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| Arbeitsgemeinschaft der
Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften |
| AWMF-Leitlinien-Register | Nr. 061/004 | Entwicklungsstufe: | 2 |
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Key words: Specificimmunotherapy, hyposensitization, guideline , allergen, allergen extract, allergic disease, treatment

Abbildung 1. Standardisierte Terminologie für klinische Algorithmen: Ein klinischer Algorithmus ist ein in endlich vielen Schritten formuliertes Verfahren zur Lösung eines klinischen Problems unter Benutzung von bedingten logischen Anweisungen (Wenn-Dann-Logik). Die Darstellung erfolgt üblicherweise in grafischem Format mit einer von der Society for Medical Decision Making empfohlenen Standardnomenklatur. Dabei unterscheidet man Zustands-, Aktions- und Entscheidungsknoten. Zustands- und Aktionsknoten haben je einen Ausgang, Entscheidungsknoten haben genau zwei Ausgänge (Ja und Nein).

Abbildung 2. Allergische Immunantwort und Wirkungsweise der SCIT: T-Helfer-Typ-2-(TH2-)Zellen induzieren durch eine Interleukin-(IL-)5-Produktion die von eosinophilen Granulozyten (Eos) geprägte allergische Entzündung und mithilfe von IL-4 und IL-13 die Immunglobulin-E-(IgE-) Synthese von B-Lymphozyten (B). Die subkutane spezifische Immuntherapie (SCIT) hemmt die Funktion der TH-Zellen durch vermehrte Ausschüttung der Zytokine TGF-β („transforming growth factor beta“) und IL-10 aus regulatorischen Tr1-artigen Zellen (Immunmodulation). Daneben wird eine gegenregulatorische TH1-Immunantwort induziert (Immundeviation): IL-12 aus antigenpräsentierenden Zellen (APZ) stimuliert die Interferon-(IFN-)γ-Produktion der TH1-Zellen und hemmt dadurch die IgE-Bildung und die Differenzierung von TH2-Zellen. Für die SLIT werden ähnliche Wirkmechanismen angenommen, die teilweise für bestimmte Produkte mit hohem Allergengehalt gezeigt wurden.
Abbildungsmerkmale: Kreis mit +: induziert; Kreis mit –: inhibiert; rote Kodierung: verstärkt allergische Immunantwort (Soforttypallergie); gelbe Kodierung: reduziert allergische Immunantwort
Die SCIT greift somit in die grundlegenden immunologischen Mechanismen allergischer (atopischer) Krankheitsbilder ein. Sie ist daher kausal orientiert und besitzt einen besonderen Stellenwert bei der Therapie allergischer Erkrankungen. Allerdings korrelieren die immunologischen Veränderungen im Einzelfall nicht mit der klinischen Wirksamkeit.
Zum Wirkmechanismus der SLIT gibt es bisher noch keine einheitlichen Vorstellungen; bei erfolgreicher SLIT wurde eine lokale antiinflammatorische Immunantwort im Sinne der Produktion von lokalen Zytokinen, vor allem IL-10 aus regulatorischen T-Zellen, gefunden [20]. Neueste Studien beobachten den Anstieg von Faktoren, welche die IgE-Bindung an Allergene inhibieren [41, 109]. Unter einer SLIT können allergenspezifische IgG- bzw. IgG4-Antikörper unterschiedlich stark ansteigen [48, 134]. Während einer SLIT mit einem Gräserpollenextrakt in Tablettenform stiegen auch allergenspezifische IgE-Antikörper deutlich über die bei natürlicher Pollenbelastung beobachtete Zunahme („boost“) an [48]. Die klinische Relevanz dieser Erhöhung ist unklar.
| Fazit: Bei der SCIT entsteht durch zahlreiche immunologische Veränderungen eine über die Therapiedauer hinaus anhaltende Toleranz gegenüber den eingesetzten Allergenen. Zum Wirkmechanismus der SLIT gibt es bisher noch keine einheitlichen Vorstellungen, allerdings werden bei hoch dosierten Präparaten ähnliche systemische Immuneffekte wie bei der SCIT beobachtet. |

Abbildung 3. Verfügbare Allergenextrakte zur SCIT (zur Erläuterung vergleiche Abschnitt 3.)
| Fazit: Allergenkonzentrationen und Produkte zur SCIT oder SLIT sind aufgrund ihrer heterogenen Zusammensetzung und unterschiedlicher Messmethoden ihrer wirksamen Inhaltsstoffe derzeit nicht vergleichbar. Zur SCIT werden nicht modifizierte Allergene als wässrige oder physikalisch gekoppelte (Semidepot-)Extrakte sowie chemisch modifizierte Extrakte (Allergoide) als Semidepot-Extrakte eingesetzt. Die vorwiegend unmodifizierten Allergenextrakte zur SLIT werden als wässrige Lösungen oder Tabletten angewandt. |
| Fazit: Systematische Reviews zeigen erhebliche Heterogenität der Studienergebnisse zur SIT, die teilweise auf unterschiedlichen Probandengruppen, den eingesetzten Allergenprodukten sowie der Therapiedauer und -dosis beruhen. |
| Fazit: Die Wirksamkeit der SCIT ist bei der allergischen Rhinokonjunktivitis bei Pollen- und Hausstaubmilbenallergie durch zahlreiche kontrollierte Studien und bei Tier- (Katzen) und Schimmelpilzallergie (Alternaria, Cladosporium) durch wenige Studien belegt. Die Daten der kontrollierten Studien unterscheiden sich hinsichtlich ihres Umfangs und ihrer Qualität und erfordern eine produktspezifische Bewertung. |
4.2.2. Wirksamkeit der SCIT bei allergischem Asthma bronchiale
| Fazit: Bei kontrolliertem Asthma bronchiale (nach neuen GINA-Leitlinien, 2008) bzw. bei intermittierendem und geringgradig persistierendem IgE-vermittelten allergischen Asthma (nach alten GINA-Leitlinien, 2005) ist die SCIT gut untersucht und als Therapieoption neben Allergenkarenz und Pharmakotherapie empfehlenswert, insbesondere wenn zusätzlich eine allergische Rhinokonjunktivitis vorliegt. |
4.2.3. Wirksamkeit der SCIT bei anderen Indikationen
| Fazit: Die Wirksamkeit der SLIT ist bei der allergischen Rhinokonjunktivitis durch Gräserpollenallergene in mehreren großen, kontrollierten Studien belegt. Bei anderen Allergenquellen (Hausstaubmilben, Tierepithelien, Schimmelpilzsporen) existieren bisher weniger und teilweise methodisch unzureichende Studien mit widersprüchlichen Ergebnissen. |
4.3.2. Wirksamkeit der SLIT bei allergischem Asthma bronchiale
| Fazit: Die Wirksamkeit der SLIT ist bei allergischem Asthma bronchiale bisher unzureichend belegt. |
| Fazit: Sekundärpräventive Aspekte, insbesondere die Reduktion von Neusensibilisierungen und ein vermindertes Asthmarisiko, sind wichtige Gründe, die Indikation zum Therapiebeginn im Kindes- und Jugendalter früh zu stellen. |

Abbildung 4. Diagnostik zur SIT mit saisonalen Allergenen (klinischer Algorithmus)
| Fazit: Diagnostik, Indikationsstellung und die Auswahl der relevanten Allergene sollen grundsätzlich von einem Facharzt vorgenommen werden, der über die allergologische Weiterbildung im Kerngebiet oder die Zusatzweiterbildung Allergologie verfügt. |
| Fazit: Eine Indikation zur SCIT besteht bei nachgewiesener IgE-vermittelter Sensibilisierung mit korrespondierenden klinischen Symptomen durch Allergene, bei denen eine Karenz nicht möglich oder nicht ausreichend ist und ein geeigneter, wirksamer Extrakt zur Verfügung steht. Diagnostik, Indikationsstellung und Auswahl der Allergene sollen nur durch einen Facharzt mit allergologischer Weiterbildung oder allergologischen Fachkenntnissen erfolgen (gemäß Leitlinientext). Die Kontraindikationen müssen individuell berücksichtigt werden. |

Abbildung 5. Diagnostik zur Indikation der SCIT mit ganzjährigen Allergenen
| Fazit: Die SLIT mit Pollenallergenen kann bei Erwachsenen mit allergischer Rhinokonjunktivitis mit wirksamen Produkten eingesetzt werden, insbesondere dann, wenn eine SCIT nicht infrage kommt. Bei Hausstaubmilbenallergie oder anderen Allergenquellen bzw. allergischem Asthma durch Inhalationsallergene stellt die SLIT keinen Ersatz für die SCIT dar. |
| Fazit: Die Injektionen zur SCIT werden von einem Arzt durchgeführt, der mit dieser Therapieform Erfahrung hat und bei einem allergologischen Zwischenfall zur Notfallbehandlung befähigt ist. Eine vorherige Aufklärung mit Dokumentation ist erforderlich. Die Therapie sollte drei Jahre durchgeführt werden. |
| Fazit: Die SLIT wird von einem Arzt eingeleitet, der mit der Therapie allergischer Erkrankungen Erfahrung (siehe Leitlinientext) hat. Die Therapie wird dem Patienten gemäß den Gebrauchsinformationen des Herstellers erläutert und drei Jahre prä- und kosaisonal oder ganzjährig durchgeführt. Der Therapieverlauf sollte durch ärztliche Konsultationen wenigstens alle drei Monate begleitet werden. |
| Fazit: Kinder zeigen eine gute Verträglichkeit und profitieren besonders von den immunmodulatorischen Effekten der SCIT. |
| Fazit: Bei Kindern und Jugendlichen kann die Anwendung der SLIT mit Präparaten, für die eine klinische Wirksamkeit in dieser Altersgruppe dokumentiert ist, in Betracht gezogen werden, wenn eine SCIT nicht infrage kommt. |
| Fazit: Bei systemischen Reaktionen durch eine Hymenopterengiftallergie (Biene, Wespe) ist die SCIT ausgezeichnet wirksam und sollte mindestens drei bis fünf Jahre durchgeführt werden, bei manchen Patienten lebenslang. |
| Fazit: DDas Auftreten schwerer, potenziell lebensbedrohlicher systemischer Reaktionen bei der SCIT ist möglich, aber bei Einhaltung aller Sicherheitsmaßnahmen sehr selten. Die meisten unerwünschten Reaktionen sind leicht bis mittelschwer und lassen sich gut behandeln. |
| Fazit: Abgesehen von sehr häufig bis häufig auftretenden, dosisabhängigen unerwünschten lokalen Symptomen im Mund- und Rachenraum sind systemische Reaktionen vorwiegend leichterer Ausprägung nach einer SLIT bisher sehr selten beschrieben worden. Die SLIT zeigt im Hinblick auf anaphylaktische oder andere schwere systemische Reaktionen ein besseres Sicherheitsprofil als die SCIT. |
| Fazit: Das Risiko und die Folgen unerwünschter systemischer Reaktionen können durch Schulung des Personals, Beachtung der Sicherheitsstandards und rasche Notfallmaßnahmen wirksam vermindert werden. |
| Fazit: Die SIT zeigt in vielen Bereichen, wie Allergencharakterisierung, Applikationswege, Adjuvanzien, Aufdosierung und präventive Aspekte, neue Entwicklungen, die teilweise bereits auf ihre klinische Wirksamkeit untersucht werden. |
Berufsverband der Deutschen Dermatologen (BVDD)
Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ)
Bundesverband der Deutschen Pneumologen (BDP)
Deutscher Berufsverband der Hals-Nasen-Ohrenärzte (BVHNO)
Deutsche Dermatologische Gesellschaft (DDG)
Deutsche Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie (DGHNOKHC)
Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ)
Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP)
Autoren:
Jörg Kleine-Tebbe, Allergie- und Asthma-Zentrum Westend, Berlin;
Albrecht Bufe, Abteilung für experimentelle Pneumologie, Universitätsklinik Bergmannsheil, Bochum;
Christof Ebner, Ambulatorium für Allergie und klinische Immunologie, Wien, Österreich;
Philippe Eigenmann, Allergologie Pédiatrique, Hôpital des Enfants, Hôpitaux Universitaires de Genève, Schweiz;
Frank Friedrichs, Praxis für Kinder- und Jugendmedizin, Laurensberg;
Thomas Fuchs, Abteilung Dermatologie und Venerologie, Universitätsmedizin Göttingen;
Isidor Huttegger, Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde, Paracelsus Medizinische Privatuniversität, Salzburger Landeskliniken, Salzburg, Österreich;
Kirsten Jung, Praxis für Dermatologie und Immunologie, Erfurt;
Ludger Klimek, Zentrum für Rhinologie und Allergologie, Wiesbaden;
Matthias Kopp, Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin, Universitätsklinikum Freiburg;
Wolfgang Lässig, Klinik für Kinder- und Jugendmedizin, Krankenhaus St. Elisabeth und St. Barbara, Halle/Saale;
Hans Merk, Universitätshautklinik, Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule, Aachen;
Bodo Niggemann, Pädiatrische Allergologie und Pneumologie, Hedwig-von-Rittberg-Zentrum, DRK-Kliniken Westend, Berlin;
Uta Rabe, Abteilung Pneumologie, Klinik III, Johanniterkrankenhaus im Flämig, Treuenbrietzen;
Joachim Saloga, Universitätshautklinik, Johannes-Gutenberg-Universität, Mainz;
Peter Schmid-Grendelmeier, Allergiestation, Dermatologische Universitätsklinik, Zürich, Schweiz;
Helmut Sitter, Institut für theoretische Chirurgie, Universität Marburg;
Johann Christian Virchow, Abteilung Pneumologie, Klinik und Poliklinik für Innere Medizin, Universität Rostock;
Martin Wagenmann, Hals-Nasen-Ohren-Klinik, Universitätsklinikum Düsseldorf;
Bettina Wedi, Klinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie, Medizinische Hochschule Hannover;
Margitta Worm, Allergie-Centrum-Charité, Klinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie, Charité – Universitätsmedizin Berlin
Weitere Teilnehmer am Konsensusprozess:
Thomas Hering, Lungenarztpraxis Tegel, Berlin;
Andrea Koch, Klinik III für Innere Medizin – Herzzentrum, Universitätsklinikum Köln;
Heinrich Lenders, Praxis für HNO-Heilkunde, Schwäbisch Hall;
Horst Müsken, Praxis für Innere Medizin – Allergologie und Pneumologie, Bad Lippspringe;
Sylvia Schnitzer, Praxis für HNO-Heilkunde, Grevesmühlen;
Boris A. Stuck, HNO-Klinik, Klinikum Mannheim;
Ingrid Voigtmann, Deutscher Allergie- und Asthmabund, Mönchengladbach;
Wolfgang Wehrmann, Dermatologische Gemeinschaftspraxis, Münster
Kommentierende Teilnahme und Prozessbegleitung:
Susanne Kaul, Abteilung Allergologie, Paul-Ehrlich-Institut, Langen;
Burkhard Luther, Medizinischer Dienst der Krankenversicherung Hessen, Oberursel;
Anja Schwalfenber, Deutscher Allergie- und Asthmabund, Mönchengladbach
Erläuterung von Interessen und Aktivitäten
(Autoren und aktive Teilnehmer der Konsensuskonferenz)
| Interessen und Aktivitäten | Autoren u. aktive Konsensusbegleiter |
|---|---|
| Beratertätigkeit und/oder Mitglied im wissenschaftlichen Beirat ("Advisory Board") für Allergenhersteller | Christof Ebner, Thomas Fuchs, Jörg Kleine-Tebbe, Ludger Klimek, Hans Merk, Johann Christian Virchow, Wolfgang Wehrmann, Margitta Worm |
| Forschungsprojekte und/oder Laboruntersuchungen, finanziert durch Zuwendungen von Allergenherstellern | Ludger Klimek, Joachim Saloga, Margitta Worm |
| Mitarbeit (Planung, Durchführung, Dokumentation) an klinischen Studien, finanziert durch Allergenhersteller | Albrecht Bufe, Frank Friedrichs, Thomas Fuchs, Kirsten Jung, Jörg Kleine-Tebbe, Ludger Klimek, Matthias Kopp, Wolfgang Lässig, Hans Merk, Joachim Saloga, Peter Schmid-Grendelmeier, Sylvia Schnitzer, Boris Stuck, Johann Christian Virchow, Martin Wagenmann, Bettina Wedi, Margitta Worm |
| Wissenschaftliche und/oder Fortbildungvorträge im Auftrag oder mit Unterstützung von Allergenherstellern | Albrecht Bufe, Christof Ebner, Philippe Eigenmann, Frank Friedrichs, Thomas Fuchs, Isidor Huttegger, Kirsten Jung, Jörg Kleine-Tebbe, Ludger Klimek, Matthias Kopp, Hans Merk, Horst Müsken, Bodo Niggemann, Uta Rabe, Joachim Saloga, Peter Schmid-Grendelmeier, Sylvia Schnitzer, Boris A. Stuck, Johann Christian Virchow, Martin Wagenmann, Bettina Wedi, Wolfgang Wehrmann, Margitta Worm |
Korrespondenzadresse:
PD Dr.Jörg Kleine-Tebbe
Allergie- und Asthma-Zentrum Westend
Praxis Hanf, Herold und Kleine-Tebbe
Spandauer Damm 130, Haus 9
14050 Berlin
e-mail: kleine-tebbe@allergie-experten.de
