Die Frage, wo Europa ende, wird seit eh und je im Hinblick auf den Osten des Kontinents gestellt. Dabei gäbe es Gründe genug, die Frage wenigstens für bestimmte historische Epochen auch an die Völker und Staaten zu richten, die in anderen Zonen der europäischen Windrose leben, etwa an die Portugiesen und Spanier, die lange Zeit völlig auf ihre überseeischen Kolonialreiche konzentriert und orientiert waren, oder an die Briten, bei denen für viele der Ärmelkanal heute noch mehr als eine schmale Wasserstraße darstellt. Aber im Westen wie auch im Süden oder Norden kann man die Gunst der Natur nutzen, um sich selbst in Europa einzuordnen: die eindeutige Grenze, die Küste und Meer bilden. Dabei handelt es sich nur um eine scheinbare Eindeutigkeit, denn das Meer war ja für lange Zeiten kein abschließendes Hindernis. Für die Kolonialreiche beispielsweise fungierte es als Verbindung zwischen ihnen und ihren Mutterländern; die Küsten mit ihren Häfen dienten als Orte, an denen über die Meere hinweg Kontakte geknüpft und gepflegt und Bindungen, Beziehungen, Einflusszonen begründet und verankert wurden. Wo das Wasser anfängt, ist das Land zu Ende (vom Streit um die Abgrenzung der Festlandsockel der Küstenanrainer soll hier gar nicht weiter die Rede sein), und das genügt vielen schon, um von der geographischen Seite her die Zugehörigkeit dieser Länder zu Europa gar nicht in Frage zu stellen.
Demgegenüber haben es die Länder im Osten Europas schwerer, genauer: die Russen und diejenigen Völker, die mit ihnen in der Gegend wohnen, wo der riesige Territorialklotz Asien in sein kleines, zersplittertes und zerfasertes Anhängsel Europa übergeht. Dass es sich hier um zwei verschiedene Kontinente handelt, war diesem Gebilde nicht von der Schöpfung mitgegeben, vielmehr wurde es erst von den Menschen so eingeteilt und klassifiziert. Die Laune der Natur, diese beiden Erdregionen Asien und Europa weiträumig ineinander übergehen zu lassen, anstatt wenigstens ein kleines Meer oder ein kaum übersteigbares Hochgebirge zwischen sie zu setzen, nutzten die Russen, ihr Reich im Laufe der Geschichte immer weiter auszudehnen – im Osten so weit, bis sie ans Meer kamen, und da hatten sie den nördlichen Teil Asiens durchquert. So gibt es einen geographischen und einen demographisch-historisch- politischen Grund, die es beide schwer machen, eine definitive Grenze zwischen Europa und Asien festzustellen. Man verständigte sich schließlich darauf, den Ural als geographische Markierung für die Unterscheidung zwischen beiden Kontinenten anzuerkennen. Obwohl weder das Gebirge noch der Fluss dieses Namens historisch als "natürliche" Grenze in Erscheinung getreten sind, nicht einmal als Siedlungsbarriere, bewährte sich diese Regelung bis in die Spätzeit des 20. Jahrhunderts hinein, als über die Stationierung von Raketen verhandelt wurde.
Die Unterscheidung zwischen Asien und Europa hatte in der Mythologie der Antike eine Rolle gespielt, und im Mittelalter verhielt es sich mit den Vorstellungen vom "Osten" nicht viel anders.1 Der "Osten" war die Region der Erde, aus der das Licht kam und aus der die wilden Völker hervorbrachen, wie es in vielen Schriften geweissagt worden war. Licht, Erleuchtung und Heil ebenso wie Verderben, Zerstörung und Bedrohung – beides zog in dieser Vorstellungswelt von Osten herauf, und es bildete ein unauflöslich zusammengehörendes, einander ergänzendes Gegensatzpaar.2 Im "Westen" bediente man sich seither jedoch einzelner Elemente, um Verheißung oder Untergang zu verkünden, die sich von Osten her näherten; welche Elemente gewählt wurden, richtete sich nach den Zeitläuften und der jeweiligen Interessenlage.
Das eigentliche, wirksame Unterscheidungskriterium des Mittelalters hieß Christ oder Nichtchrist, und unterhalb dieser Hauptkategorien wurde weiter differenziert: Papstkirche oder autokephale christliche Kirchen, d. h. die Kirchen des christlichen Ostens, einerseits und Juden, Muslime, Häretiker sowie noch nicht missionierte Heiden andererseits. Insofern kann es als kennzeichnend gelten, dass die Päpste Gesandte zu den Mongolen und Tataren schickten, nachdem diese ihr Weltreich im 13. Jahrhundert weit nach Westen ausgedehnt und die unterworfenen Russen eingegliedert hatten. Diese Mönche sollten Genaueres über die fremden Herrscher des Ostens, deren Heere so viel Schrecken verbreitet hatten, in Erfahrung bringen und erkunden, ob es bei ihnen eine Bereitschaft gebe, sich missionieren zu lassen.3 Die Erfüllung des Auftrags Christi, seine Botschaft weiterzutragen, deckte sich mit dem Bemühen um Integration einer fremden Macht, denn hätten sich die Khane taufen lassen, hätte dies die Aufnahme ihrer Völker in die Christenheit bedeutet. Dass sich hier religiöses Anliegen und diplomatisch-politisches Interesse miteinander verbanden, lag nahe.
Erst seit dem Spätmittelalter entwickelte sich Europa zu dem politischen und an bestimmten Werten orientierten Begriff, wie wir ihn heute gebrauchen.4 In der Diskussion um die Osterweiterung der Europäischen Union (EU), um die Verfassung für diese Organisation eines Teils der auf dem europäischen Kontinent befindlichen Staaten und um das Verlangen der Türkei, in die EU aufgenommen zu werden, hat die Frage danach, was Europa sei, eine verstärkte, brisante Aktualität gewonnen.5 Dabei hat sich herausgestellt, dass die geographische Abgrenzung eher eine Nebenrolle spielt. Dagegen ist das Problem der Werteorientierung, die für die Zugehörigkeit zur EU und zu anderen europäischen Organisationen ausschlaggebend sein sollte, umso heißer umstritten. Den Dreh- und Angelpunkt der Debatte bilden die Türkei und, damit eng verbunden, das Verhältnis der sich maßgeblich christlich definierenden Gesellschaften zum Islam. Die Anschläge vom 11. September 2001 und die Auseinandersetzung mit den islamistischen Zweigen des internationalen Terrors haben diese Debatte zusätzlich angeheizt.
In Deutschland trat dabei ein gravierender Mangel zu Tage, der leider auch für unsere Universität konstatiert werden muss: Es gab und gibt noch zu wenige wissenschaftliche Einrichtungen, vor allem an den Hochschulen, die sich mit der Erforschung der islamischen und der arabischen Welt beschäftigen und ihre Erkenntnisse an die Öffentlichkeit weitergeben. Dieser Mangel ist im Laufe der Zeit fahrlässig bis mutwillig herbeigeführt worden, zuletzt mit dem Argument, an "Orchideenfächern" wie diesem sparen zu sollen. Man glaubte, die absonderlichen Neigungen abgehobener Gelehrter nicht mehr mit öffentlichen Mitteln finanzieren zu können. Deutschland war einmal in der Orientalistik und Islamforschung weltweit führend. Heute steht man vor vielen schwierigen Fragen, und die Politik wie die Öffentlichkeit sind bei der Beantwortung auf die Auskünfte von wenigen Journalisten, die die Medien beherrschen, und von noch weniger Professoren angewiesen, die publizistisch aktiv sind. So lange es sich um wirkliche Fachleute auf diesem Gebiet und um fundierte Diskussionen handelt, ist das auch in Ordnung.
Vollends fragwürdig wird es dann, wenn sich Wissenschaftler zu Worte melden, die keine Fachleute auf diesem Gebiet sind und ihre politischen Ansichten nicht als solche vertreten, sondern wissenschaftlich verbrämen. In dieser Weise ist ein emeritierter Historiker, der seine unbestreitbaren Meriten auf dem Felde der neueren deutschen Geschichte erworben hat, vehement hervorgetreten. Hans-Ulrich Wehler hat seine Ansicht, die Türkei solle nicht Mitglied der EU werden, in einer Reihe von Zeitungsaufsätzen mitgeteilt.6 Dagegen wäre gar nichts einzuwenden, wäre er bei einer begründeten, sachlichen Argumentation seiner politischen Meinung geblieben. Er hat seine Meinung aber nicht nur mit der missionarischen Vehemenz eines Ketzerpredigers mehrfach verkündet, was man ihm noch als respektablen Temperamentsausbruch anrechnen könnte, sondern hat sich darüber hinaus dazu hinreißen lassen, seine Ansichten mit Argumenten aus der europäischen Geschichte zu begründen. An dieser Stelle setzen schwere Bedenken ein, denn diese Argumente sind sowohl willkürlich ausgewählt als auch wissenschaftlich fragwürdig. Ich betone ausdrücklich, dass man über die Frage der Zugehörigkeit der Türkei zur EU unterschiedlicher Meinung sein kann, und in die Diskussion darüber will ich mich an dieser Stelle gar nicht einschalten. Mir geht es um die historischen Begründungen, die Wehler vorbringt, und ihnen gilt meine Kritik.
Zuerst erinnert Wehler daran, dass der Türkei nach dem Zerfall des Osmanischen Reiches als "erstrebenswertes Ideal [...] der ethnisch homogene europäische Nationalstaat" gegolten habe.7 Um dieses Ziel zu erreichen, hätten die Türken den Völkermord an den Armeniern und den Bevölkerungsaustausch mit Griechenland mit barbarischen Methoden ins Werk gesetzt. Wenn das ein Argument gegen die EU-Zugehörigkeit sein soll, dann hätte Deutschland nie Mitglied werden dürfen. Wehler sei daran erinnert, dass es Deutschland war, das in der Mitte des 20. Jahrhunderts, also etliche Jahre nach den angeprangerten türkischen Maßnahmen, das Ideal eines ethnisch bzw. rassisch homogenen Großreiches auf den Trümmern Polens und Russlands mit der Methode des absichtlich herbeigeführten Weltkrieges und des Massenmordes an sechs Millionen Juden, ebenso vielen Polen und mehr als 20 Millionen Bewohnern der damaligen Sowjetunion verfolgt hat, von den weiteren Opfern gar nicht zu reden.
Ein weiteres Argument, das Wehler aus der Geschichte wählt, ist seine Feststellung: "Das muslimische Osmanenreich hat rund 450 Jahre lang gegen das christliche Europa Krieg geführt; einmal standen seine Heere sogar vor den Toren Wiens."8 Ist dem Historiker entgangen, dass der Sultan des Osmanenreiches mit dem allerchristlichsten König von Frankreich verbündet war? Und wenn er unter Hinweis auf den Entwicklungsrückstand der Teile Südosteuropas, die unter osmanischer Herrschaft standen, warnend andeutet, was ein türkischer Sieg vor Wien "für weitere Teile Europas bedeutet hätte"9, dann lässt er unerwähnt, was die Kriege, die die christlichen Mächte gegeneinander geführt haben, für die betroffenen Länder selbst bewirkt haben: Der Dreißigjährige Krieg, der nicht nur blühende Kulturen vernichtet und auf einen Urzustand zurückgeworfen, sondern auch ganze Landstriche auf grausamste Weise entvölkert hat, hat Spuren hinterlassen, die bis heute nicht nur erkennbar, sondern auch spürbar sind, vom Ersten und Zweiten Weltkrieg ganz zu schweigen.
Diese Einwände "stechen", anders als Wehler meint, keineswegs, weil sie einen erschreckenden Umgang mit der Geschichte als politischem Argument erkennen lassen. Wären es irgendwelche Hinterbänkler des Bundestages, die sich so äußerten, dann ließe man es bei einem "Naja, so reden sie dort halt daher, wenn es ihnen nützt" bewenden. Hier aber schreibt ein Wissenschaftler, der von Journalisten mehrfach als "Doyen der deutschen Historiker" bezeichnet worden ist.
An dieser Stelle wende ich mich einem Bereich zu, der an unserer Universität mit zwei einander ergänzenden Professuren vertreten und fest in der Philosophischen Fakultät und im Historischen Seminar verankert ist: der Geschichte und Gegenwart des östlichen Europas. Damit ist unsere Universität etlichen anderen in Deutschland ein Stück voraus, und der Strukturplan der Philosophischen Fakultät weist aus, dass es auch so bleiben soll. Daher ist zu hoffen, dass den Absolventen eines Geschichtsstudiums in Düsseldorf auch weiterhin eine solide Kenntnis der Geschichte ganz Europas mitgegeben werden kann. Damit werden sie zumindest in der Lage sein, das apodiktische Urteil des Doyens der deutschen Historiker, die "Ukraine, Weißrussland und Russland" seien "kein Teil Europas", kritisch zu hinterfragen.
An der angefügten Feststellung, sie "gehören deshalb nicht in die EU"10, wird erkennbar, aus welcher politischen Absicht heraus Wehler seine historischen Argumente produziert hat: Er will die Zusammensetzung der EU aus einer westlich- christlich-abendländischen Sicht Europas heraus beeinflussen. In einem solchen Abendland haben die ostslavischen Völker und Staaten keinen Platz (und die Türkei deswegen schon gar nicht). Auch hier führt er Gründe an, die er seiner Kenntnis der Geschichte Osteuropas entnommen hat: Die Ukraine, Weißrussland und Russland
| haben Europa manchmal massiv beeinflusst, aber die griechisch-römische Antike, die protestantische Reformation, die Renaissance, die Aufklärung und die Wissenschaftsrevolution haben sie nicht geprägt. Es gibt dort kein europäisches Bürgertum, keine autonomen Bürgerstädte, keinen europäischen Adel, keine europäische Bauernschaft.11 |
Erstaunlicherweise erkennt der Historiker nur einen gelegentlichen massiven Einfluss in der ost-westlichen Richtung, der mindestens genauso intensive und nicht nur gelegentliche Einfluss in west-östlicher Richtung bleibt unerwähnt. Was die fehlende Prägung durch die griechisch-römische Antike betrifft – gewiss, die Kiever und die Moskauer Rus’ haben niemals zum Römischen Reich gehört. Daher findet man zum Beispiel im ursprünglichen russischen Staats- und Rechtsdenken etliche Elemente nicht, wie sie sich im westlichen Europa entwickelt haben; hier lässt sich vor allem seit dem 19. Jahrhundert und verstärkt nach dem Zusammenbruch des Sowjetsystems eine Rezeption und Diskussion westlicher Rechtsvorstellungen und -normen in Russland feststellen.
Immerhin übernahm die Kiever Rus’ gegen Ende des 10. Jahrhunderts das Christentum aus Byzanz, aus der Osthälfte des Römischen Reiches, wo sich einmal das Zentrum des gesamten Reiches befunden hatte. Dort hatte sich eine Form christlichen Selbst- und Weltverständnisses aus denselben Grundlagen wie im Westen entwickelt. Im oströmisch- griechischen Kaisertum kam es nicht zum Dualismus zwischen den zwei obersten Autoritäten, Kaiser und Papst, vielmehr herrschten dort Idee und Begriff der "Symphonia", des übereinstimmenden, einander legitimierenden und schützenden Zusammenwirkens von Staat und Kirche. Müssen wir diese Ordnung für weniger legitim halten als die der lateinischen Welt, nur weil sie in der Osthälfte der christlichen Ökumene, im östlichen Europa entstand und vorherrschte? Es liegt auf der Hand, dass vor diesem Hintergrund unterschiedliche Entwürfe des Staates und der Gesellschaft entstehen mussten. Den einen Entwurf für allein richtig und verbindlich zu halten, ihn als Maßstab für ganz Europa zu setzen und den anderen als uneuropäisch zu verwerfen, bedeutet nichts anderes, als das Grundcharakteristikum Europas, die Vielfalt aus gleicher Wurzel, zu übersehen und ein westeuropäisch- abendländisches Denken zu dogmatisieren. Die gemeinsame Wurzel ist das Christentum, in das die jüdischen, die antiken, die orientalischen Elemente eingegangen sind, wenn sich auch die daraus erwachsenen Formen und Vorstellungen unterscheiden. Die christliche Grundorientierung bildet das gemeinsame Fundament ganz Europas, und schon deswegen verbindet die drei ostslavischen Völker und ihre Kulturen mehr mit dem übrigen Europa als mit den asiatischen Völkern und Kulturen, an die das von den Russen getragene Staatswesen grenzte und noch grenzt.
Im Ganzen ist das griechisch-römische Erbe wie auch das Christentum in den westlichen und östlichen, ebenso in den südlichen und nördlichen Teilen Europas auf unterschiedliche Weise rezipiert und weiterentwickelt worden. Die Idee, Moskau als "Drittes Rom" in die Kontinuität der Zentren des Römischen Reiches, Rom und Konstantinopel, zu stellen, wurde im Russland des frühen 16. Jahrhunderts aus einem christlichen Weltverständnis mit starken Bezügen auf die Antike formuliert. Wenige Jahre später, unter Ivan IV. (1547-1584), führte sich das Herrscherhaus der Rjrurikiden auf die Familie des Kaisers Augustus, also auf das weströmische Kaiserhaus, zurück. Mag es sich auch um einen gezielt propagierten Mythos der offiziellen Selbstdarstellung handeln, so lassen sich doch die Kategorien und Bezüge erkennen, in denen man in Moskau um die Mitte des 16. Jahrhunderts dachte.12
Es ist nicht sehr erstaunlich, dass in den drei hier in Rede stehenden Ländern die protestantische Reformation nicht in gleicher Weise stattfand wie in Deutschland oder – auf jeweils eigene Weise – in Schweden oder in England oder in den Niederlanden oder in der Schweiz; und Böhmen brachte mit den Hussiten wiederum eine spezielle Bewegung hervor. Sieht man genau hin, so wird man bemerken, dass es die protestantische Reformation in den Ländern West- und Südeuropas gar nicht gegeben hat. Wir finden nicht nur erhebliche Unterschiede und Gegensätze zwischen den reformatorischen Strömungen, sondern auch bei Wehler als europäisch akkreditierte Länder, von denen man wirklich nicht behaupten kann, sie seien vom Protestantismus geprägt, etwa Italien, Spanien, Portugal oder Irland. In Russland hat es keine wiclifsche oder lutherische oder calvinistische Reformation gegeben, wie sollte es auch. Aber reformatorische Bewegungen traten auch im Bereich der russischen orthodoxen Kirche auf, beispielsweise die konkurrierenden Strömungen der machtkirchlichen Bewegung des Josif von Volokolamsk und der "Uneigennützigen" des Nil Sorskij (15./16. Jahrhundert) oder die Altgläubigen (17. Jahrhundert), die es heute noch gibt. Sie wandten sich gegen Verhaltensweisen ihrer Amtskirche, und ihre Kritik ähnelte in etlichen Punkten derjenigen, die im Westen geübt wurde, etwa an der Dominanz und Starrheit der klerikalen Hierarchie, am materiellen Reichtum der Kirche oder am Sittenverfall und schlechten Bildungsstand ihrer Repräsentanten.13
Die Renaissance verdichtete sich in den ostslavischen Ländern nicht zu einer eigenständigen historischen Epoche wie im westlichen Europa. Ihr Echo, wie auch das der Reformation, lässt sich z. B. im Moskauer Russland des 15. und 16. Jahrhunderts wahrnehmen. Dieser Widerhall ging aus einer ähnlichen Denkweise, aus vergleichbaren religions- und gesellschaftskritischen Mustern hervor; sie zeugen von Einflüssen und Kontakten innerhalb Europas, die sich nur dem erschließen, der genau hinsieht. Günther Stökl formulierte es in seinem nach wie vor grundlegenden Aufsatz vorsichtig, wenn er von dem "neuen Geist" sprach, der sich in Moskau regte, und dann fortfuhr:
| Aber daß der als ein ferner Widerhall immerhin feststellbare neue Geist ein Geist des Widerstandes gegen die erstarrte Form war, und daß dieser Widerstand nicht ohne Beziehung zu unserer eigenen geschichtlichen Welt war, das ließe sich mit aller Vorsicht wohl vertreten und könnte vielleicht eines weiteren Nachdenkens wert sein.14 |
Die Zone "der Kontakte und Kontaktmöglichkeiten" zieht Stökl "von Schweden und dem Ordensland im Norden bis nach Ungarn und der Moldau im Süden".15 Gewiss, es handelt sich hier um Ostmittel- und Südosteuropa, die nach den Wehlerschen Kategorien nicht aus Europa ausgeschlossen werden. Aber wo ist gerade für das Spätmittelalter und die Frühe Neuzeit die Grenze zu Osteuropa zu ziehen? Damals gehörten Weißrussland und weite Teile der Ukraine zu Litauen, das mit Polen seit dem ausgehenden 14. Jahrhundert in Personalunion, später in Realunion verbunden war. Große Gebiete gingen im Laufe der Zeit in unmittelbare polnische Herrschaft über. Hier finden wir eine Fülle von eigenen Entwicklungen und Formen, die aus der Verbindung oder Begegnung westlich-lateinischer und griechisch-russisch-orthodoxer Elemente entstanden sind. Die Reformation gelangte in ihrer calvinistischen Variante dorthin, weiter als die lutherische und die böhmische Variante, die nur bis Polen und ins Baltikum kamen, und sie führte zu erheblichen Auseinandersetzungen zwischen der Krone und den Teilen des Adels und städtischer Schichten, die sich zu ihr bekannten.16
Für den politisch-rechtlichen Bereich stellt das Erste Litauische Statut, 1528/1529 auf Drängen des Adels von dem polnisch-litauischen König Sigismund I. "dem Alten" (1506-1548) in Kraft gesetzt, ein Denkmal der Verbindung russischer Rechtstradition und westlichen Rechtsdenkens dar. Solche Übergänge und Einflüsse findet man auch in Westeuropa, wo römische Rechtsvorstellungen sich mit den autochthonen fränkischen und germanischen Traditionen mischten.17
Im kirchlichen Bereich kam es 1596 zur Union von Teilen der orthodoxen mit der römisch-
lateinischen Kirche. Bereits auf dem Konzil von Ferrara-Florenz war 1437/1438 auch eine
Union der römischen Kirche mit den Byzantinern durchgesetzt worden. Diese Vorgänge,
die nicht unumstritten blieben und zwar folgenreich, aber nicht sehr erfolgreich waren,
hatten einen politischen Hintergrund. Aber welche Maßnahme von einiger Bedeutung,
die von den Päpsten getroffen wurde, beruhte nicht auf politischen Überlegungen und
Interessen?18
Immerhin lässt diese Unionspolitik eines erkennen: Die theologischen, liturgischen
und historischen Unterschiede zwischen West- und Ostkirche erschienen den
Päpsten und etlichen Bischöfen nicht als zu groß, um überwunden zu werden,
wenn man es nur wollte. Gerade der jetzige Papst Johannes Paul II. hat sich
diese Linie in besonderem Maße zu Eigen gemacht. Nachdrücklich hat er auf
diejenigen großen Heiligengestalten hingewiesen, die als Vertreter der Einheit des
Christentums und des historischen Gesamteuropas gelten. Hier seien nur die
griechischen Brüder Kyrillos und Methodios, die so genannten Slavenlehrer genannt,
die die Grundlagen für die Missionierung der süd- und ostslavischen Völker
schufen, oder der böhmische Heilige Adalbert, Bischof in Prag, wo er Vojt
ch, Missionar und Märtyrer bei den Prussen, Nationalheiliger in Polen, wo er
Wojciech hieß, befreundet mit dem polnischen Herzog, mit dem Papst und
mit Kaiser Otto III., der im Jahre 1000 von Rom nach Gnesen an sein Grab
pilgerte. Ganz zu schweigen von einem der heute noch populärsten Heiligen
der West- wie der Ostkirche, Nikolaus von Myra, der weit über sein irdisches
Leben hinaus die leibhaftige Verbindung zwischen Kleinasien und Süditalien
darstellte. Wo will man hier eine Grenze zwischen Europa und Nicht-Europa
ziehen?
Aus der Sozialgeschichte Europas schließt Wehler die Ostslaven mit der Feststellung aus, bei ihnen habe es "kein europäisches Bürgertum, keine autonomen Bürgerstädte, keinen europäischen Adel, keine europäische Bauernschaft"19 gegeben. Dazu wäre zunächst wieder die Frage zu stellen, ob es denn jemals das europäische Bürgertum, den europäischen Adel, die europäische Bauernschaft gegeben hat. Auf welche Kriterien könnte sich eine solche auch nur für das Wehlersche Europa einheitliche soziale Schichtung stützen? Was macht die Geschichte der Bauern etwa in Spanien, in Schwaben und in Schweden ähnlicher als die der Bauern in Irland und in der Ukraine? Es ließen sich zwischen den irischen und ukrainischen Bauern möglicherweise mehr Gemeinsamkeiten entdecken als zwischen den vorher genannten, etwa im Hinblick auf das Verhältnis zu den Großgrundbesitzern oder auf den Zusammenhang zwischen Konfessionsverschiedenheit und Staatsmacht. Dieselben Zweifel lassen sich ohne weiteres für den Adel und das Bürgertum anmelden.
Hier sei das Beispiel des Bürgertums und der Städte aufgegriffen. An Wehlers Heimatuniversität Bielefeld arbeitete im letzten Jahrzehnt des 20. Jahrhundert der Sonderforschungsbereich (SFB) 177 "Sozialgeschichte des neuzeitlichen Bürgertums". Zu den vergleichenden Forschungen dieses SFB gehörte auch das Projekt "Städtische Selbstverwaltung und bürgerliche Eliten vor 1917: Russland im Vergleich mit Deutschland". Die in diesem SFB entwickelten Ansätze zielten darauf ab, das Bürgertum über seine lokale Verankerung hinaus in seiner regionalen und nationalen Formierung zu betrachten. Ein thematisch paralleles Frankfurter Forschungsprojekt ging hingegen von der Stadt als "Entfaltungsraum und Handlungsfeld des Bürgertums" aus.20 Vor dem Hintergrund der generell intensivierten Stadt- und Bürgertumsforschung ist, wie Guido Hausmann schreibt,
| eine breite Forschungslandschaft entstanden, die aus der Perspektive der osteuropäischen Geschichte zuweilen eher verwirrend ist und erwünschte Klarheit vermissen lässt, andererseits durch heterogene Ansätze und Resultate auch neue Freiräume geschaffen und vor allem die immer noch weit verbreitete Vorstellung einer relativ einheitlichen Entwicklung in Deutschland bzw. in Westeuropa aufgelöst hat.21 |
Im Hinblick auf die Rede von der europäischen Stadt und dem europäischen Bürgertum ist dem zumindest für die Neuzeit nichts hinzuzufügen.
Der Historiker, der im Bereich des Ost-West-Vergleichs arbeitet, stößt auf die Schwierigkeit, dass die anscheinend und angeblich so eindeutige und stabile deutsch- westeuropäische Vergleichsgröße unter dem Druck neuer Fragestellungen und neuer, subtilerer theoretisch-methodischer Ansätze dahinbröselt. Jedoch eröffnen sich daraus Chancen, viel unbefangener und tiefer in die Schichtungen und Zusammenhänge der stadtbürgerlichen Bevölkerung einzudringen.
Für die entsprechende Russlandforschung ergaben sich viele neue und aussichtsreiche Möglichkeiten, denn die Sowjetherrschaft hatte infolge ihr geringes Interesse an der Stadt- und Bürgertumsgeschichte nicht nur diesen Bereich vernachlässigt und in seiner Entwicklung gehemmt, sondern auch Material unter Verschluss gehalten, das erst jetzt zugänglich ist und seitdem vom aktuellen theoretisch- methodischen Stand der Forschung aus befragt werden kann. Mit einer Reihe grundlegender Studien sind bereits wesentliche Voraussetzungen für die nach wie vor unabdingbare vergleichende Forschung auf einer viel genaueren, differenzierteren und veränderte Fragestellungen berücksichtigenden Grundlage als bisher geschaffen worden.22
Über die veränderte Perspektive schreibt Manfred Hildermeier, sie suche "die Chancen einer anderen Zukunft für Russland nun nicht mehr primär bei den unterlegenen politischen Strömungen und Akteuren", und die formalisierten und institutionalisierten Parteien und Gruppierungen sowie die weltanschaulich einzuordnenden Personen und Positionen stünden nicht mehr im Vordergrund.
| Vielmehr richtet sich das Interesse – angeregt zweifellos durch die neuere deutsche Bürgertumsforschung – auf eine tiefere, gleichsam subkutane Ebene und damit auch auf einen vorpolitischen Raum und überwiegend nichtformalisierte Gemeinschaften. Die inzwischen vielzitierten "Netzwerke" treten an die Stelle von Organisationen, freie Vereinigungen übernehmen den "forschungsstrategischen" Platz formalisierter Zusammenschlüsse. Überkommene, vielfach auf "objektiven" Kriterien beruhende Kategorien werden als zu grob und verfälschend verworfen. Statt dessen bemüht man sich, die Feinstrukturen der innerstädtischen Kommunikation und Interaktion freizulegen und sie unabhängig von den tradierten disziplinären Abgrenzungen der Wissenschaft zu rekonstruieren.23 |
Damit sollen die Unterschiede zwischen den russischen und den westeuropäischen bzw. deutschen Städten nicht verwischt werden, im Gegenteil, aber sie erscheinen in einem neuen Licht und bekommen ein anderes Gewicht. Auch bleibt die Frage nach der "Europäizität" (Hausmann) der russischen Städte mit ihrer polyethnischen Zusammensetzung und anderen Rechtsausstattung weiterhin berechtigt und notwendig. Man kann sie aber nur mit dem veränderten und verfeinerten Instrumentarium zu beantworten versuchen, wenn man die russischen wie die ukrainischen und weißrussischen Städte nicht von vornherein als nicht-europäisch qualifiziert. Im Übrigen muss die Perspektive über den deutsch-russischen Vergleich hinaus langfristig viel weiter gefasst, weitere europäische Stadttypen müssen mit einbezogen werden. Erst dann kann sich herausstellen, wo die russischen Städte in der Vielfalt Europas einzuordnen sind.
Fragt man nach dem Selbstverständnis der Russen, ob sie Europäer seien oder nicht, wird man unterschiedliche Antworten erhalten.24 Viele ordnen sich in erster Linie der Stadt oder Region zu, aus der sie kommen, in der sie leben. Die meisten dürften sich jedoch eher als Europäer denn als Asiaten betrachten, auch wenn sie in Sibirien oder im Fernen Osten leben. Es gab und gibt auch Russen, die sich zwischen den asiatischen und europäischen Kontinenten und Kulturen einordnen, die Russland und den Russen eine eigene Qualität zuschreiben: die Eurasier, die seit dem Niedergang der Sowjetunion wieder eine stärkere Aktualität gewonnen haben.25 Sie sind zu beachten, ebenso diejenigen, die sich zeitweise voll Empörung und Abscheu von Europa abgewendet und die Hinwendung zu Asien programmatisch verkündet haben, wie etwa der Naturwissenschaftler Nikolaj Ja. Danilevskij (1822-1885), der in seinem damals Aufsehen erregenden politisch-geschichtsphilosophischen Hauptwerk Rossija i Evropa (Russland und Europa)26 die slavische Welt als welthistorischen Kulturtypus gegen die germanisch-romanische Welt setzte. Nicht viel anders, im Ton vielleicht noch schärfer, verfuhr Fedor M. Dostoevskij (1821-1881), wenn er in zahlreichen Werken, von Die Brüder Karamazov bis zum Tagebuch eines Schriftstellers, die Werteordnung, die Lebensformen und Verhaltensweisen – Aufklärung, Individualismus, Rationalismus, Säkularisierung – der westlichen Gesellschaften heftig kritisierte und sich schließlich zu dem Aufruf an Russland steigerte, sich von Europa ab- und Asien zuzuwenden. So schrieb er nach der Eroberung der turkmenischen Festung Geok-Tepe (1881), Russland brauche die Eroberung Asiens,
| weil Rußland nicht nur in Europa, sondern auch in Asien liegt; weil der Russe nicht nur Europäer, sondern auch Asiate ist. Und noch mehr als das: in Asien liegen vielleicht noch mehr unserer Hoffnungen als in Europa. Und ich sage noch mehr: vielleicht ist Asien in unseren künftigen Schicksalen der wichtigste Ausweg!27 |
Sucht man nach den Gründen, dann stößt man immer wieder auf die tiefe Enttäuschung über den Westen als zentrales Motiv. Die russische intelligencija, die sich im und am Westen gebildet und so vieles von ihm gelernt hatte, musste immer wieder erleben, nicht nur vom "Westen" nicht ernst genommen und herablassend, ignorant behandelt zu werden, sondern auch – schlimmer noch –, dass der "Westen" seine eigenen Werte selbst nicht ernst nahm, nicht nach ihnen lebte, sich egoistisch und opportunistisch verhielt. Das Gefühl der Rückständigkeit oder Fehlentwicklung des eigenen Landes und der daraus resultierende gewisse Minderwertigkeitskomplex gegenüber dem "Westen", der der intelligencija jener Zeit öfter zugeschrieben wird, schlugen durch diese Enttäuschung in heftige Ablehnung um. Die deutlichste Formulierung fand Dostoevskij:
| Man muß sich von dieser lakaienhaften Furcht befreien, daß man uns in Europa asiatische Barbaren nennen und von uns sagen wird, wir seien mehr Asiaten als Europäer. Diese Furcht, daß Europa uns für Asiaten halten wird, verfolgt uns schon fast zweihundert Jahre. Diese Scham hat sich besonders in diesem neunzehnten Jahrhundert verstärkt und ist zu einer Panik ausgeartet [...]. Diese Scham und diese falsche Ansicht sind uns in den beiden letzten Jahrhunderten teuer, sehr teuer zu stehen gekommen; wir haben sie mit dem Verlust unserer geistigen Selbständigkeit, mit den Mißerfolgen in unserer europäischen Politik, schließlich auch mit dem vielen Geld bezahlt, von dem so viel draufgegangen ist, um Europa zu beweisen, daß wir nur Europäer und keine Asiaten sind.28 |
Hier klingt die Aufgabe Russlands an, die Dostoevskij als Konsequenz aus dieser Sicht
Russlands in Europa zieht: Russland muss seine Sendung wahrnehmen, es muss zu sich
selbst kommen, indem es Europa und die Menschheit in sich versöhnt und
zusammenführt. Diese Aufgabe formulierte er konzentriert in seiner Pu
chkin-Rede von
1881:
| Denn was ist die Kraft des russischen Volksgeistes in seinen letzten Zielen anderes als das Streben nach Allweltlichkeit und Allmenschlichkeit? [...] Die Völker Europas wissen gar nicht, wie teuer sie uns sind! In der Zukunft, ich glaube daran, werden [...] die zukünftigen russischen Menschen alle ohne Ausnahme begreifen, daß echter Russe sein nichts anderes bedeutet als: danach streben, die europäischen Widersprüche endgültig zu versöhnen, der europäischen Sehnsucht den Ausweg in der russischen allmenschlichen und allvereinenden Seele zu zeigen, in sie mit brüderlicher Liebe alle unsere Brüder aufzunehmen und schließlich und endlich vielleicht auch das endgültige Wort der großen allgemeinen Harmonie auszusprechen, der brüderlichen endgültigen Einigung aller Völker nach dem Gesetze Christi und des Evangeliums!29 |
Es geht also letztlich doch um die Zugehörigkeit zu Europa, und Sergej M. Solov’ev, einer der bedeutendsten Historiker Russlands im 19. Jahrhundert, hat dieses Bewusstsein in seinem 1858 veröffentlichten "III. Historischen Brief" zum Ausdruck gebracht, indem er schrieb, dass die Russen "nolens volens in die Familie der europäischen Völker eingetreten sind, dass wir mit ihnen ein gemeinsames Leben leben [...]", und dann bekannte: "Wir sind Europäer, und nichts Europäisches kann uns fremd sein!"30
Ein ähnliches Bekenntnis könnte Lew Kopelew abgelegt haben, der als russisch sozialisierter Jude aus einem ukrainischen Dorf stammte. Nach seiner erzwungenen Exilierung wurde der Germanist in Köln heimisch und widmete sein Leben der Aufgabe, die engen Beziehungen zwischen Deutschen und Russen und damit die Zugehörigkeit Russlands zu Europa zu beschreiben und zu dokumentieren. Dieses an der Universität Wuppertal durchgeführte Projekt mit dem Titel "West-östliche Spiegelungen. Russen und Russland aus deutscher Sicht und Deutsche und Deutschland aus russischer Sicht", das demnächst mit den letzten Bänden abgeschlossen wird, kann selbstverständlich kein letzter Beweis für die Zugehörigkeit Russlands zu Europa sein, aber zweifellos ist es ein Dokument der integralen historischen Verflechtung Russlands mit Europa.31
Die Beweise finden wir unübersehbar in der russischen
Kultur.32
Gibt es wirklich vernünftige Gründe, Aleksandr Pu
kin, Lev Tolstoj, Fedor Dostoevskij,
Maksim Gorkij, Marina Cvetaeva oder Aleksandr Sol
enicyn aus der Reihe der
europäischen Dichter, Michail Glinka, Petr
ajkovskij, Modest Mussorgskij oder
Igor’ Stravinskij aus der Reihe der europäischen Komponisten, Ilja Repin oder
Vasilij Kandinskij aus der Reihe der europäischen Maler auszuschließen? Viele
Ausstellungen haben in den letzten Jahren die Zugehörigkeit russischer Kunst und
Kultur zu Europa dokumentiert. Man denke nur an Serge Diaghilews "Ballets
russes" in Paris, an denen Künstler aus ganz Europa zusammen wirkten und an
die Choreographie, die von Michail Fokine und Georges Balanchine, beide in
Russland geboren und ausgebildet, entworfen wurde. War der "Blaue Reiter" wirklich
eine Gruppe europäischer und nichteuropäischer Maler? Waren die russischen
Historiker, die wegen ihrer Leistungen in der Erforschung der Sozialgeschichte der
Französischen Revolution den Ehrentitel einer "école russe" erhielten, keine Europäer?
Derartiges kann nur derjenige annehmen, der zur Ignoranz gegenüber diesen
Beiträgen aus Russland zur europäischen Kultur bis zum Äußersten entschlossen
ist.
Meine eigene Meinung zu der Frage, ob Russland zu Europa gehöre, dürfte hinlänglich erkennbar geworden sein: Die Russen sind auf Grund ihrer historisch- kulturellen Grundstruktur ein europäisches Volk, ebenso die Weißrussen und die Ukrainer33, auf die ich hier nur kurz eingehen konnte. Innerhalb Europas, das durch seine Vielfalt und nicht durch eine westeuropäisch-abendländische Normensetzung zutreffend charakterisiert wird, haben die ostslavischen Völker ihre eigenen kulturellen, politischen und gesellschaftlichen Formen gebildet. Diese entwickeln sie nach dem Zusammenbruch des Sowjetsystems intensiv weiter. Wohin sie der Weg führt, ist offen – wie alle geschichtlichen Prozesse.34
Geht man unser Thema von der geographischen Seite her an, dann muss man, in Anlehnung an den Vorschlag Carsten Goehrkes, den gemeinten Raum durch Grenzen definieren.35 Mir scheint, dass man auf diese Weise den jeweiligen historischen Verhältnissen Russlands, Weißrusslands und der Ukraine in ihrer geographischen Situation am Übergang Europas nach Asien am besten gerecht wird. Im Übrigen war für frühere Geographen die Zugehörigkeit Russlands zu Europa offensichtlich kein Problem, da sie es ohne irgendwelche Erläuterungen ganz selbstverständlich in ihre kartographische Darstellung Europas aufnahmen.36
Damit soll jedoch niemandem das Recht abgesprochen werden, den Russen, Weißrussen und Ukrainern keinen Platz innerhalb Europas zuzubilligen. Dies sollte jedoch mit der notwendigen Kenntnis der Dinge und einer differenzierenden Urteilsbildung argumentiert werden, und nicht mit apodiktischen Feststellungen, deren Grundlage offensichtlich fragwürdig und veraltet ist. Insbesondere sollte man sich davor hüten, seine historischen Argumente von aktuellem politischem Eifer bestimmen zu lassen und im Bestreben, dritte Länder wie die Türkei aus der EU herauszuhalten, die osteuropäischen Völker, ihre Geschichte und Kultur in ein falsches Licht zu rücken. Im Übrigen kann ich mir Russland schon wegen seiner gewaltigen Größe nicht innerhalb der EU vorstellen, wohl aber als ein aufs Engste verbundenes Partnerland; und ich wüsste auch niemanden, der das Ziel einer russischen EU-Mitgliedschaft ernsthaft verfolgt. Das ist aber etwas anderes als die historische und kulturelle Zugehörigkeit Russlands zu Europa.
Wenn man sich in Europa umsieht, findet man kein Europa des "Wir-Gefühls", das Wehler
postuliert.37
Vielmehr begegnet man auf Schritt und Tritt einem Europa voller nationaler, regionaler
und lokaler "Sonderwege". Diese Vielfalt bleibt demjenigen verborgen, der sich an
westeuropäisch-abendländische Maßstäbe klammert und sie für das ganze Europa
verbindlich machen will; dabei macht sie den Reiz dieses zerklüfteten kleinen Kontinents
aus. Und eines sollte man auf keinen Fall vergessen: Auch das westliche Europa hat sich
dank des östlichen Europas seit der durch Michail Gorba
ev in der Sowjetunion
eingeleiteten Revolution von oben und der demokratischen Revolution von
1989/1990 wesentlich verändert. Nur haben das viele noch nicht begriffen. Europa
einschließlich Russlands ist mehr denn je, wie Wolfgang Eichwede es formuliert
hat, "ein symbiotischer Begriff, der von seinen analytischen Differenzierungen
lebt".38 Diese
Fülle an Eigenart haben die Düsseldorfer Historiker schon vor anderthalb Jahrzehnten gesehen und
dokumentiert,39
und sie werden sie ihren Studierenden weiterhin vermitteln, im Zusammenhang der
gesamten Philosophischen Fakultät. Damit folgen sie übrigens Wehlers – und Wolfgang
J. Mommsens – Lehrer Theodor Schieder. Als dieser das Handbuch der europäischen
Geschichte herausgab, gehörte für ihn selbstverständlich Russland zu den europäischen
Staaten.40
Literatur
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- DOSTOJEWSKIJ, Fedor Michajlovi
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0211/81-00

