kolonsegmenten zugeführt werden. Das Intervall zwischen den Untersuchungen hängt vorwiegend von der klinischen Symptomatik ab, eine generelle Empfehlung kann aus den vorliegenden Studiendaten nicht abgeleitet werden [49]. Auffallend ist jedoch die Tatsache, dass im Verlauf in bis zu 10% auch eine Änderung der Erstdiagnose "Colitis ulcerosa" erforderlich ist [50]. Zum diagnostischen Procedere siehe auch die oben erwähnten Ausführungen zur Labordiagnostik.
Empfehlung
In der Diagnostik der Colitis ulcerosa sollten hochauflösende Videoendoskope heute als Standard eingesetzt werden (C).
Erläuterung
Eine hochauflösende Videoendoskopie erlaubt im Vergleich zu Fiberglasendoskopen eine Beurteilung von Schleimhautveränderung, insbesondere auch von neoplastischen Veränderungen (z.B. DALM). Inwieweit hochauflösende Videoendoskope jedoch eindeutige Vorteile in der Primärdiagnostik oder im Verlauf gegenüber Fiberglasendoskopen haben, ist bisher durch gute Studien nicht geklärt und wird kontrovers diskutiert.
Die verbesserte Detektion von Dysplasien und DALM mittels Zoomendoskopie und Chromoendoskopie ist durch neuere Studien belegt [51-54]. Inwieweit diese Verfahren in die Praxis umsetzbar sind (z.B. Zeitaufwand), kann zum derzeitigen Zeitpunkt nicht abgeschätzt werden. Eine allgemeine Empfehlung kann hierzu daher bisher nicht erfolgen. Die Erfahrenheit des Untersuchers spielt eine große Rolle. Insbesondere die Nachsorgeuntersuchungen sollte von entsprechend erfahrenen Untersuchern durchgeführt werden.
Empfehlung
Zur Abklärung der Dignität ist bei endoskopisch nicht passierbaren Stenosen eine ergänzende Diagnostik erforderlich. Jede Stenose bei Colitis ulcerosa ist malignitätsverdächtig (C).
Erläuterung
Für diese spezielle Situation der nicht passierbaren Stenose kann keine generelle Empfehlung zum Ablauf und zur Wahl weiterer diagnostischer Maßnahmen gegeben werden. In Frage kommen primär der Wechsel auf ein pädiatrisches oder nasales Gerät, bei Erfolglosigkeit die Kontrastdarstellung der Stenose über einen Katheter im Rahmen der Endoskopie, die MR- oder CT-Colonographie sowie die chirurgische Exploration. Auch die Durchführung einer Sonographie als nichtinvasive Methode gibt häufig zusätzliche Informationen [55].
Die Wahrscheinlichkeit einer malignen Stenose scheint mit zunehmender Krankheitsdauer und bei Vorliegen einer (Sub-) Ileussymptomatik deutlich zu steigen [56]. Daher ist eine Stenose bei Colitis ulcerosa prinzipiell malignitätsverdächtig und möglichst bioptisch abzuklären, das Procedere aber individuell festzulegen.
Empfehlung
Die routinemäßige Verwendung eines endoskopischen Aktivitätsindex ist nicht sinnvoll (B).
Erläuterung
Aktivitätsindices sind für klinische Studien als objektiver und reproduzierbarer Parameter sinnvoll. In Routine finden sie jedoch selten Anwendung, da die endoskopische Entzündungsaktivität nicht unbedingt mit der Symptomatik korreliert [5-7].
Empfehlung
Eine Ösophagogastroduodenoskopie mit Biopsien sollte bei differentialdiagnostischem Verdacht auf einen M. Crohn oder entsprechender klinischer Symptomatik durchgeführt werden (B).
Erläuterung
Sonderformen einer fokal betonten Gastritis oder Granulome sind zuweilen bei Patienten mit M. Crohn nachweisbar und können daher hilfreich sein in der Differentialdiagnose zwischen Morbus Crohn und Colitis ulcerosa, bei Oberbauchbeschwerden oder unklarer Diarrhoe [57, 58].
Empfehlung
Die hochauflösende abdominelle Sonografie sollte Bestandteil sowohl der Initial- als auch der Verlaufsdiagnostik sowie bei Verdacht auf Komplikationen sein (B).
Erläuterung
Der Ultraschall erlaubt die Beurteilung der Längenausdehnung einer Wandinfiltration und möglicher Komplikationen. Zwar sind die Erfahrungen und Expertisen in der Anwendung der Sonografie sehr heterogen, trotzdem muss auf Grund der Datenlage der abdominelle Ultraschall als integrale Methode in der Diagnostik der Colitis ulcerosa gelten [55, 59-62]. Vorteile sind die generelle Verfügbarkeit, die relativ geringen Kosten und das Fehlen von Nebenwirkungen. Die Sensitivität kann durch die Hydrokolonsonographie noch verbessert werden [63, 64]; dieses Verfahren ist aufgrund nicht genügend breiter Untersucher-Expertise für die Praxis realistisch jedoch nicht allgemein zu empfehlen. Die Kontrastmittelsonographie ist derzeit noch im experimentellen Stadium.
Empfehlung
Die EUS hat keinen generellen Stellenwert in der Diagnostik der CU (A).
Erläuterung
Die EUS hat sicherlich keinen generellen Stellenwert in der Diagnostik der CU. Bislang wurden nur kleine Studienpopulationen untersucht; es fehlen Standards. Ihr Einsatz ist jedoch sinnvoll im Staging von rektalen Tumoren und Abszessen [69-71].
Empfehlung
Die Dopplersonographie der Mesenterialarterien hat keinen festen Stellenwert. Für die Dopplersonographie der Darmwand ist die Datenlage noch unzureichend (B).
Erläuterung
Einige Arbeiten mit geringen Fallzahlen belegen eine Korrelation zwischen dem Mesenterialarterienfluß und der Krankheitsaktivität der Colitis ulcerosa, jedoch fehlen bislang Flußratenstandards. Auch aufgrund der erheblichen Untersucherabhängigkeit hat sich dieses Verfahren bis jetzt noch nicht durchgesetzt [65-68].
Empfehlung
Die Kolon-Doppelkontrastuntersuchung sollte in der Diagnostik der Colitis ulcerosa als Alternativverfahren zur Ileokoloskopie nicht durchgeführt werden (B).
Erläuterung
Als Alternativverfahren zur Ileokoloskopie, z.B. bei nicht-passierbarer Stenose, können heute radiologische Schnittbildverfahren, wie die CT- und MR-Colonographie, eingesetzt werden. Sie bieten neben der Abbildung des Darms zusätzliche Informationen über die intraabdominellen Organe und mögliche Begleitreaktionen bzw. Komplikationen [72-75]. Die Sonographie ist v.a. bei Kindern und zur Abklärung von Komplikationen alternativ vorzuziehen [59].
Empfehlung
Die MR-/CT-Colonographie sollte in der Primärdiagnostik nicht durchgeführt werden. Jedoch kann diese Untersuchung bei speziellen Situationen hilfreich sein (B).
Erläuterung
Die Datenlage für CT- und MR-Colonographie bei CED ist unzureichend. Sie stellt derzeit kein Routineverfahren dar. Es fehlen Standards. Bei ständiger Verbesserung der Software/Programme sollte jedoch in Studien eine weitere Evaluierung durchgeführt werden [72-75]. In speziellen Situationen, beispielsweise bei Patienten, die nicht endoskopierbar sind oder bei denen eine endoskopisch nicht eindeutig beurteilbare oder nicht passierbare Stenose vorliegt, kann eine CT- oder MR-Colonographie hilfreich sein. Studien hierzu liegen jedoch bisher nicht vor.
Empfehlung
MR-Enteroklysma / CT-Sellink/ konventionelles Enteroklysma sollte zur Abgrenzung von einem M. Crohn durchgeführt werden (B).
Erläuterung
MR-Enteroklysma ist im Gegensatz zum konventionellen Enteroklysma kein standardisiertes Verfahren; es liegen keine ausreichenden Daten für die Colitis ulcerosa vor [76-78]. Allerdings erbringt die MRT neben der Abbildung des Darms zusätzliche Informationen über die intraabdominellen Organe und mögliche Begleitreaktionen bzw. Komplikationen. In der Differentialdiagnose zum Morbus Crohn wird ihre Aussagekraft bezogen auf die Dünndarmdarstellung im Vergleich zum Röntgen Sellink oder CT-Sellink bei technisch adäquater Durchführung als mindestens gleichwertig eingeschätzt.
Empfehlung
Die Kapselendoskopie ist bei der Colitis ulcerosa nicht sinnvoll (A).
Erläuterung
Die Kapselendoskopie scheint in ersten Studien dem konventionellen- und CT-Enteroklysma in der Detektion von Dünndarmveränderungen bei M. Crohn überlegen. Zur Colitis ulcerosa sind derzeit keine Daten verfügbar [79-81]. Da bei fehlender Luftinsufflation eine Visualisierung des Kolons nicht möglich ist, erscheint dieses Verfahren zur Kolondiagnostik nicht geeignet.
Empfehlung
Die Durchführung einer Leukozytenszintigraphie hat keinen Stellenwert (B).
Erläuterung
Es liegen widersprüchliche Studien vor. Eine sichere Korrelation mit der Krankheitsaktivität konnte nicht gezeigt werden (geringe Sensitivität). Insbesondere kann sie nicht als Ersatz für die Koloskopie mit Biopsie im Rahmen der Erstdiagnose dienen [82].
Korrespondenz:
Prof. Dr. C. Wittekind, Universitätsklinikum Leipzig, Institut für Pathologie, Liegigstraße 26, 04103 Leipzig, Germany
Tel. 0341/9715036
FAX 0341/9715009
e-mail: wittec@medizin.uni-leipzig.de
Korrespondenz:
Prof. Dr. W. Fleig, Martin-Luther-Universitäts Halle-Wittenberg, Klinik und Poliklinik für Innere Medizin I, Ernst-Grube-Straße 40, 06120 Halle, Germany
Tel. 0345/5572661
FAX 0345/5572253
e-mail: wolfgang.fleig@medizin.uni-halle.de
Aussage
Der akute Schub einer Colitis ulcerosa ist durch die typischen klinischen Beschwerden, d.h. blutige Diarrhoe und ggf. Tenesmen charakterisiert. Bezüglich der sonstigen Diagnostik wird auf den Abschnitt "klinische Diagnostik" verwiesen (C).
Erläuterung
Verbindliche Definitionen des akuten Schubes einer Colitis ulcerosa liegen bislang nicht vor. Typische Symptome und die klinische Diagnostik sind in dem Abschnitt "klinische Diagnostik" beschrieben.
Aussage
Die Definition eines akuten Schubs hängt von Zeitdauer und Intensität der Beschwerden ab. Bei geringen Beschwerden kann es notwendig sein, länger als 7 Tage zu warten, um banale Befindensänderungen von einem Krankheitsschub abzugrenzen (C).
Erläuterung
Es besteht allgemeiner Konsens, dass eine kurze passagere Entzündung nicht ausreicht, einen akuten Schub einer Colitis ulcerosa zu diagnostizieren. Eine international verbindliche Definition zu der Beschwerdedauer und -intensität fehlt. In Studien an Patienten im aktiven Erkrankungsschub sollte die jeweils verwendete Definition klar beschrieben werden.
1.2. Remission
Aussage
Die Remission einer Colitis ulcerosa wird anhand der klinischen Parameter (d.h. Verschwinden der initialen Krankheitssymptome) definiert (C).
Empfehlung
Hinweise zur Remissionsbeurteilung liefern Laborwerte (Hämoglobin, Leukozyten, BSG und/ oder CRP). Eine Endoskopie (ggf. plus Biopsie/ Histologie) ist bei klinischer Besserung zur Remissionsbeurteilung nicht erforderlich (C).
Erläuterung
Aufgrund fehlender Kenntnisse zur Ätiologie muss die Definition einer Remission der Erkrankung auf der Basis der klinischen Symptome erfolgen, die für die Definition des akuten Schubes verwendet werden.
1.3. Therapieversagen
Aussage
Eine allgemeine Definition von Therapieversagen durch Festlegung einer maximalen Behandlungsdauer ist nicht möglich (C).
Empfehlung
Abhängig vom Schweregrad des Schubes sollte die Therapie jedoch spätestens nach 8 Wochen zu einer Remission führen (C). Verschlechtert sich unter der Schubtherapie die klinische Situation, wird abhängig von der Ausgangssituation und vom Ausmaß der Verschlechterung nach 7 bis 14 Tagen ein Versagen der Therapie festgestellt (C).
Erläuterung
Angesichts der Variabilität des Schweregrades eines akuten Schubes und des Verlaufes unter der Therapie ist eine zeitliche Definition von Therapieversagen nicht sinnvoll. Die Wirksamkeit einer Behandlung muss in einem zeitlichen Rahmen beurteilt werden, der bei einer Verschlechterung um so enger zu stecken ist, je ausgeprägter sich die klinische Symptomatik entwickelt [1, 2].
Empfehlung
Vor Einleitung einer Standardtherapie sollte die Diagnose basierend auf den Empfehlungen des Abschnittes "Klinische Diagnostik" gesichert sein.
Eine infektiöse Colitis sollte zumindest im Rahmen der Primärdiagnostik bestmöglich ausgeschlossen werden (C).
Erläuterung
Die Empfehlung, dass die Therapie nicht vor der Durchführung einer adäquaten Diagnostik begonnen werden sollte, ist zwar banal, sie wird in der täglichen Praxis jedoch nicht selten missachtet. Insbesondere sollte unbedingt im Rahmen der Primärdiagnostik eine Koloskopie mit Biopsie durchgeführt werden, um die Ausdehnung und den endoskopischen Schweregrad der Entzündung zu bestimmen.
Bezüglich der empfohlenen Labor- und Stuhldiagnostik wird auf den Abschnitt "Klinische Diagnostik" verwiesen.
Empfehlung
Auch bei Rezidiven wird die Indikation zur Therapie anhand der Klinik gestellt (C).
Das Ausmaß der Labordiagnostik wird vom Schweregrad des Schubes und der Wahl der Therapie bestimmt. Als Mindestanforderung sollten Hämoglobin, Leukozyten sowie ein allgemeiner Entzündungsparameter (Thrombozyten, BSG oder CRP) bestimmt werden (B). Darüber hinausgehende diagnostische Empfehlungen sind dem Abschnitt "Klinische Diagnostik" zu entnehmen.
Kontrollendoskopien ohne therapeutische oder prognostische Konsequenzen (Änderung der Ausdehnung und/ oder Diagnose) sind beim akuten Schub nicht indiziert. Änderungen des Befallsmusters können auch durch Ultraschall nachgewiesen werden (B).
Erläuterung
Obwohl im Gegensatz zum M. Crohn für die Colitis ulcerosa Studien zum Stellenwert einer routinemäßigen Kontrollendoskopie fehlen, muss der klinische Grundsatz betont werden, dass invasive Verfahren nur bei zu erwartenden therapeutischen oder prognostischen Konsequenzen gerechtfertigt sind. Solche Konsequenzen sind wahrscheinlich, wenn man eine Ausdehnung des Befalls vermutet oder gar die Diagnose in Frage stellt. Geht es ausschließlich um die Ausdehnungsdiagnostik, so wird der häufig aussagekräftige Ultraschall viel zu wenig genutzt [3, 4].
Empfehlung
Der Therapieerfolg wird anhand der Besserung der Symptome beurteilt (C).
Erläuterung
Es ist selbstverständlich, dass der Erfolg einer Therapie nur anhand der Kriterien beurteilt werden kann, die zur Definition des akuten Krankheitsschubes benutzt werden. Koloskopische Kontrollen sind bei nach klinischen Kriterien eingetretener Remission überflüssig.
Empfehlung
Kontrolluntersuchungen im Verlauf sollten erfolgen, wobei detaillierte Angaben zum Zeitpunkt nicht möglich sind (C). Die Zeitspanne bis zur ersten Überprüfung des Therapieerfolges (Telefonkontakt, ambulante Konsultation) sollte umso kürzer sein, je höher die initiale Krankheitsaktivität ist (C).
Erläuterung
Bei einem unkomplizierten Schub ist unter einer Standardtherapie die Mehrzahl der Patienten bereits nach vier Wochen in Remission. Neben der initialen Krankheitsaktivität werden auch patientenspezifische Faktoren , insbesondere seine Kenntnis der Erkrankung, Zuverlässigkeit und seine Fähigkeit zur Beurteilung des Krankheitsverlaufes die Terminierung der ersten Kontrolluntersuchung bestimmen.
2.2. Medikamentöse Behandlung
Empfehlung
Der Schub leichter bis mittlerer Aktivität bei distaler Colitis ulcerosa soll bevorzugt topisch mit Aminosalizylaten therapiert werden: bei Proktitis mit Zäpfchen, bei Proktosigmoiditis mit Klysmen oder mit Schäumen (A). Bei Ausdehnung bis zur linken Flexur erscheint eine Kombination mit einem oralen Aminosalizylat sinnvoll (A). Bei topischer Anwendung sind Aminosalizylate Steroiden überlegen (A). Die minimale, aber auch ausreichende lokale Dosis zur Erzielung einer Remission beträgt 1 g 5-ASA pro Tag. Höhere Dosen bis 4 g/Tag sind nicht wirksamer (A). Bei Kindern muss die Dosis individuell angepasst werden (C).
Erläuterung
Die topische Anwendung von Aminosalizylaten hat sich in zahlreichen Studien als wirksame Therapie der distalen Colitis ulcerosa erwiesen. Bei Proktitis ulcerosa zeigten sich 3 x 400 mg Mesalazin täglich als Zäpfchen der oralen Gabe von 3 x 800 mg überlegen [5]. Zäpfchen in einer Dosis von 2 x 1 g waren gleich wirksam wie Einläufe mit einer Dosis von 2 x 2 g täglich, die Patienten fanden jedoch die Behandlung mit Zäpfchen hochsignifikant einfacher [6]. Bei distaler Colitis ulcerosa haben Vergleichsstudien zwischen Mesalazin und Corticosteroiden als Einlauf mindestens einen Trend zugunsten des Salizylates, meist jedoch eine Überlegenheit des Aminosalizylates ergeben [7, 8], die auch in einer Metaanalyse klar bestätigt wurde [9]. Mesalazinschaum stellt eine alternative Darreichungsform zu Klysmen dar. Bei bis zur linken Flexur ausgedehnter Colitis war in einer Studie die Kombination von oraler und topischer Mesalazingabe der alleinigen transrektalen oder oralen Verabreichung überlegen [10].
Als tägliche Dosis scheint bei topischer Applikation 1 g Mesalazin ausreichend zu sein, höhere Dosen sind nicht besser wirksam. Die Ergebnisse von Campieri und Mitarbeiter mit Dosen von 1 g, 2 g und 4 g wurden von Hanauer bestätigt [11, 12].
Die Daten zur Kombination von topischem EGF (epidermal growth factor) mit oralen Aminosalizylaten sind zu vorläufig, um daraus Empfehlungen ableiten zu können [13].
Empfehlung
Kontrollierte Studien zur Therapie der leicht bis mittelgradig aktiven, distalen Colitis ulcerosa mit Nichtansprechen auf kombinierte (oral und rektal) Aminosalizylate existieren nicht.
Auf der Basis von Primärtherapiestudien sollten zusätzlich Steroide als Klysma oder Schaum verabreicht werden (B). Dabei ist Budesonid (2 mg täglich) nebenwirkungsarm und in mehreren Studien mit systemisch wirksamen Steroiden wirkungsgleich (B). Die empfohlene Behandlungsdauer liegt bei mindestens 4 Wochen (B). Bei Versagen der topischen Therapie sollten systemisch wirksame Steroide oral verabreicht werden (B).
Erläuterung
Prospektive, randomisierte Therapiestudien an Patienten mit einer leichten bis mittelgradigen distalen Colitis und Nichtansprechen auf kombinierte Aminosalizylate wurden noch nicht durchgeführt. Obwohl in den Vergleichsstudien zwischen topischen Aminosalizylaten und Steroiden die Aminosalizylate eher günstiger abschnitten [14], erscheint bei Versagen der Aminosalizylate ein Therapieversuch mit der zusätzlichen Gabe eines topischen Steroids sinnvoll. In zahlreichen Studien an nicht vorbehandelten Patienten konnte dabei für Budesonid eine systemisch wirksamen Steroiden vergleichbare Wirkung festgestellt werden, während die Nebenwirkungsrate geringer ausfiel [15-17]. In einer primärtherapeutischen Vergleichsstudie zwischen Einläufen von Beclomethasondipropionat (3 mg), 5-ASA-Einläufen (2 g) und der Kombination der beiden war die Kombination günstiger als die jeweilige Monotherapie [18]. Es ist zu vermuten, dass dies auf Budesonid als derzeit einziges kommerziell verfügbares topisch wirksames Steroid übertragen werden kann. Nachdem eine mehrwöchige Therapie mit topischen Aminosalizylaten ineffektiv war, sollten die topischen Steroide für mindestens 4 Wochen verabreicht werden [19]. Bei unzureichender Wirkung ist ein Umsetzen auf die orale Gabe systemischer Steroide sinnvoll [20], obwohl auch für diese spezielle Situation keine kontrollierten Studien vorliegen und damit nur eine indirekte "Evidenz" vorliegt.
Einläufe mit kurzkettigen Fettsäuren (Butyrat oder Mischung aus Acetat, Propionat und Butyrat) erwiesen sich sowohl in der Primärtherapie [21] als auch bei aminosalizylatresistenten Patienten mit Proktosigmoiditis als wirksam [22, 23]. Vergleichsstudien mit Aminosalizylaten fehlen. Derzeit sind keine zugelassenen Präparate verfügbar.
Empfehlung
Die Primärbehandlung des schweren Schubes einer distalen Colitis sollte mit oralen systemisch wirksamen Steroiden in Kombination mit lokaler Anwendung von Mesalazin erfolgen (B). In verschiedenen Studien angewandte Dosen zwischen 40 und 60 mg täglich scheinen keine auffallenden Wirkunterschiede aufzuweisen (A).
Erläuterung
Die Empfehlung zur Kombinationstherapie basiert auf der ersten randomisierten Therapiestudie zur aktiven Colitis ulcerosa von Truelove und Witts [20] und der Analogie zur Beclomethasondipropionat-Mesalazin-Kombination bei aktiver distaler Colitis [18]. Bezüglich der empfohlenen Dosierung wurden Dosierungen zwischen 40 mg und 60 mg verwendet, wobei sich in der Primärtherapie kein Unterschied zwischen 40 und 60 mg Prednisolon pro Tag zeigte [24, 25].
Orales Budesonid scheint nach einer neueren Studie auch bei linksseitiger Colitis ein wirksames Medikament zu sein [19] und könnte daher im Einzelfall das systemisch wirksame Steroid ersetzen. Bezüglich dieser Studie ist jedoch kritisch anzumerken, dass mit 10 mg Budesonid eine systemisch wirksame Dosis eingesetzt wurde, auch wenn sich keine Suppression von morgendlichen Cortisolspiegeln zeigte. Außerdem dürfte die lokale Budesonidverfügbarkeit hauptsächlich im Ileozoekalbereich und rechten Hemikolon liegen, so dass bisher Budesonid als Alternative zu systemisch wirksamen Steroiden nicht allgemein empfohlen werden kann.
Empfehlung
Bei schwerer therapierefraktärer distaler Colitis ulcerosa sollten systemische Steroide mit Dosissteigerung eingesetzt werden (B). Diese können oral oder intravenös in Abhängigkeit vom Allgemeinzustand des Patienten verabreicht werden (B).
Erläuterung
Auch für diese spezielle klinische Situation liegen keine direkten Vergleichsstudien vor. Ebenso fehlen Vergleiche zwischen oraler und intravenöser Steroidgabe. Da bei Colitis ulcerosa die Resorption von Steroiden im Dünndarm nicht beeinträchtigt sein dürfte, gibt es keinen pharmakokinetischen Grund, die intravenöse Zufuhr zu bevorzugen. Das Fehlen einer nennenswerten Dosis-Wirkungs-Beziehung von Prednison / Prednisolon beruht auf einer prospektiven randomisierten Studie von Baron et al, die 20, 40 und 60 mg miteinander verglichen, wobei 40 mg und 60 mg gleich wirksam waren [24]. Aus Studien beim Morbus Crohn lässt sich indirekt ableiten, dass eine Dosis von 1 mg/kg Körpergewicht evtl. die effektivste Dosis sein könnte [26].
2.2.2. Ausgedehnte Colitis
Empfehlung
Zur Primärbehandlung des Schubes leichter bis mittlerer Aktivität bei ausgedehnter Colitis ulcerosa werden orale Aminosalizylate eingesetzt (A). Die Dosis zur Erzielung einer Remission liegt zwischen 3 g und 4,8 g 5-ASA pro Tag (A).
Erläuterung
Zahlreiche Studien belegen die Wirksamkeit von oral verabreichten Aminosalizylaten in der Therapie der ausgedehnten Colitis ulcerosa leichter bis mittlerer Aktivität [27-32]. Dabei werden aufgrund unterschiedlicher Galenik verschiedenen Mesalazinpräparaten und den 5-ASA-Konjugaten Sulfasalazin, Balsalazid und Olsalazid unterschiedliche Wirkprofile zugeschrieben, die sich allerdings nicht reproduzierbar in harte klinische Fakten ummünzen lassen [33-37]. Insofern kann bei Anwendung von Äquivalenzdosen derzeit davon ausgegangen werden, dass zwischen den verschiedenen Aminosalizylaten bei akuter Colitis ulcerosa kein relevanter Wirksamkeitsunterschied besteht.
Empfehlung
Kontrollierte Studien zur Therapie der ausgedehnten Colitis ulcerosa mit Nichtansprechen auf Aminosalizylate existieren nicht. Auf der Basis von Primärtherapiestudien sollen systemische Steroide oral verabreicht werden (siehe Empfehlungen zur Therapie des schweren Schubes einer ausgedehnten Kolitis, hier keine Kombination zur Therapie mit Mesalazin) (B). Signifikante Wirkunterschiede zwischen 40 und 60 mg Prednisolonäquivalent täglich scheinen nicht zu bestehen (B). Die Dosisreduktion erfolgt nach klinischer Symptomatik.
Erläuterung
Diese Empfehlung lehnt sich an die Ausführungen zur analogen Frage bei distaler Colitis an (siehe dort).
Empfehlung
Der schwere Schub einer ausgedehnten Colitis ulcerosa sollte primär mit systemischen Steroiden behandelt werden (A). Ob die Steroide oral oder intravenös verabreicht werden, muss in Abhängigkeit vom Allgemeinzustand des Patienten entschieden werden (C). Meist wird von Beginn an mit oralen Aminosalizylaten kombiniert, obwohl Daten aus kontrollierten Studien fehlen (D).
Erläuterung
Analog zur Situation der schweren distalen Colitis wird auf der Basis der frühen, aber auch neuerer Studien [20, 38, 39] die initiale Therapie mit systemischen Steroiden empfohlen. Ob die Kombination mit einem oralen Aminosalizylat die Remissionsrate tatsächlich verbessert oder das Erreichen der Remission beschleunigt, muss angesichts fehlender Studien offen bleiben. Dieser Punkt wurde insgesamt sehr kontrovers diskutiert, was sich in der Konsensusstärke und dem Grad der Empfehlung widerspiegelt.
Empfehlung
Liegen harte Kontraindikationen gegen Steroide (z.B. Steroidpsychose) vor, kann primär Cyclosporin in einer Dosis von 4 mg/kg KG/Tag i.v. gegeben werden (A).
Erläuterung
In einer kürzlich veröffentlichten, sehr kleinen Studie wurde als Primärtherapie des schweren Schubes der Colitis ulcerosa i.v. Cyclosporin (4 mg/kg KG/Tag) als ähnlich wirksam und bezüglich der Remissionsrate nach einem Jahr unter Azathioprin effektiver als 40 mg Methylprednisolon beschrieben [39]. Daraus kann keine Empfehlung zur Primärbehandlung des schweren Schubes mit Cyclosporin direkt abgeleitet werden. Jedoch kann Cyclosporin i.v. primär in einer Dosis von 4 mg/kg KG/Tag bei harten Kontraindikationen gegen Steroide gegeben werden.
Empfehlung
Die Reservetherapie bei schwerer ausgedehnter Colitis ulcerosa und unzureichendem Ansprechen auf die Primärtherapie stellen die systemischen Steroide i.v. dar (falls noch nicht intravenös verabreicht) (C). Ist die intravenöse Behandlung mit Prednisolon wirkungslos, nimmt das Krankheitsbild einen chronisch-aktiven, steroidresistenten oder fulminanten Verlauf sollte nach den hierfür entwickelten Therapieprinzipien behandelt werden (siehe dort).
Erläuterung
Studien zum Wechsel von einer oralen Steroidgabe auf eine intravenöse liegen nicht vor, aber werden allgemein für sinnvoll angesehen. Eine i.v. - Therapiedauer von 10 Tagen sollte ausreichend sein: in einer kontrollierten Vergleichsstudie zwischen Hydrocortison und ACTH i.v. war durch eine Verlängerung der Behandlung mit dem alternativen Therapiekonzept keine Erhöhung der Remissionsrate zu erreichen [40]. Ist innerhalb eines Zeitraums von 10 Tagen keine Besserung zu beobachten, muss auf Alternativen für die Therapie der steroidresistenten bzw. fulminanten Colitis ulcerosa gewechselt werden.
Heparin erwies sich nach mehreren Fallserien mit positiven Ergebnissen in einer randomisierten Studie als unwirksam [41-43]. Antikörper gegen TNF-? haben sich in bisherigen Studien als nicht eindeutig wirksam erwiesen, wobei eine Reihe von positiven Fallserien und eine negative randomisierte Studie vorliegen [44, 45]. Die Datenlage zum Einsatz der Leukozytenapherese ist zwar in Japan positiv [46], aber noch unzureichend, um Empfehlungen für die Anwendung außerhalb von Studien auszusprechen.
Korrespondenz:
Prof. Dr. S. C. Bischoff, Medizinische Hochschule Hannover, Abt. Gastroenterologie, Hepatologie und Endokrinologie, Carl-Neuberg-Straße 1, 30623 Hannover, Germany
Tel. 0511/5322219
FAX 0511/5324896
e-mail: bischoff.stephan@mh-hannover.de
Korrespondenz:
Priv,-Doz. J. C. Hoffmann, Medizinische Klinik I mit Schwerpunkt Gastroenterologie/Infektiologie/Rheumatologie, Charité, Universitätsmedizin Berlin, Campus Benjamin Franklin, Hindenburgdamm 30, 12200 Berlin, Germany
Tel. 030/84453950
FAX 030/84454481
e-mail: joerg.hoffmann@charite.de
Empfehlung
Die Prognose lässt sich nach drei Tagen anhand der Stuhlfrequenz, dem CRP und der Temperatur weitgehend abschätzen (C). Ein gegenüber der Standardtherapie (Corticosteroide) refraktärer Verlauf sollte zu einer frühzeitigen Ausweitung der Therapie führen (A).
Erläuterung
Die durchschnittliche Zeitdauer bis zum Ansprechen auf die klassische intravenöse Corticosteroidtherapie liegt bei 7.5 Tagen [19]. Bei fehlendem Ansprechen wurde in der einzigen kontrollierten Studie zu Immunsuppressiva, nach mindestens 7 Tagen auf Cyclosporin umgestellt [20]. Fallserien legen nahe, dass die Prognose bereits nach 3 Tagen abgeschätzt werden kann [21, 22]. Die Schwere des Ausgangsbildes sowie der individuelle Verlauf sind entscheidend für Beurteilung der Therapierefraktärität.
Empfehlung
Der fulminante Schub wird sofort und primär mit intravenösen systemischen Steroiden behandelt (A). Beim Vorliegen einer Kontraindikation kann primär intravenös Cyclosporin A eingesetzt werden (A). Die Steroidgesamttagesdosis sollte 1 bis 1,5 mg Prednisolonäquivalent/kg Körpergewicht /Tag betragen und kann auf mehrere Dosen verteilt werden (B).
Erläuterung
Zur systemischen Corticosteroidtherapie der Colitis ulcerosa liegen vier kontrollierte Studien [19, 26-28] sowie Verlaufsbeobachtungen vor [22, 29]. Die Ansprechrate beim schweren Schub in den größeren Verlaufsbeobachtungen lag bei 56-61% [29-31], in der Studie von Travis et al [22] erreichten nur 42% eine komplette Remission. Die orale Gabe ist durch eine unkontrollierte Studie von Kjeldsen [32] abgesichert, in der 47% der Patienten mit schwerem Schub in Remission gingen. Meist wird mit der intravenösen Applikation begonnen und nach dem Ansprechen auf die orale Medikation umgestellt.
Die Wahl des Steroidpräparates sollte auf ein systemisch wirksames Corticosteroid fallen. Budesonid ist wegen seiner Galenik mit vorwiegend im Dünndarm und proximalen Colon gelegener Wirkung (zumindest bei den derzeit zur Verfügung stehenden Präparaten) nicht indiziert. Über die optimale Dosis und deren Verteilung auf den Tagesverlauf liegen keine vergleichenden Studien vor. In publizierten Studien wurden allgemein 1-1,5 mg Prednisolonäquivalent pro kg Körpergewicht verwendet, ohne dass systematische Untersuchungen hierzu vorliegen, wobei sich in einer kleinen Studie 1,5 mg/kg als etwas effektiver zeigte [28]. Insbesondere bei nächtlichen Diarrhoen erscheint eine Verteilung auf 2 oder 3 Dosen sinnvoll.
Sofern eine strenge Kontraindikation für Steroide besteht (z.B. frühere Steroidpsychose) kann primär intravenös Cyclosporin mit zumindest gleich hoher Wirksamkeit eingesetzt werden [33].
Empfehlung
Zusätzlich sollte zur Flüssigkeits- und Elektrolytsubstitution eine parenterale Ernährung erfolgen (C). Diese war allerdings in kontrollierten Studien der enteralen Ernährung nicht überlegen und ist daher nur bei Subileus/Ileus und präoperativ gesichert indiziert (B/C).
Erläuterung
Die Infusionstherapie erfolgt unter dem Gesichtspunkt der Kompensation enteraler Verluste, nicht aber unter dem therapeutischen Aspekt der Ruhigstellung des Darmes ("bowel rest"). Letzteres Konzept hat sich in kontrollierten und unkontrollierten Studien nicht bewährt [34-38].
Empfehlung
Kontrollierte Studien zeigen keinen Vorteil einer zusätzlichen Antibiotikagabe, daher ist diese nur bei Anhalt für eine Infektion gesichert indiziert (A).
Erläuterung
Geprüft im Rahmen kontrollierter Studien wurden zusätzlich zu systemischen Steroiden bisher intravenöses Metronidazol [38], orales Vancomycin [39], Tobramycin plus Metronidazol [40] sowie intravenöses Ciprofloxacin [41]. In keiner dieser Studien konnte ein Vorteil dieser antibiotischen Therapie nachgewiesen werden. Daraus ist zu schließen, dass der fulminante Schub per se keine Indikation für eine Antibiotikagabe darstellt. Bei Anhalt für eine Infektion spricht allerdings nichts gegen einen Therapieversuch, da die Antibiotikagabe auch nicht nachteilig war. Bei Erstpräsentation mit Fieber und systemischer Manifestation ist es zudem schwierig eine Infektion auszuschließen, da das Ergebnis von Kultur und Serologie erst später vorliegt.
Empfehlung
Die zusätzliche Gabe von Aminosalizylaten ist nicht sinnvoll (C).
Erläuterung
Es fehlen bei fulminanter Colitis entsprechende Studien. Insbesondere erscheint eine orale und/oder rektale Applikation wenig praktikabel.
Empfehlung
Nach Versagen der Primärtherapie sollte, nach Abwägen einer Operationsindikation, eine additive immunsuppressive Therapie mit Cyclosporin eingeleitet werden (A). Cyclosporin wird in einer Dosis von 2-4 mg/kg pro die (als Dauerinfusion) intravenös eingesetzt (A). Alternativ kommt Tacrolimus (0.01 mg/kg KG pro die i.v.) in Frage (B). Die Kontrolle der Wirkspiegel und ggf. Dosisanpassung ist zur Vermeidung von toxischen Spiegeln notwendig (C).
Erläuterung
Die Effektivität von intravenösem Cyclosporin bei steroidrefraktärem Verlauf ist in drei kontrollierten [26, 33, 42] und zahlreichen unkontrollierten Studien gesichert [43-46]. Vor Einsatz von Cyclosporin (oder Tacrolimus) sollte erneut der CMV-Status überprüft werden, da sich dieser unter einer Steroidmedikation verändert haben könnte. Der Wirkungseintritt von Cyclosporin bzw. Takrolimus liegt meist bei 7-10 Tagen. Der initiale Erfolg mit Remission lag bei 63- 91%. Vor dem Einsatz von Cyclosporin sollte eine Hypomagnesiämie und eine Hypocholesterinämie wegen deutlich erhöhte Anfallsneigung ausgeschlossen werden [47]. Zumindest sollte eine entsprechende Substitution erfolgen. Fallserien und Fall-Kontroll-Studien deuten an, dass orales Cyclosporin als Microemulsion parenteral verabreichentem Cyclosporin in der Wirkung vergleichbar ist [48-50].
Die Wirksamkeit von intravenösem und oralem Takrolimus ist nur in unkontrollierten Studien dokumentiert [51-53], auch bei Kindern [54, 55].
Empfehlung
Nach Überwinden der Akutphase soll auf die orale Medikation umgesetzt und je nach klinischem Ansprechen, meist für 3-6 Monate, angewendet werden (C). Nach dem Ansprechen sollte Azathioprin als Erhaltungstherapie (2 - 2,5 mg / kg) begonnen werden (A).
Eine Pneumocystis carinei/jiroveci Prophylaxe kann während einer Dreifach-Immunsuppression (Cyclosporin, Azathioprin und systemische Steroide) erfolgen (B).
Erläuterung
Der Übergang auf eine orale Cyclosporin- bzw. Takrolimusgabe erfolgt empirisch auf Grund von prospektiven Therapiestudien für mehrere (3-6) Monate [26, 43-46, 50, 53]. Als Erhaltungstherapie wird nach Erreichen der Remission zusätzlich Azathioprin oder 6 Meraptopurin ergänzt [46, 56-60].
In der bisher umfangreichsten Beobachtung an insgesamt 42 Patienten konnte in 80% der Fälle mit einer Kombinationstherapie von Azathioprin plus Steroiden eine Colektomie vermieden werden [46]. Azathioprin ist beim chronisch aktiven Verlauf durch kontrollierte und unkontrollierte Studien etabliert [56, 58, 61, 62], die überlappende Therapie mit oralem Cyclosporin beruht auf dem späten Wirkungseintritt von Azazhioprin nach erst 3-6 Monaten. In Analogie zur Transplantationsmedizin wird im Rahmen einer Triple-Immunsuppression eine Pneumocystis carinei-Prophylaxe befürwortet [63].
Empfehlung
Bei Therapieversagen ist die Operation indiziert (A).
Erläuterung
Der fulminante Schub wird bei Versagen von einer alleinigen intravenösen Steroidtherapie additiv mit i.v. Cyclosporin behandelt. Unter der Therapie mit Cyclosporin plus Cortikosteroiden wurde in einer retrospektiven Studie keine erhöhte perioperative Komplikationsrate gefunden [64]. Bisher liegen keine Daten vor über die perioperative Komplikationsrate einer Triple-Immunsuppression (Steroide, Azathioprin und Cyclosporin) vor. In Analogie zur Transplantationsmedizin, bei der die perioperative Komplikationsrate allenfalls gering erhöht ist, sollte trotz Immunsuppression direkt operiert werden. Obwohl für Tacrolimus keine Studien vorliegen kann analog zu Cyclosporin verfahren werden.
Empfehlung
Cyclosporin/Tacrolimus und Azathioprin bzw. 6-Mercaptopurin sollte bei Kindern analog wie bei Erwachsenen eingesetzt werden (B).
Erläuterung
Die Ergebnisse mit diesen immunsuppressiven Therapie bei Kindern sind prinzipiell ähnlich wie bei Erwachsenen [61, 65, 66]. Damit scheint sich die Annahme zu bestätigen, dass eine analoge Wirksamkeit angenommen werden kann.
Empfehlung
Die Wirksamkeit von Infliximab ist nicht belegt. Eine Anwendung außerhalb von Studien sollte nicht erfolgen (A).
Erläuterung
Es gibt eine Vielzahl von zumeist positiven Fallserien. Die einzige prospektive randomisierte Studie bei steroidrefraktären Patienten war negativ [67].
Empfehlung
Der Stellenwert der Leukozytenapharese ist nicht belegt. Eine Anwendung außerhalb von Studien sollte nicht erfolgen (B).
Erläuterung
Die einzige bisher vorliegende prospektive randomisierte Studie hat keine Patienten mit fulminantem Schub beinhaltet. Diese Studie zeigte bei mäßiger bis schwerer Krankheitsaktivität eine Wirksamkeit [68]. Eine retrospektive Analyse mit einem ähnlichen Verfahren hat beim schweren Schub zusätzlich zu Steroiden keinen Vorteil nachweisen können [69].
Korrespondenz:
Prof. Dr. A.U. Dignass, Medizinische Klinik mit Schwerpunkt Hepatologie, Gastroenterologie, Endokrinologie und Stoffwechsel, Charité, Universitätsmedizin Berlin, Campus Virchow-Klinikum, Augustenburger Platz 1 30, 13353 Berlin, Germany
Tel. 030/450553022
FAX 030/450553929
e-mail: axel.dignass@charite.de
Empfehlung
Bei chronisch aktivem Verlauf ist neben der Option einer Colektomie die Gabe von Azathioprin / 6-Mercaptopurin als Therapie etabliert (A/C). Die Dosis liegt für Azathioprin bei 2-2,5 mg/kg/Tag, für 6-Mercaptopurin bei 1-1,5 mg/kg/Tag (A/C). Für Kinder liegt die Dosis bei 1,5-2,5 mg/kg/Tag für Azathioprin und bei 1-1,5 mg/kg/Tag für 6-Mercaptopurin (C/C).
Ein Therapieversagen kann frühestens nach 6 (4) Monaten bewertet werden (A).
Erläuterung
Es liegen zwei positive kontrollierte Untersuchungen zur Therapie der chronisch aktiven Colitis ulcerosa mit Azathioprin vor (5,6), eine dritte negative Studie verwendete eine zu niedrige Dosis (4). 6-Mercaptopurin wurde nur in retrospektiven Serien beurteilt (7,8). Ein Steroidspareffekt ist für beide Medikament gut dokumentiert (5-9). Angesichts unterschiedlicher angewandter Dosen stützen sich die Empfehlung zur Dosis und zur Mindesttherapiedauer auf Langzeitbeobachtungen und Äquivalenzberechnungen bei Patienten mit Colitis ulcerosa (7-10,14) und Morbus Crohn (15). Die pädiatrischen Dosisempfehlungen beruhen auf retrospektiven Studien bei Kindern mit chronisch entzündlichen Darmerkrankungen (11,16-18), die Studienlage zu Azathioprin ist dabei sehr beschränkt.
Aus Erfahrungen mit der schnellen intravenösen Aufsättigung mit Azathioprin bei der Colitis ulcerosa (19) und beim Morbus Crohn (20,21) kann gefolgert werden, dass ein Einschleichen der Therapie keinen Vorteil bezüglich der Toxizität bietet. Da dadurch eventuell der Wirkungseintritt verzögert wird, wird ein einschleichender Therapiebeginn nicht empfohlen.
Empfehlung
Der Versuch einer Optimierung des Therapieerfolges von Azathioprin durch Bestimmung der Leukozytenzahl oder des Metaboliten 6-TGN ist klinisch nicht sinnvoll (C).
Erläuterung
Die Datenlage zur Bestimmung des Thiopurin-Metaboliten 6-Thioguanin (6-TGN) zur Optimierung des Therapieerfolges bei chronisch entzündlichen Darmerkrankungen ist umstritten (22-25) und für die Colitis ulcerosa isoliert betrachtet bei sehr begrenzter Fallzahl negativ (22). Zur Dosissteuerung mit Hilfe der Leukozytenzahlen liegen keine gesicherten Daten vor. Die Beurteilung des MCV kann als ein einfacher Parameter zur Überprüfung der Compliance unter Thiopurintherapie genutzt werden (26). Bei Zweifel an der Compliance kann auch 6-TGN bestimmt werden.
Empfehlung
Bei Nebenwirkungen von Azathioprin kann außer im Fall einer Azathioprin-induzierten Pankreatitis und Leukopenie ein Therapieversuch mit 6-Mercaptopurin durchgeführt werden (C).
Erläuterung
Einzelfallberichte belegen, dass ein Wechsel von Azathioprin auf 6-Mercaptopurin bei der allergischen Azathioprinunverträglichkeit (allerdings nicht bei der dosisabhängigen Leber- und Knochenmarktoxizität) in einem gewissen Prozentsatz vertragen wird (27,28). Für die Azathioprin-induzierte Pankreatitis gibt es diesbezüglich keine gesicherten Daten. Da die Pankreatitis eine ernste Nebenwirkung darstellt, auch unter 6-Mercaptopurin beobachtet wird und hier unter Reexposition obligat rezidiviert (29), sollte ein erneuter Therapieversuch bei Pankreatitis vermieden werden.
Empfehlung
Bei Ansprechen der Therapie soll eine Therapiedauer von 3-5 Jahren angestrebt werden (C).
Erläuterung
Über die notwendige Dauer einer Azathiopringabe liegen für die Colitis ulcerosa keine kontrollierten Daten vor. Die Empfehlung stützt sich auf retrospektive Beobachtungen bei der Colitis ulcerosa (8) und Erfahrungen beim Morbus Crohn (30).
Die Gabe von Azathioprin während der Schwangerschaft wird aufgrund der vorliegenden Daten als sicher eingeschätzt und wird bei therapeutischer Notwendigkeit dem Abbruch der Therapie vorgezogen (31,32). Die Datenlage zur paternalen Einnahme von Azathioprin ist kontrovers (32,33), unter Berücksichtigung der Erfahrungen aus der Transplantationsmedizin und bei Patienten mit rheumatischen Erkrankungen scheint das Risiko sehr gering zu sein (34).
Empfehlung
Bei der Gabe von Azathioprin/ 6-Mercaptopurin müssen das Blutbild und die Leberwerte regelmässig kontrolliert werden, bei Bauchschmerz zusätzlich die Lipase (A).
Erläuterung
Nach Beginn der immunsuppressiven Therapie sollte nach 1, 2, 4, 8, 12 Wochen, danach alle 12 Wochen das Blutbild und die GPT kontrolliert werden. Die Angaben zu diesen Kontrolluntersuchungen stützen sich auf Langzeitbeobachtungen bei Patienten mit chronisch entzündlichen Darmerkrankungen, teilweise bei Morbus Crohn (18,30,35).
Unter Azathioprin kann es zu einer Knochenmarksdepression kommen, die durch die Blutbildbestimmungen rechtzeitig erfasst werden muss. Bei Leukozytenzahlen < 2500 sollte azathioprin abgesetzt werden. nach normalisierung der werte kann ein erneuter therapieversuch in niedriger dosis (z.b. 50 mg/die) unter engmaschiger kontrolle erneut unternommen werden. eine im späten verlauf der therapie auftretende knochenmarksdepression ist oft durch einen konkomitanten virusinfekt bedingt und bedarf höchster aufmerksamkeit.
Eine Pankreatitis tritt meist in den ersten Wochen der Behandlung auf und erfordert das Absetzen der Therapie (s.o.). Geringgradige Pankreasenzymerhöhungen ohne klinische Symptomatik werden häufig bei chronisch entzündlichen Darmerkrankungen beobachtet (36,37), ihre Relevanz ist unklar, eine beobachtende Haltung ist vertretbar.
Ein progredienter Anstieg der Leberenzyme unter Therapie muss ebenfalls Anlass zur Beendigung der Therapie sein.
Empfehlung
Die Gabe von Methotrexat kann im Einzelfall bei Erwachsenen und auch Kindern erwogen werden (C). Die initiale Dosis beträgt 20-25 mg (oral, i.m., s.c.) je Woche (Kinder: 15mg/m2 KOF) (C). Nach Therapieansprechen sollte eine Dosisreduktion auf 10-15mg/ Woche erfolgen (C).
Erläuterung
Die bisher einzige kontrollierte Studie mit Methotrexat zur Behandlung der Colitis ulcerosa fiel negativ aus (38). Diese Studie war allerdings mit 12,5 mg Methotrexat pro Woche in oraler Form wahrscheinlich unterdosiert. Im Gegensatz dazu haben mehrere unkontrollierte Studien mit höherer Dosis (15-25 mg/Woche) einen guten Effekt gezeigt (39-44). Dabei wurde bei den meisten Patienten eine Dosierung von 20-25 mg/Woche verwendet. In Analogie zum Morbus Crohn (45) sollte die Applikation parenteral (i.m. oder s.c.) erfolgen. Nach 12 Wochen kann dann die Therapie unter Dosisreduktion in oraler Applikation weitergeführt werden (39,46). Die pädiatrische Dosisempfehlung ergibt sich in Analogie zu Erfahrungen bei Morbus Crohn (47).
In Analogie zu den Empfehlungen in der Rheumatologie (48) sollte unter Methotrexattherapie eine Folsäuresubstitution in einer Dosis von 5mg/Woche durchgeführt werden. Regelmässige Blutbildkontrollen müssen auch unter einer Therapie mit Methotrxat erfolgen.
Zum Monitoring der potentiellen Hepatotoxizität sollte eine regelmässige Kontrolle der Leberenzyme durchgeführt werden. Eine chronische Lebererkrankung und eine vorbestehende chronische Lungenerkrankung stellen Kontraindikationen für die Therapie dar. Ein gleichzeitig bestehender Diabetes mellitus, ein Body Mass Index > 30 sowie eine Hypalbuminämie stellen relative Kontraindikationen dar. Im Falle einer sich unter Therapie mit Methotrexat entwickelnden pulmonalen Symptomatik oder Auffälligkeiten im Röntgen-Thorax sollte wegen der potentiellen pulmonalen Toxizität eine Lungenfunktionsprüfung mit Messung der Diffusionskapazität durchgeführt werden. Empfehlungen zur Therapie bei gleichzeitig bestehender Arthritis sind dem Abschnitt "Extraintestinale Manifestation" zu entnehmen.
Eine effektive Kontrazeption ist unter einer Therapie mit Methotrexat obligat, bei Schwangerschaft unter Methotrexat muss ein Schwangerschaftsabbruch erwogen werden (34).
Empfehlung
Die Gabe von rektalem Cyclosporin, Faktor XIII und pegylierten Interferon ? ist nicht indiziert (A).
Erläuterung
Die vorliegenden Studien sind eindeutig negativ (49-51).
Empfehlung
Die orale Gabe von Tacrolimus (0,1-0,2 mg/kg Körpergewicht) (C) und der Einsatz einer Leukozytenapherese (B) kann im Einzelfall erwogen werden.
Erläuterung
Zur Gabe von oralem Tacrolimus bei chronisch aktiver Colitis ulcerosa liegen mehrere unkontrollierte Studien mit begrenzten Fallzahlen vor, die therapeutische Effekte zeigten (52-55).
Zur Therapie der chronisch aktiven Colitis ulcerosa durch Leukozytenapherese liegen insbesondere Daten aus Japan, aber auch aus Europa vor (56-59), die die Sicherheit und gute Verträglichkeit sowie die therapeutische Effizienz dieses Verfahrens belegen. Da in den vorliegenden Studien keine Kontrollgruppen mit einer Scheinapherese untersucht wurden, wird die aktuelle Datenlage als derzeit noch nicht ausreichend angesehen, um die Leukozytenapherese generell empfehlen zu können.
Empfehlung
Die Anwendung von Infliximab ist zur Zeit nicht indiziert (A).
Erläuterung
Die Datenlage zu Infliximab bei chronisch aktiver Colitis ulcerosa liegen zahlreiche Fallserien und eine prospektiv randomisierte Studie mit Infliximab (60-63) vor. In der einzigen prospektiv randomisierten Studie von Probert mit kleiner Fallzahl zeigte sich kein signifikanter Effekt, so dass diese Therapie derzeit nicht empfohlen wird.
Empfehlung
Eine Therapie mit Interferon-???C), Basiliximab, Daclizumab, Visilizumab, Mycophenolat-Mofetil (A/C), 6-Thioguanin, Heparin (C) und DHEA (C) soll nur im Rahmen von Studien erfolgen.
Erläuterung
Kontrollierte und unkontrollierte Beobachtungen an kleinen Patientenzahlen liegen für Mycophenolat (64,65), Heparin (66,67), Interferon ß (68) und DHEA (69) vor, rechtfertigen aber keine generelle Therapieempfehlung. Zu den humanisierten Antikörpern Basiliximab, Daclizumab und Visilizumab liegen derzeit nur Ergebnisse aus Phase I-II Studien mit geringer Fallzahl in Abstractform vor. Diese rechtfertigen ebenfalls keine generelle Therapieempfehlung.
Empfehlung
Zum Einsatz von Antibiotika kann bisher keine eindeutige Empfehlung gegeben werden (D).
Erläuterung
Die additive Gabe von Ciprofloxacin zu einer Steroidtherapie zeigt in einer kontrollierten Studie über 6 Monate positive Effekte (70). Diese Datenlage erscheint jedoch nicht für eine allgemeine Empfehlung ausreichend.
Empfehlung
Ernährungstherapeutische Maßnahmen (Diätberatung, Trinknahrung, enterale Ernährung oder parenterale Ernährung) haben keinen Stellenwert (A).
Erläuterung
In zwei Studien konnte gezeigt werden, dass die parenterale Ernährung als Primärtherapie der Entzündung bei Colitis ulcerosa nicht wirksam ist (71,72).
Empfehlung
Als Alternative zur bzw. bei Versagen einer medikamentösen Dauertherapie ist die Möglichkeit einer Colektomie zu besprechen (C).
Erläuterung
Bei Versagen einer immunsuppressiven Therapie oder bei Unzufriedenheit des Patienten mit der medikamentösen Dauertherapie stellt die Colektomie eine sinnvolle Therapieoption dar. Wichtig ist in diesem Zusammenhang, dass unter einer Therapie mit Azathioprin in einer retrospektiven Fallkontrollstudie keine erhöhte postoperative Komplikationsrate gefunden wurde (73). Bei Kindern ist ein Wachstumsstopp von über 12 Monaten Dauer ebenfalls Anlass, eine Operation zu diskutieren (74,75).
Korrespondenz:
Prof. Dr. W. Kruis, Evangelisches Krankenhaus Köln-Kalk, Abt. Innere Medizin, Buchforststraße 2, 51103 Köln, Germany
Tel. 0221/8289-5289
FAX 0221/8289-5291
e-mail: kruis@evkk.de
Empfehlung
Unter Abwägung von Wirksamkeit und Nebenwirkungsprofils erscheinen verschiedene Präparate gleichwertig (A).
Erläuterung
Bei den vorliegenden Studien wurde eine selektierte Population untersucht, die nur eine Extrapolation auf unselektierte Patienten zulässt: In der letzten Metaanalyse [6] findet sich eine Überlegenheit von Sulfasalazin, wenn alle anderen 5-ASA-Präparate dagegen verglichen werden. Allerdings wurden in die ausgewerteten Studien nur Sulfasalzin-tolerante Patienten eingeschlossen, so dass ein adäquater Vergleich beider Substanzen nicht möglich ist. In einer älteren Metaanalyse [7], in der SASP nur gegen 5-ASA-Monopräparate verglichen wird, besteht demgegenüber kein signifikanter Unterschied. In beiden Metaanalysen zeigt sich in der Verträglichkeit kein Unterschied. Allerdings ergibt sich ein Bias dadurch, dass nur Patienten untersucht wurden, die gegen SASP tolerant sind und dass die Nebenwirkung Oligospermie nicht untersucht wurde.
2.2. Applikationsweise oral/rektal
Empfehlung
Beide Applikationswege sind wirksam. Der Weg der Applikation sollte sich nach dem Befallsmuster der Erkrankung richten (A).
Erläuterung
Die orale Anwendung wurde für alle Präparate untersucht, die rektale Anwendung nur in eingeschränkter Weise und in den verschiedenen Formulierungen (Suppositorien, Rektalschaum, Klysma) nur für 5-ASA. Bei der distalen CU gibt es "Evidenz" für die Überlegenheit der rektalen Applikation [8]. Die Kombination aus oraler und rektaler Therapie ist der oralen Monotherapie überlegen [9].
2.3. Optimale Dosierung
Empfehlung
Da einzelne Patienten besser Mesalazin-Schaumpräparaten als Klysmen vertragen, kann diese Darreichungsform vermutlich in analoger Dosierung verabreicht werden, auch wenn Studien zur Remissionserhaltung mit Schaumpräparaten nicht vorliegen.
Aufgrund der vorliegenden Daten lässt sich eine optimale Dosis nicht festlegen (A). Es sollten Dosen verwendet werden, für die die Wirksamkeit nachgewiesen wurde .
Erläuterung
Es liegen insgesamt nur wenige Dosisfindungsstudien vor, die teils kontroverse Ergebnisse zeigen [10]. Überwiegend handelt es sich in diesen Studien um einen Vergleich zweier verschiedener Dosen, während es kaum Untersuchungen mit mehr als zwei Dosen gibt. Eine Metaanalyse konnte keinen Trend für eine Dosisbeziehung von Aminosalizylaten in der Remissionserhaltung erkennen [6]. Insgesamt muss jedoch festgehalten werden, dass die Dosiswirkungskurve nicht nach oben abgeschlossen ist. Somit sind die allgemein verwendeten Dosen nicht notwendigerweise optimal.
Für folgende minimale Dosierungen ist die Wirksamkeit belegt:
SASP 2g/d [11]
5-ASA 1,5g/d [12]
Olsalazin 1,0 g/d [13]Bei Linksseitenkolitis:
5-ASA-Klysmen entweder
Bei Proctitis:
Keine einheitliche Bewertung besteht für eine Intervalltherapie an alternativen Tagen, für eine Intervalltherapie an 2-3 konsekutiven Tagen/Woche, für eine limitierte, sich wiederholende Therapiephase oder für eine Überschreitung der genannten Dosen.
Empfehlung
Die remissionserhaltende Therapie sollte mindestens 2 Jahre durchgeführt werden, der Nutzen einer darüber hinausgehenden remissionserhaltenden Therapie ist nicht belegt (A). Bei der Konzeption der Langzeittherapie sollte der bisherige Krankheitsverlauf berücksichtigt werden (C).
Erläuterung
Zur Frage ob und wann eine remissionserhaltende Dauertherapie einer nur beobachtenden Haltung überlegen ist, gibt es kaum wissenschaftliche Daten. Eine kontrollierte Studie zeigte, dass bei Patienten mit einer Remissionsdauer von bis zu 2 Jahren eine 12-monatige Gabe von 5-ASA das Auftreten von Rezidiven im Vergleich zu Placebo vermindern kann [4]. Aus methodischen und statistischen Gründen (notwendige Gruppengrößen für volle statistische Aussagekraft) kann man die Ergebnisse dieser Untersuchung jedoch nicht als definitive Aussage zum Stellenwert einer remissionserhaltenden 5-ASA-Therapie bei Patienten mit über 2-jähriger Remission werten. Untergruppen mit möglicherweise unterschiedlichem Rezidivrisiko wurden weder in dieser Studie noch sonst untersucht.
Empfehlung
Ein Versagen der remissionserhaltenden Therapie ist dann gegeben, wenn ein Schub trotz einer geeigneten remissionserhaltenden Therapie auftritt und eine Schubtherapie erfordert (C). Eine erneute, remissionserhaltende Therapie setzt zuerst eine Remissionsinduktion durch eine Schubtherapie voraus. Kriterien für diese Entscheidung sind Frequenz, Schweregrad sowie Behandelbarkeit der bisherigen Schübe und insbesondere die Behandlung des letzten Schubs. Die Entscheidung, ob die ursprüngliche remissionserhaltende Therapie nach erfolgreicher Behandlung eines Schubs fortgesetzt werden soll oder ob eine Alternative gewählt werden soll, hängt in entscheidendem Maße von der individuellen klinischen Situation des Patienten (Frequenz und Schwere der Schübe) ab (C).
Erläuterung
Wegen fehlender Studien kann kein gesichertes Stufenschema zur Intensivierung der remissionserhaltenden Behandlung formuliert werden. Lediglich einzelne Therapieformen sind miteinander verglichen worden. So ist eine kombinierte Therapie mit oral und zusätzlich rektal verabreichtem 5-ASA einer nur oralen 5-ASA-Therapie in Standarddosis in der Remissionserhaltung überlegen [9]. Eine Immunmodulation mittels Azathioprin/6-Mercaptopurin kann die Remission erhalten, wobei weder ein Vergleich zur 5-ASA-Standardtherapie noch eine aussagekräftige Dosisfindungsstudie existiert. Der Erhalt einer Cyclosporin-A induzierten Remission ist schwierig: In einem hohen Prozentsatz werden die Patienten innerhalb von 6 Monaten colektomiert [19], es gibt aber auch Hinweise auf eine erfolgreichen Einsatz von Azathioprin als Sequenztherapie zum Remissionserhalt [20, 21]. Auch liegen keinerlei Vergleiche für die Effektivität von medikamentöser und operativer Behandlung vor. Unter Berücksichtigung dieser sehr beschränkten Datenlage werden hier Vorschläge zur Intensivierung der remissionserhaltenden Therapie gemacht (Reihenfolge entsprechend dem Grad der Intensivierung):
3.2. Therapeutische Möglichkeiten zur remissionserhaltenden Therapie bei Versagen der Primärbehandlung
Empfehlung
Möglichkeiten sind eine oral/rektale Kombinationstherapie mit Aminosalizylaten (A), eine Erhöhung der oralen Dosis (A) oder eine Therapie mit Azathioprin/6-Mercaptopurin (A). Weitere medikamentöse Therapiemöglichkeiten müssen gegen eine Operation abgewogen werden (A). Cortikosteroide sind für die Remissionserhaltung nicht geeignet (A).
Erläuterung
Die verstärkte Wirkung einer oral/rektalen Kombinationstherapie mit 5-ASA ist durch Studien gut belegt, falls bisher nur eine Monotherapie erfolgte [9]. Die Erhöhung der remissionserhaltenden Dosis wurde durch eine randomisierte, kontrollierten Studie sowie durch eine Metaanalyse gezeigt [22, 23]. Eine optimale Dosis für Azathioprin wurde mit der Indikation CU durch Studien nicht festgelegt. Es ist jedoch klar, dass Azathioprin und sein Metabolit 6-Mercaptopurin effektiv sind. Als Dosierung für Azathioprin wurden 1,4 - 2,5 mg/kgKG/d bzw. die Hälfte der Dosis für 6-Mercaptopurin beschrieben [24]. In Analogie zum Morbus Crohn wird eine Dosierung von 2,5 mg/kg Azathioprin bzw. 1,5 mg/kg/d 6-Mercaptopurin empfohlen; gegebenenfalls muss eine Dosisreduktion bei Leukopenie erfolgen. Aufgrund der pharmakodynamischen Eigenschaften der Substanz (Wirkungseintritt erst nach 6-12 Wochen) ist eine längerfristige Therapieplanung erforderlich. Keine allgemeine Empfehlung kann für den Einsatz von Methotrexat oder Escherichia coli Stamm Nissle 1913 bei Versagen der Standardtherapie gegeben werden. Mehrheitlich abgelehnt wird eine Empfehlung für die Anlage einer Entlastungs-Ileostomie, Infliximab, Weihrauch oder Allopurinol.
Für die Wirksamkeit einer Remissionserhaltungstherapie durch Kortikosteroide gibt es sowohl in der lokalen Anwendung [25] als auch in der systemischen Applikation keinen klaren Anhalt [26]. Die (restorative) Proktokolektomie muss sehr sorgfältig gegen die medikamentösen Optionen abgewogen werden.
Korrespondenz:
Prof. Dr. W. Schmiegel, Ruhr-Universität Bochum, Medizinische Klinik, Universitätsstraße 150, 44780 Bochum, Germany y
Tel. 0234/2993400
FAX 0234/2993409
e-mail: wolffschmiegel@rz.ruhr-uni-bochum.de
Aussage
Das kolorektale Karzinomrisiko ist bei der Colitis ulcerosa im Vergleich zur Normalbevölkerung signifikant erhöht (A). Es steigt mit der Ausdehnung und der Dauer der Erkrankung an und wird durch das Vorhandensein einer primär sklerosierenden Cholangitis (PSC) zusätzlich erhöht (A).
Erläuterung
Im Gegensatz zu Studien mit einer hohen Kolektomierate kommt die überwiegende Mehrzahl der Untersuchungen zu der Aussage, dass bei Colitis ulcerosa-Patienten das kolorektale Karzinomrisiko im Vergleich zur Normalpopulation erhöht ist [1, 2].
Die exakte Quantifizierung des kolorektalen Karzinomrisikos bei Colitis ulcerosa-Patienten wird durch die Heterogenität der Studiendesigns, die Variabilität der Kolektomieraten und dem Wandel in der Therapie erschwert. Nach einer Metaanalyse [3], die sich auf 116 Studien stützt, beträgt die Prävalenz des kolorektalen Karzinoms bei Colitis ulcerosa-Patienten 3,7 %. In dieser zusammenfassenden Studie lagen die kolorektalen Karzinominzidenzraten bei 2,1 % nach einer Erkrankungsdauer von 10 Jahren, bei 8,5 % nach einer Erkrankungsdauer von 20 Jahren und bei 17,8 % bei einer Erkrankungsdauer von 30 Jahren [4].
Neben der Dauer der Erkrankung stellt die Ausdehnung der Colitis ulcerosa einen eindeutigen Risikofaktor für die Entstehung eines kolorektalen Karzinoms dar. In der Studie von Ekbom [5] war das Risiko für Patienten mit einer Proktitis um den Faktor 1,7, für Patienten mit einer linksseitigen Colitis um den Faktor 2,8 und für Patienten mit einer ausgedehnten Colitis um den Faktor 14,8 erhöht. Diese Risikoerhöhung in Abhängigkeit von der Ausdehnung der Erkrankung entspricht den Mitteilungen anderer Autoren [2]. Das kolorektale Karzinomrisiko wird durch das Vorhandensein einer primär sklerosierenden Cholangitis zusätzlich erhöht [4]. Eine Risikoerhöhung wird dabei nicht nur für das kolorektale Karzinom, sondern auch für die intraepitheliale Neoplasie (IEN; früher Dysplasie) [6, 7] und die DNA-Aneuploidie beobachtet [8, 9]. Durch das Vorhandensein einer PSC wird das kumulative IEN- und Karzinomrisiko nach 30 Jahren um einen Faktor 5 gegenüber Patienten mit einer alleinigen Colitis ulcerosa erhöht [7]. In dem operierten Heidelberger Patientengut zeigt sich ein erhöhtes Karzinomrisiko bei dem Vorhandensein einer "Back-wash-Ileitis" [10]. Das Geschlecht stellt keinen eigenständigen Risikofaktor für ein kolorektales Karzinom dar [5, 11].
Ob ein Folsäuremangel einen begünstigenden Effekt auf die Karzinomentstehung hat, ist umstritten. Das Alter bei Erkrankungsbeginn scheint einen Einfluss auf das Entartungsrisiko zu besitzen. Auch die Bedeutung der Entzündungsaktivität auf ein Entartungsrisiko wird diskutiert[1, 2, 5, 12, 13].
1.2. Extraintestinale Karzinome
Aussage
Mit Ausnahme des Cholangiokarzinoms treten extraintestinale Karzinome nicht gehäuft bei Colitis ulcerosa-Patienten auf (B).
Erläuterung
Die Mehrzahl der Studien [7, 14-16] kommt zu dem Schluss, dass bei Patienten mit Colitis ulcerosa das Risiko für Cholangiokarzinome erhöht ist. Diese liegen häufiger extrahepatisch als intrahepatisch [17, 18].
Empfehlung
Zur Karzinomprophylaxe können 5-ASA-haltige Präparate eingesetzt werden (B).
Erläuterung
In einer Fallkontrollstudie von Patienten mit chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen reduzierte die Einnahme von nicht-steroidalen Antirheumatika bei der Indikation " Arthritis " das kolorektale Karzinomrisiko [11]. Die Studie von Pinczowski [19] demonstrierte, dass eine medikamentöse Therapie - speziell mit Sulfasalazin - mit einem protektiven Effekt assoziiert war. Die zeitliche Untergrenze der Therapiedauer war durch das Studiendesign auf 3 Monate beschränkt worden. Die Studie von Moody [20] bestätigt, dass eine Langzeittherapie mit Sulfasalazin das kolorektale Karzinomrisiko bei Colitis ulcerosa vermindert. In einer weiteren Fall-Kontrollstudie wurde eine Senkung des Karzinomrisikos durch eine regelmäßige 5-ASA-Einnahme (mindestens 1,2 g/d) um 75% gezeigt [21]. Eine Fortführung der Aminosalicylattherapie zur Karzinomprophylaxe sollte mit dem Patienten individuell anhand vorliegender Risikofaktoren besprochen werden. Sie ersetzt nicht die Notwendigkeit einer regelmäßigen endoskopischen Überwachung.
2.2. Ursodeoxycholsäure
Empfehlung
Zur Karzinomprophylaxe eines Colitis-assoziierten kolorektalen Karzinoms kann Ursodeoxycholsäure bei gleichzeitigem Bestehen von Colitis ulcerosa und PSC eingesetzt werden (A).
Erläuterung
In einer retrospektiven Fallkontrollstudie konnte durch Ursodeoxycholsäure (UDCA) das IEN-Risiko im Colon bei Patienten mit PSC und C.U. gesenkt werden [22]. In einer placebokontrollierten Studie konnte bei Patienten mit PSC und C.U. das Darmkrebsrisiko durch UDCA-Behandlung um 74% gesenkt werden [23].
2.3. Folsäure
Empfehlung
Die Supplementation von Folsäure hat keinen eindeutigen Stellenwert in der Karzinomprophylaxe (B).
Erläuterung
Eine Folinsäuresubstitution reduziert die Zellproliferation der Rektummucosa von Patienten mit Colitis ulcerosa [24], ein statistisch signifikanter Effekt einer Folsäuresubstitution in klinischen Studien konnte jedoch bisher nicht belegt werden. Verschiedene Untersuchungen haben lediglich einen Trend in der Risikoreduktion für ein kolorektales Karzinom bei prophylaktischer Folsäuresupplementation beschrieben [25, 26]. Eine Fallkontrollstudie konnte keinen positiven Effekt einer Folsäuresupplementation nachweisen [27].
Empfehlung
Da die Colitis-assoziierte Karzinommortalität durch eine endoskopische Überwachung gesenkt werden kann, sind regelmäßige Koloskopien mit Stufenbiopsien angezeigt (B). Bei Patienten mit (sub-)totaler Colitis ulcerosa, die mehr als 8 Jahre besteht, oder linksseitiger Colitis, die mehr als 15 Jahre besteht, soll eine komplette Koloskopie mit Stufenbiopsien im jährlichen Abstand erfolgen (B). Nach subtotaler Kolektomie mit verbliebenem Rektumstumpf sollte analog eine jährliche Rektoskopie erfolgen (B).
Erläuterung
5 retrospektive Studien kommen übereinstimmend zu der Schlussfolgerung, dass die koloskopisch-bioptische Überwachung zu einer Reduktion der kolorektalen Karzinommortalität führt. Diese Prognoseverbesserung wird erreicht durch eine höhere Detektionsrate von Karzinomen in früheren Tumorstadien in der überwachten Gruppe im Vergleich zu der nicht-überwachten Gruppe [28-32]. In der endoskopisch-bioptischen Überwachungsstrategie gilt die intraepitheliale Neoplasie als Goldstandard, um Risikopatienten zu identifizieren. Die intraepitheliale Neoplasie ist dabei als eine Neoplasie des Epithels definiert (siehe Abschnitt Pathologie). Einschränkend muss jedoch bemerkt werden, dass die Identifikation einer intraepithelialen Neoplasie sehr von der Erfahrung des beurteilenden Pathologen abhängig ist und die Klassifikation der intraepithelialen Neoplasie einer erheblichen inter- und intraindividuellen Variabilität unterworfen ist [32-36].
Die Grundlage für die Empfehlung des unterschiedlichen zeitlichen Beginns der endoskopisch-bioptischen Überwachung bei (sub-)totaler und linksseitiger Colitis ergibt sich aus der Tatsache, dass die Entstehung von intraepithelialen Neoplasien und Karzinomen bei der linksseitigen Colitis erst zu einem späteren Zeitpunkt einsetzt [2, 5, 37]. Die Empfehlung eines einjährigen Zeitintervalls zwischen den Überwachungskoloskopien stützt sich auf die Beobachtung von Connell [38], dass bei Durchführung von Überwachungskoloskopien in zweijährigen Abständen ein vermehrtes Auftreten von Karzinomen im überwachungsfreien Intervall zu beobachten ist.
Als Alternative zur endoskopischen Überwachung ist die prophylaktische proktokolektomie dem patienten zu erläutern.
Auch nach einer Kolektomie bleibt im verbliebenen Rektum sowohl nach ileorektaler Anastomose als auch nach Anlage eines Ileostomas ein erhöhtes Karzinomrisiko bestehen [39, 40]. Vielversprechende Ergebnisse wurden in den letzten Jahren zu verfeinerten endoskopischen Untersuchungsmethoden (Chromo- und Zoomendoskopie), Durchflußzytometrie, und genetischen Analysen vorgestellt [9, 41-43]. Diese diagnostischen Verfahren haben jedoch bislang noch keinen Stellenwert in der Routinediagnostik (siehe auch Abschnitt "Klinische Diagnostik").
Studien an Kindern liegen bisher nicht, an Jugendlichen lediglich eine vor [44]. Ein frühes Erkrankungsalter ist kein eindeutiger Risikofaktor für das Auftreten einer Neoplasie. Sehr wohl können Neoplasien aber auch in jungem Alter auftreten, so dass Empfehlungen für Erwachsene auf Kinder und Jugendliche extrapoliert werden können. Dabei ist bisher unklar, ob dies auch für sehr blande Krankheitsverläufe mit lediglich distalem Befall (z.B. Proctitis ulcerosa) zu gelten hat.
3.2. Biopsieentnahme
Empfehlung
Stufenbiopsien sollen in der Remission gewonnen werden, da die histomorphologische Abgrenzung von entzündlichen gegenüber neoplastische Veränderungen schwierig sein kann (C). Es sind multiple Biopsien (insgesamt 40-50) aus allen Kolonabschnitten zu entnehmen (B). Die Biopsien sollen aus allen auffälligen Arealen, aber auch aus makroskopisch unauffälliger Schleimhaut entnommen werden (B).
Erläuterung
Die Anzahl der entnommenen Biopsien bei jeder Überwachungskoloskopie ist ein entscheidender Faktor in der Detektion von IEN oder karzinomatösen Veränderungen. Aus einer Studie [45] läßt sich ableiten, dass bei Entnahme von 33 Biopsien pro Koloskopie eine 90 %ige Sicherheit in Bezug auf die Detektion von IEN vorliegt. Bei Entnahme von 56 Biopsien können IEN mit 95 %iger Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen werden. In einer anderen Studie [46] wurden unter Imitation der endoskopischen Biopsieentnahme bei 100 Kolektomiepräparaten jeweils 4 Biopsien aus 8 unterschiedlichen Lokalisationen entnommen. Bei 26 % der Kolektomiepräparate mit einem Karzinom konnte keine IEN nachgewiesen werden. Somit läßt sich die Sensitivität und Spezifität mit jeweils 0,74 für die Detektion eines Karzinoms berechnen. Aufgrund der vorliegenden Datenlage ist somit anzustreben, von je 4 Kolonbiopsien in 10 cm Abständen aus allen Kolonabschnitten zu entnehmen. Dennoch wurde die Empfehlung zur geforderte Zahl von Biopsien kontrovers diskutiert, weil es sich ausnahmslos um retrospektive Daten (häufig von Kolektomiepräparaten) handelt. Eine deutliche Mehrheit des Plenums hat für die Empfehlung votiert. Einstimmig wurde die genannte Empfehlung durch die Patientenvertreter gefordert. Auf dieser Basis wurde der Grad der Empfehlung von optional auf empfehlenswert hochgestuft.
3.3. Fragliche intraepitheliale Neoplasien
Empfehlung
Bei Vorliegen von fraglichen intraepithelialen Neoplasien ist eine endoskopische Kontrolle nach Intensivierung der antiinflammatorischen Therapie innerhalb von 3-6 Monaten durchzuführen (B).
Erläuterung
Insbesondere bei der Klassifikation " fragliche intraepitheliale Neoplasie " liegt eine schlechte Übereinstimmung der histopathologischen Beurteilung zwischen verschiedenen Pathologen vor [33], da eine häufig begleitende deutliche Entzündungsreaktion im Gewebe die Klassifikation erschwert. Auf der anderen Seite hat jedoch eine zusammenfassende Analyse von 10 prospektiven Studien [47] gezeigt, dass nach initialer Diagnosestellung " fragliche intraepitheliale Neoplasie " bei 28 % der Patienten eine Progression zur hochgradigen intraepithelialen Neoplasie und bei 9 % der Patienten zum Karzinom zu beobachten war. Um die Einstufung zu erleichtern, ist vor der geplanten Kontrollkoloskopie eine Intensivierung der antiinflammatorischen Therapie durchzuführen.
3.4. Intraepitheliale Neoplasie und Therapiekonsequenz
Empfehlung
Bei eindeutiger, durch einen auswärtigen Referenzpathologen bestätigter hochgradiger intraepithelialer Neoplasie ist dem Patienten als Standardoperation die Proktokolektomie zu empfehlen (B). Beim Nachweis einer niedriggradigen intraepithelialen Neoplasie und deren Bestätigung durch einen auswärtigen Referenzpathologen scheint eine Proktokolektomie nicht zwingend erforderlich zu sein (relative Operationsindikation)(B).
Erläuterung
In einer Studie mit 46 Patienten betrug das Risiko, bei initial diagnostizierter niedriggradiger intraepithelialer Neoplasie zu einer hochgradigen intraepithelialen Neoplasie oder einem Karzinom fortzuschreiten 53 % innerhalb von 5 Jahren [48]. Der positive prädiktive Wert der hochgradigen IEN für ein synchrones Karzinom beläuft sich auf 67 % [38]. Diese Studie aus dem St. Mark's Hospital bestätigt die zusammenfassende Analyse von Bernstein [47], in der das Risiko einer histopathologischen Progression bei initial diagnostizierter intraepithelialer Neoplasie zwischen 16 und 29 % lag.
Im Widerspruch hierzu stehen die Ergebnisse von zwei weiteren Arbeiten. In einer Studie wurden 60 Patienten mit Colitis ulcerosa und niedriggradigen intraepithelialen Neoplasien im Mittel 10 Jahre nachbeobachtet [49]. Nur bei 2 Patienten konnte im Verlauf eine hochgradige intraepitheliale Neoplasie nachgewiesen werden. In einer retrospektiven Kohortenstudie mit 29 Patienten mit niedriggradiger intraepithelialer Neoplasie sowie 97 Patienten ohne Neoplasie und einem Follow-up von 10 Jahren entwickelten 3/29 Patienten eine hochgradige Neoplasie oder ein Karzinom verglichen mit 4/97 Patienten in der Kontrollgruppe [34].
Es erscheint daher fraglich, ob - wie in einer Entscheidungsanalyse vorgeschlagen [50] - jedem Patienten mit Nachweis einer intraepithelialen Neoplasie unabhängig vom Grad der intraepithelialen Neoplasie die Proktokolektomie empfohlen werden sollte oder ob beim Vorliegen einer niedriggradigen intraepithelialen Neoplasie eine intensivierte Überwachungsdiagnostik (kürzere Endoskopieintervalle z.B. 3-6 Monate, Chromo- bzw. Zoomendoskopie) erfolgen sollte. Dieses Vorgehen sollte bei jedem Patienten individuell unter Berücksichtigung der Komorbidität/Risikofaktoren besprochen werden. In diese Entscheidung sollte auch einfließen, ob der individuelle Endoskopiebefund auf eine hohe Gefahr einer Neoplasieentstehung hindeutet (z.B. Pseudopolypenrasen). In solchen Fällen kann auch ohne Nachweis von intraepithelialen Neoplasien eine Empfehlung zur Proktokolektomie sinnvoll sein, da ein solcher Darm nicht überwachbar ist.
3.5. Adenomatöser Polyp und C.U.
Empfehlung
Bei Nachweis eines adenomatösen Polypen im Kolon bei einem Patienten mit bekannter Colitis ulcerosa reicht als therapeutische Intervention die Polypektomie aus, wenn im Restkolon durch multiple Stufenbiopsien keine intraepitheliale Neoplasie nachgewiesen wird (B).
Erläuterung
Über den Stellenwert der alleinigen Polypektomie bei adenomatösen Polypen bei Colitis ulcerosa liegen zwei Studien mit größerer Fallzahl vor. In einer Studie mit 24 Patienten und einer Nachbeobachtungszeit von durchschnittlich 3,5 Jahren wurden bei 14 Patienten Rezidivadenome nachgewiesen. Nur bei einem Patienten fand sich zusätzlich ein isoliertes Areal mit niedriggadiger intraepithelialer Neoplasie. Fortgeschrittene Neoplasien traten nicht auf [51]. In einer weiteren Untersuchung an 48 Patienten, bei denen Adenome abgetragen worden waren, wurden bei einem mittleren Follow-up von 4 Jahren bei 48% der Patienten erneut Adenome jedoch keine Karzinome oder Schleimhautareale mit intraepithelialen Neoplasien nachgewiesen [52]. Der Ausschluß von intraepithelialen Neoplasien in der benachbarten Schleimhaut scheint wichtig, wie Daten von 8 Patienten mit Polypektomie von Kolonadenomen aus dem St. Mark's Hospital belegen [38]. Drei Patienten, bei denen eine IEN in der benachbarten Kolonmucosa entdeckt werden konnte, entwickelten Karzinome. Nach einer Nachbeobachtungszeit von 2 bis 13 Jahren hat bisher keiner der 5 Patienten ohne IEN im Restkolon ein Karzinom entwickelt. Entsprechende Erfahrungen werden auch aus Israel berichtet [53].
Korrespondenz:
Prof. Dr. H.-J. Buhr, Chirurgische Klinik I, Charité, Universitäsmedizin Berlin, Campus Benjamin Franklin, Hindenburgdamm 30, 12200 Berlin, Germany
Tel. 030/84452541
FAX 030/84452740
e-mail: heinz.buhr@charite.de
Empfehlung
Ein kolorektales Karzinom und/oder der durch eine unabhängige externe Pathologenmeinung bestätigte Nachweis einer hochgradigen intraepithelialen Neoplasie (IEN) stellen eine absolute Operationsindikation dar (A). Auch eine in ihrer Dignität nicht klärbare, suspekte Stenose muss ebenfalls einer elektiven Operation zugeführt werden (C).
Der Nachweis einer DALM (nach WHO-Klassifikation) stellt ebenfalls, unabhängig vom Grad der intraepithelialen Neoplasie (IEN), eine Indikation zur Proktokolektomie dar (C). Vor einer Operation ist eine externe pathologische Begutachtung erforderlich.
Erläuterung
Neben der flachen intraepithelialen Neoplasie können IEN in Schleimhauterhabenheiten auftreten, die als DALM (Dysplasia associated lesion or mass) bezeichnet werden. Häufig sind diese mit einem darunterliegenden Karzinomen vergesellschaftet, selbst wenn nur eine niedriggradige IEN nachgewiesen wurde [10]. Davon abzugrenzen sind sporadische Adenome bei Patienten mit Colitis ulcerosa. Der Ausschluss von intraepithelialen Neoplasien in der benachbarten Schleimhaut scheint bei diesen Patienten besonders wichtig zu sein (siehe Abschnitt "Karzinomprophylaxe").
Empfehlung
Ein trotz Einsatz von Immunsuppressiva schwerer, therapierefraktärer Krankheitsverlauf stellt eine Indikation zur chirurgischen Therapie dar (C). Wachstumsstörungen bei Kindern und Jugendlichen trotz adäquater konservativer Therapie stellen ebenfalls eine Operationsindikation dar (C).
Erläuterung
Entscheidend und problematisch zugleich ist die sichere Diagnose der IEN , ihre Differenzierung in "hochgradig" und niedriggradig" durch den Pathologen und die Qualität der Koloskopie und Lokalisation der Biopsieentnahme (siehe Abschnitt "Histopathologische Diagnostik" und Abschnitt "Karzinomprophylaxe").
Bei endoskopisch nicht abtragbarem, in seiner Dignität suspektem Adenom kann eine Segment- oder Teilresektion durchgeführt werden, falls das übrige Kolorektum frei von IEN oder höhergradiger Entzündung ist, andernfalls sollte eine restaurative Proktokolektomie durchgeführt werden (siehe Abschnitt "Karzinomprophylaxe").
Mehrere Fallserien konnten zeigen, dass bei Kindern und Jugendlichen die Wachstumstörung durch eine Proktokolektomie günstig im Sinne eines "Catch-up"-Phänomens beeinflusst werden kann [11-13].
3.2. Relative Operationsindikationen
Empfehlung
Bei einer durch einen externen Referenzpathologen bestätigten flachen niedrig-gradigen IEN besteht nur eine relative Indikation zur Koloproktektomie (C). In jedem Fall muss das Risiko eines Karzinoms oder hochgradiger IEN bzw. deren Entwicklung innerhalb der nächsten Jahre mit dem Patienten besprochen werden (C).
Eine mögliche Indikation zur elektiven Operation ergibt sich aus der häufig besseren postoperativen Lebensqualität, wobei insbesondere die Laufzeit, Ausdehnung und Aktivität der Erkrankung berücksichtigt werden sollte (C). Von besonderer Bedeutung in diesem Zusammenhang ist der Patientenwunsch. Dabei sollte gerade auch die zu erwartende postoperative Lebensqualität gegenüber der Lebensqualität unter Fortsetzung der medikamentösen Therapie incl. eventueller Nebenwirkungen abgewogen werden.
Erläuterung
Eine Proktokolektomie stellt für viele Patienten auch ohne Nachweis von IEN eine Alternative zur dauerhaften medikamentösen Therapie dar. In diesem Zusammenhang ist von wesentlicher Bedeutung, dass in mehreren Fallserien die Lebensqualität durch die Operation deutlich gebessert wurde, sogar bei Patienten, die mit einem permanenten Ileostoma versorgt wurden [11, 14-17].
In einem entsprechenden Aufklärungsgespräch sollte auf mögliche Komplikationen einer Proktokolektomie mit ileoanaler Pouchanlage incl. der Problematik der Pouchitis eingegangen werden (siehe Abschnitt Pouchitis).
T3, dringlichen oder Notfallindikationen ist im Zweifel die Kolektomie mit Rektumstumpfverschluß oder die Bildung eines distalen Sigmoidostomas als Schleimfistel der primären restaurativen Proktokolektomie vorzuziehen. Ggf. ist eine IPAA sekundär durchführbar.
Korrespondenz:
Prof. Dr. E. F. Stange, Robert-Bosch-Krankenhaus, Zentrum für Innere Medizin, Auerbachstraße 110, 70376 Stuttgart, Germany
Tel. 0711/81013406
FAX 0711/81013793
e-mail: eduard.stange@rbk.de
Korrespondenz:
Priv.-Doz. M. Reinshagen, Universität Ulm, Abt. Innere Medizin I, Robert-Koch-Straße 8, 89070 Ulm, Germany
Tel. 0531/5952430
FAX 0531/5952653
e-mail: m.reinshagen@klinikum-braunschweig.de
Aussage
Die Gelenkbeteiligung stellt die häufigste extraintestinale Manifestation bei der Colitis ulcerosa dar (C). Es wird zwischen dem Befall des Achsenskeletts und dem peripheren Gelenkbefall, der meist in Form von Arthralgien imponiert, unterschieden (C).
Erläuterung
Arthritiden bei Patienten mit Colitis ulcerosa werden im Rahmen der HLA-B27 assoziierten seronegativen Spondylarthropathien klassifiziert. Eine ankylosierende Spondylitis wird in 1 - 26 % [1-3], eine Sakroiliitis in bis zu 24 % der Patienten gefunden [4]. Eine Beteiligung peripherer Gelenke tritt bei bis zu 11 % auf [5] und äußert sich meist als wandernder Befall großer Gelenke der unteren Extremitäten. Es kann ein mit der klinischen Aktivität der Colitis assoziierter und ein nicht Schub-assoziierter Verlauf unterschieden werden [1]. Eine Enthesiopathie tritt bei 4 % der Patienten auf [4].
2.2. Diagnostik
Empfehlung
Die Diagnose der Gelenkbeteiligung erfolgt anamnestisch, durch klinische Untersuchung und bei axialem Befall auch radiologisch entsprechend rheumatologischer Kriterien. Wegweisende Laborparameter existieren nicht (C).
Erläuterung
Der Befall des Achsenskeletts im Rahmen der Colitis ulcerosa kann nicht von anderen Formen seronegativer Spondylarthropathien unterschieden werden. Neben der Anamnese (entzündlicher Rückenschmerz) und Funktionsuntersuchungen sollte im Rahmen der radiologischen Diagnostik bei Befall des Achsenskeletts auf Syndesmophyten, Zeichen der Spondylodiszitis oder sogenannte Shining Corners geachtet werden. Zur Diagnostik der Sakroiliitis ist die MRT Untersuchung der Szintigraphie vorzuziehen. Die periphere Gelenkbeteiligung weist in der Regel keine radiologischen Veränderungen auf.
Folgende Differentialdiagnosen sollten bei muskuloskelettalen Beschwerden bedacht werden: Septische Arthritis, Sakroiliitis oder Spondylitis, Steroidmyopathie, Osteoporose, hypertrophe Osteoarthropathie, avaskuläre Osteonekrose und gelenknahes Erythema nodosum.
2.3. Therapie
Empfehlung
Bei schubassoziierter Gelenkbeteiligung erfolgt die Therapie im Rahmen der Behandlung der Grunderkrankung mit Amniosalicylat-haltigen Präparaten, Glukokortikosteroiden bzw. Immunsuppressiva (C). Bei chronischen Arthralgien sollte neben physikalischer Therapie eine analgetische Therapie mit Paracetamol oder Novaminsulfon durchgeführt werden (C). Bei der akuten Arthritis sollten symptomatischen Massnahmen wie Entlastung und Ruhigstellung akut betroffener Gelenke erfolgen (C). Bei peripherer Gelenkbeteiligung sollte primär Sulfasalazin eingesetzt werden (B). Bei schweren peripheren Arthritiden kann Methotrexat eingesetzt werden (B).
Erläuterung
Für die Behandlung von Gelenkbeschwerden bei Patienten mit Colitis ulcerosa existieren keine Therapiestudien. Die angegebenen Empfehlungen sind der klinischen Erfahrung sowie der rheumatologischen Literatur entlehnt. So sind Sulfasalazin und Methotrexat bei der rheumatoiden Arthritis eindeutig wirksam [6]. Der Einsatz von NSAR bei Colitis ulcerosa wird in der Literatur kontrovers diskutiert, da hierdurch möglicherweise Schübe induziert werden können. Ob die COX-2 Hemmer in diesem Zusammenhang von Vorteil sind, ist fraglich [7].
Bei der schweren Spondylarthopathie kann im Einzelfall der Einsatz von NSAR oder COX2 Hemmern ebenso wie die lokale Injektion von Glukokortikosteroiden versucht werden. Bei therapieresistenten Patienten kann der Einsatz von Infliximab überlegt werden [8, 9].
Bei der Therapie mit SASP sollte der verzögerte Wirkungseintritt beachtet werden. Gelenkbeschwerden gehen mit einem erhöhten Risiko für die Entwicklung einer Pouchitis einher und treten auch nach Kolektomie auf [10-12].
Aussage
Klinisch ist die primär sklerosierende Cholangitis (PSC) die bedeutendste hepatobiliäre Erkrankung, die mit einer Colitis ulcerosa assoziiert sein kann. Die Häufigkeit der PSC bei Colitis ulcerosa liegt bei 2 - 10% der Patienten (B). Die Autoimmunhepatitis ist eine seltene Begleiterkrankung der Colitis ulcerosa und kann in Form eines Überlappungssyndroms mit einer PSC auftreten (B).
Erläuterung
Zur Häufigkeit der PSC als extraintestinale Manifestation der Colitis ulcerosa liegen verschiedene große Fallserien und zwei Populations-basierten Studie in Schweden und Manitoba/Canada vor [2, 13-15]. Zur Häufigkeit einer isolierten Autoimmunhepatitis bei Colitis ulcerosa liegen keine Daten vor. Nicht selten kann aber, sowohl bei Kindern als auch bei Erwachsenen, ein Overlapsyndrom, d.h. eine Autoimmunhepatitis plus PSC, bestehen [13, 14, 16-18].
3.2. Diagnostik
Empfehlung
Für die Diagnostik einer PSC ist die ERC die aussagekräftigste Methode (B). Eine ERC sollte bei persistierender Cholestase durchgeführt werden. Wegen des erhöhten Risikos einer Cholangitis bei ausgeprägten obstruierenden Gallengangsveränderungen ist im Zusammenhang mit der ERC eine Antibiotikaprophylaxe zu empfehlen (B). Die ERC ist zur Verlaufskontrolle bei zunehmender Cholestase nach endoskopischer Therapie erforderlich (B).
Erläuterung
Grundsätzlich stehen zur Diagnostik die ERC, die MRC und die Leberbiopsie mit Histologie zur Verfügung. Die ERC stellt den Goldstandard in der Diagnose der PSC dar, insbesondere angesichts einer gewissen Unschärfe der MRC bei kleineren Gallengängen [19-21]. Allerdings zeigt sich in einer Studie bei Kindern eine Sensitivität der MRC von 82% mit einer Spezifität von 100%, so dass bei Kindern evtl. primär eine MRC gedurchgeführt werden kann [21].
Neuere Daten aus der Mayoklinik im Rahmen einer retrospektiven Auswertung stellten in Frage, ob die Gewinnung einer Leberbiopsie für die Diagnosestellung oder Therapieentscheidungen hilfreich sind [22].
3.3. Therapie
Empfehlung
Ab Diagnosestellung einer PSC sollte eine Dauertherapie mit Ursodeoxycholsäure (15 bis 30 mg/kg KG p.o.) durchgeführt werden (A). Zusätzlich ist eine endoskopische Therapie einer funktionell wirksamen und erreichbaren Stenose (Dilatation, ggf. passagere Plastikstentimplanatation) indiziert (C). In fortgeschrittenen Stadien der PSC ist die Lebertransplantation Therapie der Wahl (A).
Erläuterung
Zur Therapie der PSC mit Ursodeoxycholsäure liegen mehrere prospektive randomisierte Studien mit unterschiedlichen Dosierungen vor. Eine kleine Studie zeigte bereits bei einer Dosierung von 12-15 mg einen signifikanten Effekt auf die Cholestaseparameter und die Histologie [23]. Die Verbesserung der Histologie konnte in einer großen randomisierten Studie nicht bestätigt werden und konnte für diese Dosis keinen signifikanten klinischen Effekt nachweisen (gemessen an Zirrhosenachweis, Dekompensation, Lebertransplantation oder Tod) [24]. Neuere Dosisfindungsstudien deuten an, dass höhere Dosierungen auch einen positiven Effekt auf harte Eckpunkte wie ERC-Veränderungen oder Überleben haben [25, 26]. Zwei Gruppen konnten zeigen, dass durch Dilatationen von größeren Gangstenosen das Überleben weiter verbessert werden kann [27, 28]. Kommt es dennoch zur Progredienz der Erkrankung ist die Lebertransplantation die einzige Therapieoption.
3.4. Komplikationen der PSC
Aussage
Das Risiko der Entwicklung eines Cholangiokarzinoms ist bei langjährigem Verlauf einer PSC erhöht (8-15% der PSC-Patienten). Sichere Methoden zur Früherkennung sind nicht etabliert (C).
Erläuterung
Die PSC verläuft unabhängig von der Aktivität der Colitis ulcerosa und wird durch eine Kolektomie nicht beeinflusst. Das bei Colitis ulcerosa erhöhte Risiko, an einem kolorektalen Karzinom zu erkranken, ist bei Vorliegen einer PSC gesteigert und kann durch die Gabe von Ursodeoxycholsäure gesenkt werden [29, 30]. Das Auftreten von Cholangiokarzinomen bei PSC ist signifikant erhöht. Sinnvolle Strategien zum Screening bzw. zur Früherkennung sind nicht beschrieben [31].
Die medikamentöse Therapie des sehr seltenen Überlappungssyndroms aus PSC und Autoimmunhepatitis besteht aus Immunsuppression (Steroid ± Azathioprin) in Kombination mit Ursodeoxycholsäure.
Aussage
Typische Hautmanifestationen sind Erythema nodosum (14 - 19 % der Patienten) und Pyoderma gangrenosum (1 - 2 % der Patienten) (C). Überwiegend treten die Effloreszensen im akuten Schub der Erkrankung auf (C).
Erläuterung
Die Einteilung assoziierter Hautmanifestationen der Colitis ulcerosa umfaßt nach Gregory und Ho [32] spezifische Läsionen und reaktive Läsionen. Zu der letzten Gruppe werden die typischen Effloreszenzen wie Erythema nodosum und Pyoderma gangrenosum gezählt [33]. Seltene im Verlauf der Colitis ulcerosa auftretende Hautveränderungen, die meist in kasuistischen Mitteilungen erwähnt werden, sind die Psoriasis, Rosacea, Epidermolysis bullosa acquisita und das Sweet-Syndrom [34, 35].
Die Angaben basieren auf Häufigkeitsanalysen großer Patientenkollektive und weisen variable Werte auf.
4.2. Diagnostik
Empfehlung
Die Diagnose erfolgt klinisch. Serologische Marker existieren nicht (C).
Erläuterung
Die Biopsie des Pyoderma gangränosum kann zu einer Exacerbation der Läsion führen und ist daher nicht sinnvoll [34].
4.3. Therapie
Empfehlung
Die medikamentöse Therapie entspricht der Therapie der Grunderkrankung. Initial sollte eine hochdosierte Steroidtherapie erfolgen (C). In kasuistischen Mitteilungen wurde über die erfolgreicheTherapie des Pyoderma gangraenosum mit Dapsone, Cyclosporin, Azathioprin, Mycophenolat, Tacrolimus, Infliximab, Cyclophosphamid, Apharese und Thalidomid berichtet. Eine chirurgische Intervention ist nicht indiziert (C).
Erläuterung
Über die Behandlung von Hautmanifestationen liegen weder kontrollierte noch Fall-Kontrollstudien vor. Umfangreiche Fallserien beschreiben den erfolgreichen Einsatz von hochdosierten systemischen Steroiden insbesondere beim Erythema nodosum [34, 35]. Fallberichte und Fallserien berichten für das Pyoderma gangrenosum über den erfolgreichen Einsatz von einer Reihe von Immunsuppressiva [34, 36-38].
Aussage
Als extraintestinale Manifestationen treten die anteriore Uveitis (Iritis/Iridocyclitis) und die Episcleritis bei 1,4- 4% der Patienten mit Colitis ulcerosa auf (C).
Erläuterung
Die Datenlage zur Prävalenz ist uneinheitlich [15, 33]. Selten werden Manifestationen am Augenhintergrund im Sinne einer Papillitis oder Retrobulbärneuritis beobachtet [39].
5.2. Diagnostik und Therapie
Empfehlung
Bei Verdacht auf eine okuläre Manifestation bei Colitis ulcerosa ist eine fachärztliche ophthalmologische Untersuchung erforderlich (A).
Bei der akuten anterioren Uveitis werden topische Steroide empfohlen. Zusätzlich wird eine Pupillenerweiterung zur Therapie des Spasmus sowie zur Prophylaxe von Synechien durchgeführt (C).
Erläuterung
Die Therapieempfehlungen stützen sich lediglich auf Fallsammlungen [40]. Bei therapierefraktärer Uveitis wurden in Fallberichten erfolgreiche Therapien mit Cyclosporin [41] oder Remicade [42] beschrieben.
Aussage
Die Häufigkeit einer Osteoporose bei Patienten mit Colitis ulcerosa schwankt zwischen 7 und 18 %, eine Osteopenie liegt bei 34-67 % aller Patienten vor. Das Risiko für Wirbelfrakturen oder Hüftfrakturen ist bei Patienten mit Colitis ulcerosa 1,4 fach gegenüber der Normalbevölkerung erhöht (C).
Erläuterung
Studien zur Prävalenz wurden meist in spezialisierten Zentren mit einem höheren Anteil an schwer erkrankten Patienten durchgeführt [43]. Die Knochendichteminderung ist bei Patienten mit Colitis ulcerosa in einigen Querschnittsstudien weniger ausgeprägt als bei Patienten mit Morbus Crohn [44]. Bei einem Teil der Patienten mit verminderter Knochendichte erholt sich die Knochensubstanz nach langen Phasen der Remission [45]. Auch die Frakturinzidenz an der LWS und an der Hüfte ist geringer als bei Patienten mit Morbus Crohn [44, 46-48]. Als Risikofaktoren für die Entstehung der Osteoporose gelten die längerfristige Steroidtherapie und die chronisch entzündliche Krankheitsaktivität [45, 48].
6.2. Diagnostik
Empfehlung
Die Methode der Wahl zum Nachweis einer Osteoporose ist die Knochendichtemessung (DEXA) der LWS (A).
Eine Knochendichtemessung zur Diagnose einer Osteoporose sollte bei Patienten durchgeführt werden, die mit systemischen, höher dosierten Steroiden längerfristig behandelt wurden und/oder eine chronische Entzündungsaktivität aufweisen (C).
Erläuterung
Die Abschätzung des individuellen Frakturrisikos ist bislang nur bei der postmenopausalen Osteoporose etabliert [49], dennoch ist ein Zusammenhang zwischen Knochendichte und Frakturinzidenz auch für Patienten mit chronisch entzündlichen Darmerkrankungen nachgewiesen [50]. Kontrolluntersuchungen unter Therapie sind frühestens nach einem Jahr indiziert. Andere diagnostische Verfahren sind aufgrund höherer Strahlenbelastung und geringerer Verfügbarkeit (quantitative CT) bzw. fehlender Standardisierung (Osteosonografie) derzeit nicht sinnvoll. In der Diagnostik einer Osteoporose spielen knochenspezifische Laborparameter bisher keine nachgewiesene Rolle.Validierte genetische Marker existieren nicht.
6.3. Prävention
Empfehlung
Im Rahmen einer längerfristigen, systemischen Steroidmedikation muss eine Substitution mit Kalzium und Vitamin D erfolgen (B).
Erläuterung
Der Therapieeffekt einer Substitution mit Calcium und Vitamin D (D3) bei Colitis ulcerosa wurde bisher nur in kleinen Studien nachgewiesen [51, 52]. Bei Patienten mit steroid-induzierter Osteoporose liegen hierzu jedoch sehr gute und valide Daten vor [53, 54].
6.4. Therapie der Osteopenie/Osteoporose
Empfehlung
Die Therapie der Osteopenie und der Osteoporose erfolgt durch die Substitution von Calcium und Vitamin D (A). Bei Patienten mit Frakturen sollte eine Aminobisphosphonattherapie erfolgen (B).
Erläuterung
Bisher gibt es keine Daten zur Effektivität einer Therapie mit Aminobisphosphonaten bei Patienten mit Colitis ulcerosa. Insbesonders ist bei Patienten mit chronisch entzündlichen Darmerkrankungen nicht nachgewiesen, dass die therapeutische Anhebung der Knochendichte die Frakturrate reduziert.
Die Leitlinien zur Therapie steroid-induzierten Osteoporose der DVO (www.bergmannsheil.de/leitlinien-dvo) empfehlen die Gabe von Bisphosphonaten bei inzidenten Patienten bei einem T-Wert < 2 und bei prävalenten Patienten bei einem t-Wert <2,5. Auch in den DVO-Leitlinien wird aufgrund der fehlenden Zulassung der Präparate für Männer und prämenopausale Frauen für diese lediglich die Therapie für Calcium und Vitamin D empfohlen (www.bergmannsheil.de/leitlinien-dvo).
Korrespondenz:
Prof. Dr. G. Moser, Medizinische Universität Wien, Universitätsklinik für Innere Medizin IV, Währinger Gürtel 18 - 20, 1090 Wien, Austria
Tel. +43/1/404004741
FAX +43/1/404004942
e-mail: gabriele.moser@akh-wien.ac.at
Aussage
Der Einfluß psychosozialer Faktoren auf die Entstehung der Colitis ulcerosa scheint gering zu sein, es wird aber ein mäßiger Einfluß psychosozialer Faktoren auf den Verlauf der Colitis ulcerosa angenommen. Auffällige Persönlichkeitsmerkmale können eher als sekundäre, krankheitsbedingte Veränderungen interpretiert werden (A).
Erläuterung
In der Literatur gibt es nur wenige Hinweise (mit hypothetischer Interpretation) zum Einfluß psychosozialer Faktoren auf die Entstehung der Colitis ulcerosa [1-4].
Aussage
Stressbelastungen können zu einer Krankheitsaktivierung führen. Allerdings scheinen nicht so sehr einzelne belastende Lebensereignisse (life events) sondern mehr subjektiv empfundene chronische Stressbelastungen die Krankheit zu aktivieren (A).
Erläuterung
Während Studien zu chronisch subjektiver Stressbelastung mehrheitlich einen Zusammenhang zum Verlauf der Colitis ulcerosa zeigen, sind die Studien über den Einfluss einzelner belastender Lebensereignisse ("life events") widersprüchlich [1-13]. Die ExpertInnen waren der Meinung, dass Patienten Stress als krankheitsmodulierend empfinden. Betroffene selbst bezeichnen psychischen Stress jedenfalls auch als krankheitsauslösend [14, 15].
Empfehlung
Die betreuenden Ärzte/Ärztinnen sollen in einem Gespräch selbst die Indikation zur Psychotherapie stellen können. In CED-Schwerpunktzentren und spezialisierten Praxen soll die Möglichkeit einer integrierten medizinisch- psychosomatischen Betreuung der Patienten bestehen. Die Patienten sollen auf Möglichkeiten der Selbsthilfe hingewiesen werden (C).
Erläuterung
Die Mehrheit der Konsensusteilnehmer gab an, selbst die Indikation zur Psychotherapie stellen zu können. Hierzu gibt es keine Studie, die diese Kompetenz auch untersucht hätte. Insofern ist die Empfehlung nur durch Expertenmeinung und klinische Erfahrung belegt. Konsensus bestand über den Vorteil einer integrierten medizinisch-psychosomatischen Betreuungsmöglichkeit für die Patienten in einem CED-Schwerpunktzentrum oder einer entsprechend spezialisierten Praxis.
Korrespondenz:
Dr. H. Matthes, Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe, Klinik für anthroposophisch erweiterte Heilkunst, Kladower Damm 221, 14089 Berlin, Germany
Tel. 030/36501343
FAX 030/36501455
e-mail: hmattes@havelhoehe.de
Unkonventionelle Therapien sind alle Verfahren, die als nicht anerkannt und/oder überprüft gelten. Komplementärmedizinische Verfahren (z.B. Homöopathie, Naturheilverfahren, traditionelle chinesische Medizin (TCM) inklusive Akupunktur, Anthroposophische Therapieverfahren und Ayurvedische Medizin) werden als Ergänzung zu konventionellen Standardtherapien angewendet.
Verfahren, die die konventionellen Standardtherapien ausschließen, werden als alternative Therapieverfahren bezeichnet.
Erläuterung
Die Definition wurde während der Konsensuskonferenz 1999 zum Verständnis der unterschiedlichen Begriffe beschlossen und wird entsprechend in der Literatur verwendet [1].
Methodik
Methodik und Fragestellung bestimmen gemäß CONSORT Konsens die Bewertung einer Evidence Based Medicine (EBM)-Hierarchisierung. Dieses ist bei der Bewertung komplementärmedizinischer Literatur zu berücksichtigen.
Erläuterung
Einige komplementäre Therapieverfahren beziehen sich auf das salutogenetische Potential des Patienten und schließen die Arzt-Patienten Beziehung als Wirkprinzip ein. Ein Randomised Controlled Trial (RCT)-Studiendesign ist daher nicht immer durchführbar und ist bei einer EBM-Hierachisierung zu berücksichtigen [2, 3].
Empfehlung
Patienten sollten daher über die Anwendung komplementärer Heilmethoden befragt werden (B).
Erläuterung
Die Experten schätzen den Gebrauch unkonventioneller Methoden bei Patienten mit CU realistisch und im Einklang mit der Literatur ein [4-9].
Die Mehrheit der Experten weiß um das Verschweigen des Gebrauchs unkonventioneller Methoden durch die Patienten gegenüber dem behandelnden Facharzt. Patienten sollten in einer nicht wertenden Weise darüber befragt werden, um die Beweggründe für die Anwendung zu erheben und besprechen zu können. Am häufigsten beruht dies auf Unzufriedenheit mit der konventionellen Therapie und ist auf Ängste des Patienten zurückzuführen. [4, 5, 10, 11].
Konsensus mitgetragen durch die Deutsche Gesellschaft für Chirurgie, die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin, die Deutschen Gesellschaft für Pathologie, die Deutsche Gesellschaft für Koloproktologie, die Deutsche Gesellschaft für Viszeralchirurgie, die Deutsche Röntgengesellschaft, das Deutsche Kolloquium für psychosomatische Medizin und die Gesellschaft für pädiatrische Gastroenterologie und Ernährung
J.C. Hoffmann, M. Zeitz, S.C. Bischoff, H.-J. Brambs, H.-P. Bruch, H.-J. Buhr, A. Dignaß, I. Fischer, W. Fleig, U.R. Fölsch, K. Herrlinger, W. Höhne, G. Jantschek, B. Kaltz , K.M. Keller, U. Knebel, A.J. Kroesen, W. Kruis, H. Matthes, G. Moser, S. Mundt, C. Pox, M. Reinshagen, A. Reißmann, J. Riemann, G. Rogler, W. Schmiegel, J. Schölmerich, S. Schreiber, O. Schwandner, H.-K. Selbmann, E.F. Stange, M. Utzig, C. Wittekind
Organisatorischer Ablauf des Konsensusprozesses
Als Zielgruppe sind neben allen Schlüsseldisziplinen die Betroffenen, Allgemeinmediziner, Internisten, Kinder- und Jugendmediziner, Chirurgen und Leistungserbringer (Kassen, Politiker, Rentenversicherungsträger) anzusehen. Bei der hier vorliegenden Leitlinie handelt es sich um die ausführliche Version, die neben den Empfehlungen auch Erläuterungen einschließt. Eine separate Darstellung für Betroffene ist in Arbeit.
Im ersten Schritt überarbeiteten die Arbeitgruppen unter Leitung von jeweils zwei Arbeitsgruppen-Leitern die relevanten Suchbegriffe für ein Thema. Nach diesen Suchbegriffen erfolgte die systematische Literaturrecherche in Pubmed/Medline und der Cochrane Library bis einschließlich September 2003, wobei in Pubmed/Medline nur Arbeiten ab 1996 berücksichtigt wurden. Literatur vor 1998 war bereits für die vorausgegangene Leitlinie gesammelt worden. Die verwendeten Suchbegriffe finden sich in Tab. 1. Die durch die früheren Referenzen ergänzte Literatur wurde Ende September 2003 allen Arbeitsgruppen-Mitgliedern als Text-, Endnote- und Referencemanager-Datei zur Verfügung gestellt. Es wurden insgesamt 18.000 Literaturzitate gesichtet und pro Arbeitsgruppe zwischen 126 (Pathologie) und 564 (Fulminanter Schub) Referenzen als Abstract bereitgestellt. Gleichzeitig wurde von den Arbeitsgruppen der frühere Fragebogen der jeweiligen Arbeitsgruppe überarbeitet. Weitere Details zur Befragung und Auswertung mittels "Delphi-Technik" werden im folgenden Artikel über die Methodik dieser Leitlinie dargestellt. Zur weiteren Vorbereitung der Konferenz erstellten die Arbeitsgruppen Vorschläge für den Konsensus und ergänzten die systematische Literaturrecherche. Die Bewertung der Literatur nach "Evidenz"stärken erfolgte nach einer modifizierten Einteilung der Agency for Health Care Policy and Research, wie im nächsten Artikel erläutert. Im Rahmen der eigentlichen Konsensuskonferenz am 20./21. Februar 2004 in Berlin wurde am ersten Tag der Konsensus durch die Arbeitsgruppen endgültig vorbereitet. Dabei wurden die "Evidenz"stärke (Literatur), die Anwendbarkeit und die Ergebnisse des Fragebogens (nominaler Gruppenprozess) berücksichtigt. Ein methodischer Konsildienst stand für alle Arbeitsgruppen zur Verfügung. Am zweiten Tag wurde der Konsensusvorschlag jeder Arbeitsgruppe vorgetragen, im Plenum diskutiert und ggf. modifiziert verabschiedet. Der Konsensus wurde entsprechend der aufgezeichneten Diskussion von der Zentrale überarbeitet und schließlich durch die Arbeitsgruppen-Leiter fertiggestellt.
Tabelle 1:
| Suchebene 1: alle Arbeitsgruppen: ulcerative colitis | proctitis | |||
| Arbeitsgruppe | Suchebene 2 | Suchebene 3 | Suchebene 4 |
| Klinische Diagnostik | marker | clinical | radiology | endoscopy | gene | indexes | laboratory | microbiology | ||
| Histopathologie | histology diagnosis | pathology criteria| dysplasia| IEN biopsy | * | diagnosis |
| Akuter Schub / Ernährung | acute acute disease activity severe mild acute flare | nutrition | definition|failure|recurrence|distal * | therapy | nutrition therapy treatment moderate | |
| Fulminanter Schub | fulminant | severe therapy | definition | operation | cyclosporine| tacrolimus | cyclophosphamide | azathioprin | mercaptopurine refractory fulminant | megacolon | severe |
| Chronisch aktiver Verlauf | chronic disease | * | therapy | surgery | refractory | infliximab|cyclosporine|methotrexat| azathioprin |probiotics |antibiotics | mycophenolate|corticosteroid | |
| Remissionserhaltung | remission | * | prevention | probiotics | maintenance | diagnosis | |
| Karzinomprophylaxe | dysplasia|intraepithelial neoplasm| carcinoma dysplasia | intraepithelial neoplasm carcinoma surveillance | treatment | medication | risk factor | surveillance duration biopsy | extraintestinal | CT | MRT | endoscopy|chromoendoscopy|PSC cost | |
| Chirurgie / Pouchitis | surgery pouchitis ileal pouch | dysplasia|carcinoma|proctocolectomy| ileostomy|fulminant disease|stenosis *|extraintestinal manifestation | therapy | carcinoma | dysplasia surveillance | |
| Extraintestinale Manifestation | extraintestinal manifestation | myocarditis | cutaneous manifestation | pypderma gangraenosum | primary sklerosing cholangitis | uveitis | iritis | arthritis | rheumatism | thromboembolic complications | amyloidosis | stone | nephrolithiasis | cholecystolithiasis | ||
| Psychosomatik / komplementäre Therapie | live events|stress|depression | psychotherapy|homeopathy|acupuncture| meditation | autogenous training complementary | medicine | therapy | |
| Bemerkungen: | kennzeichnet alternative Suchbegriffe innerhalb einer Suchebene * Suchbegriff der übergeordneten Suchebene kann allein stehen / muss nicht untersetzt werden | |||
Besondere Untergruppen von Patienten mit CU
Tabelle 2
| Pädiatrische Dosierungen gängiger Medikamente für die Colitis ulcerosa | ||
|---|---|---|
| Substanzgruppe | Substanz | Dosis (p.o. wenn nicht angegeben) |
| Aminosalizylate | Sulfasalazin Mesalazin Olsalazin | 50-75 mg/kg KG/d 50-100 mg/kg KG/d 30-50 mg/kg KG/d |
| Kortikosteroide | Prednisolon | 1-2 mg/kg KG/d (max. 60 mg/d) |
| Immunsuppressiva | Azathioprin 6-Mercaptopurin Methotrexat Cyclosporin Tacrolimus | 2,5 mg/kg KG/d 1 - 1,5 mg/kg KG/d 15 mg/m² s.c. pro Woche 4 mg/kg KG/d 0,1 mg/kg KG/d |
Schwangerschaft
Die Fertilität bei Patientinnen mit CU ist verglichen zur Normalbevölkerung normal [12]. Die Fertilität scheint jedoch vermindert nach Proktokolektomie mit ileoanaler Pouchanlage, auch wenn die Verminderung partiell mit Ädhäsionen im Rahmen der schwer verlaufenen Grunderkrankung zusammenhängen könnte [13]. Missbildungen scheinen bei CU Patientinnen unabhängig von einer Medikamenteneinnahme leicht gehäuft aufzutreten [14]. Dabei ist die Missbildungsrate insbesondere erhöht, wenn der Konzeptionszeitpunkt im akuten Schub, nicht aber in Remission liegt [15].
Das größte Risiko für einen ungünstigen Schwangerschaftsverlauf ist ein akuter Schub bei Beginn der Schwangerschaft [16]. Daher sollte stets eine sorgfältige, individuelle Nutzen-Risko-Abwägung bezüglich Vor- und Nachteilen einer medikamentösen remissionserhaltenden Therapie erfolgen. Dabei muss die Teratogenität von Medikamenten berücksichtigt werden. So sind Methotrexat als eindeutig teratogen, Azathioprin/6-Mercaptopurin als nicht eindeutig teratogen und Aminosalicylate als nicht teratogen einzustufen. Für Schwangerschaftskomplikationen durch Väter, die Azathioprin einnehmen, liegt lediglich eine kleine retrospektive Studie vor, die auf eine Häufung von Frühgeburten und Fehlbildungen bei Feten hindeutet [17]. In einem anderen Kollektiv konnte dies jedoch weder bei Männern noch bei Frauen bestätigt werden [18]. Vielmehr muss beachtet werden, dass das Absetzen von Azathioprin oder 6-Mercaptopurin zu einer erhöhten Rezidivrate führt [19].
Ältere Menschen
Besonderheiten bei der Diagnostik und Therapie von älteren Patienten mit CU sind kaum beschrieben. Allgemein sind geriatrische Besonderheiten zu beachten, wie häufige Begleitmedikation, der physiologisch niedrigere Analsphinktertonus bei ältere Menschen und die Komorbidität [20]. Bei der Begleitmedikation ist einerseits auf Medikamenteninteraktionen (z.B. Allopurinol wegen Arthritis urica) und andererseits auf erhöhte Nebenwirkungsraten insbesondere unter Kortikosteroiden (Diabetes, Hypertonus, Osteoporose, Cataract) zu achten. Darüber hinaus sind keine spezifischen Besonderheiten der Therapie bekannt.
Schlussbemerkungen
Danksagung: Die Konsensuskonferenz wurde durch Mitarbeiter der Medizinischen Klinik I, Campus Benjamin Franklin, Charité Berlin, insbesondere Frau Schönberg unterstützt. Außerdem bedanken wir uns für die finanzielle Unterstützung der Leitlinienüberarbeitung bei der Deutschen Gesellschaft für Verdauungs- und Stoffwechselerkrankungen, dem Kompetenznetz chronisch entzündliche Darmerkrankungen (BMBF) und der W. Otto-Stiftung.
* Beide Autoren haben gleichviel zu dem Manuskript beigetragen
Vorbemerkungen
"Evidenz"-basierte Konsensleitlinien, von der Arbeitsgemeinschaft Wissenschaftlicher Medizinischer Fachgesellschaften (AWMF) auch S3-Leitlinien genannt, basieren auf einem transparenten Prozess zur Entwicklung von Handlungsempfehlungen, die den derzeit verfügbaren Stand des medizinischen Wissens aus Veröffentlichungen und die Erfahrungen von Experten und Anwendern bestmöglich widerspiegeln [1]. Frühere Konsensuskonferenzen zum Thema Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa haben die Güte der Empfehlungen hauptsächlich aus der "Evidenz"stärke abgeleitet [2, 3]. In diesem System führte beispielsweise eine gute randomisierte und kontrollierte Studie automatisch zu der bestmöglichen Empfehlungsstärke (A), vorausgesetzt die Mehrheit der Konsensuskonferenzteilnehmer stimmte der Empfehlung zu. Unberücksichtigt blieb bei diesem Vorgehen z.B., wie viele Teilnehmer gegen die Empfehlung waren und ob die Studienergebnisse direkt auf die vorgesehene Behandlungssituation (z.B. Wirksamkeit eines chinesischen Präparates auch bei Europäern) übertragbar waren. Daher wurde für die Konsensuskonferenz Colitis ulcerosa 2004 in Berlin das bisherige Vorgehen überarbeitet und allen Teilnehmern im Vorfeld zur Verfügung gestellt. Die Methodik des Vorgehens soll im Folgenden dargestellt werden. Sie basiert im wesentlichen auf der Feststellung der "Evidenz"stärke, der Messung der Konsensusstärke unter den Teilnehmern einer strukturierten Konsenskonferenz und der Anwendbarkeit der Studienergebnisse auf die vorgesehene Behandlungssituation.
Zusammensetzung der Teilnehmer
Die Auswahl der Teilnehmer erfolgte durch ein Steeringkomitee (W. Fleig, Halle; J. Hoffmann, Berlin; B. Kaltz, Deutsche Crohn- und Colitis Vereinigung, Bremen; E. Stange, Stuttgart; M. Zeitz, Berlin) und erstreckte sich über 3 Monate. Als Auswahlkriterien wurden neben fachlicher Expertise die Zugehörigkeit zu besonderen Gruppen definiert: Patienten, Methodiker und Ärzte. Unter den Ärzten wurde sowohl die "hierarische Stellung" (Assistenzärzte, Oberärzte, Chefärzte, Universitätsprofessoren), die Versorgungsstufe (niedergelassene Ärzte, Rehabilitationsärzte, Ärzte in der Grundversorgung, Schwerpunktversorgung und Universitätsmedizin) als auch ihre Schlüsseldisziplin berücksichtigt (bei der Colitis ulcerosa waren dies die Innere Medizin/Gastroenterologie, Chirurgie/Viszeralchirurgie, Pädiatrie/gastroenterologische Pädiatrie, Pathologie, Ernährungsmedizin, Psychosomatik und Radiologie). Die Einladung der Teilnehmer erfolgte 9 Monate vor der eigentlichen Konsensuskonferenz. Der zeitliche Ablauf des gesamten Konsensusprozesses ist in Tabelle 1 dargestellt.
Tabelle 1: Zeitlicher Ablauf der Konsensusprozesses
| Rubrik | Teilpunkt | Zeitraum |
|---|---|---|
| Initiierung | Festlegung eines Termins für die Update-Konferenz Auswahl der Konferenzteilnehmer | 2-3/2003 3-6/2003 |
| Literaturrecherche | Erstellung von Suchbegriffen für die Literaturrecherche Systematische Literaturrecherche | 7-8/2003 9/2003 |
| Delphi-Befragung | Überarbeitung der Fragebögen der Konferenz von 1999 Stellung der Fragebögen ins Internet Internet-basierte Beantwortung der Fragebögen durch alle Teilnehmer Auswertung der Fragebögen | 9-10/2003 10-12/2003 12/03-1/04 1/2004 |
| Konferenz | Konsensuskonferenz: Arbeitsgruppensitzung Konsensuskonferenz: Plenarsitzung mit Abstimmung | 20.2.2004 21.2.2004 |
| Nachbereitung | Koordinationsstelle: Vorbereitung der Leitlinie Arbeitsgruppenleiter: Überarbeitung der Kapitel Vorlage der Leitlinie bei der Leitlinienkommission der DGVS | 3/2004 4-5/2004 Ende 5/2004 |
Feststellung der "Evidenz"stärke
Als Grundlage für die Bewertung der "Evidenz"stärke der relevanten Studien in der Literatur wurde eine modifizierte Klassifikation des Ärztlichen Zentrums für Qualität in der Medizin (ÄZQ) verwendet [1]. Dabei wurde die Klasse I der "Evidenz"stärke durch die Unterklasse Ic ergänzt (Tab.2 ). Diese neue "Evidenz"stärke Ic ist für Situationen vorgesehen, die so klar sind, dass die Durchführung von Studien ethisch nicht vertretbar wäre (z.B. zur Wirksamkeit der Beatmung bei Apnoe). Man spricht in diesem Zusammenhang auch vom "Alles- oder Nichts-Prinzip".
Da in der modifizierten ÄZQ- Einteilung häufig von einer "gut geplanten" Studie die Rede ist, wurden wesentliche Merkmale von gut geplanten Studien zusammengefasst:
Um die korrekte Zuweisung der relevanten und später zitierten Literatur zu den "Evidenz"stärkeklassen zu gewährleisten, war vor der Konferenz eine Hotline und während der Konferenz ein Konzildienst für die Arbeitsgruppen und das Plenum eingerichtet worden. Die Mitarbeit eines Methodikers (H.K. S.) war integraler Bestandteil der Arbeitsgruppen- und Plenarsitzungen an beiden Tagen der Konferenz. In Ermanglung einer besseren Klassifikation der "Evidenz"stärke von Studien zur Diagnostik wurde deren Literatur ebenfalls nach Tabelle 2 bewertet, obwohl die ihr zu Grunde liegende ursprüngliche ÄZQ-Klassifikation primär nur für Therapiestudien vorgesehen ist. Sämtliche Konsensusabschnitte wurden schließlich durch Methodiker und die Zentrale überarbeitet.
Tabelle 2: Leitfaden zur Bewertung der "Evidenz"stärke (mod. nach ÄZQ)
| "Evidenz"-stärke | Bedingung |
|---|---|
| Ia Ib Ic | Systematisches Review oder Metaanalyse randomisierter kontrollierter Studien (RCT) Mindestens eine gut geplante randomisierte, kontrollierte Studie Alles-oder-Nichts-Prinzip (Bsp.: Beatmung bei Apnoe) |
| IIa IIb | Mindestens eine gut geplante, kontrollierte Studie ohne Randomisierung Mindestens eine gut geplante, quasi experimentelle Studie (z.B. Fall-Kontroll-Studie oder historischer Vergleich) |
| III | Gut geplante, nicht experimentelle deskriptive Studien (Fallserien, Korrelationsstudien) und IIa bzw. IIb-Studien mit mäßiger Qualität |
| IV | Berichte/Meinungen von Expertenkreisen, Konsensuskonferenzen und/oder klinische Erfahrung ohne explizite kritische Bewertung (Physiologische Modelle, Vergleiche oder Grundsätze) |
Klassifikation der Konsensusstärke
Zur Vorbereitung der Konferenz wurden 13 Fragebögen der vergangenen Konsensuskonferenz inhaltlich überarbeitet. Diese Fragebögen mit insgesamt 2228 Fragen wurden logisch weiter formatiert (einheitlicher Aufbau, minimale Menge von Antworttypen, logische Konsistenz) und als computerlesbare XML-Dokumente bereitgestellt. Daraus wurde im Dezember 2003 eine PostgreSQL-Datenbank erstellt und über eine Server-basierte Webapplikation (Tomcat) allen Teilnehmern an den 10 vorbereitenden Arbeitsgruppen zugänglich gemacht. Die Dateneingabe erfolgte pseudonymisiert mittels Passwort-Authentifizierung. Die Fragebögen mussten als Voraussetzung zur Konferenzteilnahme von allen Teilnehmern bearbeitet werden, wobei jede Frage unabhängig von allen anderen beantwortet werden konnte. Es konnte auch explizit auf eine Beantwortung verzichtet werden (z.B. bei Betroffenen). Der Bearbeitungszeitraum für die Teilnehmer betrug 4 Wochen. Für jede Einzelfrage wurde ausgewertet:
Diese Auswertung wurde 5 Wochen vor der Konsensuskonferenz an die Arbeitsgruppen weitergegeben. Die Konsensusstärke wurde anhand der in Tab. 3 dargestellten Einteilung bewertet. Nach einer Diskussion in den Arbeitsgruppen am ersten Tag der Konferenz wurde über den Konsensusvorschlag bei Bedarf im Plenum erneut abgestimmt, woraus für diese Empfehlung oder Aussage die endgültige Konsensusstärke errechnet wurde. Somit hatte die Abstimmung im Plenum bei Diskrepanzen Vorrang vor der Internet-basierten Fragebogenabstimmung.
Tabelle 3: Klassifikation der Konsensusstärke
| starker Konsens | Zustimmung von ≥ 95 % der Teilnehmer |
| Konsens | Zustimmung von ≥ 75 - 95 % der Teilnehmer |
| mehrheitliche Zustimmung | Zustimmung von ≥ 50 - 75 % der Teilnehmer |
| kein Konsens | Zustimmung von < 50 % der Teilnehmer |
Klassifikation der Anwendbarkeit
Empfehlungen setzen voraus, dass eine Studie und/oder eine Expertenmeinung auf die Zielpopulation der Leitlinie bzw. auf den einzelnen Patienten anwendbar ist. Es gibt dabei die Möglichkeit der direkten Anwendbarkeit und der indirekten Anwendbarkeit. Letzteres liegt vor, wenn Studien mit einer selektierten Patientenklientel (explizite und implizite Ein- und Ausschlusskriterien) durchgeführt wurden, deren Ergebnisse aber auf die eigentliche Zielpopulation der Leitlinie extrapoliert werden können. Beispiele hierfür sind z.B. Empfehlungen für Kinder, wenn es nur Studien bei Erwachsenen gibt. Weitere wichtige Beispiele sind Medikamente, die nur an ethnisch anderen Populationen untersucht wurden (z.B. Chinesen) oder Empfehlungen zu Medikamenten, die auf Untersuchungen für dieses Medikament, aber bei anderer Indikation basieren (z.B. Methotrexat).
Einstufung der Empfehlung
Basierend auf den Grundpfeilern "Evidenz"stärke, Konsensusstärke und Anwendbarkeit wurde eine Einteilung der Empfehlungsstärken vorgenommen (Tab. 4). Dabei ist eine optionale Empfehlung (Stärke C) als eine mögliche Handlungsweise anzusehen, für die die Grundlagen ("Evidenz", Konsens und Anwendbarkeit) wenig eindeutig sind.
Von der Einteilung der Empfehlungsstärken nach Tabelle 3 kann in besonderen Fällen abgewichen werden, die ausführlich zu begründen sind. So kann in solchen Fällen eine Heraufstufung oder Herabstufung der Empfehlungsstärke erfolgen. Bei der Konsensuskonferenz Colitis ulcerosa erfolgte in einem Fall eine Heraufstufung einer Empfehlung, nämlich 40-50 Biopsien aus dem gesamten Kolon bei der Überwachungskoloskopie zu entnehmen. Die ausführliche Begründung für die Heraufstufung basierte auf dem ausdrücklichen Wunsch aller Patientenvertreter, hier ein Vorgehen zu empfehlen, dass den Betroffenen das größtmöglichstes Maß an Sicherheit gewährt.
Tabelle 4: Voreinstufung der Empfehlungen
| Einstufung | Bedingung |
| A | sehr empfehlenswert "Evidenz"stärke Ia + Ib + Ic / starker Konsens / direkte Anwendbarkeit "Evidenz"stärke Ia + Ib + Ic/ Konsens / direkte Anwendbarkeit "Evidenz"stärke IIa / starker Konsens / direkte Anwendbarkeit |
| B | empfehlenswert alle unter A, jedoch mit extrapolierter Anwendbarkeit "Evidenz"stärke Ia + Ib / mehrheitliche Zustimmung / direkte Anwendbarkeit "Evidenz"stärke IIa/ Konsens / direkte Anwendbarkeit "Evidenz"stärke IIb / starker Konsens bzw. Konsens / direkte Anwendbarkeit |
| C | optional alle unter B, jedoch mit extrapolierter Anwendbarkeit "Evidenz"stärke Ia + Ib / kein Konsens / direkte Anwendbarkeit "Evidenz"stärke IIa - IIb / mehrheitliche Zustimmung / direkte Anwendbarkeit "Evidenz"stärke III / starker Konsens bis mehrheitliche Zustimmung / direkte Anwendbarkeit "Evidenz"stärke IV / starker Konsens bzw. Konsens/ direkte Anwendbarkeit |
| D | keine empfehlende Aussage alle übrigen |
Ausblick
Die methodische Vorgehensweise, die hier geschildert wurde, ermöglicht die transparente Erstellung einer Leitlinie bzw. deren Überarbeitung. Gleichwohl haben sich im Verlauf Bereiche gezeigt, die weiter verbessert werden können. Dazu zählt einerseits die Delphi-Methodik, die erstmals Internet-basiert durchgeführt wurde. Durch eine noch stringentere Formulierung von Fragen könnte hier eine Entlastung der eigentlichen Konferenz erfolgen, indem allgemein akzeptierte Sachverhalte bereits konsentiert werden und daher nicht erneut im Plenum abgestimmt werden müssen. Weiterhin wäre eine noch effizientere Darstellung der Abstimmungsergebnisse im Plenum der durch den Einsatz der TED-Befragung vorstellbar. Durch diese Methodik können die Abstimmungsergebnisse direkt visualisiert und für die Auswertung gespeichert werden. Dieses Verfahren wurde kürzlich im Bereich der Unfallchirurgie erfolgreich eingesetzt [4]. Durch ein solches Vorgehen erscheint es möglich, dass der enge zeitliche Rahmen für die Abstimmung im Plenum (4,5 Std.) doch ausreichen könnte.
Schlussbemerkungen
Die methodische Vorgehensweise bei der Entwicklung von Empfehlungen spielt eine zentrale Rolle bei der Erstellung oder Überarbeitung einer Leitlinie. Basierend auf den Eckpfeilern "Evidenz"stärke (Literaturbewertung modifiziert nach ÄZQ), Konsensusstärke (Expertenmeinung) und Anwendbarkeit wurde ein Algorithmus erstellt, um die Empfehlungsstärke in "sehr empfehlenswert", "empfehlenswert", "optional" und "keine empfehlenswerte Aussage" einzuteilen. Damit ergänzt dieses methodische Vorgehen wesentlich den organisatorischen Ablauf der Konsensuskonferenz Colitis ulcerosa entsprechend der Empfehlungen der AWMF [1, 5, 6].
Literatur:
Appendix - Teilnehmerliste Konsensuskonferenz 20./21.02.2004
I. Klinische Diagnostik (Vorsitz: H.-J.Brambs, Ulm und J.Riemann, Ludwigshafen) F.Dreher, Rottenburg; H.Herfarth, Regensburg; U. Knebel, Ludwigshafen; D.Ludwig, Lübeck; C.Schmidt, Homburg; H.?J.Schulz, Berlin; F.Seibold, Bern; E.Zillessen, Bad Neuenahr-Ahrweiler
II. Pathologie (Vorsitz: G.Rogler, Regensburg und Ch.Wittekind, Leipzig) F. Bataille, Regensburg; F.Hofstädter, Regensburg; K.Jessen, Kiel; R.Porschen, Bremen; J.Schmidt, Heidelberg; A.v.Herbay, Heidelberg; M.Werner, Freiburg; T.Wiech, Freiburg
III. Akuter Schub incl. Ernährung (Vorsitz: S.C.Bischoff, Hannover und W.Fleig, Halle) R.Behrens, Nürnberg; H.Jenss, Waldshut-Tiengen; B.Küppers, Mannheim; H.Lochs, Berlin; G.Möller, Hanau; A.Reißmann, Halle; J.Stein, Frankfurt; Ch.v.Tirpitz, Ulm
IV. Fulminanter Schub (Vorsitz: H.-P.Bruch, Lübeck und J.Hoffmann, Berlin) S.Buderus, Bonn; K.Fellermann, Stuttgart; V.Groß, Amberg; K.?W.Jauch, München; F.Klebl, Regensburg; A.Raedler, Hamburg; O.Schwandner, Lübeck
V. Chronisch aktiver Verlauf (Vorsitz: A.U.Dignaß, Berlin und J.Schölmerich, Regensburg) Ch.Gasche, Wien; K.Herrlinger, Stuttgart; W.Holtmeier, Frankfurt; K.-M.Keller, Wiesbaden; N.Lügering, Soest; G.Schürmann, Itzehoe; J.Weismüller, Koblenz
VI. Remissionserhaltung (Vorsitz: W.Kruis, Köln und S.Schreiber, Kiel) T.Andus, Bad Cannstadt; B.Franzen, Köln; D.Hüppe, Herne; B.Kretzschmar, Kassel; T.Kucharzik, Münster; G.Oehler, Mölln; G.Pommer, Oldenburg
VII. Karzinomprophylaxe (Vorsitz: A.Kroesen, Berlin und W.Schmiegel, Bochum) P. Armerding, Berlin; F.Autschbach, Heidelberg; B.Bokemeyer, Minden; B.Kaltz , Bremen; B.Klump, Tübingen; G.Moog, Kassel; M.Neurath, Mainz; Ch.Pox, Bochum
VIII. Chirurgie incl. Pouchitis (Vorsitz: H.?J.Buhr, Berlin und E.F.Stange, Stuttgart) F.Hartmann, Frankfurt; U.A.Heuschen, Limburg; E.Jehle, Ravensburg; C.F.Krieglstein, Münster; M.Sarbia, München; A.Stallmach, Essen; M.Utzig, Berlin; L.Wagner, Reutlingen; M.Zeitz, Berlin
IX. Extraintestinale Manifestation (Vorsitz: U.R.Fölsch, Kiel und M.Reinshagen, Ulm) W.Daiss, Waldachtal; R.Duchmann, Berlin; J.Emmrich, Rostock; Ch.Folwaczny, München; M.Göke, Hannover; P.Meier, Hannover; M.Ratzlaff, Reutlingen; M.Strauch, Neubiberg
X. Psychosomatik, komplementäre Therapie (Vorsitz: G.Jantschek, Lübeck und G.Moser, Wien) R.Doßmann, Bad Mergentheim; T.Krummenerl, Münster; H.Matthes, Berlin; J.-D.Schulzke, Berlin; U.Steder-Neukamm, Leverkusen; C.Veltkamp, Heidelberg
XI. Methodik und Zentrale I. Fischer, Tübingen; W. Höhne, Berlin; S. Mundt, Berlin; H.-K. Selbmann, Tübingen
Korrespondenzadresse:
Priv.-Doz. Dr. J. C. Hoffmann
Medizinische Klinik I mit Schwerpunkt Gastroenterologie/Infektiologie/Rheumatologie
Charité, Universitätsmedizin Berlin
Campus Benjamin-Franklin
Hindenburgdamm 30
12200 Berlin
Tel: 030-8445-3950
Fax: 030-8445-4481
e-mail: joerg.hoffmann@charite.de
