AWMF online |
| Arbeitsgemeinschaft der
Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften |
| AWMF-Leitlinien-Register | Nr. 061/016 | Entwicklungsstufe: | 3 + IDA |
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Schlüsselwörter: Allergie, "Evidenz", S3-Leitlinie, Primärprävention, Überarbeitung
Key words: allergy, evidence-based and consented guideline, primary prevention, update
Die konsentierten Empfehlungen zur Primärprävention von Asthma, Heuschnupfen und atopischem Ekzem gelten für Risiko- und Nicht-Risikopersonen, sofern nicht explizit unterschieden bzw. darauf hingewiesen wird und lauten wie folgt:
Zum Thema Ernährung unterstützt die Konsensusgruppe einstimmig die Empfehlungen der Fachgesellschaften und Organisationen (www.fke-do.de, www.dge.de) (externe Links) bezüglich einer ausgewogenen und nährstoffdeckenden Ernährung von Säuglingen, Kleinkindern, Schwangeren und Stillenden.
„Stillen“
Die vorliegenden Daten unterstützen überwiegend die Empfehlung zum ausschließlichen Stillen über 4 Monate zur Prävention atopischer Erkrankungen. (A)
„Mütterliche Ernährung in der Schwangerschaft und/ oder Stillzeit“
Eine ausgewogene und nährstoffdeckende Ernährung in der Schwangerschaft und Stillzeit wird empfohlen.
Für eine Empfehlung zu diätetischen Restriktionen (Meidung potenter Nahrungsmittelallergene) während der Schwangerschaft oder Stillzeit gibt es keine Belege. (A)
Es gibt Hinweise, dass Fisch in der mütterlichen Ernährung während der Schwangerschaft oder Stillzeit einen protektiven Effekt auf die Entwicklung atopischer Erkrankungen beim Kind hat. (B)
„Muttermilchersatznahrung bei Risikokindern“
Wenn Stillen nicht oder nicht ausreichend möglich ist, ist die Gabe von partiell oder extensiv hydrolysierter Säuglingsnahrung1 bei Risikokindern bis zum vollendeten 4. Lebensmonat zu empfehlen. (A)
Soja-basierte Säuglingsnahrungen sind zum Zwecke der Allergieprävention nicht zu empfehlen. (A)2, 3
„Einführung von Beikost und Ernährung des Kindes im 1. Lebensjahr“
Für einen präventiven Effekt durch eine Verzögerung der Beikosteinführung über den vollendeten 4. Lebensmonat hinaus gibt es keine gesicherten Belege. Sie kann deshalb nicht empfohlen werden. (A)
Für einen präventiven Effekt einer diätetischen Restriktion durch Meidung potenter Nahrungsmittelallergene im ersten Lebensjahr gibt es keine Belege. Sie kann deshalb nicht empfohlen werden. (B)
Es gibt Hinweise darauf, dass Fischkonsum des Kindes im 1. Lebensjahr einen protektiven Effekt auf die Entwicklung atopischer Erkrankungen hat. (B)
Die zu der Zeit in Deutschland existierende Empfehlung, Beikost nicht vor dem vollendeten 4. Lebensmonat einzuführen, ist aus ernährungswissenschaftlicher Sicht sinnvoll.
„Ernährung nach dem 1. Lebensjahr“
Eine allgemeine Diät zur Allergieprävention kann nicht empfohlen werden (A).
„Haustierhaltung“
Für Personen ohne erhöhtes Allergierisiko besteht kein Grund, die Haustierhaltung aus Präventionsgründen einzuschränken.
Bei Risikokindern gilt:
Die Auswirkungen der Haustierhaltung auf die Allergieentwicklung bei Risikokindern sind derzeit nicht eindeutig abzuschätzen. Die Anschaffung von Felltieren als Präventionsmaßnahme ist nicht zu empfehlen.
Bei der Katzenhaltung überwiegen die Studien, die in der Haltung einen Risikofaktor sehen, deshalb sollte bei Risikokindern die Katzenhaltung vermieden werden.
Hundehaltung ist wahrscheinlich nicht mit einem höheren Allergierisiko verbunden. (B)
„Hausstaubmilben“
Als Maßnahme der Primärprävention4 kann die Reduktion der Exposition gegenüber Hausstaubmilbenallergenen nicht empfohlen werden. (B)
4Dies betrifft nicht Maßnahmen zur Sekundär- und Tertiärprävention
„Schimmel und Feuchtigkeit“
Ein Innenraumklima, dass Schimmelpilzwachstum begünstigt (hohe Luftfeuchtigkeit, mangelnde Ventilation) sollte zur Allergieprävention vermieden werden. (B) (
„Exposition gegenüber Tabakrauch“
Aktive und passive Exposition gegenüber Tabakrauch erhöht das Allergierisiko (insbesondere das Asthmarisiko) und ist zu vermeiden. Dies gilt besonders während der Schwangerschaft. (A)
„Innenraumluftschadstoffe“
Es gibt Hinweise darauf, dass Innenraumluftschadstoffe das Risiko für atopische Erkrankungen und insbesondere Asthma erhöhen können (flüchtige organische Verbindungen, z.B. Formaldehyd, wie sie u.a. durch neue Möbel und bei Maler- und Renovierungsarbeiten freigesetzt werden können). Es wird empfohlen, die Exposition gegenüber Innenraumluftschadstoffen gering zu halten. (B)
„Impfungen“
Es gibt keine Belege, dass Impfungen das Allergierisiko erhöhen, aber Hinweise, dass Impfungen das Allergierisiko senken können.
Es wird empfohlen, dass alle Kinder, auch Risikokinder, nach den STIKO-Empfehlungen geimpft werden sollen. (A)
„Körpergewicht“
Es gibt Belege, dass ein erhöhter Body Mass Index (BMI) insbesondere mit Asthma positiv assoziiert ist.
Die Verhinderung von Übergewicht, insbesondere bei Kindern, wird auch aus Gründen der Allergieprävention empfohlen. (A)
„Kfz-Emission“
Die Exposition gegenüber Stickoxiden und kleinen Partikeln (PM2,5) insbesondere durch das Wohnen an einer viel befahrenen Straße ist mit einem erhöhten Risiko, besonders für Asthma verbunden.
Es wird empfohlen, die Exposition gegenüber Kraftfahrzeug-bedingten Emissionen gering zu halten. (B)
Zu den folgenden Themen wurden Stellungnahmen (Evidenzlevel in Klammern), jedoch keine Empfehlungen verabschiedet.
„Einfluss von Probiotika“
Die Datenlage zum Einfluss von Probiotika auf die Allergieentwicklung ist widersprüchlich. Es gibt derzeit nur aus skandinavischen Studien und nur bezüglich der Entwicklung eines atopischen Ekzems Hinweise, dass die Gabe von Probiotika präventive Effekte hat. Daher kann keine Empfehlung ausgesprochen werden. (1a – 2b)
„Unspezifische Immunmodulation“
Es gibt Hinweise darauf, dass eine frühzeitige unspezifische Immunstimulation vor der Entwicklung atopischer Erkrankungen schützen kann. Zur unspezifischen Immunstimulation werden u.a. das Aufwachsen auf einem Bauernhof, der Besuch einer Kindertagesstätte in den ersten 2 Lebensjahren und eine höhere Anzahl älterer Geschwister gerechnet. Wurminfektionen und hier insbesondere Hakenwurminfektionen sind negativ mit Asthma assoziiert. (2b – 3b)
„Antibiotika“ Es fehlt der Nachweis eines ursächlichen Zusammenhangs zwischen Antibiotikagabe und der Entwicklung von Asthma, allergischer Rhinitis und atopischem Ekzem. (2a – 3b)
| Bereich | Studientypen und Anzahl | "Evidenz"grade | Empfehlungs-grade |
|---|---|---|---|
| Stillen | 0 CR, 1 MA, 3 RCT, 13 KS, 1 FK | 3x1b, 1x2a, 13x2b, 1x3b, | A |
| Mütterliche Ernährung in der Schwangerschaft und/oder Stillzeit | 1 CR, 0 MA, 2 RCT, 13 KS, 1 FK | 1x1a, 2x1b, 13x2b, 1x3b | A und B |
| Muttermilchersatznahrung bei Risikokindern | 2 CR, 0 MA, 3 RCT, 2 KS, 0 FK | 2x1a, 3x1b, 2x2b | A |
| Einführung von Beikost und Ernährung des Kindes im 1. Lebensjahr | 0 CR, 1 MA, 3 RCT, 12 KS, 3 FK | 1x1a, 3x1b, 12x2b, 3x3b | A und B |
| Ernährung nach dem 1. Lebensjahr | 0 CR, 0 MA, 0 RCT, 3 KS, 6 FK | 3x2b, 6x3b | A |
| Haustierhaltung | 0 CR, 2 MA, 0 RCT, 13 KS, 0 FK | 2x2a, 13x2b | B |
| Hausstaubmilben | 0 CR, 0 MA, 2 RCT, 6 KS, 1 FK | 2x1b, 6x2b, 1x3b | B |
| Schimmel und Feuchtigkeit | 0 CR, 1 MA, 0 RCT, 4 KS, 2 FK | 4x2b, 1x3a, 2x3b | B |
| Exposition gegenüber Tabakrauch | 0 CR, 1 MA, 0 RCT, 7 KS, 2 FK | 1x2a, 7x2b, 2x3b | A |
| Innenraumluftschadstoffe | 0 CR, 1 MA, 0 RCT, 4 KS, 7 FK | 4x2b, 1x3a, 7x3b | B |
| Impfung | 0 CR, 1 MA, 1 RCT, 9 KS, 3 FK | 1x1a, 1x1b, 9x2b, 3x3b | A |
| Körpergewicht | 0 CR, 3 MA, 0 RCT, 11 KS, 1 FK | 3x2a, 11x2b, 1x3b | A |
| KfZ-Emission | 0 CR, 0 MA, 0 RCT, 4 KS, 2 FK | 4x2b, 2x3b | B |
| Einfluss von Probiotika | 1 CR, 1 MA, 5 RCT, 1 KS, 0 FK | 2x1a, 5x1b, 1x2b | - |
| Unspezifische Immunmodulation | 0 CR, 1 MA, 0 RCT, 10 KS, 5 FK | 10x2b, 1x3a, 5x3b | - |
| Antibiotika | 0 CR, 1 MA, 0 RCT, 3 KS, 1 FK | 1x2a, 3x2b, 1x3b | - |
| Insgesamt: 4 CR, 14 MA, 19 RCT, 115 KS, 35 FK | 7x1a, 19x1b, 8x2a, 115x2b, 2x3a, 35x3b | ||
| 1a | Systematischer Review von RCTs |
| 1b | Einzelne RCTs |
| 1c | (Alle oder keiner) |
| 2a | Systematischer Review von Kohortenstudien |
| 2b | Einzelne Kohortenstudien und RCTs von geringerer Qualität |
| 2c | ("Outcome" research, ökologische Studien) |
| 3a | Systematischer Review von Fall-Kontrollstudien |
| 3b | Einzelne Fall-Kontroll-Studien |
| 4 | (Fall-Serien und) Fall-Kontroll-Studien oder Kohortenstudien von geringere Qualität |
| Empfehlungsklasse | "Evidenz"grad | AHCPR (Agency for Health Care Policy and Research |
|---|---|---|
| A | I | Schlüssige Literatur guter Qualität mit mind. 1 RCT |
| B | II | Gut durchgeführte nicht randomisierte klinische Studie |
| C | III | Berichte/Meinungen von Expertenkreisen, Konsensus-Konferenzen, klinische Erfahrunen anerkannter Autoritäten |
Zielsetzung und Zielgruppe
"Evidenz"suche
"Evidenz"bewertung
Leitlinienentwurf
Konsensus
Das Konsensustreffen fand im Januar 2009 in Hannover statt und wurde von Herrn Privatdozent Dr. H. Sitter (Universität Marburg und AWMF) moderiert.
Bei den konsentierten Empfehlungen wird aufgrund der Evidenzgrundlage von Belegen oder Hinweisen gesprochen. Diese Begrifflichkeit lehnt sich an die vom IQWIG formulierten Methoden an. In den „Allgemeinen Methoden 3.0“ heißt es u.a. dazu:
In der Regel wird an die Aussage eines „Belegs“ die Anforderung zu stellen sein, dass eine Meta-Analyse von Studien mit endpunktbezogen geringer Ergebnisunsicherheit einen entsprechenden statistisch signifikanten Effekt zeigt. Falls eine Meta-Analyse nicht durchführbar ist, sollten mindestens zwei voneinander unabhängig durchgeführte Studien mit endpunktbezogen geringer Ergebnisunsicherheit und entsprechendem statistisch signifikantem Effekt vorliegen, deren Ergebnis nicht durch weitere vergleichbare endpunktbezogen ergebnissichere Studien infrage gestellt wird (Konsistenz der Ergebnisse). Bei den zwei voneinander unabhängig durchgeführten Studien muss es sich nicht um solche mit exakt identischem Design handeln. Welche Interventionen Abweichungen im Design zwischen Studien noch akzeptabel sind, hängt von der Fragestellung ab. Eine Meta-Analyse von Studien mit endpunktbezogen hoher Ergebnisunsicherheit oder Einzelstudienergebnisse kann bzw. können trotz statistisch signifikanter Effekte demnach in der Regel allenfalls einen „Hinweis“ liefern. Soll aus lediglich einer Studie im Ausnahmefall ein Nutzenbeleg abgeleitet werden, so sind an eine solche Studie und deren Ergebnisse besondere Anforderungen zu stellen.
Die einzelnen Empfehlungen wurden von der Konsensusgruppe mit Empfehlungsklassen (A, B, C) verabschiedet, die in Klammern an die jeweilige Empfehlung angefügt sind. die Empfehlungsklassen können aufgrund der Evidenzgrade in formalisierter Form (siehe Tabelle 3) 7 vergeben werden. Im Rahmen des Konsentierungsprozesses konnten in begründeten Fällen aber auch abweichende Empfehlungsklassen verabschiedet werden. Themenbereiche zu denen sich keine Präventionsempfehlungen ableiten ließen, wurden lediglich mit den Evidenzgraden versehen.
Autoren:
Cathleen Muche-Borowski, Institut für Sozialmedizin, Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Lübeck
Matthias Kopp (DGKJ), Zentrum für Kinderheilkunde und Jugendmedizin, Universitätsklinikum Freiburg
Imke Reese (AK Diätetik in der Allergologie), München
Helmut Sitter (AWMF), Institut für theoretische Chirurgie, Universität Marburg
Thomas Werfel (DGAKI), Klinik und Poliklinik für Dermatologie und Venerologie, Medizinische Hochschule Hannover
Torsten Schäfer (DDG), Ratekau
und weitere Mitglieder der Konsensusgruppe*#
* Kirsten Beyer (GPA), Frank Friedrichs (BV Kinder- und Jugendärzte), Eckard Hamelmann (DGAKI, Sektion Pädiatrie), Mechthild Hellermann (Schwelmer Modell), Johannes Huss-Marp (ZAUM), Susanne Lau (PINA), Ernst Rietschel (GPA), Sabine Schmidt (Kinderumwelt GmbH), Sabine Schnadt (DAAB)
# Zustimmung zu den Empfehlungen (am Konsensustreffen verhindert): Andreas Kleinheinz (ADP), Claudia Rudack (DGHNOKHC), Sylvia Schnitzer (BV HNO Ärzte)
Förderung
Die Überarbeitung der Leitlinie wurde durch die Deutsche Gesellschaft für Allergologie und Klinische Immunologie (DGAKI) und die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ) unterstützt.
Gültigkeit
Die Leitlinie ist bis zum Jahr 2014 gültig und wird bis dahin unter Federführung der korrespondierenden Autoren überarbeitet.
Korrespondenzadressen:
Dr. hum. biol. Cathleen Muche-Borowski, MPH, Schwenckestr. 60, 20255 Hamburg
e-mail: cathleen.borowski@gmx.de
oder
Prof. Dr. med. Torsten Schäfer, MPH, Häven 6b, 23626 Ratekau
e-mail: torsten.schaefer4@gmx.de
