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Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Neurologie


 AWMF-Leitlinien-Register  Nr. 030/050   Entwicklungsstufe:  1 
Zitierbare Quelle:
Leitlinien für Diagnostik und Therapie in der Neurologie; 4. überarbeitete Auflage 2008, S. 654 ff, ISBN 978-3-13-132414-6; Georg Thieme Verlag Stuttgart

Diagnostik und Therapie der Multiplen Sklerose

Was gibt es Neues?

Die wichtigsten Empfehlungen auf einen Blick


  1. Ziele und Anwendungsbereich
  2. Ziel dieser Leitlinie ist eine Optimierung der Behandlung von Schüben und Symptomen der MS sowie der verlaufsmodifizierenden Sekundärprophylaxe. Die Leitlinie ist evidenzbasiert und eine Fortentwicklung der folgenden Leitlinien und Empfehlungen:
    1. Leitlinie der DGN 2005 (Rieckmann u. Toyka 2005)
    2. Empfehlungen der Multiple Sklerose Therapie Konsensus Gruppe (Bassetti et al. 2006)
    3. Recommendations of European MS Societies (Rieckmann et al. 2004)
    Diese Leitlinie wendet sich überwiegend an Neurologen und Nervenärzte, die im ambulanten Sektor, Klinikbereich oder in Rehabilitationseinrichtungen Patienten mit MS betreuen oder deren Behandlung kritisch beurteilen (Medizinischer Dienst der Krankenkassen).

  3. Definition
  4. Die Multiple Sklerose (MS) ist die häufigste neurologische Erkrankung, die im jungen Erwachsenenalter zu bleibender Behinderung und vorzeitiger Berentung führt. Es handelt sich um eine immunvermittelte chronisch entzündliche Erkrankung des Zentralnervensystems, die histopathologisch in unterschiedlicher Ausprägung zu Demyelinisierung und axonalem Schaden führt. Verschiedene histopathologische Muster der Entmarkung wurden bei der Untersuchung aktiv demyelinisierender Läsionen von MS-Patienten gefunden (Lassmann et al. 2001). Man unterscheidet unterschiedliche Stadien und Verläufe:

    Klinisch beginnt die MS bei über 80 % der Patienten mit einem schubförmigen Verlauf. Häufige Frühsymptome sind Sensibilitätsstörungen, eine Gangstörung mit häufig belastungsabhängiger Schwäche der Beine und Gangunsicherheit sowie eine einseitige Optikusneuritis (Weinshenker 1998). Bei den meisten Patienten bilden sich die Symptome eines Schubes innerhalb von 6-8 Wochen zurück. Wenn neu aufgetretene Beschwerden über 6 Monate persistieren, sinkt die Rückbildungswahrscheinlichkeit auf unter 5 % (Ellison et al. 1994). Beim natürlichen Verlauf der unbehandelten Erkrankung liegt die Schubrate initial bei ca. 1,8 Schüben pro Jahr und nimmt dann in den Folgejahren kontinuierlich ab (Tremlett et al. 2008).
    Neuerdings wird als Anfangsstadium der klinischen Erkrankung das sog. klinisch-isolierte Syndrom (KIS) beschrieben. Bei Auftreten einer erstmaligen klinischen Symptomatik (siehe Frühsymptome), die von der Präsentation auf ein demyelinisierendes Ereignis deutet, fehlen hier die Kriterien der zeitlichen Dissemination (Miller et al. 2004). Multifokale MR-Läsionen zu diesem Zeitpunkt zeigen ein erhöhtes Risiko für einen raschen Übergang zur MS an (Tintoré et al. 2003).
    Unbehandelt kommt es bei mindestens 50% der Patienten nach 10 Jahren zu einer sekundären Progredienz, d. h. zu einer schleichenden Zunahme klinischer Symptome und neurologischer Ausfallserscheinungen, anfangs ggf. mit, später meist auch ohne zusätzliche Schübe. Definitionsgemäß wird beim chronisch progredienten Verlauf eine kontinuierliche Zunahme der Symptome und Ausfallserscheinungen über mindestens 6 Monate hinweg gefordert. Eine hohe Anzahl von Schüben innerhalb der ersten beiden Krankheitsjahre ist oft mit rascherer Progredienz verbunden (Weinshenker 1998, Lublin et al. 2003). Nur ca. 10-15% der Patienten haben im Verlauf der Erkrankung keine Schübe. Bei ihnen beginnt die Erkrankung bereits mit einer schleichenden Zunahme neurologischer Symptome. Dies wird als primär progredienter Verlauf bezeichnet. Es findet sich dann häufig eine über Jahre zunehmende spastische Gangstörung, seltener auch ein progredientes zerebelläres Syndrom (Thompson et al. 2000). Bei dieser Verlaufsform zeigen sich deutlich weniger entzündliche Veränderungen in der kranialen MRT.
    Bei etwa einem Drittel der Patienten führt die MS zu vorzeitiger Berentung (Flachenecker et al. 2005). Unter Berücksichtigung auch der indirekten Kosten (Produktivitätsverlust durch Arbeitsunfähigkeitszeiten oder vorzeitige Berentung) betragen die jährlichen volkswirtschaftlichen Krankheitskosten bundesweit insgesamt 4 Milliarden Euro, pro Patient durchschnittlich ca. 3 Tausend Euro. Hierbei ist zu berücksichtigen, dass sich ein fast exponentieller Anstieg der Kosten mit zunehmender Behinderung ergibt (Kobelt et al. 2006). In den letzten Jahren ist der Anteil der Medikamentenkosten deutlich gestiegen.

  5. Epidemiologie
  6. Weltweit sind ca. 2 Millionen Menschen betroffen, in Deutschland wird die Zahl der Erkrankten auf mindestens 120000 geschätzt (Heim u. Hopfenmüller 2000). Die jährliche Inzidenz liegt bei ca. 3,5-5 pro 100000 Einwohner und steigt nach Daten aus skandinavischen Landesregistern an, mit einer bemerkenswerten Zunahme des Anteils an erkrankten Frauen. Frauen sind bei der schubförmig verlaufenden MS 2-3x häufiger betroffen als Männer. Der Erkrankungsgipfel liegt um das 30. Lebensjahr, wobei die MS immer häufiger auch bereits bei Kindern und Jugendlichen diagnostiziert wird (Banwell et al. 2007). Noch immer beträgt die durchschnittliche Zeit vom Erstsymptom bis zur Diagnosestellung 3,4 Jahre (Flachenecker et al. 2007). Es gibt gut dokumentierte Einzelfälle von MS, die sich erstmals in der ersten, aber auch solche, die sich in der siebten Lebensdekade manifestiert haben.
    Bei der primär progredienten MS sind Männer etwa gleich häufig betroffen wie Frauen; diese Verlaufsform beginnt typischerweise in der vierten oder fünften Lebensdekade. Die MS tritt vorwiegend in den gemäßigten Breiten nördlich und südlich des Äquators auf und dort finden sich die höchsten Prävalenzzahlen bei der Bevölkerung kaukasischen Ursprungs (Ebers u. Sadovnick 1994). Strategien zur Primärprävention sind nicht bekannt.

  7. Diagnostik
  8. Die klassische Diagnose einer MS stützt sich auf die Anamnese (Hinweise für bereits früher stattgehabte neurologische Ereignisse mit Schubcharakter), die Objektivierung klinisch neurologischer Ausfälle, die eine zentralnervöse Störung anzeigen, sowie den klinischen oder paraklinischen Nachweis einer zeitlichen und örtlichen Dissemination bei Ausschluss anderer Ursachen. Für die richtige Einordnung der klinischen Präsentation ist die Definition eines Schubes zu beachten:

    Definition eines Schubes:
    Neue Symptome oder eine Reaktivierung bereits zuvor aufgetretener klinischer Ausfälle und Symptome, die subjektiv berichtet oder durch die Untersuchung objektiviert werden können und
    • mindestens 24 Stunden anhalten,
    • mit einem Zeitintervall von ≥ 30 Tagen zum Beginn vorausgegangener Schübe auftreten und
    • nicht durch Änderungen der Körpertemperatur (Uhthoff-Phänomen) oder im Rahmen von Infektionen erklärbar sind.
    Einzelne, kurz dauernde paroxysmale Episoden (wie z. B. tonische Spasmen, Trigeminusneuralgie) werden definitionsgemäß nicht als Schub eingeordnet. Multiple Episoden dieser Art mit einer Dauer von mehr als 24 Stunden können jedoch Ausdruck von Entzündungsaktivität sein und als Schub angesehen werden.

    Die genaue Beachtung dieser Definition ist wichtig, da die Anzahl der Schübe innerhalb eines festgelegten Zeitraumes entscheidend für die Indikation einer verlaufsmodifizierenden Behandlung ist und auch bei der Beurteilung des Therapieeffektes Berücksichtigung findet (siehe Therapie).
    Nach neuen, international anerkannten Kriterien (Mc Donald et al. 2001, Polman et al. 2005) kann die Diagnose einer Multiplen Sklerose bereits dann gestellt werden, wenn nach einem ersten Krankheitsschub mit klinisch nachweisbaren Auffälligkeiten in mindestens einem Funktionssystem sich im Liquor MS-typische Veränderungen (intrathekale IgG-Synthese) zeigen und sich zwei oder mehr charakteristische Läsionen in der initialen MRT finden. Das darüber hinaus erforderliche Kriterium der zeitlichen Dissemination ist dann erfüllt, wenn 1. eine neue Kontrastmittel aufnehmende Läsion mindestens 3 Monate später in einer erneuten Bildgebung gefunden werden kann oder 2. mindestens eine neue T2-Läsion in einem MRT 30 Tage nach Auftreten der ersten klinischen Beschwerden angefertigten Referenzbild zur Darstellung kommt (Tab. 1).

    Tabelle 1: Diagnosekriterien der MS (nach McDonald et al. 2001, Polmann 2005)

    Klinische Präsentation (Schübe) Objektivierbare klinische Läsion Weitere erforderliche Kriterien
    2 oder mehr 2 oder mehr
    • keine; klinische Evidenz ausreichend (zusätzliche Evidenz wünschenswert, muss dann mit MS vereinbar sein)
    2 oder mehr 1
    • räumliche Dissemination im MRT1
    • oder positiver Liquorbefund2 und 2 oder mehr MS-typische Läsionen im MRT
    • oder weiterer klinischer Schub
    1 2 oder mehr
    • zeitliche Dissemination im MRT3
    • oder zweiter klinischer Schub
    1 (monosymptomatische Präsentation) 1
    • räumliche Dissemination im MRT1
    • oder 2 oder mehr MS-typische Läsionen im MRT mit positivem Liquorbefund2
      UND
    • zeitliche Dissemination im MRT3 oder zweiter klinischer Schub
    0 (primär progredienter Verlauf)
    (Thompson et al. 2000)
    1
    • kontinuierliche Krankheitsprogression und zwei der Folgenden über 1 Jahr (retrospektiv oder prospektiv)
      UND
    • räumliche Dissemination im MRT1
    • ≥ 9 T2-Läsionen im Gehirn, oder positive VEPs4 + 4-8 zerebrale MRT-Läsionen
    • ≥ 2 Läsionen im Rückenmark (RM)
    • positiver Liquorbefund2
    1 Die Demonstration einer räumlichen Dissemination muss die entsprechenden Kriterien nach Barkhof (1997) und Tintoré (2000) erfüllen.
    2 Ein positiver Liquorbefund liegt beim Nachweis oligoklonaler Banden bzw. eines erhöhten Liquor-IgG-Index vor.
    3 MRT-Kriterien für eine zeitliche Dissemination: Kontrastmittel aufnehmende Läsion ≥ 3 Monate nach klinischem Schub an anderer Lokalisation als vorangegangener Schub oder neue Kontrastmittel aufnehmende oder T2w-hyperintense Läsion in einem zweiten MRT im Abstand von mind. 31 Tagen.
    4 Pathologische visuell evozierte Potenziale, die typisch für die MS sind (Latenzverzögerung bei gut erhaltener Konfiguration).

    Die frühe Diagnosestellung ist auch für die rechtzeitige Einleitung einer immunmodulatorischen Therapie von Bedeutung (Rovaris et al. 2006). In gleichem Maße gewinnt die sichere differenzialdiagnostische Abgrenzung gegenüber ähnlichen Krankheitsbildern wie Kollagenosen, Borreliose, Sarkoidose, zerebrovaskulären oder metabolischen Erkrankungen zunehmend an Bedeutung. In den neuen Diagnosekriterien wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass die vorliegenden neurologischen Symptome durch "nichts besser als durch das Vorliegen einer MS" erklärt werden können (Mc Donald et al. 2001, Polman et al. 2005).
    Eine hohe Entzündungsaktivität mit mehreren Schüben in der Frühphase der Erkrankung, bzw. zahlreiche Herde in der T2-gewichteten MRT (Brex et al. 2002) sowie ein polysymptomatischer Beginn mit früher Beteiligung pyramidaler oder zerebellärer Funktionssysteme und anhaltenden Defiziten (Weinshenker et al. 1989) sind signifikant häufiger mit einem prognostisch ungünstigen spontanen Krankheitsverlauf assoziiert (⇑⇑). Ebenso konnte gezeigt werden, dass pathologische SEP und MEP in der Frühphase der Erkrankung (Kallmann et al 2006) sowie eine intrathekale IgM-Produktion (Villar et al. 2002) mit einem höheren Risiko der frühen Krankheitsprogression verbunden sind (Tab. 2). Eine prognostische Bedeutung von Antikörpern gegen Bestandteile des zentralen Myelins (z. B. gegen Myelin-basisches Protein [MBP] und Myelin-Oligodendrozyten-Glykoprotein [MOG]) wurde zunächst in einer Studie berichtet (Berger et al. 2003), konnte aber bei weiteren Untersuchungen nicht bestätigt werden (Kuhle et al. 2007).

    Tabelle 2: Faktoren, die den Krankheitsverlauf beeinflussen

    Prognostisch eher günstige Faktoren Prognostisch eher ungünstige Faktoren
    Monosymptomatischer Beginn Polysymptomatischer Beginn
    Nur sensible Symptome Früh motorische und zerebelläre Symptome
    Kurze Dauer der Schübe Lang dauernde Schübe
    Gute Rückbildung der Schübe Schlechte Rückbildung der Schübe
    Erhaltene Gehfähigkeit Initial zahlreiche Läsionen in der MRT
    Erkrankungsbeginn vor dem 35. Lebensjahr Früh pathologische SEP und MEP
    Keine intrathekale IgG-Produktion Intrathekale IgM-Produktion

    4.1 Untersuchungen bei Verdacht auf Multiple Sklerose

  9. Therapie
  10. In Ermangelung einer kurativen Therapie sind die gegenwärtigen Hauptziele der Behandlung:
    1. die möglichst vollständige Rückbildung schubassoziierter Symptome,
    2. die Vorbeugung weiterer Krankheitsschübe,
    3. die Unterbindung bzw. Verlangsamung der Entwicklung dauerhafter neurologischer Defizite (Krankheitsprogression) und
    4. bei eingetretenen dauerhaften Ausfällen eine Stabilisierung der funktionellen Einschränkung auf möglichst niedriger Beeinträchtigungsstufe.
    Daher zielen sämtliche gegenwärtig eingesetzten Therapien in erster Linie auf eine Reduktion der entzündlichen Krankheitsaktivität ab. Darüber hinaus spielt eine stadiengerechte optimale Behandlung von krankheitsassoziierten Symptomen (inkl. Rehabilitation und Hilfsmittelversorgung) eine sehr wichtige Rolle. Im Einzelnen sollen daher die Schubtherapie, die verlaufsmodifizierende Therapie und die symptomatische Behandlung dargelegt werden.

    5.1 Schubtherapie

    5.2 Verlaufsmodifizierende Therapie der schubförmigen MS

    5.3 Symptomatische Therapien

  11. Versorgungsstrukturen in der Betreuung von MS-Patienten
  12. Für Patienten mit MS besteht im Verlauf der Erkrankung besonders in den Phasen der Diagnosestellung, Krankheitsverarbeitung, bei akuten Schüben, Einleitung immunmodulatorischer Therapiemaßnahmen, bei funktionell beeinträchtigenden Symptomen oder zunehmender Behinderung ein erhöhter, sektorübergreifender Betreuungsaufwand. Hierbei sind oft mehrere Fachdisziplinen (Neurologe, Nervenarzt, Hausarzt, Urologe, Augenarzt), aber auch Krankengymnasten, Ergotherapeuten, Logopäden, Psychologen, Neuropsychologen, Sozialarbeiter und Pflegekräfte involviert. Der zeit- und situationsgerechte Einsatz individuell abgestimmter Maßnahmen des multimodalen Betreuungsansatzes ist hierbei entscheidend sowohl für die Verbesserung der Lebensqualität des Patienten, die Optimierung der Compliance als auch einen kostensensitiven Ressourcen-Einsatz. In der jetzigen Situation mit zahlreichen interdisziplinären Schnittstellen, in vielen Bereichen noch nicht einheitlicher Dokumentation und häufig suboptimalen Kommunikationswegen liegt noch erhebliches Verbesserungspotenzial. Gerade die sich rasch entwickelnden neuen Therapiekonzepte der kostenintensiven immunmodulatorischen und symptomatischen Behandlung erfordern eine zeitnahe standardisierte Erfassung des individuellen Krankheitsverlaufes unter den Bedingungen des klinischen Alltags, um so unabhängige und vergleichbare Daten für relevante Fragestellungen zu erhalten. Um hier Abhilfe zu schaffen, sollten Patienten bereits frühzeitig nach ersten MS-verdächtigen Symptomen und bei diagnostischen Unklarheiten sowie anstehenden Therapieentscheidungen aber mindestens 1x pro Jahr in einem regionalen MS-Kompetenzzentrum (möglichst mit Beteiligung am Registerprojekt der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft, www.dmsg.de (externer Link)) vorgestellt werden.
    In einem MS-Kompetenzzentrum sollten nach Empfehlung der MSTKG folgende strukturelle Voraussetzungen gegeben sein (B):

    Die Primärbetreuung des Patienten verbleibt weiter in den Händen des behandelnden Neurologen. Nach Erstkontakt eines Patienten mit MS-verdächtigem Symptom beim Hausarzt, Augenarzt, Orthopäden, Urologen oder anderen "Indikatorfächern" sollte eine Vorstellung beim Neurologen innerhalb von 2 Wochen und die differenzialdiagnostische Abklärung innerhalb von 4 Wochen erfolgen (C).
    Im Regelfall ist eine stationäre Diagnostik inklusive Lumbalpunktion, EP und MRT anzustreben, um bereits zu diesem Zeitpunkt ausreichend Informationen über die Krankheitsaktivität zu erhalten, Aufklärungsgespräche über die Erkrankung und Therapieoptionen in Ruhe durchzuführen und gemeinsam mit dem Patienten sind Schwellenwerte für Behandlungsbeginn und -modifikation/eskalation zu vereinbaren.
    Ziel des primären stationären Aufenthaltes ist es auch, funktionell beeinträchtigende Symptome durch eine hochdosierte Kortison-Pulstherapie möglichst zu minimieren, um dem/der Patienten/in wieder eine normale Teilnahme am Arbeits- und Sozialleben zu erlauben. Aus demselben Grund kann bereits zu diesem frühen Zeitpunkt eine stationäre Rehabilitationsmaßnahme in einer bei der Betreuung von MS-Patienten erfahrenen Klinik sinnvoll sein, nicht zuletzt auch deswegen, um begleitende Hilfestellungen bei der Krankheitsverarbeitung im frühen Krankheitsverlauf zu geben (C). Bei guter Verträglichkeit der Kortisongaben können unter Beachtung der auf Seite 368 genannten Bedingungen weitere Pulstherapien bei funktionell kaum beeinträchtigenden Schüben auch ambulant erfolgen.
    Bei persistierenden Beschwerden, die einer symptomatischen Behandlung zugänglich sind, erfolgen die Indikationsstellung und Dosisanpassung der medikamentösen Behandlung durch den primär behandelnden Neurologen. Nichtmedikamentöse Therapien wie auch die Anpassung von Hilfsmitteln sollten frühzeitig zur Funktionsverbesserung und Vermeidung von Sekundärkomplikationen erfolgen. Bei Befall mehrerer Funktionssysteme ist der multidisziplinären stationären Rehabilitation der Vorzug zu geben (Kesselring u. Beer 2005) (B).
    Der Beginn und Modifikationen einer immunprophylaktischen Behandlung sollten nach Möglichkeit mit dem regionalen MS-Zentrum abgesprochen werden.
    Bei anamnestisch vermuteten und klinisch evidenten Hinweisen auf ein Therapieversagen sollte eine erneute stationäre Evaluation und ggf. die Einleitung einer Mitoxantronbehandlung in einem MS-Zentrum erfolgen.
    Durch die hausärztliche Versorgung werden für die Therapiekontrolle nötige Laboruntersuchungen gewährleistet. Darüber hinaus sollte eine adäquate Infektprophylaxe (Indikationsimpfungen, regelmäßige Urinkontrollen) beim Hausarzt durchgeführt werden (B).



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Verfahren zur Konsensbildung

Erstellungsdatum:

04/2002

Letzte Überarbeitung:

10/2008

Nächste Überprüfung geplant:

k.A.


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Stand der letzten Aktualisierung: 10/2008
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HTML-Code aktualisiert: 22.04.2009; 11:58:29