Das Forschungsziel
Am 16. Januar 2003 war es soweit: Im Beisein von Wissenschaftsministerin Hannelore Kraft konnte Rektor Gert Kaiser das erste Graduiertenkolleg der Philosophischen Fakultät eröffnen. Den Festvortrag hielt Otto Gerhard Oexle, der Direktor des Max- Planck-Instituts für Geschichte. Sein Thema lautete: "Begriff und Experiment. Überlegungen zum Verhältnis von Natur- und Geschichtswissenschaft". Es ging also darum, mit Hilfe eines wissenschaftsgeschichtlichen Rückblicks einen Strukturvergleich zwischen historischen und naturwissenschaftlichen Erkenntnismethoden anzustellen. Damit wurde ein Problem angeschnitten, das auch für das neue Kolleg von zentraler Bedeutung ist. Denn dieses Kolleg verfolgt eine doppelte Zielsetzung: Es will auf der einen Seite den Diskurs über den Standort der Geschichte im Kanon der Wissenschaften vorantreiben. Auf der anderen Seite sollen die Ergebnisse dieser Reflexion aber auch für die empirische Einzelforschung nutzbar gemacht werden. Im Zentrum des Forschungsinteresses stehen deshalb alle Formen, in denen europäische Geschichte erzählt und konstruiert wurde, und zwar von der Antike bis zur Gegenwart.
Diesem ehrgeizigen Forschungsziel entspricht es, dass am Kolleg sowohl Historiker und Literaturwissenschaftler als auch Kunsthistoriker und Philosophen beteiligt sind. Denn es soll ja nicht nur darum gehen, Kontinuitätslinien und Brüche aufzuzeigen, von denen historisches Denken und Erzählen in Europa von Anfang an bestimmt waren. Es kommt auch darauf an, die Gebundenheit von Geschichtsdarstellungen an Texte, Bilder und Quellen herauszuarbeiten, also drei Leitbegriffe der Literatur-, Kunst- und Geschichtswissenschaft zu reflektieren, um narrative, analysierende und argumentierende Methoden klarer voneinander abheben zu können. Letztlich muss dabei das gesamte Spektrum von Faktoren diskutiert werden, von denen Geschichtsbilder beeinflusst werden. Zur Debatte stehen also nicht mehr und nicht weniger als die Grundlagen historischer Erkenntnis, deren Rückbindung an empirisch überprüfbare Phänomene, aber auch die Medien, Methoden und Funktionen europäischer Geschichtserinnerung. Dabei muss die Bedeutung des so genannten linguistic turn für die Erforschung narrativer Vergangenheitsbilder genauso zur Sprache kommen wie die Rechtfertigungsstrategien moderner Historiker, die immer noch glauben, beschreiben zu können, "wie es eigentlich gewesen"1 ist.
Die aktuelle Diskussion
Der Hintergrund dieses neuen Forschungsvorhabens ist rasch skizziert: Man streitet sich seit mittlerweile 20 Jahren darüber, worin das Wesen historischer Darstellungen besteht. Dabei haben sich zwei Extrempositionen herausgebildet:
Auf der einen Seite wird die Möglichkeit, Geschichte mit Wahrheitsanspruch darzustellen, durch den Hinweis negiert, dass alle Geschichte bloßes Produkt derjenigen sei, die sie schildern: Geschichte ist demnach wesentlich Erzählung, und man macht sie sich so zurecht, wie man sie haben will.2 Jede historische Darstellung ist also fiktional, weil sie von den Grundformen der Rhetorik geprägt wird; aber sie ist auch deshalb fiktional, weil der Glaube an eine gleichsam neutrale Darstellung der Vergangenheit eine reine Illusion darstellt. "Geschichte" ist demzufolge vor allem ein Produkt des Erkenntnissubjekts, sie "ist Wachs in den Händen des Historikers. Er formt sie, wie er will"3. Denn das Vergangene, so diese Auffassung weiter, sei lediglich ein leerer Raum, der erst durch die Phantasie und Erzählkunst des Historikers mit Leben gefüllt werde. Die solcherart konstruierten Vergangenheitsbilder könnten allerdings nur vorgeben, mit der Vergangenheit selbst identisch zu sein, denn alle Quellenzitate, Fußnoten und sonstigen Verweise seien nichts als eine Parade von Signifikanten, verkleidet als Sammlung von Fakten – ein Schwindel, der lediglich einen ‚Wirklichkeitseffekt‘ erzeugen könne, in Wahrheit aber nur vom Historiker als Text geschaffen und präsentiert werde.4 In dieser Auffassung gerät somit alles zum ‚Text‘. Fakten und Fiktionen sind nicht mehr zu unterscheiden. Die Bedeutung eines Textes (und damit auch die von Geschichte) aber konstituiert sich nur und ausschließlich in den jeweils individuellen Sinnstiftungen. Geschichte und Literatur sind demnach nicht mehr voneinander zu unterscheiden: "Die ‚Vergangenheit‘ löst sich in Literatur auf"5.
Auf der anderen Seite der Skala steht ein trotz allen ‚postmodernen‘ Zweifels unerschütterlicher Glaube an Fakten und an die Möglichkeit, aus ihnen Wirklichkeit rekonstruieren zu können. Gestützt auf die Überzeugung, dass es eine vergangene Wirklichkeit jenseits der Texte gebe, dass sprachliche Zeichen einen Bezug zur materiellen Wirklichkeit besäßen und dass deshalb Sprache auch Dinge beschreiben könne, die außerhalb ihrer selbst liegen, wird hier die Möglichkeit verteidigt, Vergangenem eine Bedeutung beizugeben, die nicht bloß fiktionale Konstruktion der Historiker sei. Obwohl dabei zugegeben wird, dass es nicht nur eine einzige Wahrheit über das Vergangene gebe, wird doch die These aufrechterhalten, dass historische Quellen eine Integrität an sich besäßen, die es tatsächlich ermögliche, für sich selbst zu sprechen. Unter historischen Fakten versteht diese Auffassung demzufolge "Dinge, die in der Geschichte geschehen sind und die als solche anhand der überlieferten Spuren überprüft werden können"6. Nur wenig modifiziert durch ‚postmodernes Denken‘ bewahrt sich hier also der Glaube an eine Form fast objektiver Darstellung von Geschichte.
Der Lösungsversuch
Um diese Diskussion zu entkrampfen, wird im Kolleg ein neues Modell der historischen Erkenntnis diskutiert, das, ähnlich wie die Überlegungen von Oexle7, deutliche Anleihen am Kritizismus Immanuel Kants macht. Auf diese Weise soll es gelingen, sich ganz auf die empirisch überprüfbare Erscheinungswelt zu konzentrieren. Das neue Modell versteht sich also als Vermittlungsversuch zwischen ‚positivistischer Faktengläubigkeit‘ und ‚postmoderner Beliebigkeit‘. Denn: Es gibt kein Subjekt ohne Objekt, kein Objekt ohne Subjekt, und das lässt sich durch ein einfaches Schaubild veranschaulichen.

Ähnlich wie in der Quantenphysik wird der Gegenstand also nach diesem Modell auch in der Geschichtswissenschaft erst dadurch konstituiert, dass Historiker ihn mit einem bestimmten Verfahren beobachten. Historische Erkenntnis ist demnach nicht absolut, sondern relativ, denn sie hängt ab von Standort und Methode des Betrachters. Etwas zugespitzt kann man sagen, dass sie aus Hypothesenwissen besteht, das anhand von Quellen überprüft werden kann. "Begriff und Experiment" sind also auch in der Geschichte, um mit Max Weber zu sprechen, "die großen Mittel alles wissenschaftlichen Erkennens"8. Nicht nur Heisenbergs berühmte "Bahn" eines Teilchens, auch die historische Tatsache "entsteht erst dadurch, dass wir sie beobachten"9. Deshalb kommt es nicht zuletzt darauf an, in jedem Einzelfall die Konstruktionsbedingungen zu markieren, die zu einem bestimmten Ergebnis geführt haben.
Die praktischen Konsequenzen
Dieses Modell lässt sich auch auf die Erforschung außerwissenschaftlicher Geschichtsbilder übertragen. Aber man hat dabei stets zu beachten, dass sie die Referenzen viel freier wählen können als die historische Wissenschaft. Ein Dichter oder Künstler hat durchaus das Recht, missliebige Überlieferungsträger einfach auszublenden, der Historiker aber ist verpflichtet, sich mit ihnen auseinander zu setzen. Seine Materialauswahl erfolgt also nicht willkürlich, sondern bleibt an bestimmte Regeln gebunden. So ist "Geschichte" zwar durchaus "Wachs in den Händen des Historikers"10, aber nicht beliebig modellierbar. Denn Historiker erzählen nicht bloß Geschichte, sie konstruieren sie auch. Der Unterschied zwischen einem historischen Roman und einer wissenschaftlichen Abhandlung besteht also nicht etwa im Gegenstand – er besteht in der Methode. Nur eine Analyse der Arbeitstechnik erlaubt es, die verwendete Legierung zu bestimmen und die Wirkursachen zu benennen, die zu einem bestimmten Geschichtsbild geführt haben.
Dennoch können die Fragerichtungen recht unterschiedlich sein: Einem Kunsthistoriker kann es zum Beispiel darauf ankommen, den Einfluss der Darstellungsmedien zu erforschen, der Philosoph möchte vielleicht wissen, inwieweit die Historiographie selbst als Medium für ein bestimmtes Geschichts- und Zeitverständnis gelten kann, den Philologen interessiert der Plot eines Vergangenheitsbildes oder das identitätsstiftende Aneignungsinteresse seines Autors und der Historiker möchte gar die Plausibilität moderner Vergangenheitskonstruktionen überprüfen. Alle diese Fragestellungen sind berechtigt, und man könnte sie noch um viele erweitern. Das aber soll hier nicht geschehen, ich möchte mich vielmehr mit einem Einzelbeispiel begnügen. Es betrifft einen Vorgang, der die europäische Geschichte auf das Nachhaltigste beeinflusst hat – gemeint ist die Entstehung Deutschlands und des deutschen Volkes. Sie ist bislang stets unter der Fragestellung nach dem Verhältnis von Reichsbildung und Ethnogenese behandelt worden. Lange Zeit hat man dabei gemeint, das deutsche Volk habe um 900 herum aus Zusammengehörigkeitsgefühl das deutsche Reich gegründet.11 In jüngerer Zeit argumentiert man meist umgekehrt, verweist darauf, dass sich die Menschen des 10. Jahrhunderts noch gar nicht als "Deutsche" verstanden hätten und datiert die Entstehung des deutschen Volkes deshalb gut 150 bis 200 Jahre später.12
Beide Interpretationsmodelle beruhen jedoch erkennbar auf anachronistischen
Deutungsmustern. Das zuerst vorgestellte Modell arbeitet mit der romantischen Vorstellung,
dass die Völker organisch gewachsene Blutsgemeinschaften sind, deren geschichtliche
Identität und Zusammengehörigkeitsgefühl sich jahrhundertelang zurückverfolgen
lassen.13
Die jüngere Forschungsansicht stützt sich dagegen auf den Nationsbegriff der
französischen Spätaufklärung und definiert den Begriff des Volkes in etwa so, wie es
schon Diderot in seiner berühmten Encyclop
grqedie getan hat: als "kollektiven Ausdruck, dessen man sich bedient, um eine
größere Anzahl von Menschen zu bezeichnen, die ein bestimmtes, durch feste
Grenzen abgegrenztes Gebiet bewohnen und ein und derselben Regierung
gehorchen"14.
"Ethnogenetische Folgen", so bilanzierte man im Jahre 1994, "ergaben sich
[erst] aus der Dauerhaftigkeit der politischen Formation, so dass der Schritt
[... ] zum supragentilen Bewusstsein eines deutschen Volkes denkbar weit sein
musste"15.
Nicht mehr: "Ein deutsches Volksbewusstsein schickt sich an, einen deutschen Staat zu
gestalten"16
lautete jetzt das Fazit, sondern: "Für Deutschland steht jedenfalls außer
Frage, dass ganz wie in Frankreich der Staat das deutsche Volk geschaffen
hat"17.
In krassem Gegensatz dazu erscheint aber der mittelalterliche Volksbegriff vom Problem der Herrschaftsbildung weitgehend abgelöst, und damit wird deutlich, wie wichtig es ist, auf die Deutungsmuster des jeweiligen Erkenntnissubjekts zu achten. Zwar begegnen wir in den Quellen immer wieder gentes, populi oder nationes, die einen König oder Herzog haben. Aber dies ist für den Volksbegriff keineswegs konstitutiv. "Volk" wird vielmehr in erster Linie als Abstammungsgemeinschaft definiert, die sich entweder auf einen bestimmten Ursprung zurückführen lässt oder sich zumindest wegen einer identitätsstiftenden Eigenart von einem anderen Volk abgespalten hat (Isidor von Sevilla). Der Herkunft, den Sitten, dem Recht und der Sprache wird dabei besondere Bedeutung zugesprochen.18 So erscheint es möglich, auch Gemeinschaften ohne eigene politische Strukturen den Rang von Völkern zuzuerkennen, und gerade die Ethnogenese der Deutschen ist dafür ein Musterbeispiel. Sie vollzog sich nämlich ausschließlich in den Köpfen der Menschen, und wir kennen sogar ihren mutmaßlichen Urheber: Es ist ein Siegburger Mönch der Salierzeit.19
Im mittelhochdeutschen Annolied, einem Werk aus den Jahren 1080 bis 1085,20 findet sich der älteste Beleg für einen Ursprungsmythos der Deutschen, und auch von den "diutischemi lande" (V. 112) oder von "diutsche lant" (V. 274) ist dort zum ersten Mal die Rede. Julius Caesar, so heißt es, habe die "diutischi liuti" (V. 474) zu einer Handlungseinheit zusammengeführt. Er hat dabei freilich nicht etwa das deutsche Reich gegründet, sondern sich nur die Einheit der Sprache zunutze gemacht. Deutsch sprechen – "diutischin sprecchin" (V. 316) – wird damit zum identitätsstiftenden Faktor für die Gemeinschaft der Schwaben, Bayern, Sachsen und Franken. Am Anfang stand also die ‚Sprachnation‘.
Dieser Mythos wurde im Mittelalter oft wiederholt.21 Den Ausgangspunkt jedoch bildete nicht etwa "die Dauerhaftigkeit der politischen Formation"22, sondern eine aktuelle Herausforderung. Von Papst Gregor VII. und anderen mit dem Ausdruck "regnum Teutonicum" konfrontiert,23 sahen sich die "diutischi man" (V. 479) oder "liuti" (V. 474) veranlasst, ihren Platz im Römischen Reich zu verteidigen. Sie erfanden deshalb die Handlungsgemeinschaft der Deutsch Sprechenden, die wegen ihrer Tapferkeit schon von Julius Caesar mit der Sitte des Ihrzens geehrt worden seien (vgl. V. 471 f.). Deutschland und das deutsche Volk entstanden also gleichsam über Nacht; ihre Geburt diente der Legitimation des römischen Kaisertitels. Die "diutischi liuti" erfuhren damit, wieso ihre Könige Cäsaren hießen oder – um es mit den Worten des Annoliedes zu sagen – warum "noch hiude küninge heizzint keisere" (V. 270).
Das Europaprofil
Damit wird es Zeit, zum Europaprofil des Kollegs überzuleiten, doch dazu bedarf es einer kurzen Vorbemerkung: Unter dem Begriff der "europäischen Geschichte" versteht das Kolleg die bewusst in den Blick genommene, gedeutete und zur Darstellung gebrachte Geschichte Europas und seiner Menschen24. Es wendet sich damit einem Gegenstand zu, der in besonderer Weise durch seine Vieldeutigkeit gekennzeichnet ist. Denn: Europa, was ist das? Ein geographischer Begriff? Eine politische Leitidee? Ein Kulturraum? Diese Frage haben sich schon ganze Generationen von Wissenschaftlern gestellt, und sie soll hier nicht ein weiteres Mal im Sinne der ein oder anderen Pointierung entschieden werden. Das Kolleg hat sich daher entschlossen, den Begriff möglichst offen zu halten und sich nicht auf die Dogmata der Politiker einzulassen, sondern Europa lediglich als geographischen Raum in den Köpfen der Menschen zu definieren, der durch eine verstärkte Binnenkommunikation gekennzeichnet ist. Die Grenzen dies Raumes sind damit keineswegs festgelegt, und sie scheinen sich auch ständig verändert zu haben; bestenfalls über die Zugehörigkeit bestimmter Zentren und Kernregionen herrschte Einvernehmen.
Ein Zweites kommt hinzu: Der bestimmende Grundzug der europäischen Geschichte ist nicht etwa die Einheit, sondern eine in ihren Formen wechselnde Vielfalt. Ginge das Kolleg somit von der Vorstellung aus, es müsse die verschiedenen Arten europäischer Geschichtsdarstellung unter dem Leitmotiv einer kontinuierlichen Gesamtentwicklung interpretieren, so müsste es bald seine Arbeit einstellen: Zu vielfältig sind die Rupturen, Neuansätze und Sonderentwicklungen, als dass es sich lohnen würde, den Versuch einer Bestandsaufnahme zu unternehmen. Selbst darüber, was es heißt, europäische Geschichte darzustellen, kann es eigentlich nur den Minimalkonsens geben, dass es bedeutet, in Europa oder auf Europa bezogen historisch zu erzählen. Der Gegenstand gleicht also gewissermaßen einer Amöbe mit ständig wechselnder Gestalt: Je nachdem, aus welcher Perspektive und von wem berichtet wird, ergibt sich ein neues Gebilde.25
Das Forschungsprogramm
Vor diesem Hintergrund liegt klar auf der Hand, dass sich das Arbeitsprogramm des Kollegs nicht etwa am Verlauf der europäischen Geschichte orientieren kann. Es muss sich vielmehr auf bestimmte Leitfragen konzentrieren, die für die Erforschung europäischer Vergangenheitsbilder von besonderer Bedeutung sind.
Die erste dieser Leitfragen ist die nach den Medien der historischen Erinnerung; sie muss in allen Teilprojekten gleichermaßen erörtert werden. ‚Historische Erinnerung‘ wird dabei als heuristische Kategorie verstanden, die als weit gespannter Rahmen literarische Quellen ebenso einschließen soll wie historiographische Werke, Malerei, Architektur oder Bildhauerei. Damit soll letztlich die gesamte europäische Memorialkultur in den Blick genommen werden; die konkret untersuchten Fragen sollen nur als exemplarische Fälle für generelle Strukturen und individuelle Gestaltungsspielräume dienen.
Die zweite Leitfrage des Kollegs betrifft das Spannungsfeld von Faktizität und Fiktionalität. Geplant ist dabei ein auf empirischer Basis geführter Dialog darüber, welche weiterführenden Impulse sich aus einer Kombination von fachspezifischen Fragestellungen aus Geschichte, Kunstgeschichte, Literaturwissenschaften und Philosophie ergeben können. Die Thematik ist also vornehmlich darauf ausgerichtet, die in der praktischen Forschungsarbeit immer noch dominierende sektoralgeschichtliche Engführung zugunsten multiperspektivischer Untersuchungsmethoden zu überwinden, um auf diese Weise zu transdisziplinären Verstehensansätzen gelangen zu können. Damit wird bezweckt, das in jüngster Zeit mit Recht erhobene Postulat einer umfassenden Historisierung der in der Geschichtstheorie so kontrovers geführten Debatte über den Zusammenhang von Fakten und Fiktionen bei der Produktion von Vergangenheitsbildern zumindest paradigmatisch einzulösen.
Die dritte Leitfrage richtet sich an die Funktionen geschichtlicher Erinnerung. Dabei geht das Kolleg davon aus, dass es sich nicht nur lohnt, die Themen, Motive und Darstellungsabsichten der Autoren zu erforschen, sondern auch ihre Adressaten und die kulturanthropologischen Voraussetzungen ihres Schaffens in den Blick zu nehmen. Der Faktor Identitätsstiftung erscheint somit nicht als einer unter vielen, sondern als der gemeinsame Bezugspunkt fast aller Formen historischer Darstellung. Ob es um Einzelne oder Gruppen geht, ob Nationen erschaffen oder supranationale Räume konstruiert werden – immer wieder steht für Autor und Rezipienten das Interesse im Mittelpunkt, sich Sinn stiftend von den Anderen in der sie umgebenden Außenwelt abzugrenzen und der jeweils zur Darstellung gebrachten Geschichte einen legitimierenden Gegenwartsbezug zuzuweisen.
Insgesamt ist damit beabsichtigt, einen Beitrag zu jener anthropologischen Wende zu leisten, die sich anschickt, nicht abstrakte Strukturen, sondern den Menschen selbst als Einzel- und Gruppenwesen in den Schnittpunkt aller Entwicklungslinien zu stellen. Dies führt zu einem Paradigmenwechsel, der die Vielfalt des Besonderen und den Pluralismus der Darstellungsformen auf eine Weise verstehen lässt, die mit einer vorwiegend strukturgeschichtlichen Betrachtungsweise nicht zu erreichen wäre. Ohne sich auf die Dogmen postmoderner Theorien festlegen zu wollen soll das Graduiertenkolleg daher dem Zweck dienen, neue Formen des Zugangs zu einem Standardthema – den Modi, Gegenständen und Funktionen europäischer Geschichtsdarstellungen – zu erörtern. Dass das Wort "europäisch" dabei recht weit gefasst wird und zunächst nur im Sinne von in Europa entstanden oder auf Europa bezogen definiert werden kann, hat seinen Grund in der Sache. Denn Europa war bis ins 15. Jahrhundert hinein – ja bei vielen Autoren noch weit darüber hinaus – vor allem ein geographischer Begriff: Er bezeichnete einen Erdteil, den man von Asien und Afrika unterschied, nicht eine politische Leitidee. Diese seit langem erforschte und nur in den Akzentsetzungen umstrittene Begriffsgeschichte verbietet es von selbst, im Rahmen eines von der Antike bis in die Gegenwart reichenden Untersuchungszeitraums nach einem Europagedanken avant la lettre zu fragen. Was hingegen möglich erscheint ist der Versuch, die historisch gewachsene Vielfalt europäischer Geschichtsdarstellungen entwicklungsgeschichtlich verständlich zu machen und in eine anthropologische Dimension zu rücken. Genau hier liegt die Aufgabe, die sich das Kolleg gestellt hat.
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