ALFONS LABISCH (Rektor)

Die "Idee der Universität" in unserer Zeit.
Analysen und Konsequenzen
Antrittsvorlesung als Rektor der Heinrich-Heine-Universität1
Die "Idee der Universität" in unserer Zeit  – zur Einleitung

"Magnifizenz in Sorgen. Das ‚Hoch‘ der Hochschule, die ‚universitas‘ der Universität, der ‚Geist‘ der Geisteswissenschaften" – so lautet ein brillanter Aufsatz. Der Autor Bernd A. Rusinek, Historiker der hiesigen Alma Mater, hält uns einen "fernen Spiegel" über "Rektoratsreden des 19. Jahrhunderts" vor.2 Im 19. Jahrhundert brach eine neue Zeit an: Deutschland wandelte sich von einem Agrarland zu einer Industrienation. Und die Universitäten waren seinerzeit Motoren dieses Zivilisationsschubs.

Heute erleben wir etwas Vergleichbares: Wir teilen alle das seltene Schicksal, Zeitgenossen eines säkularen Umbruchs zu sein. Globalisierung ist das Zauberwort – wir werden darauf zurückkommen. Aber: Sind die Universitäten auch heute Motoren dieses Prozesses? Können sie es unter den obwaltenden Bedingungen überhaupt sein? Und das in einer Zeit, in der – wie Hermann Lübbe sagt – die "Gegenwart schrumpft":3 Orientierungen, Werte, Wegmarken, die über lange Zeiten hin galten, werden unsicher, ja sie ändern sich beim Zusehen. Umso notwendiger ist es, sich über die Werte und Ziele im Klaren zu sein, die es zu verfolgen gilt.

Unsere Grundwerte, die Richtpunkte unseres Handelns, sollen "Autonomie für die Universität" und "Bildung für die Lehrenden und Lernenden" sein – beides Begriffe, die es zunächst zu erläutern gilt.

Autonomie für die Universität

Eine "universitas" ist zunächst und vor allem eine Gemeinschaft der Lernenden, der Lehrenden und der Forschenden. Zugleich ist die Universität eine Gemeinschaft der Fakultäten und damit der verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen. Traditionell fordert die "universitas" stets Autonomie ein – und hat sie dort, wo sie ihren Auftrag erfüllte, immer auch genossen. Dies haben die Universitäten in ihrer langen Geschichte im Großen und Ganzen gezeigt – bis auf einige fatale Fehltritte – hier meine ich selbstverständlich die Zeit des Nationalsozialismus – über ca. sieben Jahrhunderte im deutschen Sprachraum, und einige Jahrhunderte länger noch in Europa. "Universitas" ist damit eine Idee, die sich unter verschiedenen kulturellen Bedingungen behauptet hat. Wir können daher mit Fug und Recht annehmen, dass die Idee der Universität nach wie vor trägt und daher auch in absehbarer Zukunft tragen wird.

Selbstverständlich ist Autonomie kein Selbstzweck: Autonomie ist ein Mittel – aber eben das entscheidende, die Conditio sine qua non: Die ‚universitas‘ beansprucht Autonomie, weil sie für sich das Recht und die Pflicht einfordert, alles zu forschen, alles zu lehren, alles zu sagen, was im Interesse eines auf Wahrheit gerichteten Forschens, Wissens und Fragens auch immer zu tun ist.

Der Grundwert "Autonomie" ist hier so deutlich wie nur eben möglich zu benennen. Deshalb möchte ich gleich eingangs einen Autor zitieren, dem ich mich seit den frühen Tagen meines Studiums verbunden weiß. Heinrich Heine schreibt in seiner "Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland":

[...] die Vernunft, war als oberste Richterin in allen religiösen Streitfragen anerkannt. Dadurch entstand in Deutschland die sogenannte Geistesfreiheit, oder, wie man sie ebenfalls nennt, die Denkfreiheit. Das Denken ward ein Recht und die Befugnisse der Vernunft wurden legitim.

In der Tat, nicht einmal in Griechenland hat der menschliche Geist sich so frei aussprechen können wie in Deutschland [...].

Für Rechte dieser Art hat aber der Deutsche schon sein bestes Blut gegeben [...]. Dasselbe ist anwendbar auf die Frage von der akademischen Freiheit, die jetzt so leidenschaftlich die Gemüter in Deutschland bewegt.4

Autonomie, Freiheit für die Universität, Freiheit für die akademische Jugend – das war Heinrich Heine eine Kopf- und Herzenssache ein Leben lang, und dies soll uns in der Heinrich-Heine-Universität auch Kopf- und Herzenssache sein.

Bildung für die Lehrenden und Lernenden

"Autonomie der Universität im Dienst der Wahrheit" – dieser Grundwert ist durch einen zweiten Gedanken zu ergänzen: durch das Bild der Menschen, die in solchen Einrichtungen forschen und lehren, und durch das Bild derjenigen, die in solchen Einrichtungen lernen, um zukünftig in der Gesellschaft zu wirken. Genügt eine berufliche Fach-Arbeit, genügt eine berufliche Fach-Aus-Bildung in einer Zeit, die sich neu auszurichten hat? Oder gilt es darüber hinaus, Person zu sein und Persönlichkeiten zu bilden?

Bildung ist – so sei hier in der Nachfolge Georg Friedrich Wilhelm Hegels5 festgelegt – Bildung ist im berühmten delphischen Gebot des "Erkenne dich selbst" zu fassen. Bildung gilt in einem zweifachen Sinn: Zum einen schafft sich ein Volk in Kunst, Religion und Wissenschaft ein eigenes Selbstbild. Es formt seine Identität durch seine Geschichtsschreibung, durch die wissenschaftliche Erkenntnis der Natur und durch die künstlerische Formung seines Menschenbildes und seines Gottesbildes. Zum anderen bildet sich das Individuum selber, es drückt sich selbst aus – in seinen künstlerischen Gestaltungen, in seinen wissenschaftlichen Werken und in seinen politischen Taten. Und es erkennt sich selbst wieder, wenn es sich mit den schönen Künsten oder dem angehäuften Wissen auseinander setzt. Sich selbst zu etwas zu machen, was man nicht schon von Natur ist – darum geht es. Und dies heißt immer auch, den Körper zu bilden, die Affekte im Sport und im künstlerischen Wettbewerb zu läutern. Ein so gebildeter Mensch gewinnt zugleich Distanz zu den Forderungen der Gemeinschaft, den Sitten, Gesetzen und Befehlen der Herrschenden. Er – und selbstverständlich auch sie – fordert zumindest "Zutrauen" zu den Zumutungen, die Herrscher und Gewohnheiten an das Individuum stellen.

Unsere Werte und unsere Ziele für die Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf sind nun klar benannt und beschrieben: "Autonomie für die Universität" und "Bildung für die Lehrenden und Lernenden".

Wie können Autonomie und Bildung als unsere Werte und unsere Ziele in Zukunft bewahrt werden? Wie stellt sich diese Frage in der Perspektive langfristiger kultureller Entwicklungen dar?

Was können, was müssen wir selbst tun, wenn wir unseren Ideen und Idealen nachstreben – in Sonderheit, wenn die Lage vor Ort berücksichtigt wird?

Anhand dieser beiden Fragen möchte ich mit Ihnen die "Idee der Universität in unserer Zeit" diskutieren.

Kulturelle Zusammenhänge und menschliche Zufälligkeiten – und die Forderung nach Bildung und Autonomie

Kulturelle Zusammenhänge

Wie, so lautet zunächst die Frage, lassen sich die langfristigen Zusammenhänge verstehen, die unsere Zeit zusammenhalten?

Grundlage der Industriegesellschaft war die Möglichkeit, Kraft in Maschinen zu verlagern und in Dimensionen zu steigern, die bis dahin unermesslich schienen. Ebenso unvorstellbar waren die Folgen: Sie haben mit der Industrialisierung die Kultur hervorgebracht, in der wir groß geworden sind, der wir unsere persönliche Prägung, der wir die Art unseres Zusammenlebens verdanken. Die neuen Daten- und Informationsverarbeitungstechniken verändern das Verhältnis von Mensch und Natur in ähnlich fundamentaler Weise, wie dies Naturwissenschaft und Technik seit etwa 200 Jahren tun. Wir verlagern algorithmische, und damit rechnerische, demnächst wohl auch heuristische, und damit denkerische Leistungen in Maschinen – und zwar ebenfalls mit unabsehbaren Folgen. Heute ist jede Information zeitgleich an jedem Ort der Welt verfügbar. Zunächst die Produktionsweise, dann auch die Produktionsverhältnisse werden weltweit neu organisiert. Wir sind selbst Subjekte wie Objekte, Nutznießer wie Opfer dieses Prozesses, den wir gemeinhin "Globalisierung" nennen. Die Industrialisierung dehnt sich in einer neuen Version zur bestimmenden Lebensform einer Weltgesellschaft aus.

Eines ist uns allen deutlich: Im Gegensatz zur Früh-, Hoch- oder Spät-Industrialisierung sind den Menschen heute alle Ausflüchte in säkularisierte Paradiese versperrt – seien sie philosophisch, wie der Marxismus, seien sie biologistisch, wie der Nationalsozialismus, seien sie materiell, wie der Fortschrittsglaube. Die viel beschworene, in der Renaissance einsetzende Säkularisierung der Welt war in Wirklichkeit eine Sakralisierung innerweltlichen Erkennens und Handelns: Die Welt verweltlichte sich, weil innerweltliches Handeln heilig wurde. Dies hat zur modernen Wissensgesellschaft geführt. Eine solche Gesellschaftsform konnte nur in einer Kultur entstehen, die aus dem jüdisch-christlichen Weltbild hervorgegangen ist und die – nachzulesen ebenso in Francis Bacons Instauratio Magna wie in Rene Descartes’ Meditationes – Gottesdienst und Heilsgewissheit in die Aufgabe setzte, die Welt wissenschaftlich und praktisch zu durchdringen. Am Ende aller Utopien, am Ende aller Ideologien stand und steht notwendig das Himmelreich auf Erden.

Aber: Mit dem Zusammenbruch des Fortschrittsglaubens ist der westlichen Welt die letzte Krücke vermeintlicher Gewissheit abhanden gekommen. Heute, im aktuellen Zivilisationsschub zu einer globalen Industriegesellschaft, sehen die Perspektiven gänzlich anders aus: Die damaligen Zeitgenossen konnten die unglaublichen sozialen und ökologischen Kosten der Industrialisierung mit dem Glauben an einen scheinbar unbezwinglichen, ja automatischen Fortschritt überdecken. Nach Auschwitz – denken Sie an Theodor W. Adornos Frage, ob es nach Auschwitz noch möglich sei, ein Gedicht zu schreiben –, nach Hiroshima – denken Sie an Günter Anders "Antiquiertheit des Menschen" –, nach dem ökologischen Erwachen der 1970er Jahre – denken Sie an Dennis L. Meadows "Grenzen des Wachstums" und die nachfolgenden Veröffentlichungen des Club of Rome –, nach diesem Menetekel ist der Menschheit endgültig gewiss geworden, dass sie sich selbst vernichten kann: Die Erde braucht die Menschen nicht. Mit dieser Gewissheit müssen sich die Menschen unausweichlich und auf Dauer den Folgen ihres Wissens und Handelns stellen. "Sapere aude" – "Wage es, dich deines Verstandes zu bedienen". Dieser Aufruf Immanuel Kants erweist sich heute nachgerade als euphorisch. Heute heißt es: "Sapere debet". Wir müssen uns unseres Verstandes bedienen. Gleich, ob wir diesen Wandel mit den Begriffen "Postmoderne" oder "Zweite Moderne" belegen, die Moderne beginnt erst jetzt: Die Menschen treten endgültig in die von ihnen selbst geschaffene und damit ausschließlich von ihnen selbst zu verantwortende Geschichte ein.

Genau an dieser Stelle gewinnt das eingangs eingeforderte Ziel "Bildung" seinen systematisch hergeleiteten Grund. Denn ohne allgemein (nicht privat!) gültige Möglichkeiten letzter Bindung, gänzlich zurückgeworfen auf sich selbst, müssen die Menschen endgültig Wirken und Folgen ihres Wissens vorausschauend bedenken: ein Leben im Gehäuse selbst gesetzter Hörigkeit – so die gnadenlose Prophezeiung Max Webers bereits vor hundert Jahren.6 Die aktuellen Fundamentalismen sind ein verzweifeltes Aufbäumen, eine Art moderner Maschinenstürmerei. Statt letzten Wahrheiten zu folgen ist uns aufgegeben, jenseits aller regionalen oder nationalen Grenzen einige wenige elementare Regeln für ein gedeihliches Miteinander aufzustellen – und eisern einzuhalten. Eben deshalb – dies sei das einzige Beispiel zu dieser so lebenswichtigen Frage – ist es von elementarer Bedeutung, international gültige Rechtsmuster zu setzen, zu achten und zu wahren. Genau diese elementaren Regeln sind die wenigen "Kulturgüter", auf die sich die Menschheit weltweit einigen können muss. Eben an dieser Stelle sind selbstkritische und verantwortliche Persönlichkeiten gefragt.

Zufälligkeiten menschlichen Handelns – Deutschland in der globalen Industriegesellschaft

Ich komme nunmehr zu einigen Zufälligkeiten menschlichen Handelns, die die aktuelle Lage der "universitas" vor Ort bestimmen.

Deutschland wird in besonderer Weise durch den säkularen Wandel herausgefordert. Die große Woge der wissenschaftlich-technischen, der wirtschaftlichen und auch der geistig-mentalen Globalisierung wurde – und wird – in Deutschland von einer gänzlich anderen Welle durchkreuzt: der Wiedervereinigung. Als Vorposten des Kalten Krieges waren die beiden deutschen Staaten zugleich die hoch ideologisierten Vorposten in der Auseinandersetzung konkurrierender Gesellschaftsmodelle. Das östliche Modell einer sozialistischen Gesellschaft wurde – gleich, wie dieser Prozess einmal historisch beschrieben werden mag – in den 1990er Jahren in das Modell des spezifisch deutschen Rechts- und Sozialstaates überführt. Dieses Staatsmodell soll hier als Beispiel für die administrative und politische Verdichtung, ja Bewegungslosigkeit dienen, unter der wir heute alle leiden.

Das Modell des deutschen Sozialstaats gründet auf der Befriedungspolitik, mit der Bismarck seit den 1880er Jahren die politisierte Industriearbeiterschaft in das neu gegründete Deutsche Reich zu integrieren trachtete – dies allerdings, ohne den Arbeitern gleiche bürgerliche Rechte zugestehen zu wollen. Aufbauend auf denselben Grundprinzipien, wurde dieses Modell in der Weimarer Republik zum einigenden Staatsziel. Wiederum auf denselben Grundprinzipien aufbauend wurde dieses Modell in den 1950er Jahren in Westdeutschland zu einem umfassenden Rechts- und Sozialstaat ausgebaut. In diesem Prozess zu einer zwar "klassenlosen", dafür aber "formierten Gesellschaft" – so seinerzeit Ludwig Erhard7 – hat es der Staat nicht nur übernommen, elementare Lebensrisiken politisch zu kanalisieren. Vielmehr hat der Staat in den letzten Dekaden die Garantie übernommen, sämtliche Lebensrisiken umfassend abzusichern.

Christoph Sachsse schreibt zu diesem Staatsmodell:

Moderne Staatlichkeit hat sich in mehreren Stufen herausgebildet. Ihre Abfolge kann als Prozeß der ‚Inklusion‘, der systematischen Einbeziehung tendenziell aller Bevölkerungsgruppen in das Leistungssystem der Politik verstanden werden [...] [So] vollzog sich eine folgenreiche Erweiterung von Staatszielen und Staatstätigkeit. Der Staat übernahm die Verantwortung für das Wohlergehen seiner Bürger und setzte damit eine Eigendynamik permanenter Ausdehnung der Staatstätigkeit frei. [...] Der Staat wird tendenziell zum ‚Generalagenten der Lebenszufriedenheit‘.8

Das wesentliche und überdauernde Konstruktionsmerkmal des Bismarck’schen Sozialstaatsmodells ist, soziale Leistungen an Arbeit zu binden. Ein "Normalarbeitsverhältnis" nationalstaatlich-industriegesellschaftlicher Prägung hat aber unter den Vorgaben der Globalisierung keine Grundlagen mehr – weder in der Arbeit noch in der Gesellschaft noch schließlich im persönlichen Verhalten.

Angesichts eines hoch komplexen und – wie etwa die Technologie des Internets zeigt – gleichsam selbsttätig voranschreitenden weltweiten Zivilisationsschubes in die globale Wissensgesellschaft versinkt Deutschland in einer Stagflation obrigkeitlicher Regelungswut. Die besten Absichten werden in einem Hagel von Gesetzen und Verordnungen vernichtet. Auch hier nur ein Beispiel: Der Versuch, das hehre Ziel der Chancengleichheit zu administrieren, hat dazu geführt, dass in keinem anderen Industriestaat die Bildungschancen so stark von der sozialen Herkunft bestimmt werden wie in Deutschland. Das heißt doch wohl: Die soziale Ungleichheit an den akademischen Ausbildungsstätten ist größer als je zuvor, größer noch als etwa in England, dem klassischen Land der Privatschulen und der Studiengebühren. Und mehr noch: In den "niedrig-" oder gar "unterschwelligen" – und das heißt im Klartext doch wohl "niveau-losen" – Bildungsangeboten ist das Gefühl für Qualität und Leistung abhanden gekommen: Pisa – das haben wir doch alle kommen sehen. Und was durften wir in der vorigen Woche lesen: "Gäbe es ein Uni-Pisa, wären die deutschen Hochschulen dort, wo die deutschen Schulen heute stehen."9

Das strukturelle Defizit Deutschlands wird zum Hemmschuh Europas – so beschied kürzlich der Internationale Währungsfonds. Das tut weh! Und selbstverständlich erinnern sich an dieser Stelle viele an die Rede "Aufbruch ins 21. Jahrhundert", die der damalige Bundespräsident Roman Herzog am 26. April 1997 hielt. Als ich diesen Vortrag vorbereitete, habe ich die Rede nachgelesen. Ich kann Ihnen versichern: Diese berühmte "Ruck-Rede" hat, und zwar bis in Einzelheiten hinein, nichts an Gültigkeit, nichts an Bedeutung verloren. Allerdings: Mehr als sechs Jahre sind vergangen, mehr als sechs Jahre sind vertan. "Difficile est saturam non scribere" – "Schwierig ist, keine Satire zu schreiben", sagt Juvenal. Und wenn jetzt jemand denken sollte: Der gute Professor liest keine Zeitung, vor allem nicht in den letzten Wochen. Die Antwort ist den Älteren klar: An genau der Stelle, an der wir jetzt angelangt sind, waren wir schon einmal – im Oktober 1982!

Die "deutsche Krankheit", der Mehltau, der sich auf alle Initiativen legt, das Heft des Handelns wieder in die Hand zu nehmen, hat für die "universitas" fatale Konsequenzen. Die Zukunftsinvestitionen in die Wissensgesellschaft werden verspielt – mangels Mitteln und mangels Zeit. Und genau an dieser Stelle gewinnt das eingangs eingeforderte Ziel der Autonomie der Universität seinen systematisch hergeleiteten Grund.

Was können, was müssen wir tun, wenn wir unseren Ideen und Idealen nachstreben?

Bislang haben wir übergreifende räumlich-zeitliche Zusammenhänge diskutiert. Diese Gedanken wurden durch einige holzschnittartige Anmerkungen über die Zufälligkeiten menschlichen Handelns ergänzt. Dass diese Gedanken den Finessen wissenschaftlicher Spezialuntersuchungen entsprechen sollen, war nicht beabsichtigt. Vielmehr ging es darum, durch entschieden ‚Plumpes Denken‘ – so hätten wohl Bertolt Brecht oder Walter Benjamin gesagt – die "wahren" Vorgänge zu verdeutlichen.

Was ist zu tun? Was hat dies mit "universitas", was hat dies mit Bildung zu tun? Um diese Fragen geht es im zweiten Teil dieses Vortrages.

Die sichere und gerechte Weltgesellschaft – eine globale Aufgabe für alle und für jeden Einzelnen

Wir befinden uns auf dem Weg in eine Weltgesellschaft. Die Außenwelt der Menschen, die Wissensgesellschaft als materiale Basis des neuerlichen Globalisierungsschubes, treibt sich scheinbar selbst voran. Auch die Innenwelt der Menschen hat sich erheblich geändert: Globalisierung ist keinesfalls nur ein technischer, wirtschaftlicher, politischer oder sozialer, sondern auch ein kultureller, ein kommunikativer, ein psychischer, ein mentaler Prozess. Wenn wir uns bewusst in unserem Alltag umschauen, werden wir feststellen, wie tief, ja wie selbstverständlich uns eine globale Welt bereits durchdringt. Aber die Mitwelt, das Zusammenleben der Menschen – hier zeigen die gesellschaftlichen Institutionen samt ihren offenen und verborgenen Machtansprüchen regional und national erhebliche Trägheit.

Die große Aufgabe lautet also: Wie ist eine Gesellschaft zu gestalten, die sowohl die technischen wie die wirtschaftlichen Möglichkeiten der Globalisierung aufgreift und gleichzeitig sozial gerecht und individuell offen ist? Nur zwei Vorgaben seien genannt: Eine Weltgesellschaft kann sich nur unterhalb der Ebene letztbindender Orientierungen organisieren. Religionsfreiheit und Toleranz müssen weltweit zu Grundwerten werden – und Toleranz, das ist uns allen klar, kann nicht Beliebigkeit heißen. Dies muss – so die zweite elementare Forderung – zugleich oberhalb der unveräußerlichen Menschenrechte geschehen, die jede einzelne Person als Rechtssubjekt auszeichnen.

Man könnte fast meinen, die Grundfragen der Staatstheoretiker des 16., 17. und 18. Jahrhunderts – von Hobbes über Locke zu Montesquieu und Rousseau – würden heutzutage im Weltmaßstab neu aufgelegt. Und bereits damals war ein "sozialer Staat", der jedem Bürger die Chance eines – auch wirtschaftlich – selbstständigen Lebens einräumt, ein Grundpfeiler jedes Gesellschaftsmodells. Und keineswegs gilt der Staat mit den meisten Gesetzen, mit den dichtesten Regelungen als der gerechteste. Einer der Grundgedanken Jean-Jacques Rousseaus lautet: Der gerechte Staat kommt mit einigen wenigen Gesetzen aus. Denn seine Bürger wissen selbst, was zu tun und zu lassen ist. Und damit sind wir erneut und zum dritten Mal bei dem Thema "Autonomie" angekommen.

Und selbstverständlich stellt sich hier sofort die Frage nach den Menschen, die in einer solchen Gesellschaft leben. ‚Idiotes‘ – das war in der griechischen ‚polis‘ derjenige, der sich nicht um das Gemeinwohl, sondern nur um das ‚idion‘, sein eigenes Fach, kümmerte. Fachliche Kompetenz ja: Sie ist die Grundlage der Autonomie, zugleich aber historisch-kulturelles Bewusstsein, Selbstkritik, Selbstverantwortung und selbstverständlich Verantwortung für das gemeinsame Ganze – erst dies sind die Vorgaben, unter denen sich die Menschen in der Weltgesellschaft offen begegnen können. Und damit sind wir ebenfalls zum dritten Mal beim Thema "Bildung" angekommen.

Ebenfalls in neuer Sicht und zum wiederholten Male sind die Grundforderungen gegeben: Die "universitas" muss autonom sein, um ihren Auftrag freien Lehrens und Lernens, freien Wissens und Forschens erfüllen zu können! Das bedeutet: Sie muss aus dem Dschungel einer sich selbst reproduzierenden Regelungsdichte entlassen werden. Die in ihr Lehrenden und Lernenden müssen sich zu ebenso selbstkritischen wie allgemein verantwortlichen Persönlichkeiten bilden. Denn unsere Zeit hat keine andere Orientierung übrig gelassen, die mit dem notwendigen Anspruch an Universalität auftreten könnte. Nur in autonomen Universitäten, nur von gebildeten Persönlichkeiten kann ein Beitrag erwartet werden, wenn es darum geht, künftig in ihrem jeweiligen Lebensraum die Gesellschaft mitzugestalten.

Und hier stehen wir alle vor einer riesigen Aufgabe: Wie soll dies alles vermittelt werden? Welche Grundfertigkeiten, welche Grundfähigkeiten sind notwendig? "Materiale" oder "formale" Bildung – hilft diese Unterscheidung der Bildungsexperten weiter? Kann eine solche Bildung nur rational sein? Was wir nur rational lernen, berührt uns selten. Wo bleibt die emotionale Qualität? Ein Beispiel: Bibliotheken über die Verbrechen des Nationalsozialismus gerieten erst dann in den Blick der Öffentlichkeit, als die Menschen durch eine so triviale Fernsehserie wie "Holocaust" gerührt wurden. Hier schließt sich wiederum der Kreis: Bildung – diesen Gedanken haben wir von Anfang an verfolgt – bedeutet konkret und im Alltag Wissen von der Natur, Wissen von der Gesellschaft. Bildung bedeutet aber auch Kunst, Literatur und Musik, Theater, Oper, Film usw. Und schließlich: Bildung wird darüber hinaus leiblich erfahren: im sportlichen oder im künstlerischen Wettbewerb. Bildung in "Kanones" fassen zu wollen, ist also von vornherein abwegig. Das ist eben jene Bildung, über die Heinrich Heine immer so herzhaft spotten konnte: "So ein bisschen Bildung ziert den ganzen Menschen"10. Diese Bildung jedenfalls gehört in den Bereich der Unterhaltungsindustrie. Bildung heißt eigenes Denken, eigenes Tun über das eigene Fach hinaus – und zwar keineswegs nur wissenschaftlich-rational, sondern emotional und in leiblicher Arbeit. Und schließlich: Bildung heißt auch, Vorbilder zu haben, vielleicht sogar – ein hehrer Anspruch – Vorbild zu sein.

Was muss die "universitas" tun, um ihre Autonomie zu gewährleisten?

Damit stellt sich die konkrete Frage, was hier vor Ort zu tun ist. Was also muss die "universitas" der Lehrenden und Lernenden, die die Heinrich-Heine-Universität bilden, selbst tun, damit ihre Ansprüche nach innen und nach außen ernst genommen werden?

 

Die Universitäten sehen sich hier vor eine besondere Situation gestellt: Als Orte freien Forschens und Lehrens sind sie jene Stätten, in denen neues Wissen geschaffen wird. Dieses neue Wissen eröffnet neue Möglichkeiten, dieses neue Wissen wird zugleich aber als Gefahr wahrgenommen. Musterbeispiel ist die moderne Medizin: künstliche Befruchtung, Hilfe bei Kinderlosigkeit also einerseits, andererseits die Präimplantationsdiagnostik und damit das Problem der genetischen Selektion; die apparativen Möglichkeiten der Hochleistungsmedizin und damit Hilfe in Lebensgefahr einerseits, anderseits die Probleme von der Patientenverfügung bis hin zur Euthanasiegesetzgebung. Die moderne Medizin greift in Zeugung und Geburt, in Siechtum und Sterben ein: Die elementaren Passagezonen des menschlichen Lebens, sein Anfang und sein Ende, werden derzeit neu bestimmt. Das lässt keinen Menschen unberührt: Für einen Wissenschaftler ist es ein seltener Glücksfall, in einer solch bewegten Zeit wie heute forschen zu dürfen; für die Menschen draußen kann es Hoffnung, kann es Bedrohung zugleich sein. Eine Universität ist deshalb verpflichtet, ihr Wissen und ihr Forschen nach innen über die Fakultäten hinweg und nach außen in die örtliche und regionale Öffentlichkeit zu verdeutlichen.

Hier schließt sich erneut der Kreis: Bildung heißt, über den Tellerrand zu blicken und das draußen Geschaute im Eigenen zu verarbeiten – das ist der Anfang. Der Geisteswissenschaftler sollte also zumindest in Grundzügen wissen, welche physikalischen, welche biologischen Kräfte angeblich die Welt bewegen, der Natur- und Lebenswissenschaftler sollte zumindest in Grundzügen wissen, welche historischen, welche kulturellen Zusammenhänge seinen fachspezifischen Blick auf die Welt bedingen und was dies gegebenenfalls an Folgen für das Leben der Menschen zeitigt.

Hier liegt der Auftrag, an der Heinrich-Heine-Universität ein zeitgerechtes "Studium Universale" aufzubauen. Dazu sind alle Fakultäten aufgerufen. Wie dies im Einzelnen geschehen soll, wird zu klären sein. Eines steht jedoch fest: Dieses "Studium Universale" muss – etwa über credit points – in sämtliche Studiengänge integriert werden. Und ein Weiteres sollte das Ziel sein: Dieses "Studium Universale" sollte über die Universität hinaus auch in das städtische und regionale Umfeld wirken. "Universität in der Stadt" – das ist ein gutes Stichwort.

 

Ein gutes Studium, eine gute Lehre sind nur auf der Grundlage guter Forschung möglich. Lehren ohne Forschen heißt, aus stehendem Wasser zu Trinken zu geben; Lernen ohne Forschen heißt, aus stehendem Wasser zu trinken. Gemeinsam lehren, lernen und forschen – das war das Prinzip, dem die deutschen Universitäten im 19. Jahrhundert ihre Blüte zu verdanken hatten. Sicher ist, dass aus einem etablierten "Denken über die Fachgrenzen hinweg" stets neue Fragen entstehen, die zu erforschen Sinn macht. Dies gilt für alle Wissenschaften. Die wissenschaftliche Monokultur führt nicht zu neuen Konzepten, sondern zu Epigonen, die sich nur noch mit den Rätseln ihrer Vorfahren beschäftigen.

Hier ist auf einen fundamentalen Wandel auch in den Wissenschaften hinzuweisen. In den Naturwissenschaften sind an die Stelle der klassischen Bezugsdisziplinen Chemie und Physik zunächst die biologischen Wissenschaften im weiteren Sinne, dann die so genannten Life Sciences getreten. Niemand hat diesen Wandel der Wissenschaften klarer und kürzer beschrieben als der Physiker, Molekularbiologe und Nobelpreisträger Max Delbrück. Er sagte bereits 1949:

Die komplexe Gestalt jeder lebenden Zelle ist ein Ausdruck der Tatsache, dass jede von ihnen mehr ein historisches als ein physikalisches Ereignis ist. Solche komplexen Dinge entstehen nicht jeden Tag durch Spontanerzeugung aus nichtbelebter Materie – täten sie es, wären sie tatsächlich reproduzierbare, zeitlose Erscheinungen, vergleichbar mit der Kristallisierung einer Lösung, und fielen in das Gebiet der eigentlichen Physik. Nein, jede lebende Zelle führt mit sich die Erfahrung einer Milliarde von Jahren des Experimentierens ihrer Vorfahren. Man kann nicht erwarten, einen so schlauen ‚alten Fuchs‘ in einigen wenigen Worten zu erklären.11

Die Unterscheidung von Natur- und Geisteswissenschaften erweist sich damit als ein Produkt des 19. Jahrhunderts. In dem Maße, in dem seit dem Ausgang des 20. Jahrhunderts die Life Sciences zur wissenschaftlichen Leitdisziplin werden, verliert diese Unterscheidung an Gültigkeit. Gleichzeitig sind die Lebenswissenschaften – trotz mannigfacher Versuche, menschliches Handeln biologisch zu erklären – nicht in der Lage, eine hinreichende und weithin akzeptierte Zusammenschau der aktuellen wissenschaftlichen und technischen Aneignung der Welt zu liefern.

Auch hierzu nur ein Beispiel: das in der Öffentlichkeit viel beschworene Klonen. 27.462 Gene soll der Mensch haben – so wurde kürzlich in einer Preisfrage festgestellt. Das Leben des Menschen bestimmen annähernd 400.000 Proteine – und damit mehr als das Zehnfache dessen, was in den biologischen Datenspeichern des Genoms abgelegt sein kann. Nicht nur das meiste, sondern auch das eigentlich Interessante spielt sich also jenseits des Genoms ab. So wissen wir beispielsweise seit kurzer Zeit aus der biologischen Psychiatrieforschung, dass von frühester Kindheit an nach und nach die Grundzüge der Wahrnehmung und ihre emotionale Deutung in biologischen Schaltern im Gehirn abgelegt werden. Dies bedeutet: Das zufällige, das historische, das einmalige Leben jedes einzelnen Menschen wird nach seiner Geburt allmählich und in kleinen Schritten in seiner individuellen biologischen Biographie festgelegt. Aus einer vollständigen DNA-Sequenz eines Albert Einstein, einer Marilyn Monroe oder eines beliebigen Zeitgenossen, der sich unbedingt selbst neu schaffen möchte, würde also niemals ein weiteres identisches Individuum werden – auch wenn die genetische Identität und gewisse äußere Ähnlichkeiten gegeben sind. Allgemein gesagt: Eine kausale programmatische und hierarchische Beziehung zwischen Genom und Organismus besteht nur bedingt, der Phänotyp ist nur begrenzt genetisch definiert. Vielmehr sind Gene, Individuum und Umgebung als gleichwertige Faktoren zu begreifen. An dieser Stelle hat das Zusammenspiel der biologischen Wissenschaften, der Sozialwissenschaften und der Geisteswissenschaften einzusetzen.

Es gibt bereits gute Beispiele für derartige genuine, aus Fragestellung und Gegenstand erwachsende Kooperationen über sämtliche klassische Disziplinen hinweg. Ein solches Feld sind die Neurowissenschaften – dies gilt weltweit, dies gilt auch am hiesigen Standort. Damit werden die Humanwissenschaften im weiteren Sinne zu unabdingbaren Mitteln eines umfassenden Zugriffs auf die wissenschaftlich-technischen, sozialen und individuellen Wirkungszusammenhänge, die uns erklärungsbedürftig erscheinen. Wissenschaftshistorisch ausgedrückt: Sciences, die Natur- und Lebenswissenschaften also, erklären sich nur auf dem Hintergrund eines jeweils in seiner Zeit gegebenen Inventars an Deutungen und Begriffen, die ihrerseits in den Bereich der Humanwissenschaften fallen. Und daraus folgt: Science ist ohne humanities nicht zu haben.

Es ist deshalb unbedingt geboten, nach den eigenen natur- und lebenswissenschaftlichen Forschungsschwerpunkten ausgewählte, öffentlich bedeutsame Fragestellungen in gemeinsamer humanwissenschaftlicher Forschung aufzugreifen. An der Heinrich-Heine-Universität gibt es mit dem Biologisch-Medizinischen Forschungszentrum (BMFZ) bereits ein weithin gerühmtes Beispiel interfakultärer Kooperation. Das BMFZ greift im Zusammenwirken von Mathematisch-Naturwissenschaftlicher und Medizinischer Fakultät ausgewählte Fragen mit genau bestimmten Methoden auf, ohne die fachliche Eigenständigkeit der beteiligten Disziplinen in Frage zu stellen. Etwas Vergleichbares ist auch in der Zusammenarbeit zwischen der Medizinischen, der Philosophischen, der Wirtschaftswissenschaftlichen und der Juristischen Fakultät denkbar. Hier wäre also an ein weiteres Forschungszentrum – etwa das Humanwissenschaftlich-Medizinische Forschungszentrum – zu denken. Gleichzeitig könnte dies ein weiterer Markstein der interfakultären Kooperation in Düsseldorf werden.

Damit ist zugleich eine Düsseldorfer Besonderheit genannt: die traditionell enge Kooperation zwischen den verschiedenen Fakultäten der Heinrich-Heine-Universität. Neben dem BMFZ wären viele andere Beispiele für den inneren Zusammenhalt der Universität zu nennen. Eines ist sicher: Sowohl als Spezifikum des Standortes als auch als Forderung der Zeit – siehe das Ziel Bildung – ist diese Kooperation unbedingt weiter auszubauen.

Die Agenda und das neue Rektorat

Wie unsere Werte, wie unsere Ziele in die Tat umgesetzt werden sollen, was es gar im Alltag zu bewältigen gilt, davon war bislang überhaupt noch nicht die Rede.

Die wesentlichen Elemente unseres Leitbildes sind vielfach genannt: Autonomie im Dienste der Wahrheit und Bildung für Lehrende und Lernende. Dies sind die wesentlichen Vorgaben für unsere unmittelbaren Ziele: gute Lehre, gute Wissenschaft, gute Forschung – ausgerichtet am internationalen Niveau. Diese Werte und Ziele sind in ein Selbstbild zu gießen, das als "Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf" auch im Außenbild zu einem unverwechselbaren Markenzeichen wird. Vieles ist hier bereits geleistet worden: interne Kooperation, örtliche Einbindung, wissenschaftliche Profile, Lehrprofile, erfolgreiche Ausgründungen, professionelle Weiterbildung sowie ein Klinikum der Supramaximalversorgung.

Was ist weiterhin zu tun? Zunächst sind die strukturellen Grundlagen zu schaffen:

  • Hier ist zunächst die Frage der Finanzen und anderer Ressourcen zu klären. Ziel ist es, Spielraum für zentrale Aufgaben zu gewinnen.
  • Zugleich sind Forschung, Lehre und Internationalisierung zu planen. Ziel ist, durch eine ebenso klare wie selbstkritische Analyse der eigenen Stärken und Schwächen einen Strauß von Optionen für die nähere und fernere Zukunft zu erarbeiten. Denn Autonomie setzt voraus, den Forderungen von anderer Seite stets einen Schritt voraus zu sein: aktive Standortpolitik – das ist die Aufgabe.

Diese Ziele, diese strukturellen Grundlagen werden umgesetzt

  • durch eine entsprechende Organisation und – ebenso bedeutsam –
  • durch Kommunikation

    • nach innen, in Sonderheit in enger Kooperation mit den Fakultäten und ihren Dekanen, sowie
    • nach außen in der Stadt, in der Region und in der Gesellschaft.

Und auch dies ist uns allen deutlich: Autonomie einzufordern heißt eigenständiges Handeln im offenen Raum. Das heißt nicht nur Selbstbewusstsein, Mühe und Arbeit; das schließt durchaus auch die Möglichkeit ein zu verlieren, ja sogar zu scheitern: Autonom zu sein ist schön, aber anstrengend – und für manche anscheinend zu gefährlich.

 

Was werden wir nun als Professoren dazutun, die Forderung nach Autonomie zu rechtfertigen?

Mit jedem Blick auf das übliche Berufsleben ist uns Professoren gewiss, dass wir nach wie vor eine außerordentlich privilegierte Stellung in der Gesellschaft einnehmen: Freiheit für die Forschung, Freiheit für die Lehre als grundgesetzlich garantierte Arbeitsbereiche, dazu ein arbeitsrechtlicher Sonderstatus. Allerdings: In einer offenen Gesellschaft sind Privilegien stets neu zu erwerben – und zwar durch Leistung und Verantwortung. Dies bedeutet unter den gegebenen Bedingungen, dass Lehre, Wissenschaft und Forschung samt der Teilnahme an der akademischen Selbstverwaltung nach innen wie nach außen ständig auf dem Prüfstand stehen. Dies hat nach angemessenen und damit nach universitären Kriterien zu geschehen. Dies hat überdies nach Kriterien zu geschehen, die dem jeweiligen Fach gerecht werden. Eines ist jedoch sicher: Evaluation, Budgetierung, Akkreditierung, Benchmarking – das alles sind keine Tabus, sondern Instrumente, um die Leistungsfähigkeit einer Universität nach innen wie nach außen zu dokumentieren. Hier darf, hier wird es keine Berührungsängste geben. Einen guten Professor stört dergleichen nicht.

Eines ist aber ebenso deutlich zu sagen: Die Universitäten sind der Ort freien Forschens und Lehrens. Auch die Arbeit jenseits evaluativer Kriterien muss möglich sein, wenn denn das Werk sichtbar wird – sei es ein Opus permagnum, sei es die intensive Sorge um den akademischen Nachwuchs, sei es eine andere bedeutende Aufgabe im Dienste der universitären Gemeinschaft.

 

Was dürfen wir schließlich von den Studierenden erwarten, die in einer solchen "Universität in Bewegung" – so sei sie einmal genannt – lernen?

Studieren zu dürfen ist ein Privileg. In unserer Gesellschaft wird Studierenden eine kostbare Leistung kostenlos angeboten. Auch von Studierenden ist zu erwarten, dass sie sich der permanenten Evaluation ihres Lernerfolges stellen – einen guten Studierenden stört das nicht. Und denjenigen, die es schwer haben, wird die begleitende Studienberatung nützen. Auch von Studierenden ist zu erwarten, dass sie sich über den engeren Bereich ihres Studienfaches hinaus interessieren. Ein Studierender profitiert von einem guten Professor. Ebenso profitiert der gute Professor, eben derjenige, der nicht immer schon alles weiß, von den Fragen seiner Studierenden. Genau dies, die gemeinsame kritische Reflexion des eigenen Tuns im Lichte anderen Denkens, ist ein wesentlicher Aspekt dessen, was eine "universitas" der Lehrenden und Lernenden bedeutet. Ebenso sollten sich die Studierenden in der akademischen Selbstverwaltung engagieren: kritisch und zielorientiert. Damit beginnt der gemeinsame Weg! Dies haben wir jedenfalls in der Medizinischen Fakultät bei vielen Gelegenheiten erfahren. Eines ist uns allen klar: Diejenigen, die sich hier während ihres Studiums engagieren, sind diejenigen, die später in der Gesellschaft zusätzliche Aufgaben übernehmen werden.

Und eines ist hier deutlich zu sagen: Wenn wir unserem Auftrag – Autonomie und Bildung – gerecht werden wollen, muss es für Studierende Nischen geben: Wer sich einem Spezialaspekt seines Faches widmen möchte, wer verschiedene Fächer – gegebenenfalls auch verschiedener Fakultäten – kombinieren möchte, wer seinen Erfahrungshorizont im akademischen Leben verbreitern möchte, etwa durch einen Auslandsaufenthalt, dem ist dafür Raum zu gewähren, möglicherweise unterstützt durch entsprechende Stipendien. Und auch hier gilt der Grundsatz: Die Leistung für die "universitas", ob jetzt oder in Zukunft, soll erkennbar sein.

Was dürfen wir von anderen erwarten?

Angenommen, wir würden unsere Pläne und Aufgaben – ob weithin reichend oder dem Alltag verpflichtet – ernsthaft verfolgen, was müssten wir dann von unserem Gegenüber, was müssten wir von Verwaltung und Politik erwarten dürfen? Dies lässt sich in wenigen Begriffen ausdrücken:

  • Handlungsmöglichkeiten, um Autonomie gestalten zu können, sowie
  • Handlungssicherheit als Mittel, Optionen in einen zeitlich gestaffelten und Schritt für Schritt überprüfbaren Plan umsetzen zu können.

Unbedingte Voraussetzung ist, dass Wissenschaft und Forschung als diejenigen kulturspezifischen Produktivitätsfaktoren erkannt und behandelt werden, zu denen sie geworden sind: Bildung ist das Bergwerk der Zukunft, Bildung ist das Stahlwerk der Zukunft! Bildung ist das "Mega-Thema", Bildung bleibt das "Mega-Thema" auf lange Sicht! Als Universität erwarten wir eine klare, auf die Qualität von Lehre, Wissenschaft und Forschung gerichtete Bildungspolitik. Angesichts der Erfahrungen der letzten Jahre ist der Weg auch hier die Konkurrenz der Hochschulen auf der Grundlage autonomer Entwicklung – dies in einem strengen Wettbewerb um die besten Absolventinnen und Absolventen und die besten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler.

Die deutschen Hochschulen können mit etwas aufwarten, was für kaum einen anderen öffentlichen Bereich gilt. Die Stagnation der späten 1990er Jahre ist überwunden. Interne und externe Leistungsvergleiche haben nicht nur zur Transparenz, sondern zu einer völlig neuen Haltung geführt: Die deutschen Universitäten haben die "deutsche Krankheit" überwunden und sich auf den Weg in die neue Zeit gemacht. Und das heißt: Diejenigen Universitäten, diejenigen Fakultäten, die sich dem regionalen, dem nationalen, dem internationalen Wettbewerb stellen, müssen gezielt gefördert werden. Einfacher gesagt: Wer sich bewegt, wer die Zeichen der Zeit verstanden hat, wer bereit ist, eben jenes "strukturelle Defizit" abzubauen, wer dies gar schon getan hat, der darf nicht gehindert werden, seinen Weg zu gehen.

Persönliche Danksagungen, persönliche Wünsche

Bevor ich die Grundgedanken dieser Rede zusammenfasse, möchte ich einige Dankesworte sprechen.

Entgegen dem Usus möchte ich nicht zuletzt, sondern als erstes meiner Frau, meiner Familie und meinen Freunden in Aachen und andernorts in Deutschland danken. Hier, im Raum gelebter Unmittelbarkeit, fügen sich die widersprüchlichen Eindrücke des beruflichen Alltags zu einem Gesamtbild zusammen. Hier, so darf ich sagen, gewinne ich Kraft. Deswegen geht mir mein privates Umfeld über alles.

Danken möchte ich den Angehörigen des Instituts für Geschichte der Medizin. Es ist uns in gemeinsamer Arbeit über die letzten zwölf Jahre gelungen, einen konstruktiven – und wie sich in der Rückschau zeigt – auch produktiven Freiraum für gemeinsames Lehren, Lernen und Forschen zu schaffen. Fürwahr eine "Insel der Seeligen". Auch hier gewinne ich Kraft. Ich hoffe, nunmehr als Gast, weiterhin an den Veranstaltungen des Instituts, insbesondere am wissenschaftlichen Colloquium, teilnehmen zu dürfen.

Danken möchte ich meinen Freunden und Kollegen in den verschiedenen Fakultäten der Heinrich-Heine-Universität. In der Medizinischen Fakultät habe ich gelernt, auch tief greifende und weit reichende Probleme in durchaus kontroverser Diskussion zu lösen – und trotzdem kollegial, teils sogar freundschaftlich verbunden zu bleiben. Die Philosophische Fakultät hat mich vor nunmehr zehn Jahren von sich aus zu ihrem Zweitmitglied gewählt. Dies war eine der großen Freuden meines akademischen Lebens. Die Medizinische Fakultät ist meine wissenschaftliche Heimat, die Philosophische Fakultät mein geistiges Refugium. Ich hoffe, dass dies so bleiben wird.

Insgesamt hoffe ich, dass das Spezifikum der Heinrich-Heine-Universität, nämlich keine Parteien, keine Fraktionen zu haben, in Zukunft erhalten bleibt. Die Probleme, die vor uns liegen, sind groß. Wir werden diese Herausforderungen nur dann gestärkt hinter uns bringen, wenn wir weiterhin zusammenhalten. Ich verspreche, mein Möglichstes dazu zu tun.

Danken möchte ich unserem Kanzler, Herrn Pallme König. Herr Pallme König war schon immer unser Gewährsmann in Kompetenz, Weitblick, Sachlichkeit und Verschwiegenheit. Nachdem deutlich wurde, wie sich die Dinge im Rektorat entwickeln würden, ist Herr Pallme König auf mich zugegangen, um mir die wesentlichen Aufgaben zu erläutern. Aus der früheren Zusammenarbeit, aber auch aus diesen ersten Begegnungen unter neuen Vorzeichen schließe ich auf eine gute Zusammenarbeit in Zukunft.

Danken möchte ich schließlich den beiden Persönlichkeiten, die diese Universität geschaffen bzw. geformt haben. Wir haben in der Tat das große Glück, dass beide heute unter uns sind. Prof. Mikat hat unsere Universität 1965 mit einem genialen Schachzug gegründet. Darüber hinaus hat er mit der Ausschreibung von zwei Lehrstühlen für die künftige Mathematisch-Naturwissenschaftliche Fakultät und zwei Lehrstühlen für die künftige Philosophische Fakultät – und hier mit großem Weitblick einmal für Medizinische Anthropologie, einmal für Wissenschaftstheorie – die Weichen für die Zukunft gestellt.

Danken möchte ich – und zwar an der bedeutenden letzten Stelle – meinem Vorgänger im Amt. Als Olympier – sowohl in Weitsicht wie in Haltung – hat Magnifizenz Kaiser 20 Jahre die Geschicke dieser Hochschule gestaltet. Die Heinrich-Heine-Universität als "universitas" im umfassenden Sinne – von den neu gegründeten Fakultäten über das Universitätsorchester, den UniChor und die eigene Kunstsammlung bis hin zur Repräsentanz in Schloss Mickeln und vielem anderen mehr – das war, so habe ich es zumindest verstanden, sein Ziel. Dieses Werk ist vollbracht, dieses Werk ist gelungen. Wem ist ein solches Glück beschieden?

Die Idee der Universität in unserer Zeit – zusammenfassende Thesen

Sie alle kennen das Wort "Man kann über alles reden – nur nicht über zwanzig Minuten." Es wird üblicherweise Kurt Tucholsky zugeschrieben. In seinen "Ratschlägen für den guten Redner" lesen wir allerdings: "Sprich nie länger als vierzig Minuten"12.

Der Klarheit halber möchte ich abschließend die Grundgedanken dieser Vorlesung in aller Kürze zusammenfassen.

Autonomie ist unser Ziel – nicht als Selbstzweck, sondern

  • als unbedingte, von alters her überlieferte Voraussetzung des freien Forschens, Wissens, Lernens und Lehrens im Dienste der Wahrheit;
  • als unbedingte, in historischer Analyse begründete Voraussetzung, im Zusammenbruch einer überregulierten spätindustriellen Gesellschaft genügend Handlungsfreiheit zu gewinnen;
  • als unbedingte, in kultureller Analyse begründete Voraussetzung, den Anforderungen einer offenen Weltgesellschaft gerecht werden zu können.

Bildung ist unser Ziel – nicht als Selbstzweck, sondern

  • als unbedingte, mit Beginn der bürgerlichen Gesellschaft überlieferte Voraussetzung, dass nur in den Wissenschaften, in den Künsten und in den Fragen letzter Bindungen sowohl rational als auch emotional und leiblich gebildete Menschen die moderne Gesellschaft im Dienste aller mitgestalten können;
  • als unbedingte, in historischer Analyse begründete Voraussetzung, weil nur ebenso selbstkritische wie verantwortliche Persönlichkeiten eine im raschen Wandel begriffene Weltgesellschaft mitgestalten können;
  • als unbedingte, in kultureller Analyse begründete Voraussetzung, den aktuellen Anforderungen an eine autonome "universitas" gerecht werden zu können.

Autonomie und Bildung sind die elementaren Mittel für unsere wesentlichen Ziele: gute Lehre, gute Wissenschaft, gute Forschung – ausgerichtet am internationalen Niveau. Diese Werte und Ziele sollen unser Handeln nach innen und unser Bild nach außen bestimmen; dies ist unsere "Idee der Universität".

Und Heinrich Heine? Mahnend sagt er uns: "Ebenso wie Individuen gehen auch Institute ihrem Verderben entgegen, wenn sie von dem Prinzipe abtrünnig werden, dem sie ihre Entstehung und Blüte verdanken."13 Gemeinsames Lehren, Lernen und Forschen – da also müssen wir wieder hin.

Und weiter sagt Heinrich Heine: "Gefährliche Deutsche! Sie ziehen plötzlich ein Gedicht aus der Tasche oder beginnen ein Gespräch über Philosophie."14 Da wollen wir wieder hin!

Wir wandeln auf den Spuren Heinrich Heines. Das ist Freude und Ansporn zugleich.

Literatur

DELBRÜCK, Max. "A physicist looks at biology", Transactions of the Connecticut Academy of Arts and Sciences 38(5) (1949), 175-190.

FOX-KELLER, Evelyn. Das Jahrhundert des Gens. Frankfurt am Main 2001.

HEINE, Heinrich. "Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland", in: Heinrich HEINE. Sämtliche Schriften in zwölf Bänden. Herausgegeben von Klaus BRIEGLEB. Bd. 5: Schriften 1831-1837. München 1976, 505-641.

HEINE, Heinrich. Historisch-kritische Gesamtausgabe der Werke. Herausgegeben von Manfred WINFUHR. 16 Bde. Hamburg 1975-1997.

HEINE, Heinrich. Mit scharfer Zunge. 999 Aperçus und Bonmots. Ausgewählt von Jan-Christoph HAUSCHILD. München 1997.

HENNIS, Wilhelm. Max Webers Fragestellung. Studien zur Biographie des Werks. Tübingen 1987.

HENNIS, Wilhelm. Max Webers Wissenschaft vom Menschen. Neue Studien zur Biographie des Werks. Tübingen 1996.

LÜBBE, Hermann. Geschichtsbegriff und Geschichtsinteresse. Analytik und Pragmatik der Historie. Basel und Stuttgart 1977.

LÜBBE, Hermann. "Wieso es keine Theorie der Geschichte gibt", in: Hermann LÜBBE. Philosophie nach der Aufklärung. Von der Notwendigkeit pragmatischer Vernunft. Düsseldorf und Wien, 1980.

LÜBBE, Hermann. Die Einheit von Naturgeschichte und Kulturgeschichte. Bemerkungen zum Geschichtsbegriff. Wiesbaden 1981. (Akademie der Wissenschaften und der Literatur zu Mainz. Abhandlungen der Geistes- und Sozialwissenschaftlichen Klasse, Jahrgang 1981; 10)

RUSINEK, Bernd A. "Magnifizenz hatte Sorgen. Das ‚Hoch‘ der Hochschule, die ‚universitas‘ der Universität, der ‚Geist‘ der Geisteswissenschaften waren Themen der Rektoratsreden im neunzehnten Jahrhundert", Frankfurter Allgemeine Zeitung (30.11.2002), 39.

SACHSSE, Christoph. "Der Wohlfahrtsstaat in historischer und vergleichender Perspektive", Geschichte und Gesellschaft 16 (1990), 479-490.

SCHOTT, Heinzgerd. "Die formierte Gesellschaft und Das Deutsche Gemeinschaftswerk". Zwei gesellschaftspolitische Konzepte Ludwig Erhards. Dissertation. Bonn 1982.

SIEP, Ludwig, "Hegel und Europa". Vortrag auf der Jahresfeier der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften (7. Mai 2003). Düsseldorf 2003.

TUCHOLSKY, Kurt. "Ratschläge für einen schlechten Redner", in: Kurt TUCHOLSKY. Zwischen gestern und morgen. Reinbek bei Hamburg 1952, 119-121.

Heinrich-Heine-Universität, Universitätsstr.1, 40225 Düsseldorf, Nummer der Telefonzentrale 0211/81-00
Letzte Änderung: 17.01.2006, 10:56
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