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Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften |
| AWMF-Leitlinien-Register | Nr. 030/050 | Entwicklungsstufe: | 1 |
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Klinisch beginnt die MS bei über 80 % der Patienten mit einem schubförmigen Verlauf. Häufige Frühsymptome sind Sensibilitätsstörungen, eine Gangstörung mit häufig belastungsabhängiger Schwäche der Beine und Gangunsicherheit sowie eine einseitige Optikusneuritis (Weinshenker 1998). Bei den meisten Patienten bilden sich die Symptome eines Schubes innerhalb von 6-8 Wochen zurück. Wenn neu aufgetretene Beschwerden über 6 Monate persistieren, sinkt die Rückbildungswahrscheinlichkeit auf unter 5 % (Ellison et al. 1994). Beim natürlichen Verlauf der unbehandelten Erkrankung liegt die Schubrate initial bei ca. 1,8 Schüben pro Jahr und nimmt dann in den Folgejahren kontinuierlich ab (Tremlett et al. 2008).
Neuerdings wird als Anfangsstadium der klinischen Erkrankung das sog. klinisch-isolierte Syndrom (KIS) beschrieben. Bei Auftreten einer erstmaligen klinischen Symptomatik (siehe Frühsymptome), die von der Präsentation auf ein demyelinisierendes Ereignis deutet, fehlen hier die Kriterien der zeitlichen Dissemination (Miller et al. 2004). Multifokale MR-Läsionen zu diesem Zeitpunkt zeigen ein erhöhtes Risiko für einen raschen Übergang zur MS an (Tintoré et al. 2003).
Unbehandelt kommt es bei mindestens 50% der Patienten nach 10 Jahren zu einer sekundären Progredienz, d. h. zu einer schleichenden Zunahme klinischer Symptome und neurologischer Ausfallserscheinungen, anfangs ggf. mit, später meist auch ohne zusätzliche Schübe. Definitionsgemäß wird beim chronisch progredienten Verlauf eine kontinuierliche Zunahme der Symptome und Ausfallserscheinungen über mindestens 6 Monate hinweg gefordert. Eine hohe Anzahl von Schüben innerhalb der ersten beiden Krankheitsjahre ist oft mit rascherer Progredienz verbunden (Weinshenker 1998, Lublin et al. 2003). Nur ca. 10-15% der Patienten haben im Verlauf der Erkrankung keine Schübe. Bei ihnen beginnt die Erkrankung bereits mit einer schleichenden Zunahme neurologischer Symptome. Dies wird als primär progredienter Verlauf bezeichnet. Es findet sich dann häufig eine über Jahre zunehmende spastische Gangstörung, seltener auch ein progredientes zerebelläres Syndrom (Thompson et al. 2000). Bei dieser Verlaufsform zeigen sich deutlich weniger entzündliche Veränderungen in der kranialen MRT.
Bei etwa einem Drittel der Patienten führt die MS zu vorzeitiger Berentung (Flachenecker et al. 2005). Unter Berücksichtigung auch der indirekten Kosten (Produktivitätsverlust durch Arbeitsunfähigkeitszeiten oder vorzeitige Berentung) betragen die jährlichen volkswirtschaftlichen Krankheitskosten bundesweit insgesamt 4 Milliarden Euro, pro Patient durchschnittlich ca. 3 Tausend Euro. Hierbei ist zu berücksichtigen, dass sich ein fast exponentieller Anstieg der Kosten mit zunehmender Behinderung ergibt (Kobelt et al. 2006). In den letzten Jahren ist der Anteil der Medikamentenkosten deutlich gestiegen.
| Definition eines Schubes: Neue Symptome oder eine Reaktivierung bereits zuvor aufgetretener klinischer Ausfälle und Symptome, die subjektiv berichtet oder durch die Untersuchung objektiviert werden können und
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Die genaue Beachtung dieser Definition ist wichtig, da die Anzahl der Schübe innerhalb eines festgelegten Zeitraumes entscheidend für die Indikation einer verlaufsmodifizierenden Behandlung ist und auch bei der Beurteilung des Therapieeffektes Berücksichtigung findet (siehe Therapie).
Nach neuen, international anerkannten Kriterien (Mc Donald et al. 2001, Polman et al. 2005) kann die Diagnose einer Multiplen Sklerose bereits dann gestellt werden, wenn nach einem ersten Krankheitsschub mit klinisch nachweisbaren Auffälligkeiten in mindestens einem Funktionssystem sich im Liquor MS-typische Veränderungen (intrathekale IgG-Synthese) zeigen und sich zwei oder mehr charakteristische Läsionen in der initialen MRT finden. Das darüber hinaus erforderliche Kriterium der zeitlichen Dissemination ist dann erfüllt, wenn 1. eine neue Kontrastmittel aufnehmende Läsion mindestens 3 Monate später in einer erneuten Bildgebung gefunden werden kann oder 2. mindestens eine neue T2-Läsion in einem MRT 30 Tage nach Auftreten der ersten klinischen Beschwerden angefertigten Referenzbild zur Darstellung kommt (Tab. 1).
Tabelle 1: Diagnosekriterien der MS (nach McDonald et al. 2001, Polmann 2005)
| Klinische Präsentation (Schübe) | Objektivierbare klinische Läsion | Weitere erforderliche Kriterien |
|---|---|---|
| 2 oder mehr | 2 oder mehr |
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| 2 oder mehr | 1 |
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| 1 | 2 oder mehr |
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| 1 (monosymptomatische Präsentation) | 1 |
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| 0 (primär progredienter Verlauf) (Thompson et al. 2000) | 1 |
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Die frühe Diagnosestellung ist auch für die rechtzeitige Einleitung einer immunmodulatorischen Therapie von Bedeutung (Rovaris et al. 2006). In gleichem Maße gewinnt die sichere differenzialdiagnostische Abgrenzung gegenüber ähnlichen Krankheitsbildern wie Kollagenosen, Borreliose, Sarkoidose, zerebrovaskulären oder metabolischen Erkrankungen zunehmend an Bedeutung. In den neuen Diagnosekriterien wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass die vorliegenden neurologischen Symptome durch "nichts besser als durch das Vorliegen einer MS" erklärt werden können (Mc Donald et al. 2001, Polman et al. 2005).
Eine hohe Entzündungsaktivität mit mehreren Schüben in der Frühphase der Erkrankung, bzw. zahlreiche Herde in der T2-gewichteten MRT (Brex et al. 2002) sowie ein polysymptomatischer Beginn mit früher Beteiligung pyramidaler oder zerebellärer Funktionssysteme und anhaltenden Defiziten (Weinshenker et al. 1989) sind signifikant häufiger mit einem prognostisch ungünstigen spontanen Krankheitsverlauf assoziiert (⇑⇑). Ebenso konnte gezeigt werden, dass pathologische SEP und MEP in der Frühphase der Erkrankung (Kallmann et al 2006) sowie eine intrathekale IgM-Produktion (Villar et al. 2002) mit einem höheren Risiko der frühen Krankheitsprogression verbunden sind (Tab. 2). Eine prognostische Bedeutung von Antikörpern gegen Bestandteile des zentralen Myelins (z. B. gegen Myelin-basisches Protein [MBP] und Myelin-Oligodendrozyten-Glykoprotein [MOG]) wurde zunächst in einer Studie berichtet (Berger et al. 2003), konnte aber bei weiteren Untersuchungen nicht bestätigt werden (Kuhle et al. 2007).
Tabelle 2: Faktoren, die den Krankheitsverlauf beeinflussen
| Prognostisch eher günstige Faktoren | Prognostisch eher ungünstige Faktoren |
|---|---|
| Monosymptomatischer Beginn | Polysymptomatischer Beginn |
| Nur sensible Symptome | Früh motorische und zerebelläre Symptome |
| Kurze Dauer der Schübe | Lang dauernde Schübe |
| Gute Rückbildung der Schübe | Schlechte Rückbildung der Schübe |
| Erhaltene Gehfähigkeit | Initial zahlreiche Läsionen in der MRT |
| Erkrankungsbeginn vor dem 35. Lebensjahr | Früh pathologische SEP und MEP |
| Keine intrathekale IgG-Produktion | Intrathekale IgM-Produktion |
Obligate Laboruntersuchungen in der diagnostischen Phase umfassen:
Fakultativ werden bei klinisch möglicher Differenzialdiagnose durchgeführt:
Klinisch-neurologisches Syndrom, Anamnese, Bildgebung, Liquorbefunde, Ergebnisse der evozierten Potenziale und hinsichtlich der Differenzialdiagnosen unauffällige Laboruntersuchungen sichern die Diagnose (Tab. 3).
Tabelle 3: Klinische und paraklinische Untersuchungen bei MS ohne verlaufsmodifizierende Therapie (C)
| Untersuchungsart | VD: MS | 3. Mo. | 6. Mo. | 12. Mo | ½-jährlich | 1x pro Jahr | Schub/ Progression |
|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Vorgeschichte erfragen | X | ||||||
| Symptome erfragen | X | X | X | X | X | X | |
| Neurologische Untersuchung | X | X | X | X | X | X | |
| EDSS | X | X | X | X | X | ||
| Gehstrecke1 | (X) | (X) | (X) | (X) | (X) | ||
| MSFC | X | X | X | (X) | |||
| Lumbalpunktion | X | (X) | |||||
| Laboruntersuchungen2 | X | X | X | X | |||
| Urinstatus | X | X | X | X | X | ||
| Serologie | X | ||||||
| MRT (kraniell)3 | X | X | (X) | ||||
| MRT (spinal)4 | (X) | (X) | |||||
| VEP, MEP, SEP (Beine) | X | (X) | |||||
| Aufklärung über MS und Therapieoptionen | X | X | (X) |
Bei schweren, protrahiert verlaufenden Schüben und anhaltender subklinischer Krankheitsaktivität kann von der o. g. Sequenz der einzelnen Therapieschritte abgewichen und ggf. schon frühzeitig mit einer immunsuppressiven Behandlung mit Mitoxantron (siehe unten) begonnen werden (Edan et al. 1997, Scott et al. 2004) (B). In jedem Fall sollte bei kompliziert verlaufenden Schüben das Behandlungsprozedere mit einem MS-Zentrum abgesprochen werden.
5.2.1 Rekombinante Interferon-beta-Präparate
5.2.2 Glatirameracetat (Copaxone)
5.2.3 Natalizumab
Mittlerweile sind weltweit mehr als 34000 Patienten mit dem Medikament behandelt worden. Es wurden keine weiteren Fälle einer PML beobachtet. Die Sicherheit der Monotherapie in Bezug auf mögliche JC-Virusinfektionen wird voraussichtlich in den nächsten beiden Jahren konklusiver beurteilt werden können.
Unter Natalizumab-Behandlung werden die strikte Einhaltung kontrazeptiver Maßnahmen und der Verzicht auf Stillen empfohlen.
5.2.4 Intravenöse Immunglobuline (IVIG)
5.2.5 Azathioprin (z. B. Imurek)
5.2.6 Mitoxantron
5.2.7 Empfehlungen zum Einsatz der immunmodulatorischen Therapie bei schubförmiger MS
Gemäß der vorliegenden Studienevidenz wird der Einsatz dieser Präparate in der Basistherapie der MS wie folgt beurteilt (Bassetti et al. 2006) (Abb. 1):
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Immer wieder hinterfragt wird der potenzielle Nutzen regelmäßiger Kortikosteroid-Pulstherapien nach festgelegtem Schema, wie er in einer prospektiven, randomisierten, einfach geblindeten Studie untersucht wurde. Diese Phase-II-Studie zum prophylaktischen Wert regelmäßiger Kortikosteroid-Pulstherapien erbrachte eine geringere Zunahme anhaltend hypointenser T1-Läsionen als Hinweis für strukturelle Schädigungen sowie eine signifikante Reduktion der Progressionswahrscheinlichkeit über einen Beobachtungszeitraum von 5 Jahren (Zivadinov et al. 2001) (⇑). Eine signifikante Reduktion der Schubrate oder Unterschiede bezüglich der T2-Läsionen traten nicht auf. Aufgrund der fehlenden Blindung der klinischen Untersucher müssen die Befunde zur Krankheitsprogression mit Vorsicht betrachtet werden. Die Bedeutung dieser alternativen, prophylaktischen Maßnahme wird erst im Rahmen einer prospektiven, geblindeten Phase-III-Untersuchung festgelegt werden können. Zum jetzigen Zeitpunkt können intermittierende Kortikosteroid-Pulstherapien lediglich als additive Maßnahme bei unzureichender Wirksamkeit der Monotherapie mit den oben genannten Substanzen angesehen werden (C).
Abbildung 1: Immunmodulatorische Stufentherapie der schubförmigen MS -Update 2006.
5.2.8 Beginn und Dauer der immunmodulatorischen Therapie
Vor Beginn einer immunmodulatorischen Therapie muss der Patient verständlich über die theoretischen Wirkansätze und möglichen Nebenwirkungen der Behandlung sowie realistische Therapieziele gemäß der aktuellen Produktinformation aufgeklärt und der Verlauf unter der Therapie standardisiert dokumentiert werden (Abb. 2).
Abbildung 2: Empfohlener Algorithmus zur Verlaufskontrolle unter immunmodulatorischer Therapie (mod. nach Rieckmann et al. 2004).
Bei einer sekundär progredienten MS ist der Behandlungserfolg mit einem IFN-β-Präparat wahrscheinlicher, wenn noch deutliche klinisch oder kernspintomographisch fassbare Hinweise für entzündliche Krankheitsaktivität (überdurchschnittlich rasche Behinderungsprogression, überlagerte Schübe oder Gadolinium anreichernde Herde) vorhanden sind (Hughes et al. 2003, Kappos et al. 2004) (⇑⇑). Bei Patienten mit gesicherter SPMS und nur geringer Behinderungszunahme in den letzten 2 Jahren oder fehlenden Schüben bzw. fehlender subklinischer Krankheitsaktivität in der MRT (neue T2-Läsionen oder Gadolinium aufnehmende Herde) erscheint eine Behandlung mit IFN-b wenig sinnvoll. Bei rascher Progredienz sollte nach Rücksprache mit einem MS-Zentrum die Therapie mit Mitoxantron erwogen werden. Aufgrund von negativ verlaufenen Studien von intravenösen Immunglobulinen bei SPMS (Hommes et al. 2004, Pohlau et al. 2007) kann diese Therapieoption für diese Verlaufsform der MS nicht empfohlen werden (⇓⇓).
Bei der primär progredienten Verlaufsform ist bisher keine gesicherte Immuntherapie bekannt (⇔). Studien an kleinen Patientenzahlen haben keine signifikante Reduktion der Progression durch die Behandlung mit IFN-β gezeigt. In einer Studie ließ sich ein signifikanter Effekt auf die MRT als Verlaufsparameter nachweisen. Eine große internationale multizentrische Studie mit GA (die sog. Promise-Studie) hat ebenfalls keinen signifikanten Effekt auf die Krankheitsprogression erbracht (Wolinsky et al. 2007). Ebenfalls negativ verlief eine kürzlich abgeschlossene Phase-II-Studie mit Rituximab. Somit sind derzeit beide Substanzen nicht für die Therapie der PPMS zu empfehlen (⇓⇓). Bei rascher Progredienz können ebenso wie beim sekundär progredienten Verlauf repetitive Glukokortikoid-Pulstherapien in dreimonatigem Abstand, selten auch eine Therapie mit Mitoxantron in Erwägung gezogen werden (C).
Obwohl es bisher keine kontrollierten Studien zur optimalen Dauer der Immuntherapie gibt und eine hierzu veröffentlichte Metaanalyse aufgrund methodischer Schwächen nicht allgemein anerkannt wurde (Filippini et al. 2003), ist die Fortführung der Therapie unter regelmäßiger neurologischer Kontrolle gerechtfertigt, wenn:
Bei Fehlen klarer Studiendaten zur Beendigung einer Interferontherapie bei Krankheitsstabilität erscheint als pragmatisches Vorgehen bei guter Compliance nach mindestens zweijähriger Krankheitsstabilität (keine Schübe, keine klinische Krankheitsprogression, stabile MRT) eine Unterbrechung der Therapie bei ausdrücklichem Patientenwunsch und nach eingehender Aufklärung vertretbar. Allerdings sollte dies nur unter Fortführung engmaschiger Kontrolluntersuchungen erfolgen (C).
Indikationen für eine stationäre Rehabilitationsmaßnahme sind:
Besonders wichtig ist es, nach "versteckten" Symptomen, wie Konzentrations- und Aufmerksamkeitsstörungen, Fatigue, Depression, erektiler Dysfunktion oder hartnäckiger Obstipation zu fragen, da diese eine wesentliche Beeinträchtigung der Lebensqualität darstellen können (Krupp et al. 2002). Auf der anderen Seite kann es z. B. im Rahmen einer Bakteriurie zur Verstärkung von Spastik oder Dysästhesien kommen. Daher ist eine eingehende Symptomanamnese bei jeder Konsultation unerlässlich (C).
Seit kurzem liegt eine evidenzbasierte Empfehlung der internationalen Multiple Sklerose Therapie Konsensus Gruppe (MSTKG) zur Behandlung wichtiger und häufiger Symptome vor, die eine Orientierung in der Vielzahl der publizierten Untersuchungen zur symptomatischen Therapie geben soll (Henze et al. 2006). Die wichtigsten Empfehlungen sind in Tabelle 4 zusammengefasst.
Tabelle 4: Empfehlung zur Behandlung wichtiger und häufiger Symptome (nach Henze et al. 2006)
| Symptom | Behandlung | Empfehlungsstärke | Kommentar |
|---|---|---|---|
| Spastik | Intensive Physiotherapie zur Tonusnormalisierung | B | Es liegen verschiedene Verlaufsbeobachtungen unterschiedlicher Verfahren vor. Wichtig sind ausreichende Intensität und Häufigkeit |
| Baclofen p. o. (5-120 mg/d) Tizanidin p. o.(2-24 mg/d) Gabapentin (300-2400 mg/d) | A | Individuelle Eindosierung mit dem Ziel eines Funktionsgewinns Gabapentin (Mittel der 2. Wahl) | |
| Botulinum-Toxin | A | Bei ausgeprägter Adduktorenspastik | |
| Kontinuierliche intrathekale Baclofenapplikation über Pumpe | A | Bei schwerster, anders nicht beeinflussbarer Spastik (v. a. der unteren Extremität) | |
| Intrathekale Gabe von Triamcinolon-Acetonid | B | Nur in Kliniken mit besonderer Erfahrung in der intrathekalen Applikation | |
| Fatigue | Ausschluss anderweitig behandelbarer Ursachen (z. B. Depression,Hypothyreose) | Bei gleichzeitiger Therapie mit rekombinantem IFN-β effektive Behandlung der Nebenwirkungen durch nichtsteroidale Antiphlogistika | |
| Kühlungsmaßnahmen, Energieeffizienztraining | B | Aerobe Trainingsmaßnahmen, verschiedene Kühlmethoden in kleinen Studien untersucht | |
| Amantadin p. o. (100-200 mg/d) Modafinil p. o. (200-400 mg/d) 4-Aminopyridin (10-30 mg/d) Fampridine (20-30 mg/d) | B | Modafinil, 3,4-Diaminopyridin und Fampridine sind off-label. Keine Abendmedikation3,4-Diaminopyridin: Enge therapeutische Breite | |
| Schmerzen Zunächst diagnostische Abklärung neu aufgetretener Schmerzen (indirekte Folge der MS oder MS-unabhängig) | Amitriptylin ret. (25-150 mg/d) | A | Besonders bei chronischen Par/Dysästhesien |
| Carbamazepin (1200-2400 mg/d) | A | z. B. Trigeminusneuralgie und andere schmerzhafte Paroxysmen | |
| Gabapentin (800-2400 mg/d) | B | Bei schmerzhaften Paroxysmen | |
| Blasenfunktionsstörungen | Trospiumchlorid (30-45 mg/d) Tolterodin (2-4 mg/d) Oxybutynin (5-15 mg/d) | A | Bei imperativem Harndrang nach Ausschluss eines Harnwegsinfektes und Restharn < 120 mlMiktionstagebuch führen! |
| Sterile Einmalkatheterisierung | A | Bei anhaltendem Restharn > 150 ml nach urodynamischer Untersuchung | |
| Methionin p. o. (1,5-3 g/d) | B | Ansäuerung des Urins zur Harnwegsprophylaxe. Gefahr der Hyperhomocysteinämie bei gleichzeitigem Folsäuremangel | |
| Desmopressin 20 mg nasal | B | Bei therapieresistenter Nykturie | |
| Suprapubischer Urinkatheter | C | Ultima ratio bei Versagen anderer Verfahren | |
| Sexualfunktionsstörungen (medikamentöse Ursachen?) | Sildenafil (25-100 mg/d) Vardenafil (5-20 mg/d) Tadalafil (2,5-5 mg) | A | Ausschluss einer koronaren Herzkrankheit (nicht bei Einnahme von Nitraten oder Molsidomin) |
| Tibolon (2,5 mg/d) | B | Bei Libidoverlust oder Dyspareunie | |
| Intentionstremor | Propranolol (80-320 mg/d) Primidon (62,5-250 mg/d) Carbamazepin (400-800 mg/d) Isoniazid (600-1200 mg/d) | C | Pharmakotherapie oft durch Nebenwirkungen begrenzt. Bei unzureichendem Therapieeffekt ggf. Medikamentenkombination Immer begleitende Physio- und Ergotherapie |
| Kognitive Störungen | Donepezil (10 mg/d) | A | Wirksam bei MS-assoziierten Gedächtnisstörungen (Achiron et al. 2004b) |
| Neuropsychologische Therapie | B | Auf individuelle Störungsmuster abgestimmte Verfahren, interdisziplinäre Betreuung | |
| IFN-β | B | Besserung kognitiver Leistungen konnte in mehreren Studien (tertiärer Endpunkt) gezeigt werden | |
| Depression | Fluoxetin (20-60 mg/d) Sertralin (50-200 mg/d) Imipramin (50-150 mg/d) | B | Beachtung begleitender Symptome wie Blasenstörungen, Fatigue und DysästhesienBegleitende Psychotherapie empfehlenswert |
Eine Behandlung der Spastik mit oralen Cannabinoiden kann derzeit nicht empfohlen werden, da anhand der vorliegenden Studien eine eindeutige Wirkung nicht belegt werden konnte (Zajicek et al. 2003). Die Behandlung von Okulomotorikstörungen, Dysphagie und epileptischen Anfällen wird entsprechend den allgemeinen Leitlinien zur Therapie dieser Symptome durchgeführt. Auch zu diesen Symptomen sowie zur Therapie der Dysarthrie finden sich in den Leitlinien zur symptomatischen Therapie der MS entsprechende Angaben und Empfehlungen (Henze et al. 2006).
Trotz effektiver immunmodulatorischer und symptomatischer Behandlungsverfahren sind immer noch ca. 10% der MS-Patienten schwerstbetroffen und pflegebedürftig. In dieser Phase der Erkrankung steht neben ausreichenden symptomatisch-medikamentösen Maßnahmen die multidisziplinäre Betreuung bis hin zur palliativ-medizinischen Intervention unter Berücksichtigung der tatsächlichen Bedürfnisse des Patienten ganz im Vordergrund. Bei sich abzeichnenden kognitiven Defiziten muss rechtzeitig die Möglichkeit von Willensbekundungen in Form von Patientenverfügungen und Vorsorgevollmachten in Betracht gezogen werden (C).
Die Primärbetreuung des Patienten verbleibt weiter in den Händen des behandelnden Neurologen. Nach Erstkontakt eines Patienten mit MS-verdächtigem Symptom beim Hausarzt, Augenarzt, Orthopäden, Urologen oder anderen "Indikatorfächern" sollte eine Vorstellung beim Neurologen innerhalb von 2 Wochen und die differenzialdiagnostische Abklärung innerhalb von 4 Wochen erfolgen (C).
Im Regelfall ist eine stationäre Diagnostik inklusive Lumbalpunktion, EP und MRT anzustreben, um bereits zu diesem Zeitpunkt ausreichend Informationen über die Krankheitsaktivität zu erhalten, Aufklärungsgespräche über die Erkrankung und Therapieoptionen in Ruhe durchzuführen und gemeinsam mit dem Patienten sind Schwellenwerte für Behandlungsbeginn und -modifikation/eskalation zu vereinbaren.
Ziel des primären stationären Aufenthaltes ist es auch, funktionell beeinträchtigende Symptome durch eine hochdosierte Kortison-Pulstherapie möglichst zu minimieren, um dem/der Patienten/in wieder eine normale Teilnahme am Arbeits- und Sozialleben zu erlauben. Aus demselben Grund kann bereits zu diesem frühen Zeitpunkt eine stationäre Rehabilitationsmaßnahme in einer bei der Betreuung von MS-Patienten erfahrenen Klinik sinnvoll sein, nicht zuletzt auch deswegen, um begleitende Hilfestellungen bei der Krankheitsverarbeitung im frühen Krankheitsverlauf zu geben (C). Bei guter Verträglichkeit der Kortisongaben können unter Beachtung der auf Seite 368 genannten Bedingungen weitere Pulstherapien bei funktionell kaum beeinträchtigenden Schüben auch ambulant erfolgen.
Bei persistierenden Beschwerden, die einer symptomatischen Behandlung zugänglich sind, erfolgen die Indikationsstellung und Dosisanpassung der medikamentösen Behandlung durch den primär behandelnden Neurologen. Nichtmedikamentöse Therapien wie auch die Anpassung von Hilfsmitteln sollten frühzeitig zur Funktionsverbesserung und Vermeidung von Sekundärkomplikationen erfolgen. Bei Befall mehrerer Funktionssysteme ist der multidisziplinären stationären Rehabilitation der Vorzug zu geben (Kesselring u. Beer 2005) (B).
Der Beginn und Modifikationen einer immunprophylaktischen Behandlung sollten nach Möglichkeit mit dem regionalen MS-Zentrum abgesprochen werden.
Bei anamnestisch vermuteten und klinisch evidenten Hinweisen auf ein Therapieversagen sollte eine erneute stationäre Evaluation und ggf. die Einleitung einer Mitoxantronbehandlung in einem MS-Zentrum erfolgen.
Durch die hausärztliche Versorgung werden für die Therapiekontrolle nötige Laboruntersuchungen gewährleistet. Darüber hinaus sollte eine adäquate Infektprophylaxe (Indikationsimpfungen, regelmäßige Urinkontrollen) beim Hausarzt durchgeführt werden (B).
Federführend: Prof. Dr. Ralf Gold, Neurologische Klinik, St.-Josef-Hospital, Ruhr Universität Bochum, Gudrundstraße 56, 44791 Bochum
E-Mail: ralf.gold@rub.de
Prof. Dr. Hans-Peter Hartung, Neurologische Klinik und Poliklinik, Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
E-Mail: hans-peter.hartung@uni-duesseldorf.de
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