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| Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften |
| AWMF-Leitlinien-Register | Nr. 013/024 | Entwicklungsstufe: | 2 + IDA |
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Problemstellung
Die genannte Definition psychosomatischer Aspekte in der Dermatologie im Sinne des biopsychosozialen Krankheitsmodells impliziert, daß bei jedem Patienten und jedem Symptom diese Faktoren betrachtet werden müssen. Darüber hinaus sollen Problembereiche, bei denen häufig oder implizit psychosomatische Grundkenntnisse notwendig sind, für die Hautarztpraxis definiert werden.
Strukturqualität der dermatologischen Ausbildung
Jeder Facharzt für Dermatologie soll nach abgeschlossener Weiterbildung und Gebietsanerkennung in der Lage sein, die in der Definition genannten Inhalte zu beherrschen und diese adäquat in der Praxis umsetzen zu können.
Dies beinhaltet i.d.R. eine von der jeweiligen Landesärztekammer festgelegte Ausbildung in psychosomatischer Grundversorgung. Diese kann bei den Fortbildungsakademien der Landesärztekammern, an Psychotherapeutischen Weiterbildungsinstituten oder im Baukastenprinzip durch den "Arbeitskreis Psychosomatische Dermatologie der DDG" erworben werden.
Für die Dermatologie werden außerdem mindestens 5 in Supervisions-Seminaren vorgestellte Patientenfälle psychosomatischer Hautpatienten erwartet.
Darüber hinaus sind Kenntnisse der theoretischen Aspekte speziell von Hautpatienten (taktile Entwicklungspsychologie, Affekt der Scham, Nähe-Distanz-Konflikt etc.) erforderlich. Die Strukturqualität kann auch durch langjährige Erfahrung und Anwendung psychosomatischer Grundkenntnisse (d.h. dokumentierte regelmäßige Durchführung von Gesprächsleistungen) gesichert werden.
Anwendungsbereiche der Leitlinie
Psychosomatische Hauterkrankungen im engeren Sinne werden in 3 Gruppen eingeteilt:
Der Vorteil eines integrativen Behandlungskonzeptes liegt darin, daß weder somatische noch psychotherapeutische Gesichtspunkte außer acht gelassen werden. Die Tatsache, daß integrative Modelle der Zusammenarbeit zwischen Hautkliniken und Psychosomatik erst an wenigen Kliniken etabliert sind, mag auch einen Grund darin haben, daß Hautpatienten konflikthafte Themen meiden und sich auf ihr Hautorgan zurückziehen und somatische Aspekte in den Vordergrund stellen. Auch sind nicht sämtliche Patienten, bei denen eine psychosomatische Hauterkrankung vorliegt, zu einer Psychotherapie motiviert. Einen wichtigen Gesichtspunkt bei der Indikationsstellung zu einer Psychotherapie stellt die Psychotherapiemotivation des Patienten dar. Diese ist bei Hautpatienten im Vergleich zu anderen psychosomatischen Patienten hochsignifikant verringert (ebmI).
In einer 1999 durchgeführten Umfrage an 69 Hautkliniken Deutschlands zeigte sich ein deutlicher Trend psychosomatische Aspekte bei der Behandlung der Hautkranken zu berücksichtigen.
In den Hautkliniken, die den Fragebogen zurückgeschickte hatten (51%) gaben ca. 80% der Kliniken an, daß sie psychosomatische Aspekte in der Therapie der Hautpatienten berücksichtigen. Insgesamt 5% aller in Hautkliniken arbeitenden Mitarbeiter haben nach diesen Angaben eine qualifizierte Ausbildung in einem psychotherapeutischen Verfahren oder der psychosomatischen Grundversorgung.
Am häufigsten werden Konsilangebote aus der Psychiatrie (71%), von niedergelassenen Psychotherapeuten (43,5%) oder vom psychosomatischen Konsildienst (30,4%) angenommen, so daß insgesamt von einer guten Zusammenarbeit auszugehen ist.
Allerdings sind nur 46% der Hautkliniker der Meinung, daß ihre psychosomatische Versorgung ausreicht. Stationär arbeitende Dermatologen waren im Durchschnitt der Ansicht, daß bei knapp einem Viertel der Hautkranken ein psychosomatisches Therapieangebot notwendig ist. Diese Schätzung liegt nur marginal unter den aus Studien bekannten Prozentzahlen. Der Anteil an somatoformen Störungen bei der differentialdiagnostischen Erfassung wird mit knapp 10% zu niedrig eingeschätzt, da diagnostische Erhebungen gezeigt haben, daß mit ca. 18% aller Patienten zu rechnen ist, die eine sogenannten somatoforme Störung haben und damit den herkömmlichen Therapieansätzen meist sich widersetzen (ebmII).
Betrachtet man die differenzierte Bewertung der Dermatologen zu den einzelnen vorgegebenen Krankheitsbildern so wird deutlich, dass es bei deren diagnostischer Beurteilung unterschiedliche Antworten hinsichtlich der Annahme gibt, ob die Erkrankung kausal bzw. wesentlich von psychosomatischen Faktoren beeinflusst wird, und ob eine adjuvante oder begleitende psychosomatische Intervention oder keine Intervention für erforderlich gehalten wird. Während bei Krankheitsentitäten wie Dermatozoenwahn, Trichotillomanie, Artefakt-Krankheit, Acne excoriée und Pruritus sine materia meist eine kausale oder mindestens adjuvante Intervention für erforderlich gehalten wird, geben die stationär behandelnden Dermatologen bei Erkrankungen wie Tinea pedum, Basaliom, Verrucae vulgaris, seborrhoischem Ekzem und Virusinfektionen keine Begleittherapie als sinnvoll an. Hier erweist sich die bisherige Abschottung klinischer Disziplinen im stationären Sektor als Hindernis eines notwendigen fachübergreifenden Krankheits- und Behandlungsverständnisses. Bei den chronischen entzündlichen Dermatosen wie Neurodermitis, Psoriasis, Urticaria, Acne vulgaris aber auch Sklerodermie und Melanom wird eine adjuvante Intervention als sinnvoll angesehen. Bei den Dermatosen: Lichen ruber, Hyperhidrosis, Rosacea und dyshidrosiformes Ekzem werden von den Dermatologen sehr unterschiedliche Bewertungen zu psychosomatischen Aspekten abgegeben.
In der Umfrage stellte sich heraus, daß als häufigstes Therapieverfahren die Gabe von Psychopharmaka mit fast 80% angegeben wird. Psychotherapeutisch vertiefte Gespräche werden in 72,5% angewendet. Diese Zahlen lassen allerdings eine gewissen Unkenntnis der Somatiker vermuten, da gleichzeitig kassenärztlich anerkannte Psychotherapieverfahren wie Verhaltenstherapie nur mit 36,2% und psychodynamische fundierte Therapieverfahren nur mit 20,3% angegeben werden. Eine größere Bedeutung haben offenbar Entspannungsverfahren.
Beim Vergleich der Einschätzung zur Bedeutung psychischer Faktoren bei einzelnen Krankheitsbildern mit einer Befragung 10 Jahre vorher zeigte sich, daß nahezu bei allen Dermatosen, die abgefragt wurden, die Bedeutung psychischer Faktoren höher eingeschätzt wurde als vor 10 Jahren. Lediglich bei zwei Dermatosen (seborrhoisches Ekzem und Hyperhidrosis) wurden weniger Prozentpunkte im Durchschnitt vergeben. Dies könnte darin begründet sein, daß bei diesen Erkrankungen Hinweise auf eine Erregerbedingte Störung in den letzten Jahren häufig publiziert wurden bzw. ein besseres Behandlungsverfahren durch die Injektion von Botulinumtoxin sich etabliert hat.
Als Erwartung an die psychosomatische Versorgung der Zukunft geben die Hautkliniken vor allem die verbesserte Krankheitsbewältigung durch die Patienten an und Hinweise hinsichtlich des Einsatzes von Psychopharmaka.
Hautärzte rechnen nach vorliegenden Statistiken die psychosomatische Grundversorgung deutlich weniger ab als vergleichbare ärztliche Berufsgruppen wie Gynäkologen und Urologen.
Die Verhaltenstherapie strebt eine zielgerichtete Veränderung dysfunktionaler Erlebens- und Verhaltensmuster an. Beispiele sind das Einüben von Selbstsicherheit oder einer besseren Kontrolle über das Kratzen. Grundlage ist hier ein empathischer Therapeut, der zunächst gemeinsam mit dem Patienten eine Analyse der aktuell relevanten Probleme erarbeitet. Hiervon ausgehend, im "hier und jetzt", werden Strategien zur konstruktiven Problemlösung entwickelt. Dabei wird von lerntheoretisch begründeten Modellen ausgegangen, die der Therapeut auf Situation und Möglichkeiten des Patienten adaptiert. Das zielorientierte und dabei auch für den Patienten transparente Vorgehen bedeutet die Möglichkeit auch für den tendenziell zunächst eher unmotivierten Patienten einen Zugang für psychosomatische Zusammenhänge zu schaffen. Es werden Zwischenschritte definiert, die dann nach entsprechender theoretischer Vorbereitung, im Rahmen von Übungen avisiert werden. Im positiven Fall bedeutet dies für den Patienten Erfolg, im negativen Fall gibt es Anlass zu einer Überprüfung der Problem- bzw. Bedingungsanalyse. Studien belegen die Wirksamkeit verhaltenstherapeutischer Ansätze u.a. in Bezug auf die Juck-Kratz-Problematik (Stimuluskontrolle), Stigmatisierung (Exposititionstherapie), Angst- und somatoforme Störungen, Depressionen u.a..
In der klientenzentrierten Gesprächspsychotherapie fördert der Therapeut durch "Wertschätzung", "einfühlendes Verstehen" und "Echtheit" die Bestrebungen des Patienten, Inkongruenzen zwischen den Erfahrungen und seinem Selbstkonzept auszugleichen. Auch wenn letztere Psychotherapieform in Deutschland zur Zeit kein krankenkassenrechtlich anerkanntes Verfahren ist, soll es dennoch genannt werden, da es eines der verbreitetsten Therapieverfahren in der Welt ist.
Die Studienlage zur differenziellen Wirksamkeit bestimmter Psychotherapieverfahren bei einzelnen Hauterkrankungen ist uneinheitlich bzw. nicht ausreichend untersucht. Hingegen ist die Wirksamkeit bei im Vordergrund stehenden psychischen Störungen, wie Angsterkrankungen und Depression (depressiver Krankheitsverarbeitung), hinreichend belegt.
Psychotherapie kommt in folgenden Formen zur Anwendung:
Marburger Haut-Fragebogen (MHF), Freiburg Life Quality Assessment (FLQA) und Skindex (Fragebogen zur Lebensqualität bei Hautpatienten in deutscher Übersetzung), FEH (Fragebogen zur Entstellung bei Hautpatienten, JKV (Juckreiz-Kognitions-Fragebogen), Fragebogen für Eltern von Neurodermitis-Kindern (FEN), Lebensqualität von Eltern von Neurodermitis-Kindern; Hautzufriedenheitsfragebogen (HautZuf) (ebmI-II), (siehe auch Leitlinie Lebensqualität in der Dermatologie von Augustin et al für die DDG).
Darüber hinaus gibt es Testinventare, die auch auf andere Erkrankungen zutreffen und die zum Vergleich zwischen Hautpatienten und sonstigen Erkrankungsgruppen angewendet werden können:
Bei folgenden Hauterkrankungen liegen nach der Literaturübersicht methodisch gesicherte Daten zum psychosomatischen Behandlungsaspekt vor. Wenn bei den ICD-10 Kodierungen eine oder mehrere F-Diagnose/n (psychische Störung) vorliegt/en, wird/werden diese zusätzlich zur dermatologischen Kodierung aufgeführt.
Es wird auf die einzelnen Darstellungen verwiesen:
Suizid kann sich in Form eines "präsuizidalen Syndroms" ankündigen: Einengung im Denken, Autoaggression und Selbstmordphantasien. Oft gingen akute oder chronische Beziehungskrisen, Verlusterlebnisse oder Belastungen anderer Art voraus. Vor diesem Hintergrund sollten durch ihre dermatologische Erkrankung hochbelastete Patienten, zumal wenn es weitere Anzeichen für eine psychische bzw. psychiatrische Problematik gibt, aktiv auf eben diese Möglichkeit angesprochen werden. Grundlage jeder Krisenintervention ist die Herstellung eines vertrauensvollen, d.h. nicht vorwurfsvollen oder moralisierenden ärztlich-therapeutischen Kontaktes. Darauf aufbauend können Kontakte zu weiterbetreuenden Institutionen bzw. Kollegen vermittelt werden. Soweit Patienten diesbezüglich nicht absprachefähig erscheinen, ist die Verbringung in eine geschlossene psychiatrische Einrichtung mit richterlichem Beschluss möglich (Siehe hierzu auch die psychiatrischen Leitlinien der AWMF).
unter Mitarbeit von:
unter Mitarbeit von:
Prof. Dr. M. Augustin / Hamburg; Prof. Dr. K. Bosse/ Göttingen, Priv.-Doz. Dr. B. Brosig / Gießen; Dr. S. Gass/ Pfronten, Prof. Dr. U. Gieler/ Gießen, Priv.-Doz. Dr.med. Dr. phil. A. Hillert / Prien; Dr. C.-M. Höring / Stuttgart; Priv.-Doz. Dr. J. Kupfer / Gießen; Priv.-Doz. Dr. V. Niemeier / Gießen; Prof. Dr. G. Schmid-Ott / Hannover; Priv.-Doz. Dr. Dipl.-Psych. K. Seikowski / Leipzig; Dr. T. Simmich/ Dresden; Prof. Dr. Dipl.-Psych. U. Stangier / Jena, Prof. Dr. K.-M. Taube/ Halle, Dr. J. Wehrmann/ Bad Berleburg
ICD-10:
A60.0, B00.1, C43, C44, F20-F29, F22.8, F43, F45, F45.2, F45.8, F52, F54, F54. ggf. F 43.2, F54. ggf. F 43.2, F63.3, F63.8, F68.1, I87, J30.1 - J30.3, L20, L21, L23 - L30, L25, L28.1 - L28.2, L43, L50, L63, L75.0, L75.1, L40.0 F54, L63, L65.8, L68, L70, L71, L71.0, L80, L93, L94.0, L97, L98.1, M32, M34, Q81, R61, T78
