AWMF online |
| Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften |
| Idealbedingungen ("efficacy") | Alltagsbedingungen ("effectiveness") | |
|---|---|---|
| Patientencharakteristika | homogen zusammengesetzt, oft nur männlich und auf bestimmte, meist jüngere Altersgruppen begrenzt, meist keine Komorbidität | heterogen zusammengesetzt, Patienten unselektiert, beide Geschlechter, alle Altersgruppen |
| Prozeduren | standardisiert | variabel |
| Studienbedingungen | ideal, meist unter strikter Einhaltung eines Studienprotokolls, meist in Universitätskliniken | Bedingungen der täglichen Praxis |
| Ärzte | Experten eines bestimmten Gebiets | alle Ärzte |
1. Zur Frage: "Warum ist die Wissenschaft in der Medizin in die Defensive geraten?"
Mit Bezug auf Ihres Beitrag ging es mir darum darzulegen, daß mit dem hehren Ziel, "Erkenntnis der Wahrheit" allein heutzutage nicht mehr viel Staat zu machen ist. Der Zeitgeist verlang nach der Vermarktung des Wissens, da kann man sich nicht lange aufhalten mit den so mühsam zu erringenden Qualifikationen. Solides wissenschaftliches Handwerk von Pfusch zu unterscheiden, setzt sehr viel Kenntnis voraus, sowohl von der Natur der Krankheit wie auch der Wirksamkeit ihrer Behandlung, ganz zu schweigen vom Wirksamkeitsnachweis nach den Regeln der biomathematischen Kunst. Diesbezüglich verhalten sich auch Sozialrichter wie Laien, sie suchen für ihre Urteile nicht nach dem Sachstand der epidemiologischen Forschung, sondern nach der Verteilungsgerechtigkeit. Vielleicht wäre es hilfreich, in einer gemeinsamen Veranstaltung den Wissenschaftsbegriff der Jurisprudenz zu erörtern, damit die Ergebnisse klinischer Wissenschaft bei Sozi-algerichtsverfahren adäquat wahrgenommen werden können.
2. Zur Frage "Was ist zur besseren öffentlichen Darstellung der Wissenschaft in der Medizin zu tun?"
Eine besondere Schwierigkeit für die Akzeptanz in der Öffentlichkeit besteht darin, die Desillusionierung vertreten zu müssen. Wissenschaft allein hilft hier nicht weiter, es gehört der Mut zur Wahrhaftigkeit dazu, d. h. Abstand zu gewinnen vom Image des "Doktor Allwissend", um zugeben zu können, welche möglicherweise für Allokation von Ressourcen entscheidenden Fragen z. Zt. nicht beantwortet werden können.
Es ist unrealistisch und nach meiner Auffassung auch nicht erstrebenswert, den in der öffentlichen Diskussion häufig falsch verstandenen und mit negativen Assoziationen verbundenen Begriff "Schulmedizin" quasi wie durch einen geschickten Werbetrick durch einen anderen, positiv besetzteren auszutauschen. Konnotationen zu Begriffen ändern sich nur langsam und prozeßhaft. Es erscheint mir daher angebracht, Aspekte der wissenschaftlichen Medizin, die als wichtig und wünschenswert erachtet werden, in den Vordergrund zu rücken. Da gegenwärtig die Evidence Based Medicine "in" ist und auch in nichtmedizinischen Medien zunehmend diskutiert wird, sollte nach meiner Auffassung die damit verbundene Chance genutzt werden, offensiv darzustellen, daß eine gute Schulmedizin evidence based und rational ist. Also die Botschaft würde dann lauten: Gute Schulmedizin ist Evidence Based Medicine, und eine unkonventionelle Medizin ist das eben nicht.
Wenn wir unser eigenes Tor nicht sauber halten, büßen wir Punkte ein. Wenn z.B. Zusatzbezeichnungen wie Homöopathie, Umweltmedizin und Naturheilkunde vergeben werden, muß "wohl etwas dran sein". Diese grundätzliche Anerkennung kann sehr generös ausgelegt und ausgedehnt werden. Das Gleiche gilt für die Psychotherapie. Die "besondere" Therapie im Sinne des Arzneimittelgesetztes findet ihr Gegenstück in den "umstrittenen" Arzneimitteln der Schulmedizin. Die Binnenanerkennung laut SGV wird hier ersetzt durch die schlichte Leugnung der Existenz "umstrittener" Arzneimittel (so hier der Ärztefunktionär Kossow, Hannover), d.h. der Konsens der Ärzteschaft genügt. Daß Tausende von Arzneimitteln seit 1976 (bis 2005) hierzulande nur vorläufig zugelassen sind, weiß inzwischen sogar der Spiegel und die EU. "Evidenc-based medicine" bringt ins Bewußtsein, wofür die "Evidence" fehlt, aber man sollte von ihr nicht verlangen, daß sie dieses Problem der Unschärfe der Medizin als Handlungswissenschaft löst.
Der Unterschied zwischen Schulmedizin und alternativer Medizin ist gleichwohl grundsätzlich: Während die erste sich bemüht, ihre Schwächen zu erkennen und nach Möglichkeit zu beseitigen, setzt die alternative medizin alles daran, ihre Schwächen zu verdecken.
Die Bereitschaft, einen Irrtum zuzugeben, macht die Schulmedizin unendlich viel attraktiver als die alternative Schwester, wenn es um Zeit, Geld und persönlichen Einsatz geht.
Die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie hat einen Pressesprecher und unter Vertrag eine freie Medizinjournalistin, die beide für die Öffentlichkeits- und Pressearbeit der Gesellschaft verantwortlich sind. Sie bereiten einmal die Pressekonferenzen mit den Medienvertretern vor. Diese finden jeweils am Vortage vor den beiden Jahreskongressen statt. Es werden Pressemappen mit vorbereitetem Material verteilt. Entsprechend dem Schwerpunkt des Kongresses organisieren sie, daß ausgewählte Referenten den Medienvertretern Rede und Antwort stehen. Darüber hinaus berichtet die Medizinjournalistin im Verlaufe des Jahres über wichtige kardiologische Arbeiten bzw. Referate oder Symposien, die dann zum Teil z. B. in der Mittwochsbeilage der FAZ erscheinen.
Wir in Aachen haben unter Federführung unseres Chirurgen, Herrn Kollegen Schumpelick, mit der Aachener Zeitung ein sogenanntes Medizinforum ins Leben gerufen, das eine große Akzeptanz in der Bevölkerung findet. Es werden etwa vierteljährlich allgemein inter-essierende Gesundheitsprobleme wie z. B. die Beeinflussung von kardiovaskulären Risikofaktoren, Kopf-schmerzen etc. interdisziplinär abgehandelt. Das Medizinforum, das von einer Medizinjournalistin der Aachener Zeitung moderiert wird, wird eingeleitet durch kurze 5- bis 10minütige Übersichtsreferate von Medizinern der unterschiedlichen Fachrichtungen. Dabei wird auf eine ausgewogene Besetzung geachtet. Es ist immer ein niedergelassener Fachkollege, ein Vertreter eines benachbarten nicht universitären Krankenhauses und ein Mitglied unserer Fakultät vertreten. Anschließend wird frei diskutiert. Die Veranstaltung wird vorab in der Zeitung angekündigt und am nachfolgenden Samstag auf einer Sonderseite nachbearbeitet. Die Akzeptanz ist teilweise in Abhängigkeit vom Thema so groß, daß ein großer Hörsaal mit einer Kapazität von 350 Personen nicht ausreicht. Es wird dann per Video in einen benachbarten Hörsaal übertragen.
Die Betrachtung des Generalthemas hat drei Gesichtspunkte zu beachten: In den Jahrzehnten nach Ende des Zweiten Weltkrieges hat sich die Medizin verändert, die informativ tätigen Medien haben sich gewandelt und der gesundheitsbezogene Informationsstand des Nicht-Mediziners ist ein anderer geworden.
a) Noch in den 50er Jahren war die Medizin dominierend strukturinformiert, begleitet von allgemeinen chemischen und physikalischen Gesichtspunkten. So forschte man z. B. über die gesundheitsbezogene Bedeutung des vergrößerten Sportherzens und konnte auch dem Nicht-Mediziner leicht verständlich machen, daß ein in der Struktur gesundes, aber durch Anpassung an erhöhte Belastung vergrößertes Herz eine größere Blutmenge transportieren und damit eine größere körperliche Leistungsfähigkeit ermöglichen kann. Ein solcher Vorgang ist auch dem Nicht-Mediziner leicht verständlich zumachen. Von der dominierend strukturellen Betrachtungsweise ging die Medizin dann aber mehr und mehr in die molekularbiologische und schließlich in die genbezogene Forschung über. Die dabei auftretenden Unterschiede zwischen untrainierten und trainierten Herzen aber sind wesentlich schwieriger zu veranschaulichen als z. B. das Modell eines Ballons mit kleinem oder großem Volumen. Bei einem Vortrag von Nicht-Medizinern muß man sich infolgedessen einer nicht nur allgemein verständlichen Ausdrucksweise als Grundvoraussetzung des Verständnisses, sondern auch einer allgemein verständlichen Erklärung für molekularbiologische Vorgänge bedienen. Das erfordert spezifisches rhetorisches Geschick und das Einüben von Sprachtechniken, die in der Fachsprache bei der Diskussion mit dem Kollegen unüblich sind.
b) Auch die Medien haben sich geändert. Der immer härter gewordene Konkurrenzkampf läßt die Quoten von Sehern oder Hörern wie auch Lesern wichtiger werden als inhaltliches Niveau, da keineswegs beides konform gehen muß. Traten in den 60er Jahren z. B. die Fernsehanstalten an mich heran mit Fragen nach Möglichkeiten zur Gesundheitsförderung durch Sport oder Training, ist das heute in erster Linie der Fall bei Dopingskandalen oder personenbezogenen Auseinandersetzungen. Oft hat man den Eindruck, daß eine gute Nachricht keine Nachricht ist, sondern nur eine negative oder skandalumwitterte. Das erschwert ungemein das Einbringen neuer Erkenntnisse von wissen-schaftbsbezogener Medizin in die Bevölkerung.
c) Im Gegensatz zu früheren Jahrzehnten haben heute zahlreiche Print-, Seh- und Hörmedien einen Gesundheitsteil. Dadurch ist der Nicht-Mediziner weitaus besser über zahlreiche Krankheiten informiert als noch vor wenigen Jahrzehnten. Zwangsläufig handelt es sich um ein Halbwissen, womit aber der Arzt konfrontiert ist. Er muß sich hiermit auseinandersetzen. Auch das erfordert Wissen, rhetorisches Geschick, allgemein verständliche Ausdrucksweise und psychologisches Einführungsvermögen, um beispielsweise den Patienten nicht vor den Kopf zu stoßen.
Zur Abschlußdiskussion: Die Zusammenarbeit des wissenschaftlich tätigen Arztes mit dem Journalisten muß natürlich seitens des Arztes voraussetzen können, daß es sich um eine wahre Wiedergabe seiner Ausführungen handelt, d. h. ohne tendenziell verändernde Einschiebungen oder Wortwahlen. In dieser Hinsicht sind oftmals sehr negative Erfahrungen gesammelt worden. Ferner sollte nach jedem Interview für Druckmedien die Gelegenheit zur Durchsicht des geschriebenen Textes und damit zur Korrektur gegeben werden. Das verlangt auch die Bundesärztekammer.
Um die medizinbezogene Wissenschaft breiter, tiefer und sauberer in die Bevölkerung zu bringen, bieten sich als Maßnahmen an: ärztliche Vorträge schon in Grund- und Oberschulen, Berufsschulen, Volkshochschulen, Vorträge in Vereinen und Institutionen unterschiedlichster Art. Eine Kontaktaufnahme der AWMF zur "Vereinigung Deutscher Fach- und Standespresse" bietet sich an, worin alle ärztlichen und nicht-ärztlichen, über Gesundheit und Medizin schreibenden Journalisten zusammengefaßt sind.
Bei der Arzneimittelzulassung haben wir in Deutschland eine außergewöhnliche Situation, die sich von anderen Ländern maßgeblich unterscheidet, seitdem die Transparenzkommission aufgelöst und das Problem der Nachzulassungen nicht konsequent weiterverfolgt wurde. Deshalb dürfte eine Diskrepanz zu den von der EU vorgegebenen gesetzlichen Regelungen bestehen, wozu wohl auch das sogenannte Lannoy-Papier zu beachten ist. Daher die Frage: Inwieweit kann EU-Recht noch verhindern, daß die Bundesregierung weiterhin auf die Prüfung von Wirksamkeit und Wirtschaftlichkeit bei zahlreichen Arzneimitteln verzichtet?
Die künftige Strategie einer "seriösen Medizin" wird zu beachten haben, was in seltener Offenheit durch H. Keine/Freiburg (Naturheilpraxis 1997) als Richtlinien der Alternativen vorgegeben wurde, daß man nämlich "die Ideologie des methodologischen Monismus überwinden und zeigen müsse, daß die pauschale Forderung nach kontrollierten Studien nicht legitim ist und das ärztliche Wirksamkeitsurteil der Praktiker im allgemeinen verläßlich ist. Man müsse 1. Das Interesse der Bevölkerung an der unkonventionellen Komplementärmedizin, 2. Unkonventionelle Politiker und 3. Unkonventionelle innovative Wissenschaftler zusammenkoppeln." Daraus müssen sich folgende Aktivitäten als nötig ableiten, mit dem Ziel, die bestehenden Defizite der Information im Hinblick auf Risiken und Kostensteigerungen durch alternative Heilmittel baldmöglichst abzubauen, was als DÜSSELDORFER MANIFEST zu veröffentlichen wäre.
Wichtig aber schwierig zu erreichen dürfte eine Beeinflussung auf politischer Ebene sein, trotzdem wäre ein Rundschreiben an die Mitglieder und vertreter im Gesundheitsausschuß des Bundestages sinnvoll. Darin sollte nochmals auf die Verhängsnisvollen Konsequenzen der gesetzlichen Neuregelung (§135 SGB V) und auf die Probleme des Wirksamkeitsnachweises aufmerksam gemacht werden.
Zielgruppen für allgemeine Information und Aufforderung zur aktiven Mithilfe sind:
Ich schlage daher vor, daß außenstehende Medienberater bzw. Rhetoriklehrer eine Gruppe von Kollegen, die eine gute Grundkenntnis in den kritischen Gebieten besitzen, wie Onkologie, Transplantationsmedizin, Ernährungsmedizin und Stofffwechsel, experimentelle Medizin und Tierversuche usw., in einigen Seminaren schulen, durchaus vor laufender Kamera, mit gestellter kontroverser Diskussion und mit nachfolgender Selbstkritik.
In diesem Zusammenhang erscheint es mir wichtig zu sein, Roß und Reiter zu nennen. Wir kennen viele Beispiele, die wir schriftlich sammeln sollten, in denen durch paramedizinische Aktivitäten Patienten geschädigt worden sind, überwiegend im Sinne der unterlas-senen Hilfeleistung durch das Verhindern wirkungsvoller Therapieprinzipien. Ich empfehle eine zentrale Sammelstelle einzurichten, in der Einzelbeispiele dokumentiert und ggf. auch abgerufen werden können.
Nach meiner persönlichen beruflichen Erfahrung aus der Klinik und aus den letzten Jahren im Medizinischen Dienst haben besonders Patienten, die mit den unkonventionellen diagnostischen und therapeutischen Verfahren sympathisieren, Komminikationsprobleme mit den naturwissenschaftlich orientierten Ärzten.
Gründe hierfür sind u. a.:
- die akademische Sprache der Ärzte
- das mangelnde Verständnis mancher Ärzte für subjektive Ängste und Vorbehalte gegenüber "schulmedizinisch" geprägter Therapie: Kortinsonphobie, die sogenannte "chemische Keule", die unter Umständen angsteinflößende Darstellung von Arzneimittelnebenwirkungen auf Beipackzetteln
- die oft unzureichende Kenntnis der Ärzte über unkonventionelle Verfahren.
Manchen chronisch oder lebensbedrohlich kranken Menschen vermittelt die naturwissenschaftlich ausgerichtete Medizin nicht das Signal einer wissenschaftlich begründeten Hoffnung, sondern sie verunsichert im Sinne einer "therapeutischen Bedrohung".
Diese Patienten vergleichen die vertragsärztliche Therapie mit der Außenseitermedizin nicht nur in bezug auf die versprochene Wirkung, sondern vor allem auch im Hinblick auf die vermuteten Nebenwirkungen.
Es ist aus meiner Sicht deshalb wenig hilfreich, wenn der behandelnde Arzt dem Patienten gegenüber die unkonventionellen Methoden summarisch als Unsinn abtut. Wenn der Arzt nicht durch Sachargumente beweisen kann, daß er weiß, wovon er redet, wird er unglaubwürdig und verspielt das Vertrauen seines Patienten.
Die Notwendigkeit der Qualitätssicherung in der medizinischen Forschung ist unstrittig. Dem Patienten nützt Wirksamkeit, Wirkung genügt nicht. Entsprechend sind aber auch die unkonventionellen Ansätze von einem Praxiseinsatz zu evaluieren. Auch hier müssen eventuelle Nebenwirkungen dargestellt werden.
Im medizinischen Alltag muß der Arzt jedoch lernen, die Sprache des hilfesuchenden Menschen zu sprechen. Hier kann er von den Anbietern alternativer Methoden lernen. Basiswissen des Hausarztes als erstem Gesprächspartner des Patienten zu unkonventionellen Methoden ermöglicht eine geeignete Beratung.
- Leitlinien für unwissenschaftliche Methoden
Die wissenschaftlichen medizinischen Fachgesellschaften erarbeiten zur Zeit Leitlinien für Diagnose und Therapie und legen auf abgestimmte Weise fest, was beim gegenwärtigen Stand des Wissens und Könnens bei bestimmten Erkrankungen ärztlich empfohlen wird. Zwar enthalten diese Leitlinien auch Hinweise für obsolete Methoden, eine systematische Behandlung der unwissenschaftlichen und unwirksamen Methoden gibt es nicht. Es wäre daher die Frage zu stellen, ob nicht auch die unwissenschaftlichen Methoden, zwar nicht in Form von Leitlinien, aber in Form einer Negativliste aufgeführt werden sollten, damit die Patienten nicht Zeit und Geld verlieren und sich die Erkennung und Behandlung ihrer Erkrankung nicht verzögert.
- Vorwurf: Mainstream-Journalismus
Im Journalismus gibt es bedauerlicherweise Modeerscheinungen und auch generelle Trends, die nicht durch die wissenschaftlichen medizinischen Fachgesellschaften gebrochen werden konnten. Der Versuch, über die Redakteure Positivdarstellungen von wichtigen Forschungsergebnissen, bewährten Diagnose- und Therapieverfahren der Öffentlichkeit zu vermitteln, stößt häufig auf Widerstand. Als Beispiel nenne ich nur Tierversuche, Gentechnologie usw. Der Vorschlag, die Programmdirektoren zu einer Diskussionsrunde zu laden und mit Ihnen eine Strategie zu erarbeiten, ist bisher gescheitert.
Ich stelle daher die Fragen an die anwesenden Journalisten: Welche Wege müssen wir gehen, um hier efffektiv zu werden? Warum werden die alternativen Verfahren, deren Wirksamkeit und Nützlichkeit nicht nachgewiesen ist, dennoch von den Medien verbreitet? Warum nutzen Sie nicht die Fachauskunft der AWMF?
Die wissenschaftliche Methodik in der Medizin ist deutlich naturwissenschaftlich ausgerichtet und orientiert sich am Ideal des (physikalischen) Laborexperiments. Für die Evaluation der Effektivität neuer therapeutischer Methoden oder pharmazeutischer Präparate kommt die streng randomisierte Doppelblindstudie klar definierter Patientenpppulationen (operationalisierte Diagnosekriterien) mit vorab bestimmten Stichprobengrößen unter Berücksichtigung der Problematik des Alpha- und Betafehlers diesem Ideal eindeutig am nächsten.
Die ärztliche Ethik und auch die verschiedenen Rechtsvorschriften erfordern es, daß nur individuell aufgeklärte Patienten mit schriftlicher Einverständniserklärung an solchen Studien teilnehmen können. Aus verschiedenen Ressourcengründen können solche aufwendigen Studien in der Regel auch nur an bestimmten klinischen Zentren durchgeführt werden (z. B. Universitätskliniken und akademische Lehrkrankenhäuser sowie deren Ambulanzen, soweit noch vorhanden).
Diese grundsätzlichen ethisch bestimmten und praktisch relevanten Voraussetzungen bringen eine erhebliche Selektion der in die Studien eingeschlossenen Patienten mit sich. Der Vorteil einer am Experiment orientierten "objektiven Wahrheitssuche" dieser randomisierten Doppelblindstudien wird mit dem Nachteil einer großen Problematik bei der Generalisierung der ermittelten Ergebnisse /Effekte auf die gesamte Patientenpopulation unter Routinebedingungen erkauft. Man weiß z. B., daß es zumeist viele Jahre dauert, bis neue pharmazeutische Präparate, deren neue und effektivere Wirkprinzipien in Doppelblindstudien belegt wurden, tatsächlich in nennenswertem Umfang Eingang in die therapeutische Alltagspraxis und damit ihren Weg zur besseren Versorgung der Patienten finden.
Dies galt auch in einer Zeit, in der die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen noch wesentlich besser waren als gegenwärtig in Deutschland und über Budgetierungen noch keine Limitationen der Verordnung neuer und meist teurerer Präparate bestanden.
Eine der Ursachen hierfür liegt m. E. in der gewählten Methodik selbst, die eben nicht in der Lage ist, die "Unschärfen" der gesamten Patientenpopulation unter Alltagsbedingungen abzubilden, sondern Effekte nur für eine hoch selektierte Klientel "besonderer" Patienten zu belegen beiträgt. Bei meiner Fortbildungstätigkeit bei niedergelassenen ÄrztInnen wird mir dies immer wieder bestätigt: Die neuen wissenschaftlichen Ergebnisse werden interessiert zur Kenntnis genommen, deren Alltagstauglichkeit aber sofort infrage gestellt. Aus meiner Sicht ist daher beides für eine gute medizinische Wissenschaft nötig: Randomisierte Doppelblindstudien und klinisch evaluative Studien unter Alltagsbedingungen sowie gut dokumentiere und nachvollziehbar dargestellte Einzelfallsammlungen.
Einleuchtend ist, daß Ergebnisse, die nur bei hochselektierten Patientengruppen unter den besonderen Bedingungen der kontrollierten Studiendesigns gewonnen wurden, dann schlußendlich auch kaum eine Bedeutung für die Mehrzahl der Patienten (und damit der Bevölkerung) im Versorgungsalltag erlangen, weil sie schlicht und einfach nicht in großem Umfang oder erst nach langer Verzögerung in hinreichendem Umfang angeboten und akzeptiert werden.
Die Verpflichtung zur "reinen wissenschaftlichen Lehre" und deren Institutionsalisierung verstellt manchem Wissenschaftler auch den Blick für die Probleme der alltäglichen Praxis und für die Krankheitskonzepte der Patienten. Eine stärkere und ernsthaftere Auseinandersetzung mit diesem Problem würde aus meiner Sicht wesentlich zu einer Verbesserung des Ansehens der medizinischen Wissenschaft in der Bevölkerung beitragen.
Hierzu einige konkrete Vorschläge:
Im Fachgebiet der Psychiatrie und der Psychotherapeutischen Medizin verläßt man den Begriff der "Compliance" grundsätzlich. Während der Begriff der Compliance die Verantwortung für das Einhalten der empfohlenen therapeutischen Maßnahmen (z. B. das Einnehmen der verordneten Medikamente) einseitig dem Patienten zuschreibt, wird durch die Betonung des therapeutischen Bündnisses zugleich die Mitverantwortung des Arztes und die Bedeutung psychotherapeutischer Aspekte jeder Behandlung deutlich. In den USA wurde der Slogan geprägt "Alliance instead of Compliance". Dies setzt aber voraus, daß sich auch die medizinische Wissenschaft ernsthaft mit Fragen der Krankheitskonzepte und Wirksamkeitserwartungen in der Bevölkerung auseinandersetzt. Derartige Forschung braucht andere und neue wissenschaftliche Methoden. Derartige Forschung muß aber in der "scientific community" auch ernstgenommen werden, sie muß gefördert werden. Dies einseitig in den Bereich psychotherapeutischer und psychologischer Forschung zu delegieren, damit sich die Mehrzahl der medizinischen Wissenschaftler weiter unbesorgt dem "reinen Experi-ment" (möglichst der Grundlagenforschung) widmen kann, löst das angesprochene Problem des Ansehens der wissenschaftlichen Medizin in der Öffentlichkeit durchaus nicht. Vielmehr muß es medizinischen Wissenschaftlern aller Fachgebiete ein ernsthaftes Anliegen sein, die empirisch-wissenschaftlich belegten Krankheits- und Behandlungsmodelle den Patienten plausibel zu machen, um sie so für eine wissenschaftlich orientierte Medizin zu gewinnen.
Dies setzt nicht nur neue wissenschaftliche Forschung (mit neuer Methodik) voraus, sondern erfordert auch, daß sich sowohl der Wissenschaftler als auch der praktisch tätige Kliniker und Praktiker in allen Fachgebieten Zeit für das Gespräch mit seinen Patienten nimmt. Nur so lassen sich im Einzelfall die Krankheits- und Heilungsmodelle des kranken Individuums zuverlässig evaluieren, auf die dann die konkrete Therapie im Einzelfall abgestellt werden muß. An dieser Stelle findet sich m. E. eine Stärke der "Komplementär-Medizin". Hier lohnt es sich, mit deren Vertretern ins Gespräch zu kommen, sie in den Kanon der medizinischen Fächer einzubinden, insbesondere dann, wenn auch hier ernstzunehmende und methodisch klar und nachvollziehbar formulierte Methodik, die mit den Grundlagen anderer Wissenschaften kompatibel ist, bei der Forschung angewandt wird (vgl. das Anliegen der Zeitschrift "Forschende Komplementärmedizin" oder der bei Springer erscheinenden Loseblatt-Monographie "Naturheilverfahren", in der der Darstellung der jeweiligen Heilmethode durch einen ihrer Vertreter ein unabhängiges Methodik-Gutachten klinisch kontrollierter Studien von anerkannten Wissenschaftler zu Seite gestellt wird).
Dieser Weg wird gegenwärtig auch in den USA von der American Medical Association beschritten. Hier wird ernstgenommen, daß von der Bevölkerung in den USA und auch in Europa finanzielle Mittel in erheblichem Umfang für sogenannte "alternative Heilverfahren" freiwillig aufgewendet werden. Dies ist ein Faktum. Es sollte in unsere Überlegungen einbezogen werden und nachdenklich stimmen. Wenn Köbberling in diesem Zusammenhang von "Glaubensmedizin" in manchem Kontext aus dem Blickwinkel der medizinischen Wissenschaft zurecht kritisch spricht, so ist doch zu ergänzen, daß "der Glaube" des einzelnen Individuums (d. h. seine Einstellungen, Überzeugungen etc.) in bezug auf das Entstehen seiner Krankheit und die mögliche Heilung bei der individuellen Therapieplanung berücksichtigt werden muß, um alle möglichen, therapeutisch relevanten Effekte zum Wohle unserer Patienten auszunutzen. Wenn sich die medizinische Wissenschaft dies vermehrt auf ihre Fahnen schreibt, ist auch meiner Sicht ein wesentlicher Schritt zur Verbesserung des Ansehens in der Öffentlichkeit getan.
Es ist zwar richtig, daß im Rahmen üblicher klinischer Studien die Effekte von Therapien unter mehr oder weniger idealen Bedingungen beobachtet werden. Es ist auch richtig, daß viel häufiger Studien unter "Realbedingungen" der täglichen Praxis durchgeführt werden müssen. Das Problem der Öffentlichkeit liegt jedoch in einem Unverständnis der Struktur und des Sinns kontrollierter Studien überhaupt. Unter welchen Bedingungen Studien durchgeführt werden und auf wen ihre Ergebnisse übertragbar sind, kann die Öffentlichkeit in der Regel wegen mangelnder Kompetenz gar nicht beurteilen. Innerhalb der Medizin mag allerdings die medizinische Forschung wesentlich an Akzeptanz gewinnen, wenn sie sich (auch) den täglichen praktischen Problemen widmet.
Volkshochschule
Es ist notwendig, daß Wissenschaftler auch "zum Volk" gehen. Es ist möglich, wissenschaftliche Vorträge allgemein verständlich zu halten und so einer Informationspflicht nachzukommen, die Wissenschaftler m. E. haben. Mir ist durchaus bewußt, daß es - etwa bei Vorträgen oder beim Abhalten von Kursen in Volkshochschulen - Probleme mit einschlägigen Regularien geben kann (Standesrecht, Werbeverbot), es müßte jedoch geprüft werden, ob hier nicht Möglichkeiten für sachliche wissenschaftliche Fortbildung ausgeschöpft werden können. Es sollte jedenfalls nicht hingenommen werden, daß die Kurse an Volkshochschulen weitestgehend von Heilpraktikern und anderen "Lebensberatern" abgehalten werden.