Marion Aptroot und Stefan Rohrbacher

Das Institut für Jüdische Studien

Die Vorgeschichte des Instituts

Das Institut besteht aus dem bereits seit 1996 an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf existierenden Lehrstuhl für Jiddische Kultur, Sprache und Literatur (Univ.-Prof.’in Dr. Marion Aptroot) und dem Fach Jüdische Studien, das zum Wintersemester 2002/2003 von der Gerhard-Mercator-Universität Duisburg nach Düsseldorf verlagert wurde (Univ.-Prof.’in Dr. Dagmar Börner-Klein, Univ.-Prof. Dr. Michael Brocke, Univ.-Prof. Dr. Stefan Rohrbacher). Dass ein ganzes Fach mit drei Professuren von einer Universität an eine andere umzieht, ist allerdings ein ungewöhnlicher Vorgang. Ermöglicht wurde er zunächst durch das Votum des Expertenrates, der eine Verlegung empfohlen hatte. Die weitere Initiative ging gleichermaßen von den Fachvertretern aus wie von der damaligen Dekanin der Philosophischen Fakultät, Univ.-Prof.’in Dr. Vittoria Borsò, und dem Rektor der Heinrich-Heine-Universität, Univ.-Prof. Dr. Dr. h. c. Gert Kaiser, und trug der Tatsache Rechnung, dass für eine fruchtbare Entwicklung der Jüdischen Studien nicht nur eine angemessene personelle und sachliche Ausstattung des Fachs, sondern auch ein vielfältiges und lebendiges geisteswissenschaftliches Umfeld unabdingbar sind. An der Heinrich-Heine-Universität, die mit einem Institut für Jüdische Studien auch ihrem Namensgeber eine weitere Reverenz erweisen kann, weiß sich das Fach nicht nur gut und freundlich aufgenommen; es kann hier durch die europaweit einmalige enge Verbindung mit der Jiddistik einen neuen, starken Schwerpunkt setzen. Tatsächlich ist in Düsseldorf nun mit vier Professuren und einem breiten thematischen Spektrum der gewichtigste universitäre Standort im Bereich der Jüdischen Studien in Deutschland geschaffen.

Im April 2004 wird das Institut für Jüdische Studien an der Heinrich-Heine-Universität offiziell eingeweiht werden. Für die Festrede konnte der Präsident der Alexander von Humboldt-Gesellschaft und langjährige Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), Prof. Dr. Dr. h. c. Frühwald, gewonnen werden.

Die Tradition der Judaistik in Deutschland

Das Institut für Jüdische Studien vertritt eine wissenschaftliche Disziplin, die Judaistik, die in Deutschland auf eine sehr lange Tradition zurückblickt und hier ihre ersten, bedeutenden Schwerpunkte ausbildete, ohne aber zunächst akademische Anerkennung zu finden. Es gehört zu den tragischen Ironien der deutsch-jüdischen Geschichte wie der Wissenschaftsgeschichte, dass die hervorragendsten Vertreter der deutschsprachigen Wissenschaft des Judentums des 19. und frühen 20. Jahrhunderts ganz überwiegend die karge Existenz brotloser Privatgelehrter fristen mussten und dass die Gegenstände, mit denen sie sich befassten, von der Universität ausgeschlossen blieben. Erst nach der Katastrophe der Shoa, der weitgehenden Auslöschung der europäisch-jüdischen Kultur, wurde die wissenschaftliche Beschäftigung mit der Geschichte und Kultur der Juden zu einem legitimen Gegenstand akademischer Lehre und Forschung auch in Deutschland.

Die judaistische Wissenschaft ist ohne diesen besonderen Hintergrund gerade in Deutschland nicht zu denken; er wirkt sich in vielfältiger Weise auf unsere Arbeit aus und stellt uns vor besondere Aufgaben. Dessen ungeachtet ist die Judaistik eine Wissenschaft und nicht der empathischen Annäherung an eine gewaltsam zu Ende gebrachte Kultur und deren Ausdrucksformen in allen Bereichen des Lebens gewidmet, sondern der wissenschaftlichen Bestandsaufnahme und Analyse verpflichtet. Dabei müssen sich solide, zum Teil nachgerade "handwerkliche" Kompetenz im judaistischen Kernbereich – besonders leicht benennbar, aber keineswegs ausschließlich ist dies der Bereich der Beherrschung des Hebräischen und anderer "jüdischer" Sprachen – und eine breite interdisziplinäre Orientierung verbinden.

Trotz aller besonderen Belastungen der Anfänge ist judaistische Wissenschaft in Deutschland längst ein anerkannter, aus der Welt der Jewish Studies nicht mehr wegzudenkender Partner im internationalen Kontext; auf manchen wichtigen Gebieten, etwa der Erforschung der frühen jüdischen Mystik, ist sie sogar international führend. Auch die Existenz zweier Lehrstühle im Bereich der Jiddistik, einer davon hier in Düsseldorf, ist zumindest europaweit eine Besonderheit. Am Institut für Jüdische Studien an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf bieten sich, schon von der Zahl der Professuren, der fachlichen Breite und der damit möglichen Verankerung judaistischer Teilgebiete her, besondere, kaum an einer anderen deutschen Universität gegebene Möglichkeiten in Forschung und Lehre. Diese besonderen Möglichkeiten bedeuten freilich auch eine besondere Verpflichtung. Die Umstellung auf neue, konsekutive Studiengangsformen konfrontiert gerade die so genannten "kleinen" geisteswissenschaftlichen Fächer, die ja nur "klein" an personaler Ausstattung sind und tatsächlich jeweils ein immenses fachliches Gebiet zu verantworten haben, mit drängenden Fragen im Hinblick auf künftige Möglichkeiten einer soliden Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses, wie sie zu unseren primären Aufgaben zählt. Es ist absehbar, dass unter diesen veränderten Umständen eine solche Ausbildung mancherorts nur noch eingeschränkt möglich sein wird und sich nur noch auf bestimmte Teilbereiche oder Ausbildungsphasen beziehen kann. Umso bedeutsamer muss erscheinen, dass am Institut in Düsseldorf eine umfassende und qualitätvolle Ausbildung auch künftig gewährleistet sein wird.

Jiddische Kultur, Sprache und Literatur

Jiddisch, über Jahrhunderte hinweg die gesprochene und geschriebene Alltagssprache (und zum Teil auch die Literatursprache) der überwiegenden Mehrheit der jüdischen Weltbevölkerung, hat seine Wurzeln im mittelalterlichen Deutschland; doch die Bilanz der wissenschaftlichen Beschäftigung mit dieser Sprache und ihren Zeugnissen fällt hierzulande recht bescheiden aus. In der deutschen Universitätslandschaft wurde jiddistische Forschung und Lehre erst 1990 mit der Einrichtung eines Lehrstuhls in Trier institutionell verankert; es folgte 1996 der Lehrstuhl in Düsseldorf. Zwar werden auch an mehreren anderen deutschen Universitäten Sprachkurse und Seminare zum Jiddischen angeboten, aber eine konzentrierte Beschäftigung mit dem Jiddischen beschränkt sich auf wenige Einzelpersonen.

Der Düsseldorfer Lehrstuhl für Jiddistik erhielt bei seiner Einrichtung 1996 den Namen "Lehrstuhl für Jiddische Kultur, Sprache und Literatur", um die angestrebte thematische Breite in Lehre und Forschung zu betonen. Das Fach Jiddistik vereinigt philologische, kulturwissenschaftliche, sprach- und literaturwissenschaftliche Ansätze und Methoden. Durch die nahezu weltweite Verbreitung der jiddischen Sprache ergeben sich zahlreiche Berührungspunkten mit anderen Kulturen und deren Philologien und Literaturen. Schon während des ausgehenden Mittelalters verlagerte sich das kulturelle Zentrum des aschkenasischen Judentums vom deutschen Sprachraum nach Osteuropa. Auf Grund jüdischer Wanderungsbewegungen entstanden in der frühen Neuzeit jiddischsprachige Zentren in weiten Teilen Europas. Durch Emigration vor allem osteuropäischer Juden verbreitete sich Jiddisch ab dem späten 19. Jahrhundert über alle Kontinente. Infolge der Wirren des 20. Jahrhunderts, aber auch im Zuge des Akkulturations- und Assimilationsprozesses, der im 18. Jahrhundert einsetzte, ist die jiddische Sprache heutzutage bis auf kleine Sprechergruppen erloschen. Aber noch in der unmittelbaren Gegenwart existieren weltweit jiddischsprachige Gemeinschaften, für die Jiddisch Teil ihres kulturellen und religiösen Lebens ist. Die wichtigsten Zentren befinden sich in den USA und in Israel.

Die zahlreichen Kontakte der aschkenasischen Juden mit den Kulturen der Völker, unter denen und mit denen sie lebten, haben ihre eigene Sprache und Kultur durch die Jahrhunderte hindurch in vielfältiger Weise bereichert. Durch die weit verzweigten Kommunikationswege und die hohe Mobilität der Aschkenasim konnten sich kulturelle und sprachliche Neuerungen über weite geografische Abstände verbreiten: So gelangte z. B. der Cambridge Codex, eine Sammlung altjiddischer Epen, die im 14. Jahrhundert angefertigt wurde, nach Ägypten, wo sie im 19. Jahrhundert entdeckt wurde; für Leser in Polen bestimmte jiddische Bücher wurden im 17. Jahrhundert in Amsterdam gedruckt; am Anfang des 20. Jahrhunderts tauschten sich jiddische modernistische Poeten zwischen Warschau und New York aus; jiddische Theatergesellschaften gingen auf Welttournee.


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Abb. 1: Kalligrafierter jiddischer Brief in der Form einer Windmühle, Niederlande 1713 (Bibliotheca Rosenthaliana, Universiteitsbibliotheek Amsterdam; Foto: Evi Butzer).


Diese Interkulturalität macht die Beschäftigung mit jiddischer Sprache, Kultur und Literatur an sich schon reizvoll. Darüber kann die jiddische Literatur viele künstlerisch anspruchsvolle Werke von hoher ästhetischer Qualität vorweisen. Viele Aspekte der jiddischen Kultur, Sprache und Literatur können in der Lehre zwar bis zu einem bestimmten Grad mit Hilfe von Transkriptionen und Übersetzungen vermittelt werden; um diese jedoch in ihrer vollen Tiefe zu erfassen und den selbständigen Umgang mit Quellen und Texten zu beherrschen, bedarf es im Studium grundlegender Kenntnisse der jiddischen Sprache, deren Vermittlung am Anfang des Jiddistikstudiums in Düsseldorf steht.1

Da die Jiddistik als akademisches Fach noch jung ist, herrscht kein Mangel an unerforschten Gegenständen, ungelesenen Manuskripten und Drucken, vergessenen Filmen und Musikwerken, aber auch nicht an widerstreitenden Theorien über grundsätzliche Fragen. Die Düsseldorfer Jiddistik will sich nicht programmatisch auf einen bestimmten Bereich oder wenige Themengebiete einschränken. Derzeit abgeschlossene Forschungsprojekte beschäftigten sich mit den Anfängen der Purimspiele, mit Streitschriften aus der Zeit der Französischen Revolution und mit Komödien der Aufklärungszeit, laufende Forschungsprojekte auch mit Protokollbüchern jüdischer Gemeinden, Handschriften, Bibelübersetzungen und der Entwicklung des modernen Ostjiddisch. Mit dem Projekt "Jiddisch in den Niederlanden", das in Zusammenarbeit mit der Universiteit van Amsterdam durchgeführt wird, werden zum ersten Mal systematisch sämtliche jiddischen Quellen und Schriftzeugen eines Landes erfasst und unter ausgewählten Fragestellungen erforscht. "Jiddisch in den Niederlanden" gehört zu den ersten binationalen Forschungsprojekten, die in Zusammenarbeit der DFG und dem Nederlands Wetenschappelijk Onderzoek (NWO) gefördert wurden. Die Verankerung der Düsseldorfer Jiddistik in der internationalen Wissenschaft findet auch darin ihren Ausdruck, dass Marion Aptroot Mitglied des Herausgebergremiums der YIVO Encyclopedia of Jews in Eastern Europe ist. Diese Enzyklopädie, deren Redaktion ihren Sitz im YIVO Institute for Jewish Research in New York hat, ist ausschließlich der Kultur und Geschichte der Juden in Osteuropa bis zum Zweiten Weltkrieg gewidmet.

Die Jiddistik kann als ein so genanntes "kleines Fach" nur wenige schwerpunktmäßig an Universitäten ausgebildete und hauptamtlich als Jiddisten tätige Wissenschaftler vorweisen. Daher gibt es keine nationalen, geschweige denn übernationalen Fachverbände, die den Austausch zwischen Jiddisten fördern und organisieren könnten. Die Jiddistiklehrstühle in Düsseldorf und Trier richten seit 1998 jährlich gemeinsam das Symposium für Jiddische Studien in Deutschland aus. Ursprünglich nur als Forum für die beiden Lehrstühle und einige Interessierte gedacht, zog schon das erste Symposium mehr Referenten und Besucher an als erwartet. Seit dem zweiten Symposium treffen sich abwechselnd in Düsseldorf und Trier mehr als hundert Teilnehmer aus dem In- und Ausland. Das Symposium nimmt damit eine Funktion als europaweites Forum wahr.

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Abb. 2: Abbildung aus der "de Castro-Bibel", Süddeutschland 1344 (Letchworth, Sammlung Sassoon).

Jüdische Studien

Die Jiddistik wird an deutschen Universitäten häufig im Bereich der Germanistik angesiedelt. Als ein Fach, das sich nicht nur mit einer jüdischen Internsprache, sondern auch mit der in dieser Sprache entwickelten Vielfalt von Ausdrucksformen jüdischer Kultur beschäftigt, ist sie in Düsseldorf jedoch dem umfassenderen Zusammenhang der Judaistik bzw. der Jüdischen Studien zugeordnet. Die Jüdischen Studien zählen zu jenen so genannten "kleinen Fächern", die tatsächlich jedoch eine gewaltige Themenbreite abzudecken haben. Ihr Gegenstand ist die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Judentum in allen seinen Erscheinungsformen: mit jüdischer Religion, Geschichte, Kultur und Literatur in all ihren vielfältigen Ausprägungen von der Antike bis zur Gegenwart. Dementsprechend ausgeprägt ist die interdisziplinäre Orientierung der Judaistik.

In idealtypischer Breite umfasst das Spektrum ihrer Gegenstände die Sprachen und Dialekte (Hebräisch, Aramäisch, Judäo-Arabisch, Jiddisch usw.) ebenso wie die Literaturen (von der Bibel und der frühen rabbinischen Literatur bis zur Literatur der israelischen Gegenwart), die Geschichte ebenso wie die Religionsgeschichte, die Archäologie und die Kunstgeschichte, die Musik ebenso wie die Volkskunde und die Soziologie ebenso wie die Philosophie. Diese thematische Breite, der auch große judaistische Institute kaum umfassend gerecht werden könnten, hat zu unterschiedlichen Spezialisierungen geführt. So ist judaistische Forschung und Lehre in Deutschland, wie auch in anderen Ländern, alles andere als uniform.2

Die Ursprünge der modernen "Wissenschaft vom Judentum" liegen im Deutschland des 19. Jahrhunderts, und bis zur Zeit des Nationalsozialismus nahm Deutschland in diesem Feld einen führenden Platz ein. Doch ungeachtet der enormen – und in vielen Bereichen bis heute maßgeblich wegweisenden – wissenschaftlichen Leistungen, die in ihr hervorgebracht wurden, blieb der neuen Disziplin eine Verankerung im universitären Fächerkanon seinerzeit versagt; auch ihre hervorragendsten Vertreter waren ganz überwiegend zu einem Dasein als Privatgelehrte verdammt. Ihre Forschungen wurden fast ausschließlich innerhalb der eigenen engeren Kreise und zum Teil auch durch ein breiteres gebildetes jüdisches Publikum rezipiert, während sie im allgemeinen akademischen Milieu kaum auf Widerhall stießen.

Allerdings entwickelte die protestantische Theologie im ausgehenden 19. Jahrhundert ein zum Teil ausgeprägtes Interesse an einer – unter dezidiert christlicher Prämisse – wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Judentum. Trotz der durchaus bedeutenden Forschungsleistungen, wie sie unter diesem Vorzeichen von einigen christlichen Gelehrten vorgelegt wurden, ist der Interesse leitende Zusammenhang dieser Forschungsrichtung mit der protestantischen Judenmission – und zum Teil auch der Einfluss antijüdischer Grundhaltungen – insgesamt bestimmend.

Erst nach dem Zweiten Weltkrieg und der Vernichtung des deutsch-jüdischen Milieus, der Vertreibung und Ermordung jüdischer Gelehrter, kam es zu einer akademischen Etablierung judaistischer Wissenschaft. In den 1960er Jahren entstanden erste judaistische Lehrstühle und Seminare an den Universitäten Berlin, Frankfurt und Köln. Heute finden sich die universitären Schwerpunkte in dieser Disziplin in Düsseldorf, Berlin und Köln, wo das Fach jeweils mit mehreren Professuren vertreten ist, sowie an der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg, die in der Trägerschaft des Zentralrats der Juden in Deutschland steht und – als mit der Universität Heidelberg kooperierende eigenständige Einrichtung – eine gewisse Sonderrolle einnimmt.

Eine bestimmende Grundfrage richtete sich bei der Einrichtung und Orientierung judaistischer Professuren und Seminare stets auf das Verhältnis des Fachs zur Theologie. Die einst aus den Interessen der Judenmission entstandene Tradition einer protestantischen "Judaistik" wirkt durchaus heute noch nach, was sich bereits in der Fortexistenz des einstigen Leipziger "Institutum Judaicum Delitzschianum" an der Universität Münster zeigt, das sich in den letzten Jahren sogar wieder stärker auf diese Ursprünge rückzubeziehen scheint, oder auch in der Existenz einer judaistischen Fachrichtung, die an der Universität Mainz bis heute an einem "Seminar für Religions- und Missionswissenschaft und Judaistik" gepflegt wird. Gegenüber solchen Traditionen und Tendenzen musste eine wissenschaftlich eigenständige Judaistik von Anbeginn eine deutliche Distanz wahren – bei aller freundlichen Aufmerksamkeit, die eine intensivere Hinwendung an jüdische Themen auch im Rahmen der christlichen Theologie selbstverständlich verdient.


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Abb. 3: Gruppe jüdischer Kinder mit ihrem Lehrer, Samarkand 1911 (Sergei Mikhailovich Prokudin-Gorskii Collection, Library of Congress).


Wenn nunmehr ein starker judaistischer Schwerpunkt an einer deutschen Universität etabliert wurde, in deren Fächerkanon die theologischen Disziplinen fehlen, ist dies kennzeichnend für die umfassendere thematische Orientierung und interdisziplinäre Einbindung eines Fachs, das längst nicht mehr primär religionswissenschaftlich ausgerichtet ist, sondern sich in einem umfassenderen Sinn als Kulturwissenschaft versteht. Tatsächlich umfassen seine Arbeitsgebiete ja idealtypisch schlicht alle Belange jüdischer Religion, Kultur und Geschichte in einer mehrtausendjährigen, in unterschiedlichen kulturgeographischen Räumen diversifizierten Entwicklung. So ergeben sich, je nach Schwerpunktsetzung, Schnittmengen mit einer Vielzahl geistes- und sozialwissenschaftlicher Disziplinen: Geschichte, Kunstgeschichte, Philosophie, Soziologie, Politikwissenschaft, Literatur- und Sprachwissenschaften (Germanistik, Romanistik, Anglistik usw.), Islamwissenschaft oder Byzantinistik. Es versteht sich, dass all die prinzipiell denkbaren "Partnerfächer" der Judaistik bzw. Jüdischen Studien an kaum einer einzelnen Universität insgesamt vorhanden sein werden – doch in jedem Fall ist ein geeignetes, in genügender Breite verankertes geisteswissenschaftliches Umfeld unabdingbar. An der Heinrich-Heine-Universität finden die Jüdischen Studien nicht nur ein solches Umfeld, sondern auch bereits in verschiedenen benachbarten Fächern – wie etwa der Germanistik oder der Geschichte – längst etablierte einschlägige Interessen- und Arbeitsfelder.

Das Fach Jüdische Studien hat mit der Übersiedlung aus Duisburg nicht nur die dortige Stellenstruktur, sondern auch den curricularen Aufbau übernommen. Durch die Ausweisung von drei Teilbereichen, die jeweils durch eine der drei Professuren prioritär vertreten werden und im Studienplan verbindlich festgeschrieben sind, wird in der Lehre eine größtmögliche thematische Breite und zugleich die Möglichkeit einer qualifizierten Spezialisierung nach dem Grundstudium sichergestellt. Neben der Fokussierung literaturwissenschaftlich-philologischer, religions- und geistesgeschichtlicher sowie historisch-soziologischer Belange wird die Orientierung in den verschiedenen Epochen jüdischer Geschichte und Kultur betont; eine Engführung des Studiums, die etwa allein neuzeitliche Aspekte in den Vordergrund stellen würde, soll zugunsten eines umfassenderen, über einzelne Zeiträume hinausreichenden Verständnisses jüdischer Religion, Geschichte und Kultur möglichst vermieden werden. Auch in der Forschung spiegelt sich diese epochal wie thematisch und methodisch breite Auffächerung der Arbeitsfelder wieder.

Ein wichtiger Schwerpunkt judaistischer Lehre und Forschung liegt traditionell in der Erforschung der rabbinischen Literatur als dem wesentlichen, das Judentum in allen kulturräumlichen Zusammenhängen und über weite Zeiträume hinweg weitgehend einheitlich verbindenden und prägenden Traditionskomplex. Die in Spätantike und Mittelalter entstandene rabbinische Literatur hat bis heute in einer traditionsbestimmten jüdischen Lebenswelt nichts von ihrer Relevanz verloren – und ihre genauere Kenntnis ist somit nach wie vor auch für ein tiefer gehendes Verständnis jüdischer Gegenwart unerlässlich. Dass sich diese alten Texte im Zeitalter der neuen Medien mit neuen Möglichkeiten erschließen und in ihrer Systematik vermitteln lassen, zeigt ein zunächst in Duisburg und nun in Düsseldorf verfolgter Ansatz zur Aufbereitung repräsentativer rabbinischer Schriften im Hypertextformat (Projekt "Von der ‘mündlichen Lehre‘ zum Hypertext: Rabbinische Literatur im Medienwandel"; Projektleitung: Univ.-Prof.’in Dr. Börner-Klein). Weitere Forschungsvorhaben in diesem Bereich befassen sich mit der Auslegungsgeschichte der hebräischen Bibel, rabbinischen Bibelkommentaren,3 Glaubensdisputationen zwischen Christen und Juden im Mittelalter oder auch dem Talmud und modernen Talmudparodien.

Die jüdische Religions- und Geistesgeschichte hat die mittelalterliche jüdische Philosophie ebenso zum Gegenstand wie Jüdisches Denken in der Moderne (Buber, Rosenzweig, Scholem, Strauss u. a.), Chassidismus und Neochassidismus ebenso wie Zionismus und Postzionismus. Ein langjähriges Forschungsvorhaben in diesem Bereich galt der "Prosopographie des Rabbinats in den deutschsprachigen Ländern vom 18. bis 20. Jahrhundert" (Projektleitung: Univ.-Prof. Dr. Brocke).4 Ein weiteres Interessenfeld ist die Grabsteinepigraphie.

Im Bereich der jüdischen Geschichte liegt ein Profil bildender Schwerpunkt in Forschung und Lehre bei der Geschichte der Juden in Mitteleuropa in der Frühen Neuzeit. So ist auch die deutsche Arbeitsstelle des deutsch-israelischen Langzeitprojekts "Germania Judaica. Historisch-topographisches Handbuch zur Geschichte der Juden im Alten Reich: 1520-1650" (Leitung: Univ.-Prof. Dr. Rohrbacher, mit Prof. Michael Toch und Prof. Israel Yuval, Hebräische Universität Jerusalem) seit 2002 in Düsseldorf angesiedelt. Ein weiteres Forschungsprojekt widmet sich der ökonomischen und politischen Elite der jüdischen Gemeinschaften im Zeitalter des Merkantilismus ("Pragmatik oder Programm? Akkulturationsprozesse in der jüdischen Oberschicht des 18. Jahrhunderts", Leitung: Univ.-Prof. Dr. Rohrbacher). Ungeachtet dieser Schwerpunktsetzung wird jedoch insbesondere in der Lehre ein umfassendes Verständnis jüdischer Geschichte in verschiedenen Epochen und Kulturräumen angestrebt.

Das Institut für Jüdische Studien an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf ist im internationalen Kontext der Jewish Studies bereits zu einem wichtigen Partner geworden. Dies schlägt sich in der Präsenz seiner Vertreter in den einschlägigen akademischen Gesellschaften und Gremien ebenso nieder wie in vielfältigen förmlichen und informellen Kooperationen mit Partnerinstitutionen sowie mit Kolleginnen und Kollegen im In- und Ausland. Und wohl nicht zufällig wird auch das "Academic Jewish Studies Internet Directory", die international führende Anlaufstelle der Jüdischen Studien im World Wide Web, in Düsseldorf betreut.5

Literatur

APTROOT, Marion und Holger NATH. Einführung in die jiddische Sprache und Kultur. Hamburg 2002. (Medienkombination)

BÖRNER-KLEIN, Dagmar. Pirke de-Rabbi Elieser. Nach der Edition Venedig 1544 unter Berücksichtigung der Edition Warschau 1852. Aufbereitet und übersetzt von Dagmar BÖRNER-KLEIN. Berlin und New York 2004.

BRENNER, Michael und Stefan ROHRBACHER (Hrsg.). Wissenschaft vom Judentum. Annäherungen nach dem Holocaust. Göttingen 2000.

BROCKE, Michael und Julius CARLEBACH (Hrsg.). Biographisches Handbuch der Rabbiner. Teil I: Die Rabbiner der Emanzipationszeit in den deutschen, böhmischen und großpolnischen Ländern. 1781-1870. Bearbeitet von Carsten WILKE. 2 Bde. München 2004.

Heinrich-Heine-Universität, Universitätsstr.1, 40225 Düsseldorf, Nummer der Telefonzentrale 0211/81-00
Letzte Änderung: 17.01.2006, 10:56
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