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| Arbeitsgemeinschaft der
Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften |
| AWMF-Leitlinien-Register | Nr. 043/034 | Entwicklungsstufe: | 2 |
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Die vorliegenden Leitlinien stellen ein Update der im Jahr 2003 publizierten Leitlinien dar. Grundlage dieser Leitlinienneufassung war eine nicht strukturierte Literaturrecherche in der Medline-/PubMed-Datenbank der Jahre Januar 2002 bis April 2007, die durch Handrecherchen von Übersichtsartikeln, aktuellen Abstracts und bereits publizierten Leitlinien ergänzt wurde. Alle veröffentlichten Studien wurden nach ihrer Qualität bewertet, für die die Anforderungen und Empfehlungen der internationalen BPH-Konsensuskonferenz (Paris 2005) galten. Die Artikel wurden nach dem vom "US Department of Health and Human Services (1992)" veröffentlichen Schema bewertet (s. Appendix). Der vorhandene Evidenzgrad wurde für die diagnostischen Verfahren angegeben.
Die "Leitlinien der Deutschen Urologen zur Diagnostik und Differentialdiagnostik des BPS" wurde von Experten der Fächer Urologie und klinische Pharmakologie verfasst sowie von den Leitlinienkommissionen der DGU und des BDU unabhängig und extern begutachtet. Alle beteiligten Mitglieder des Arbeitskreises "Benigne Prostatahyperplasie" (BPH), der DGU und des BDU haben unabhängig von finanziellen Interessen diese Neufassung der Leitlinien vorgenommen. Die Leitlinien sind ebenfalls für alle Ärzte und interessierte Patienten auf der Homepage der AWMF veröffentlicht (http://www.awmf-leitlinien.de). Eine Neubewertung der "Evidenz" zur Diagnostik des BPS ist im Jahr 2011 geplant.
Die Abkürzung "BPH" wird oft, aber fälschlich als Synonym für Blasenfunktionsstörungen des Mannes verwendet. Der Terminus "benigne Prostatahyperplasie - BPH" bezeichnet ausschließlich eine histologische Diagnose. Der Patient klagt aber nicht über eine BPH oder eine vergrößerte Prostata, sondern über Symptome des unteren Harntraktes, die international als "LUTS" (Lower Urinary Tract Symptoms) bezeichnet werden. LUTS können entsprechend ihrer Ausprägung und der Empfindsamkeit des Patienten in wechselndem Maße zur Beeinträchtigung der Lebensqualität und damit zu Leidensdruck führen. Da LUTS viele Ursachen haben können und letztlich das im ICD10 mit N40 bezeichnete Krankheitsbild eine Ausschlussdiagnose ist, wird international von "LUTS suggestive of BPH" gesprochen. Als Ersatz für diesen unscharf definierten Begriff und für die bisherige klinische Diagnose "BPH" wurde in Deutschland der Terminus "Benignes Prostatasyndrom" (BPS) eingeführt. Dieser Terminus wird der pathophysiologisch sehr variablen Relation zwischen Symptomatik (LUTS), Prostatavergrößerung ("benign prostatic enlargement", BPE) und Blasenauslassobstruktion ("bladder outlet obstruction", BOO bzw. "benign prostatic obstruction", BPO) eher gerecht (Tabelle 1, Abbildung 1) [3, 4, 6].
Die Terminologie grenzt das BPS ab vom symptombeschreibenden Begriff LUTS, von der Vergrößerung der Prostata (BPE) und vom pathophysiologischen Begriff der Blasenauslassobstruktion (BOO) bzw. der auf dem Boden einer BPE beruhenden benignen Prostataobstruktion (BPO). LUTS, die Teil des BPS sind, werden auch beim Syndrom der überaktiven Blase ("overactive bladder - OAB") beschrieben. Die Diagnose einer OAB schließt aber das Vorhandensein erkennbarer lokaler Pathologien wie BPH, BPE oder BOO aus [6].
| BPS | Benignes Prostata-Syndrom |
| LUTS | Lower Urinary Tract Symptoms (Symptome des unteren Harntraktes) |
| BPH | Histologische Definition |
| BPE | Benign Prostatic Enlargement (benigne Prostatavergrößerung) |
| BOO | Bladder Outlet Obstruction (Blasenauslassobstruktion) |
| BPO | Benign Prostatic Obstruction (benigne Prostataobstruktion), durch BPE verursachte BOO |
Tab. 1: Terminologie des benignen Prostatasyndroms und assoziierter Symptome/Diagnosen [3, 4, 6]

Abbildung 1: Schematische Darstellung des BPS, das aus einer variablen Relation von LUTS, BPE und BOO besteht
Die Terminologie grenzt das BPS ab vom symptombeschreibenden Begriff LUTS, von der Vergrößerung der Prostata (BPE) und vom pathophysiologischen Begriff der Blasenauslassobstruktion (BOO) bzw. der auf dem Boden einer BPE beruhenden benignen Prostataobstruktion (BPO). LUTS, die Teil des BPS sind, werden auch beim Syndrom der überaktiven Blase ("overactive bladder", OAB) beschrieben. Die Diagnose einer OAB schließt aber das Vorhandensein erkennbarer lokaler Pathologien wie BPH, BPE oder BOO aus [6].
In Deutschland leben zur Zeit ca. 12 Mio. Männer im Alter von >50 Jahren. Eine repräsentative Untersuchung dieser Männer (Herner-LUTS-Studie) hat gezeigt, dass 40,5% an behandlungsbedürftigen LUTS leiden (IPSS>7), 26,9% eine vergrößerte Prostata (Prostatavolumen >25 ml) haben und bei 17,3% der maximale Harnstrahl (Qmax<10 ml/s) auf eine BOO hindeutet. Sowohl die Häufigkeit von LUTS, Zunahme des Prostatavolumens und Harnstrahlabschwächung sind alterskorreliert. Die Herner-LUTS-Studie hat ferner gezeigt, dass etwa 60% der Männer mit mittelschwerer Symptomatik und >90% mit schwerer Symptomatik einen deutlichen Leidensdruck verspüren [20].
Obwohl im Einzelfall die Entwicklung eines BPS nicht sicher vorhersagbar ist, verläuft das BPS chronisch progredient [34, 51]. Diese Progression zeigt sich als Zunahme der LUTS oder im Auftreten von Komplikationen (z. B. Harnverhalt oder rezidivierende HWI). Die wichtigsten Risikofaktoren für eine Progression sind neben dem Alter die Symptomenintensität, das Prostatavolumen (bzw. das Serum-PSA), die maximale Harnflussrate sowie die Restharnmenge [11, 35, 40, 50, 51, 52, 66, 72]. Validierte Algorithmen zur Quantifizierung des Progressionsrisikos bestehen jedoch noch nicht.
3.1.1 Anamnese
3.1.2 Quantifizierung von Symptomen und Leidensdruck/Lebensqualität
Viele unterschiedliche Instrumente sind zur Quantifizierung von Symptomatik und Leidensdruck/Lebensqualität entwickelt worden, von denen der "Internationale Prostatasymptomenscore" (IPSS) die weiteste Verbreitung gefunden hat [3, 4, 6, 14, 22, 42, 66, 80, 92]. Nach den IPSS-Werten werden Patienten mit milder Symptomatik (IPSS<8) von solchen mit mittlerer (IPSS=8-19) oder schwerer Symptomatik (IPSS=20-35) unterschieden. Eine Therapieindikation wird i. Allg. bei einem IPSS-Wert >7 und bestehendem Leidensdruck gesehen. Zu beachten ist, dass der IPSS oder ähnliche Fragebögen nur zur Symptomenquantifizierung, aber nicht zur Diagnosestellung geeignet sind [16, 22, 32, 53, 55, 57, 68, 80, 84, 103].
3.1.3 Körperliche Untersuchung
Im Rahmen der körperlichen Untersuchung wird ein orientierender neurologischer Status erhoben (Analsphinktertonus, Bulbo-cavernosus-Reflex, motorischer und sensorischer Status der unteren Extremitäten, des Dammes und Genitale) und die digitorektale Untersuchung (DRU) durchgeführt.
Die DRU beurteilt die Prostata hinsichtlich Größe, Dolenz und Konsistenz. Die DRU hat nur eine geringe Sensitivität für die Karzinomerkennung (in einigen Studien <30%), und nur bei einem Drittel der Patienten mit suspektem Tastbefund kann durch Stanzbiopsie auch ein Prostatakarzinom histologisch gesichert werden. Da die DRU einfach und wenig belastend ist und zugleich eine Beurteilung von Sphinktertonus, Bulbo-cavernosus-Reflex und Rektum ermöglicht, ist diese Untersuchung obligat. Die palpatorische Bestimmung der Prostatagröße kann nur orientierend sein und eine Entscheidung zur Therapie sollte nicht allein hierauf beruhen.
3.1.4 Urinstatus
Eine Urinuntersuchung (Stix oder Mikroskopie) dient zum Ausschluss/Nachweis einer HWI oder einer Hämaturie [33].
3.1.5 Prostataspezifisches Antigen (PSA)
Die PSA-Bestimmung dient zum differenzialdiagnostischen Ausschluss eines Prostatakarzinoms sowie zur Beurteilung des Progressionsrisikos des BPS [12, 28, 88, 89, 90]. Bezüglich der Karzinomdiagnostik wird auf die Leitlinie "PSA-Bestimmung in der Prostatakarzinomdiagnostik (Früherkennung des Prostatakarzinoms)" der DGU verwiesen. In der Abschätzung des Progressionsrisikos des BPS wird das PSA als Surrogatparameter für das Prostatavolumen verwendet [89, 90, 91]. Da die Behandlung mit 5a-Reduktasehemmern den PSA-Wert um ca. 50% senkt, ist dies bei der Bewertung zu berücksichtigen.
3.1.6 Uroflowmetrie
Die Uroflowmetrie dient als Screeningverfahren beim Nachweis einer Blasenentleerungsstörung. Der maximale Harnfluss (Qmax) ist volumenabhängig und daher nur im Zusammenhang mit dem entleerten Urinvolumen interpretierbar [31]. Zur eindeutigen Beurteilung der Uroflowmetrie ist ein Miktionsvolumen von >150 ml und bei Einschränkung des Harnstrahls mindestens eine Wiederholungsuntersuchung zu empfehlen. Der automatisch bestimmte Qmax ist artefaktbelastet und sollte kontrolliert und ggf. korrigiert werden. Qmax korreliert nur schwach mit dem Grad der BOO.
Ein eingeschränkter Uroflow kann nicht mit ausreichender Sicherheit zwischen BOO und hypokontraktilem Detrusor unterscheiden [24]. Ein unauffälliger ("normaler") Uroflow schließt eine Obstruktion nicht aus (High-flow-Obstruktion). Auch die Verwendung bestimmter Grenzwerte für Qmax (<10 ml/s, 10-15 ml/s, >15 ml/s) zur Definition der Wahrscheinlichkeit einer BOO ist unsicher.
Die Sensitivität und Spezifität des Qmax zum Nachweis einer BOO ist in großen Studien für einen Grenzwert von ≤15 ml/s mit 82% bzw. 38% und für einen Grenzwert von ≤10 ml/s mit 47% bzw. 70% bestimmt worden [84]. Eine Therapieentscheidung sollte deshalb keinesfalls ausschließlich aufgrund der Uroflowmetrie getroffen werden. Neben Qmax als klinisch wichtigstem Einzelwert liefert v. a. der Kurvenverlauf wichtige Hinweise auf die zugrunde liegende Blasenentleerungsstörung oder den Erfolg einer Therapie.
3.1.7 Sonographie der Blase (inklusive Restharnbestimmung) und Prostata (vorzugsweise TRUS)
Die Bestimmung der Restharnmenge, die bevorzugt mittels Sonographie gemessen werden sollte, dient zur Beurteilung der Therapiebedürftigkeit und Abschätzung des Progressionsrisikos des BPS [30, 63, 86, 97]. Die Restharnbildung ist nicht spezifisch für das BPS - differentialdiagnostisch kann Restharn neben einer BOO auch durch Detrusorhypokontraktilität, eine neurogene Blasenentleerungsstörung oder detrusorwirksame Medikamente (Antihistaminika, Antidepressiva, Neuroleptika, Anticholinergika, β-Sympathomimetika) verursacht sein [25, 78, 97]. Eine klinisch relevante Korrelation zwischen Restharnmenge und LUTS, BOO oder BPE besteht nicht [16, 21, 23, 32, 49, 68, 84, 94, 103]. Eine statistisch signifikante Korrelation zwischen Restharnmenge und HWI konnte ebenfalls nicht nachgewiesen werden [23, 44]. Restharn sollte deshalb nicht als alleiniges Kriterium für eine Therapie gelten [23]. Die Sonographie der Harnblase kann auch endovesikale Pathologien darstellen (Blasensteine, Divertikel, Tumoren). Die (vorzugsweise transrektale) Sonographie der Prostata dient der Volumenbestimmung und damit der Abschätzung des Progressionsrisikos eines BPS und der Wahl des Therapieverfahrens [1, 2, 11, 18, 29, 52, 66, 72, 74, 75, 76, 79, 87, 93]. Sie kann auch einen evtl. vorhandenen endovesikalen Mittellappen detektieren [87].
3.1.8 Beurteilung des oberen Harntraktes (Sonographie der Nieren oder Serumkreatinin)
Die Beurteilung des oberen Harntraktes dient dem Ausschluss einer BPS-bedingten Harnstauung [13, 30, 60, 98]. Ergeben sich aus der Anamnese, klinischen Untersuchung oder Urinuntersuchung Hinweise auf eine Nierenerkrankung oder ist eine Röntgenuntersuchung mit Kontrastmittel vorgesehen, erfolgt die Bestimmung des Serumkreatinins [32, 101]. Bei eingeschränkter Nierenfunktion muss mit einer höheren postoperativen Komplikationsrate gerechnet werden.
3.2.1 Miktionsprotokoll
Ein Miktionsprotokoll über mindestens 2 Tage dokumentiert Miktionsfrequenz und -volumen und kann die Trinkmenge des Patienten abschätzen. Das Miktionsprotokoll ist bei unklarer Miktionsanamnese empfehlenswert, da es u. a. eine Pollakisurie von einer Polyurie abgrenzen kann.
3.2.2 Druck-Fluss-Studien
Druck-Fluss-Studien dienen bei abgeschwächtem Harnstrahl der Unterscheidung zwischen BOO und Insuffizienz der Detrusorkontraktiliät. Daneben können Patienten identifiziert werden, die trotz einer hohen maximalen Harnflussrate obstruiert sind (high flow-/high pressure) [41, 48, 56, 67, 95, 99]. Diese Untersuchung ist v. a. empfohlen bei jungen (<50 Jahre) oder alten Männern (>80 Jahre), bei Patienten nach Radialoperationen im Becken und bei Patienten, die unter neurologischen Begleiterkrankungen leiden (diabetische Neuropathie, Morbus Parkinson, Hirninfarkt, LWS-Syndrom, etc.) oder bei denen trotz invasiver Behandlung weiterhin LUTS bestehen.
3.2.3 Sonographische Messung der Detrusordicke
Die sonographische Bestimmung der Blasenwand- oder Detrusordicke mit einem 7,5-MHz-Schallkopf bei mindestens 250 ml Blasenfüllung dient zur nicht invasiven Beurteilung der BOO [17, 81, 82]. Es besteht kein signifikanter Unterschied zwischen den Messergebnissen an der Blasenvorderwand, der Rückwand, den Seitenwänden oder dem Blasendom, so dass die Blasenwanddicke prinzipiell an allen Lokalisationen bestimmt werden kann [61]. Je höher der Obstruktionsgrad ist, desto dicker wird der Detrusor [61, 62, 71, 81]. Eine Detrusordicke ≥2,0 mm bei mindestens 250 ml Blasenfüllung deutet mit einer Wahrscheinlichkeit von >90% auf eine BOO hin [59, 81, 83]. Der positive prädiktive Wert der Detrusordickenmessung bei der BOO-Diagnostik ist deutlich größer als der der Uroflowmetrie, Restharn- oder Prostatavolumenmessung [59, 71, 83].
3.2.4 Weitere Verfahren
Die Endoskopie und Urethrozystographie beschränken sich auf spezielle Fragestellungen, z. B. Ausschluss eines Blasentumors oder einer Harnröhrenstriktur.
| Empfehlungen Verfahren zur Diagnostik des BPS haben überwiegend eine "Evidenz"-Stufe 3-4, da keine randomisierten Studien zum Nutzen einzelner diagnostischer Maßnahmen für den Therapieerfolg vorliegen und wahrscheinlich auch in der Zukunft nicht durchgeführt werden können (Empfehlungsgrad C). Lediglich Druck-Fluss-Messungen und Studien zu Risikofaktoren für eine Progression sind der Evidenzstufe 1 zuzuordnen (Empfehlungsgrad A). Alle beschriebenen diagnostischen Verfahren sind ausreichend validiert worden. |
Für die Entscheidung, ob eine Therapie erforderlich ist bzw. welche initiale Behandlung gewählt werden sollte, ist darüber hinaus eine differenzierte Beurteilung des Progressionsrisikos erforderlich, welches sich aus dem Gesamtbild der anamnestischen, klinischen und apparativen Befunde ergibt.
3.3.1 Identifizierung des BPS
Die differenzialdiagnostische Abgrenzung eines BPS von LUTS anderer Genese beruht im Wesentlichen auf den folgenden Untersuchungen:
3.3.2 Quantifizierung von Beschwerden und Leidensdruck
Die Quantifizierung der Beschwerden erfolgt in erster Linie mit einem validierten Symptomenscore wie den IPSS-Fragebogen und mit der Lebensqualitätsfrage, die den Leidensdruck des Patienten einschätzen kann.
3.3.3 Risikoprofile und Identifizierung des am besten geeigneten Therapieverfahrens
Die Therapie von BPS-Patienten ist breit gefächert, weist eine z. T. erheblich differierende Behandlungsmorbidität auf und kann mit vorübergehenden oder dauerhaften Therapiekomplikationen vergesellschaftet sein. Abgesehen von gut definierten absoluten Operationsindikationen sind Differentialindikationen ohne bereits eingetretene BPS-Komplikationen für verschiedenen Therapieoptionen medizinisch wenig definiert und bieten damit die Möglichkeit der Therapiekaskade, die vorwiegend durch intolerable Nebenwirkungen oder eine primäre oder sekundäre Non-Response beeinflusst ist. Das Ausmaß der Therapiekaskadenproblematik ist in Deutschland unbekannt. Neben hohen Kosten dieser Behandlungsweise, die bei zunehmender Prävalenz therapiepflichtiger LUTS-Patienten mit ansteigender Alterung der Bevölkerung auf Dauer nicht überschaubar sind, ist eine medizinisch begründete Patientenauswahl vor Therapie aufgrund einer kompetenten Diagnostik eine sinnvolle Alternative.
Als medizinisch gut definierte Selektionskriterien haben sich herauskristallisiert:
3.3.3.1 Grad der BOO
Die pathophysiologischen Folgen der BOO sind im Tiermodell gut dokumentiert [65]. Obwohl sich eine Obstruktion im Tiermodell rasch, beim Patienten aber schleichend über Jahre oder sogar Jahrzehnte entwickelt, zeigen die beobachteten Veränderungen im Detrusor große Ähnlichkeiten [39].
Der Grad der BOO bei BPS korreliert nicht mit der Ausprägung der LUTS, so dass über die Quantifizierung der Symptomatik allein keine suffiziente Information über die BOO zu gewinnen ist [22, 32, 80, 103]. Auch das Ausmaß der Wirkung einer Therapie auf die LUTS liefert keine Hinweise auf den Grad der BOO. Die Besserung der LUTS liefert weder bei medikamentöser Therapie Hinweise auf das Fehlen einer BOO [38, 104], noch bei ablativ wirkenden Verfahren Hinweise auf das Vorhandensein einer BOO vor Therapie [37, 54]. Die Wirkung verschiedener Therapieoptionen auf die BOO ist gut dokumentiert, wobei die medikamentöse Behandlung eine geringe, instrumentell oder operativ ablativ wirkende Verfahren eine mit der Menge der Ablation von Prostatagewebe proportionale Wirkung auf die Verminderung der BOO haben [27, 36, 77, 85, 96, 100, 102, 105]. Im Allgemeinen steigt mit der Menge der Gewebeablation die Behandlungsmorbidität [8, 15, 26, 46, 47, 64, 73].
Aufgrund der möglichen Dissoziation von LUTS und BPO kann es passieren, dass sich ein symptomatischer Patient mit BOO unter der Behandlung symptomatisch verbessert, aber obstruiert bleibt [105]. In einer solchen Konstellation kann eine BPO-bedingte Veränderung des Harntraktes auftreten und unerkannt bleiben. Andererseits ist es möglich, dass eine BPO erfolgreich behandelt wird, ohne dass es zu einer spürbaren Symptomenverbesserung kommt. Wichtigste Konsequenz dieser Überlegungen ist, dass nicht deobstruierende Therapieverfahren bei obstruierten Patienten trotz Symptomenverbesserung zu einer langfristigen Schädigung des Harntraktes führen können.
Die Diagnostik der BOO bei BPS war bisher an eine aufwendige und teure urodynamische Untersuchung gebunden, die als Screeningmethode unrealistisch ist und deshalb spezielle Indikationen erfordert. Mit der sonographischen Bestimmung der Detrusordicke ist zusammen mit der Uroflowmetrie in einem hohen Prozentsatz die Unterscheidung zwischen obstruktiver und nicht obstruktiver BPS auch ohne Druck-Fluss-Messungen im Screening möglich [81, 82, 83]. Eine Patientenselektion unter Beachtung des Obstruktionsgrades ist deshalb kostengünstig und ohne Morbidität bereits bei der initialen Untersuchung durchführbar und deshalb zu empfehlen.
3.3.3.2 Progressionsfaktoren
Der chronisch progrediente Charakter des BPS bedeutet, dass ein nicht oder insuffizient behandeltes BPS zu Komplikationen führen kann (z. B. Zunahme der Symptomatik, Ausbildung von Harnverhalt, Inkontinenz oder HWI). Hieraus ergibt sich außer der Symptomenverbesserung auch eine Progressionshemmung als Therapieziel. Um das Nutzen-Risiko-Verhältnis einer progressionshemmenden Therapie beurteilen zu können, ist eine Einschätzung des Progressionsrisikos erforderlich. Als Prädiktoren für eine Progression haben sich neben dem Lebensalter das Serum-PSA, das Prostatavolumen, der Restharn und die Uroflowmetrie erwiesen [75, 93].
| "Evidenz"-Beurteilung publizierter Studien | |
| Level 1a: | "Evidenz" aus Metaanalysen randomisierter Studien |
| Level 1b: | "Evidenz" aus mindestens einer randomisierten Studie mit guter Qualität |
| Level 2a: | "Evidenz" aus einer gut durchgeführten (experimentellen) Studie ohne Randomisierung |
| Level 2b: | "Evidenz" aus mindestens einer gut durchgeführten, quasi experimentellen Studie, Kohortenstudien |
| Level 3: | "Evidenz" aus einer gut durchgeführten, nicht-experimentellen Studie, z. B. Vergleichsstudie, Korrelationsuntersuchung oder "case report" |
| Level 4: | "Evidenz" aus Expertenkommissionen, Expertenmeinungen oder klinische "Evidenz" von anerkannten Autoritäten |
| Grad der Empfehlung | |
| Grad A: | Basiert auf klinischen Studien von guter Qualität und Konsistenz, welche spezifische Empfehlungen gegeben haben und mindestens eine randomisierte Studie beinhalten (konsistente Level-1-Untersuchungen) |
| Grad B: | Basiert auf gut durchgeführten klinischen Studien, aber ohne randomisierte klinische Studien (konsistente Level-2- oder -3-Studien) |
| Grad C: | Basiert ohne direkt zutreffende klinische Studien von guter Qualität (Level-4-Untersuchungen oder Level-2/3-Untersuchungen mit mehrheitlicher "Evidenz") |
Korrespondenz:
Prof. Dr. med. Kurt Dreikorn
Stadtländerstraße 58
28355 Bremen
Tel.: 0421 / 25 44 84
e-mail: dreikorn@uni-bremen.de
