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Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Neurologie


 AWMF-Leitlinien-Register  Nr. 030/041   Entwicklungsstufe:  1 
Zitierbare Quelle:
Leitlinien für Diagnostik und Therapie in der Neurologie; 4. überarbeitete Auflage 2008, S. 654 ff, ISBN 978-3-13-132414-6; Georg Thieme Verlag Stuttgart

Erster epileptischer Anfall und Epilepsien im Erwachsenenalter

Was gibt es Neues?

Die wichtigsten Empfehlungen auf einen Blick


  1. Definition
  2. Epileptische Anfälle sind in der Regel vorübergehende plötzliche Dysfunktionen des zentralen Nervensystems, deren Phänomenologie auf abnormen neuronalen Entladungen der Hirnrinde basiert. Es kommt dabei zu hochsynchronen und hochfrequenten pathologischen zeitlich begrenzten Entladungsfolgen topologisch variabler und unterschiedlich großer Gruppen von Nervenzellen. Die Phänomenologie variiert je nach Ursprungsort daher erheblich. Sie reicht von nur wenige Sekunden dauernden Aussetzern (Absencen) über Abläufe mit Zuckungen einer Extremität bis hin zu komplexeren Bewegungs- und Bewusstseinsphänomenen und zu klassischen tonisch-klonischen Anfällen.
    Epileptische Anfälle dauern in der Regel nicht länger als 2 Minuten. Der Patient befindet sich dabei im iktualen (iktalen) Zustand. Vielen Anfällen folgt eine Nachphase (postiktual, postiktal), die vor allem im höheren Lebensalter auch 24 Stunden und länger anhalten kann. Obwohl die Neurone dann keine exzessiven Entladungen mehr aufweisen, kommt es zu Sprachstörungen, Lähmungen, Gedächtnisstörungen, aber auch zu psychischen Störungen wie Depression oder selten zu psychotischen Episoden oder aggressiven Zuständen. Auren sind bereits Teil des Anfalls oder der Anfall selbst und bestehen aus subjektiven Phänomenen (begrenzter Anfall mit psychischen, kognitiven oder sensorischen Sensationen).
    Nach Abklingen der postiktualen Phase befindet sich der Patient bis zum nächsten Anfall im interiktualen (interiktalen) Zustand. Die Leistungsfähigkeit und das Verhalten des Patienten werden hier vorwiegend durch die Ursache der jeweiligen Epilepsie geprägt. Komorbiditäten wie Depressionen oder Angsterkrankungen sind häufig (siehe unten). Dazu kommen bei Patienten mit Temporallappenepilepsie Gedächtnisstörungen.
    Epilepsie ist ein Zustand des Gehirns, der gekennzeichnet ist durch eine andauernde Prädisposition, epileptische Anfälle zu generieren. Die Ursachen dafür sind vielfältig. Die Diagnose einer Epilepsie ist gerechtfertigt, wenn mindestens ein epileptischer Anfall aufgetreten ist und Befunde vorliegen, die auf die Prädisposition für weitere epileptische Anfälle hinweisen (Kommission der Internationalen Liga gegen Epilepsie [ILAE], Fisher et al. 2005).

  3. Ätiologie
  4. Epilepsien und die damit verbundenen Anfälle haben eine Vielzahl von Ursachen. Diese reichen von genetischen Dispositionen (z. B. Ionenkanal- oder Transmitterrezeptormutation) über verschiedene Stoffwechseldefekte, angeborene und perinatal erworbene Hirnmissbildungen/-schäden, über Entzündungs- und Traumafolgen bis hin zu Hirntumoren, vaskulären Läsionen, tuberöser Sklerose etc. Aus pragmatischen Gründen teilt man die Epilepsien differenzialätiologisch in symptomatische, idiopathische und kryptogene Epilepsien ein.
    Bei symptomatischen Epilepsien lässt sich eine identifizierbare, strukturelle Veränderung bzw. Grunderkrankung im Zentralnervensystem diagnostizieren. Mit dem zunehmenden Einsatz hochwertiger bildgebender Verfahren nimmt die Gruppe der sogenannten kryptogenen Epilepsien ab, bei denen sich mit den heutigen Untersuchungsmethoden keine Ursachen finden lassen, aber eine (fokale) Ursache im Gehirn möglich oder gar wahrscheinlich ist (von Oertzen et al. 2002).
    Idiopathische Epilepsien können fokale pathophysiologische Ursachen haben oder generalisierten Epilepsien entsprechen. Bei ihnen wird vermutet, oder es ist bereits nachgewiesen, dass genetische Veränderungen unter anderem an Ionenkanälen und Transmitterrezeptoren wesentlich zur Entstehung beitragen.

  5. Epidemiologie
  6. Die Epilepsien sind sehr häufige neurologische Erkrankungen. Zahlreiche Untersuchungen zeigen eine Prävalenz in der Bevölkerung von 0,7-0,8%. Die Neuerkrankungsrate liegt bei 46/100000 Einwohner pro Jahr, wobei etwa ein Drittel der Epilepsien erstmals jenseits des 60. Lebensjahres (mit zunehmendem Lebensalter steigend) auftreten. Ein Drittel beginnt im Kindesalter mit absteigender Wahrscheinlichkeit bis zum 18. Lebensjahr. Die Wahrscheinlichkeit, im Laufe des Lebens an einer Epilepsie zu erkranken, liegt mit zunehmender Tendenz aufgrund der epidemiologischen Altersentwicklung bei > 5%. Die Wahrscheinlichkeit eines einmaligen epileptischen Anfalls im Laufe des Lebens liegt bei > 10%. Leitlinienrelevant ist vor allem die Zunahme von Epilepsien bei alten Menschen, da diese erhebliche diagnostische und therapeutische Konsequenzen haben.

  7. Klassifikation
  8. Trotz verschiedener neuer Ansätze zur Klassifikation von Anfällen und Epilepsien hat sich aus therapiepragmatischen Gründen die Klassifikation der Internationalen Liga gegen Epilepsie von 1981 und 1989 bewährt. Hierbei wird prinzipiell zwischen lokalisationsbezogenen und generalisierten Anfällen, Epilepsien und Syndromen unterschieden.

    4.1 Klassifikation von Anfällen

    4.2 Klassifikation von Epilepsien und Epilepsiesyndromen

  9. Erster epileptischer Anfall
  10. Ein epileptischer Anfall ist zunächst eine unspezifische Reaktion des zentralen Nervensystems auf einen internen oder externen Reiz. Der erste epileptische Anfall ist oft ein dramatisches Ereignis. Beim Patienten kann er erhebliche soziale Auswirkungen haben. Da hier in der Regel die Weichen für weitreichende Konsequenzen gestellt werden, ist an dieser Stelle eine besonders sorgfältige Diagnostik indiziert, ob es sich tatsächlich um ein epileptisches Ereignis gehandelt hat. Prinzipiell muss wie folgt vorgegangen werden:
    1. Handelt es sich um einen epileptischen Anfall?
    2. Hat dieser Anfall eine primär behandlungsbedürftige Ursache?
    3. Ist der erste Anfall bereits Beginn einer Epilepsie?
    4. Lässt sich bereits der erste Anfall einem Epilepsiesyndrom zuordnen?

    Die wichtigsten 3 Differenzialdiagnosen zu einem epileptischen Ereignis sind psychogene nichtepileptische Anfälle, (konvulsive) Synkopen und, bei Anfällen aus dem Schlaf im höheren Lebensalter, REM-Schlaf-Verhaltensstörungen (Tab. 1). Da gerade beim ersten Anfall oft nur wenige Informationen über den Ablauf vorliegen, sollte durch das Abfragen charakteristischer Symptome und postiktualer Phänomene die Zuordnung erfolgen, die dann durch technische Untersuchungen weiter bestätigt oder widerlegt wird.

    Tabelle 1: Wichtige iktuale Phänome zur Differenzialdiagnose anfallsartiger Störungen

    Epileptischer Anfall
    • Augen: offen, starr, leer oder verdreht
    • Dauer: < 2 Minuten
    • Höchst unterschiedliche Anfallsphänomene (oft konstant von Anfall zu Anfall)
    • Reorientierung postiktual variabel - oft verlangsamt
    • Bei tonisch-klonischen Anfällen Muskelkater am Folgetag
    Psychogener nichtepileptischer Anfall
    • Augen: oft geschlossen ("wie schlafend", u. U. zugekniffen)
    • Dauer: oft > 2 Minuten
    • Variable Anfallsphänomene von Anfall zu Anfall
    • Häufig atonisch
    • Oft verzögerte Reorientierung mit Gedächtnislücke für das Ereignis
    (Konvulsive) Synkope
    • Augen: offen nach oben verdreht
    • Asynchrone Myoklonien und variable Abläufe
    • ft Armbeugung, Beinstreckung, rasche Reorientierung (> 1 min)
    REM-Schlaf-Verhaltensstörung
    • Augen: geschlossen
    • Zweite Nachthälfte
    • Oft jede Nacht
    • Unruhe, periodisch, mit komplexen Handlungen und Bewegungen, oft wiederholt ("an- und abschwellende" Phänomenologie)
    • Nach dem Wecken (unmittelbar) Traumerinnerung

    Eines der wichtigsten Phänomene, das auch von Laien gut wiedergeben werden kann, betrifft die Augen (Tab. 1 und Abb. 1). Finden sich bei einem Anfallsereignis (aus dem Wachen) geschlossene Augen, muss die epileptische Natur des Ereignisses über die Anamnese hinaus bewiesen werden (Video-Doppelbildaufzeichnung) (⇑⇑) (A).

    Abbildung 1: Augenstellung bei anfallsartigen Störungen: A: temporaler Anfall, B: extratemporaler Anfall, C: psychogener nichtepileptischer Anfall, D: Synkope.

  11. Diagnostik
  12. 6.1 Bildgebung

    6.2 EEG

    6.3 Laboruntersuchung

  13. Therapie
  14. Nach dem ersten Anfall kann, nach mehreren Anfällen sollte eine Therapie der Epilepsie begonnen werden, da von einer chronischen Anfallsdisposition ausgegangen werden muss (⇑⇑) (A). Das Unterlassen einer Therapie steigert das Gefährdungsrisiko. Ausnahme sind sehr seltene Anfälle < 2 pro Jahr. Hier muss der Nutzen gegen das Risiko einer Therapie auch unter Compliance-Gesichtspunkten abgewogen werden (⇑) (A).

    7.1 Pharmkologische Therapie

    7.2 Therapie bei speziellen Patientengruppen

    7.3 Operative Therapie

  15. Komorbiditäten
  16. Wie bereits oben erwähnt, sind die Depression und die generalisierte Angsterkrankung häufige Komorbiditäten bei Epilepsiepatienten (Telles-Zentano et al. 2007b). In der Arzneimittelinformation vieler Antidepressiva wird ein Hinweis auf eine erhöhte Neigung zu Anfällen gegeben, die bei antiepileptisch unbehandelten Patienten beobachtet wurden. Dies hält fälschlicherweise viele Therapeuten von dem für die Anfallssituation und in Bezug auf Interaktionen unbedenklichen Einsatz von modernen Antidepressiva, wie z. B. Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmern, bei antiepileptisch behandelten Epilepsiepatienten ab (Kühn et al. 2003) (⇔) (B).

  17. Alternative Verfahren
  18. Es gibt eine Reihe alternativer Verfahren, für die oft keine kontrollierten Studien vorliegen. Ihr Einsatz kann daher nicht Gegenstand einer Leitlinie sein. Zu den alternativen Therapieverfahren im Erwachsenenalter gehören z. B. die ketogene Diät, deren Wirksamkeit im Kindesalter auch durch Studien belegt ist (⇑) (B), die Biofeedback-Therapie und die Akupunktur. Ihre Wirkung ist studienmäßig nur eingeschränkt oder gar nicht belegt und diese Methoden können daher nicht im Rahmen der Leitlinie als Therapieverfahren generell empfohlen werden. Die Anfallsselbstkontrolle wird von Patienten sehr geschätzt. Sie sollte im Rahmen von kontrollierten prospektiven Studien evaluiert werden.

  19. Absetzen von Medikamenten bei langjähriger Anfallsfreiheit
  20. Hier sind Leitlinien außerordentlich schwierig zu erstellen. Es liegt nur eine doppelblinde, randomisierte Absetzstudie bei anfallsfreien Erwachsenen vor (Lossius et al 2008). Hiernach ist zwar das Anfallsrisiko 2,46-mal höher nach dem Absetzen als nach Weiterbehandlung, es ist aber nicht statistisch signifikant höher als nach Weiterbehandlung (95%-Konfidenzintervall: 0,85-7,08). Alle vorliegenden Studien haben keine hohe Evidenzklasse und haben einen großen Bias. Cochrane Reviews im Jahr 2001 und 2006 (Sirven et al. 2001, Ranganathan u. Ramaratman 2006) fanden keine Studie, die für Empfehlungen im Erwachsenenalter herangezogen werden kann. Es liegt auch nahe, dass eine globale Empfehlung bei den vielfältigen Ursachen der Epilepsie nur unzureichend möglich ist. Jede Empfehlung sollte daher eine individuelle sein. Da - wie bereits oben erwähnt - grundsätzlich gilt, dass Antikonvulsiva keine Antiepileptika, sondern nur Anfallsblocker sind, wird in der Regel die Ursache der Epilepsien (Ausnahme: resektive chirurgische Verfahren) nicht beseitigt. Daher wird, wenn die Ursache der Epilepsie weiter persistiert, auch nach langjähriger Anfallsfreiheit beim Absetzen der antikonvulsiven Medikation mit einem Rezidiv zu rechnen sein. Dieses kann Monate bis Jahre später eintreten und trifft den Patienten unter Umständen sehr überraschend und damit auch gefährdend. Zu diesen Ursachen gehören genetische Dispositionen (Rückfallraten über 80%) und fokale Läsionen. Selbst nach einer Entfernung des epileptischen Herdes durch ein epilepsiechirurgisches Verfahren kommt es beim systematischen Absetzen bei einem von 3 Patienten zum Wiederauftreten von epileptischen Anfällen (Schmidt et al. 2004). Nach einem epilepsiechirurgischen Eingriff sollte die Medikation daher vereinfacht und abgesenkt werden. Ein vollständiges Absetzen sollte aber ausführlich und kritisch mit dem Patienten besprochen und auf der Basis individueller Daten entschieden werden.

  21. Beratungsbedarf
  22. Die psychosozialen Probleme im Umfeld der Epilepsien beeinträchtigen die Lebensqualität der Patienten oft genauso wie die Anfälle selbst. Bei anfallsfreien Patienten können psychosoziale Probleme sogar ganz im Vordergrund stehen. Deshalb sind oft schon nach dem ersten Anfall und dann immer wieder im Verlauf der Epilepsie ausführliche Beratungen der Patienten, ihrer Angehöriger und Betreuer zu folgenden Themenkreisen erforderlich:

    Bei Problempatienten kann es sinnvoll sein, Patientenschulungen in Praxen und Kliniken neben der Einzelberatung zu realisieren. Darüber hinaus kann bei dieser Patientengruppe an eine medizinische und berufliche Rehabilitation gedacht werden, um den Behandlungserfolg zu sichern, einen angemessenen Umgang mit der Erkrankung zu erlernen und die psychischen, neuropsychologischen, beruflichen und sozialen Folgen der Erkrankung zu mildern.

    13.1 Fahrtauglichkeit

    13.2 Ausbildung und Beruf

  23. Versorgungsstrukturen in der Betreuung von Epilepsiepatienten
  24. Die Behandlungsergebnisse von Menschen mit Epilepsie liegen nach heutigem Standard unter den erreichbaren Möglichkeiten.
    Zur Verbesserung der Behandlungs- und Rehabilitationsmöglichkeiten von Epilepsiekranken, zum Abbau von Barrieren und Diskriminierungen, die die berufliche und soziale Integration behindern, und zum Aufbau einer selbstbewussten Krankheitsverarbeitung sind ein Ausbau und eine Optimierung der Betreuung und Therapie zwischen den verschiedenen Versorgungsstufen mit ihren interdisziplinären Schnittstellen erforderlich.
    Die primäre Betreuung von Epilepsiepatienten liegt in den Händen der niedergelassenen Neurologen und Nervenärzte, ggf. nach Überweisung durch den Hausarzt oder die erstversorgende Klinik nach ersten Anfällen.
    Bei diagnostischer Unsicherheit, persistierenden Anfällen, speziellen epilepsieassoziierten Problemen und erweitertem Schulungsbedarf sollte im Rahmen einer abgestuften Versorgung eine Schwerpunktpraxis für Epilepsie oder eine Epilepsieambulanz hinzugezogen werden. Bestehen auch dann noch diagnostische oder therapeutische Probleme, so sollte der Patient einem Epilepsiezentrum vorgestellt werden, ggf. zur prächirurgischen Diagnostik bei fokaler Epilepsie. Stehen schwerwiegende psychosoziale Probleme im Vordergrund, sollte die Einschaltung einer Epilepsieberatungsstelle und/oder eine Rehabilitationsbehandlung in Betracht gezogen werden.




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Verfahren zur Konsensbildung

Erstellungsdatum:

06/2002

Letzte Überarbeitung:

10/2008

Nächste Überprüfung geplant:

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Stand der letzten Aktualisierung: 10/2008
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